von Walter am 4.05.2006 (683 mal gelesen, keine Kommentare)

Lediglich die Keimzelle der Westpark-Gamers, vermehrt um Jung-Arpad, war zusammengekommen, um den Tanz in den Mai am grĂŒnen Spieltisch fortzusetzen. Mit etwas mehr Nostalgie hĂ€tten wir “Scotland Yard” auf den Tisch gelegt, ein Spiel, das uns vor bald 20 Jahren zusammengebracht hatte. Aaron und ich, wir waren beide Kollegen mit jeweils nicht-spielenden Ehefrauen und litten unter der EinschĂ€tzung, daß der Begriff “homo ludens” zwar auch Heteros umfaßte, aber augenscheinlich keine GynĂ€kas.
Damals ging es um die Wette: “Wer hat höhere Gewinnchancen, der ‘Mister X’ oder seine Gegner, wenn ein einziger Spieler alle vier Detektive fĂŒhrt.” Eine hĂŒbsche Zweikampf-Konstellation fĂŒr das Spiel des Jahres 1983. Auf wen wĂŒrdet ihr wohl setzen?
1. “Jericho”
Ein kleines Kartenspiel in der GrĂ¶ĂŸenordnung eines doppelten Skat-Spiels. Aaron hatte es gekauft, weil sein Autor, Tom Lehman, gerade erst mit “Um Krone und Kragen” positiv aufgefallen war.
Jeder Spieler hat 5 Karten auf der Hand. Eine davon spielt er jeweils aus und zieht dafĂŒr vom verdeckten Stapel eine nach. Mit seiner ausgespielten Karte kann er konstruktiv seine eigene Kartenauslage verbessern oder destruktiv die Kartenauslage der Mitspieler zerstören. Im Spiel erfolgen drei spontane Wertungen, bei denen jeweils die beste Kartenauslage (in jeder Farbe) prĂ€miert wird.
“Jericho” spielt sich besser als Mau-Mau, vor allem fĂŒr gewitzte Kinder. FĂŒr die strategischen AnsprĂŒche im Westpark ist es nicht konzipiert.
WPG-Wertung: Aaron: 5, Arpad: 5, Walter: 5.
Walter schreibt eine Rezension.
2. “Mykerinos”
Aaron hat das Spiel gekauft, weil es von Ystari-Games herausgegeben wird. Dieser junge Spiele-Verlag aus Frankreich hat mit allen seinen bisherigen Veröffentlichungen große Spiele hervorgebracht. Zuletzt hat “Caylus” mehr als ĂŒberzeugt.
In “Mykerinos” sind die Spieler ArchĂ€ologen und graben antike SchĂ€tze aus. Dazu legen sie ihre Pöppel in die Planquadrate der AusgrabungsstĂ€tten. Eigentlich geht es darum, sich Mehrheiten in den verschiedenen Spielzonen zu verschaffen. Mit den Mehrheiten gewinnt man Privilegien zum besseren Plazieren der nĂ€chsten Pöppel oder Wertungspositionen im Museum, aus denen am Ende die Siegpunkte ermittelt werden.
Das Spiel eröffnet den Spielern eine Menge Spieloptionen, und es ist nicht leicht zu erkennen, auf welcher Linie die Gewinn-Strategie liegt. Doch die verschiedenen Möglichkeiten sind auf dem Spielmaterial sehr anschaulich angezeigt und es ist kein Problem, auf Anhieb zu erkennen, was man kann und was man darf. Hier zeigt sich die gleiche gekonnte Handschrift wie bei “Caylus”.
Ähnlich wir dort ist auch die Möglichkeit jedes Spielers, in einer Runde solange zu spielen, wie seine Pöppel ausreichen, wĂ€hrend die anderen frĂŒhzeitig passen und sich dadurch Vorteile beim Tie-Break oder in der Pöppelanzahl fĂŒr die nĂ€chste Runde erwerben.
Ansonsten ist alles perfekt ausbalanciert, die vielen guten Zugoptionen sind in sich gleichwertig, kein Privilegium dominiert ĂŒber die anderen, und vorteilhafte Privilegien-Kombinationen können von jedem Mitspieler streitig gemacht werden.
Die Siegpunkte am Ende sind ein Produkt aus Privilegien mal Museumsfaktor. Aaron hatte sofort erkannt, daß hier das Museum wichtiger ist als die Privilegien, die einem frĂŒher oder spĂ€ter sowieso in den Schoß fallen. Er engagierte sich sofort im Museum und riß sich konsequent alle guten Faktoren unter den Nagel. Damit wurde er am Ende Sieger mit fast doppelt so vielen Punkten wie der Rest der Welt. Beim nĂ€chsten Mal gibt es in “Mykerinos” noch mehr Optionen, die wir scharf im Auge behalten mĂŒssen.
WPG-Wertung: Aaron: 8, Arpad: 8, Walter: 8.
Aaron schreibt eine Rezension.
3. “Bluff”
Nein, diesmal gab es kein “Bluff” zum Absacken. Wir diskutierten noch (fast) eine Stunde lang darĂŒber, welche Vorteile der Startspieler in “Mykerinos” hat. Kann sich ein Startspieler auf dem Spielbrett nicht mehr nehmbare GelĂ€ndevorteile sichern, oder kann er von den Mitspielern in eine Ecke abgedrĂ€ngt werden. Sollte der Spieler, der aufs Weiterspielen verzichtet und als erster passt in der nĂ€chsten Runde Startspieler oder Letzter werden? Wir kamen zu keiner einvernehmlichen Lösung. Ein Zeichen fĂŒr ein sehr ausgereiftes Spieldesign.


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