von Walter am 21.07.2005 (806 mal gelesen, keine Kommentare)

“7 Ages”
Moritz konnte endlich einem wohlwollenden Haufen sein liebstes Kind, “7 Ages” vorf├╝hren. Ein normaler WPG-Spielabend reicht nat├╝rlich nur f├╝r eines der 7 Ages, aber als Kostprobe und um auf den Geschmack zu kommen, sollte das sicherlich genug sein.
Als erfahrener Liebhaber und Experte konzentrierte Moritz sich und uns gleich auf die wesentlichsten Spielelemente: Wir verzichteten auf die Ereigniskarten (sie machen das Spiel zu einem unberechenbaren Chaosspiel) und beschieden uns mit der kleinen Auswahl von 673 (statt 800) verschiedener Charaktere. So waren wir nach einer guten Stunde Erkl├Ąrung mit den Regeln auch schon durch und wendeten uns mit Moritz Hilfe den ersten Spielz├╝gen zu.
Aaron war Startspieler und nach kaum 10 Minuten eifrigster Beratung von Moritz war er mit seinem ersten Zug fl├╝ssig fertig geworden. Bei G├╝nther dauerte die Hilfestellung nur noch 9 Minuten. Ich war dritter und hatte als einzige Zugm├Âglichkeit, entweder Australien zu entdecken oder mir neue Karten zu besorgen. Da ich Australien aus verschiedenen neuzeitlichen Erfahrungen zwar sehr sch├Ątze, aber nicht viel Lust hatte, mich weit vor unserer Zeitrechnung die ersten Jahrhunderte meines Daseins ganz alleine mit K├Ąnguruhs herumzuschlagen, wollte ich als ersten Zug schon auf Australien verzichten und alle meine Aktionskarten gegen ein neues Handset tauschen, um ein neues Gl├╝ck n├Ąher an der Wiege der Menschheit zu versuchen. Aber Moritz redete auf mich ein, wie ein Bauer auf seine kranke Kuh: ich sollte auf keinen Fall die Besiedelung Australiens so achtlos von mir weisen sollte. Ich vertraute auf ihn und entdeckte Australien.
├ťberhaupt Moritz: So uneigenn├╝tzig wie heute war er noch nie aufgetreten. An jeden verteilte er eindringlich und leidenschaftsvoll die besten Tips. Jedem griff er selbstlos wie ein barmherziger Samariter unter die Arme. Jeder war f├╝r ihn das geh├Ątschelte Kind, das er mit aufrichtiger Mutterliebe an beiden H├Ąnden auf dem richtigen Weg f├╝hren wollte. Schlie├člich ging es darum, sein 10-Punkte-Non-Plus-Ulta-Spiel einem gr├Â├čeren Freundeskreis zuzuf├╝hren. Keiner sollte aus Mi├čverst├Ąndnis oder aus fr├╝hzeitiger Frustration auf eine 4 Punkte-Bewertung kommen. Sogar seine eigenen aggressiven Entwicklungsm├Âglichkeiten setzte er hinten an, um eine m├Âglicherweise schlechte Notengebung zu verhindern. Vielleicht wird es doch noch mal bei uns “Spiel des Monats”.
Nat├╝rlich konnte er auch die Situation genie├čen, in einer WPG-Runde gleich vier kompetente Rollen auf einmal zu spielen. Wir waren dankbare Zuschauer seiner Spielk├╝nste und lie├čen uns von ihm gerne unsere Spielaktionen diktieren.
Aarons erster Zug dauerte ├╝brigens noch etwas l├Ąnger als 10 Minuten. Wir bemerkten rechtzeitig, da├č das von Aaron gegr├╝ndete Makedonier-Volk gleich nach seiner Entstehung zwei zus├Ątzliche Spezialz├╝ge durchf├╝hren konnte. Es war uns nicht sofort aufgefallen, da├č Aarons F├╝hrer – nicht Moritz, sondern Alexander der Gro├če – gerade die komplizierteste Figur des ganzen Spieles ist. Steht ja erst auf Seite 17 der Spielregeln erkl├Ąrt. Aber dank Moritz Hilfe war Aaron erster Zug nach weiteren 10 Minuten zur Freude und Zufriedenheit aller erg├Ąnzt und abgeschlossen.
