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Autor Reiner Knizia
Verlag Kosmos
erschienen 2008
Spielerzahl 2-4
Spieldauer 30 Minuten
Wertung red starred starred starred starred stargray stargray stargray stargray stargray star

Keltis

rezensiert von Walter Sorger

Womit übte "Mensch-ärgere-Dich-nicht" bei meiner Generation eigentlich eine solche Faszination aus, daß es mehr oder weniger das Brettspiel par excellence war? In keiner Spielesammlung durfte es fehlen. Für Groß und Klein war es ein ewiger Quell lockerer Spielfreude. Unvergeßlich bleibt für mich ein 1. Mai aus meiner Studentenzeit, wo wir zuerst zu einem stimmungsvollen Aufmarsch antraten, uns dann am sonnigen Nachmittag mit Diskussion und Unterhaltung vergnügten, und zuletzt am Abend in geschrumpfter Runde noch ein-6er "Mensch-ärgere-Dich-nicht" auflegten. Ganz unerwartet war das in seiner spielerischen Freude, Lust und Ausgelassenheit für alle Beteiligten nochmals unstreitbar der Höhepunkt des Tages.

Eine ähnliche Spielfreude erzeugt "Keltis" auf den heutigen, von den Juroren für das "Spiel des Jahres" betreuten Spielwiesen. Sie haben es allen anderen Spielen des Jahrgangs vorgezogen und zum Spiel des Jahres 2008 gekürt. Warum?

Bei "Mensch-ärgere-Dich-nicht" geht es um gut Würfeln, den guten Wurf taktisch auf die 1-4 hoffentlich einsetzbaren Spielsteine zu verteilen, und sie schneller als die Mitspieler ins Ziel bringen. Bei "Keltis" ist die Spielanlage ganz ähnlich, wobei es als Spiel der übernächsten Generation gleich mehrere Stufen fortgeschritten ist.

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Außer den Zaubersteinen gibt es auf jeder Bahn noch andere Sonderfelder, die beim Betreten Vorteile einbringen. Diese Vorteile gelten für aber alle Spieler gleichermaßen, unabhängig davon, in welcher Reihenfolge sie auf den Feldern ankommen:

Kleeblattfelder erlauben es, einen beliebigen anderen Spielstein auf dem Brett um ein Feld vorzusetzen. Selbstverständlich wird man dafür seinen Kaventsmann auswählen, wenn man ein Kleeblattfeld erreicht hat.

Siegpunktefelder bringen, wie der Name schon sagt, ganz schlicht Siegpunkte, die man sich schon zwischendurch auf seinem Konto gutschreiben lassen kann. Damit setzt die Vorfreude auf die Punkteabrechnung schon während des Spielens ein. Man muß nicht erst das Spielende abwarten, um einen Siegpunkte-Segen über sich ergießen zu lassen.

Kommen wir noch zu den Würfeln, mit denen die Spielfiguren bewegt werden. Kurz gesagt: In "Keltis" gibt es keine! Stattdessen gibt es Bewegungskarten, nach denen die Steine vorwärts gezogen werden. Zu Spielbeginn erhält jeder Spieler acht solche Bewegungskarten. Er spielt eine Karte aus, zieht den entsprechenden Stein, nutzt ggf. die Sondereigenschaft des Feldes, auf das er gezogen ist, und zieht eine neue Bewegungskarte nach. Das entspricht so ungefähr der Situation, als habe man acht Würfel auf Vorrat geworfen und kann sich dann jeweils einen aussuchen, mit dem man zieht.

Die Bewegungskarten haben unterschiedliche Zahlen und unterschiedliche Farben. Jeder Farbe gilt für genau eine der oben erwähnten Bahnen. Mit einer Bewegungskarte darf man genau ein Feld weit vorwärts ziehen, unabhängig von der Zahl, die draufsteht. Die Zahlen schränken lediglich die Freiheit ein, ob eine Karte überhaupt gespielt werden darf: Die Zahlen einer Farbe müssen nämlich in aufsteigender oder absteigender Reihenfolge gelegt werden, nicht aber gemischt auf und ab. Wer z.B. eine blaue Fünf auf eine blaue Zwei gelegt hat, gibt damit eine aufsteigende Reihenfolge vor und darf anschließend kleine blaue Karte kleiner als Fünf ausspielen.

Bei Spielbeginn muß man deshalb seine acht Bewegungskarten sorgfältig sortieren und sondieren, welche Farbe man zuerst spielen möchte. Wer hier gleich von Hand aus eine schöne Sequenz von vielen Karten einer Farbe zugeteilt bekommen hat, tut sich leicht. Wer ohne Farb-Dominanz und mit wenigen Mittelzahlen anfängt, dem fällt es da schon erheblich schwerer zu entscheiden, mit welcher Farbe er beginnen soll und ob er sein Glück aufwärts oder abwärts suchen soll.

Natürlich spielt auch die Verteilung der Sonderfelder auf den verschiedenen Bahnen eine Rolle. Hohe Siegpunktfelder sowie viele Kleeblattfelder sollten durchaus auch in die Planung einfließen. Aber eine Doktorarbeit wird noch lange nicht daraus. Und wer einfach so munter drauf los spielt, der ist sicherlich nicht schlechter dran als beim gewöhnlichen "Mensch-ärgere-Dich-nicht".

Nach einer gewissenhaften Planung am Anfang spielt man Zug um Zug seine Bewegungskarten aus und zieht neue nach. Zug um Zug wird man seine schönen, sequentiellen Karten einer Farbe los und zieht Karten nach, die unausweichlich immer schlechter und unbrauchbarer werden. Am Ende kann es passieren, daß man überhaupt keine vernünftige Karte mehr legen kann und sehnsüchtig darauf wartet, irgendwann doch noch mal eine brauchbare Karte zu ziehen. Diese Situation entspricht genau den letzten Zügen im "Mensch-ärgere.Dich-nicht", wenn man mit dem letzten Stein vor dem Loch steht und sehnsüchtig auf die Augenzahl wartet, die einem den Sieg beschert. In "Keltis" ist das aber ausgesprochenes Pech. Vielleicht hat man bis dahin auch was falsch gemacht? Rainer Knizia wird es wissen.

Eine solche Situation bedeutet dagegen zumindest eine echte (Schaden-)Freude für die Mehrheit der anderen Spieler. Sie können freudestrahlend ihre Spielsteine vorwärtsbewegen und dafür Siegpunkt auf Siegpunkt einheimsen. Man muß doch auch "jönne könne"! Gönnen wir dem lockeren leichten Spiel seinen SdJ-Erfolg und den lockeren Spielern auf den leichten Spielwiesen dieser Welt ihren Spielespaß! Mit "Keltis".

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