Moritz war – ingesamt gesehen – nicht ganz so uneigenn├╝tzig, wie man es aus seiner zartschmelzenden Stimme und Beratert├Ątigkeit h├Ątte entnehmen k├Ânnen. Als wir nach 2 Stunden Spielzeit in der dritten Runde neue V├Âlker gr├╝nden durften, wu├čte er auf einmal glasklar, da├č die schwarzen Hunnen ├╝berhaupt das geilste Volk der “7 Ages” sind: 25 Dollar Erstausstattung f├╝r das Milit├Ąr und die Kontinente Asien und Europa schutzlos ausgeliefert. Eine winzige Einzelheit, die ihm in der Startphase, als jeder noch seine V├Âlker frei zusammenstellen konnte, total entfallen war. Als er sich wieder erinnerte, war er zuf├Ąllig gerade am Zug. (An die Spells ab der dritten Runde konnte er sich sp├Ąter gl├╝cklicherweise doch nicht mehr erinnern.)
Wir l├Âsten uns jedenfalls so langsam aus Moritz liebevoller Vormundschaft und planten unsere Z├╝ge selber. Soweit einem das Spiel dazu die Freiheit l├Ą├čt. “Ein guter Go-Spieler spielt immer bei sich selbst!” Diese Weisheit ist auf “7 Ages” nicht anwendbar. Das Spiel schickt uns ohne Wahl in die entlegensten Ecken der Welt. Dabei ist es auf einem fast zwei Meter gro├čen Spielbrett, f├╝r das ein einziger Ausziehtisch kaum ausreicht, gar nicht so einfach, von Sibirien aus die Indianer-V├Âlker in Feuerland zu regieren. Oder zu bek├Ąmpfen.
Ich baute die h├Ąngenden G├Ąrten ganz ungest├Ârt ├╝ber den Ayers Rock. (Damals hie├č er noch so? Heute hei├čt er hei├čt er ja schon “Uluru”. Oder hie├č er damals schon so?) Ich brachte den Steinzeitmenschen in Australien die Demokratie. Moritz errichteten die Pyramiden bei den Tamilen, Aaron baute die gro├če chinesische Mauer mitten durch den Kongo und G├╝nther erleuchtete die Azteken in Mexiko mit dem Tempel der Diana. Als uns das pl├Âtzlich irgendwie anachronistisch vorkam, verk├╝ndete Moritz: “Ich finde das ganz toll, die Geschichte neu zu schreiben!” Ja wenn man das so sieht ┬ů
Dank Aarons Beschleunigung (Handels-Aktivit├Ąten) waren wir nach ca. 3 Stunden mit dem ersten von sieben Ages durch und Aaron hatte gewonnen. Es war ein Start-Ziel-Sieg. Ich hingegen bekam eine Start-Ziel-Rote-Fahne. Weder die Polen, das Lieblingsvolk meiner ungarischen Frau, noch die Piraten (sind die nicht irgendwie verwandt, schon allein vom Alfabeth her?), und nat├╝rlich auch nicht die australischen Aborigines konnten mir zu Glanz und Gloria verhelfen. Das lag mit Sicherheit nicht an Moritz’ guten Ratschl├Ągen. Es lag einfach daran, da├č drei Stunden Spielzeit mit nur einem einzigen Age nicht ausreichen, die Ungleichgewichtigkeiten der Startaufstellung zu neutralisieren. Wenn wir uns noch weitere 24 Stunden mit dem Spiel verlustifiziert h├Ątten, und uns auch die anderen sechs Ages vorgenommen h├Ątten, dann w├Ąre alles sicherlich ganz anders verlaufen. Vielleicht.
WPG-Wertung: Aaron: 8 Punkte (reichts jetzt f├╝r S.d.M?), G├╝nther: 5 (tolerierbar f├╝r S.d.M?), Moritz: 10 Punkte (was denn sonst)), Walter: 5 Punkte ( tolerierbar! Schlie├člich ist schon allein die Farbgebung im Titel identisch wie bei “1830”!)

Feuerteufel
Ein h├╝bsches kleines Stichspiel, in dessen Geheimnisse wir noch lange nicht eingedrungen sind. Gibt man seinem linken oder seinem rechten Nachbarn die b├Âsartigere Karte? Wie spielt man mit vielen unangenehm kleinen Karten, wenn man nicht wei├č, welche noch kleineren Karten im Spiel geblieben sind? Grunds├Ątzlich so wenig wie m├Âglich eigene Stiche, damit man h├Âhere Chancen hat, die faulen Gurken noch irgendwie loszuwerden?
Es steckt viel drin, in diesem kleinen Spiel. Besonders wenn man die beigelegte Erz├Ąhlung von Stevenson gelesen hat.
WPG-Wertung: Keine neuen, nur alte, gute Wertungen


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