von Walter am 28.06.2007 (1.217 mal gelesen, keine Kommentare)

“Wir haben die Feiertage recht angenehm zugebracht, wir haben n├Ąmlich an allen Tagen gespielt und die W├╝rfelbecher nicht kalt werden lassen. Dein Bruder hat wie immer heftig gejammert, doch aufs ganze gesehen hat er nicht viel verloren, sondern nach gro├čen Anfangsverlusten das meiste wieder wettgemacht. Ich pers├Ânlich habe f├╝nftausend verloren, doch nur, weil ich beim Spiel ├╝ber alle Ma├čen gro├čz├╝gig gewesen bin. Wie fast immer, Du kennst mich ja. Denn wenn ich alle Summen, die ich gewonnen habe, auch immer eingefordert h├Ątte, oder wenn ich all das behalten h├Ątte, was ich den einzelnen Mitspielern geschenkt habe, so h├Ątte ich sogar achttausend gewonnen. Aber so ist es mir lieber. Mit meiner G├╝te werde ich mir n├Ąmlich Sch├Ątze im Himmelreich erwerben.”
Das ist kein Ausschnitt aus einem Briefwechsel von heute, das schrieb ein alter R├Âmer vor bereits mehr als zweitausend Jahren! Wer war’s?
Nur ein Ger├╝cht ist es allerdings, da├č er bei jeden Sechserpasch den Lieblingsspruch “Alea jacta est” seines weltber├╝hmten Onkel ausgerufen haben soll, und ihn so in die Top-Ten-Liste der Ausspr├╝che ber├╝hmter Personen gehievt haben soll.
1. “Euphrat und Tigris”
Gehen wir weitere dreitausend Jahre zur├╝ck, so landen wir in der Szenerie von “Euphrat und Tigris”. Hans-im-Gl├╝ck hat das Knizia-Spiel bereits 1997 herausgebracht. Es wurde sofort ein Kultspiel unter Spielefreaks und gewann ein Jahr sp├Ąter den “Deutschen Spielepreis”. Als die K├Ąuferwelle verebbt war, nahm Hans-im-Gl├╝ck das Spiel aus seinem Programm; sein Liebhaberpreis bei ebay stieg daraufhin auf astronomische H├Âhen.
Jetzt hat sich der Pegasus-Verlag erbarmt und eine neue Auflage herausgebracht. Es gelten noch die Original-Regeln. G├╝nther durfte sie zur Erinnerung vorlesen. Walter suchte und fand in jedem Satz eine Regel-Erweiterung. Aaron f├╝hrte ihm jedes Mal unerbittlich vor Augen, da├č dies nur eine Folge seiner fortschreitenden Altersdemens war. An der Basisversion hat sich kein Jota ge├Ąndert.
– Jeder Spieler erh├Ąlt vier Spielsteine f├╝r K├Ânig, Priester, H├Ąndler und Bauern seiner Dynastie.
– Jeder Spieler legt “Zivilisationspl├Ąttchen” auf das Spielbrett, um damit farbige Siegpunkt-Kl├Âtzchen zu ergattern.
– Bestimmte Pl├Ąttchenkombinationen darf ein Spieler in einen Tempel umwandeln, der dann f├╝r seinen Besitzer eine st├Ąndig sprudelnde Quelle von Siegpunkt-Kl├Âtzchen darstellt.
– Es gibt die bekannten inneren und ├Ąu├čeren Konflikte, mit denen um die Vorherrschaft an den besten Siegpunktquellen gek├Ąmpft wird.
– Jeder Spieler wird mit zwei “Katastrophen-Pl├Ąttchen” ausgestattet, mit denen er vor allem im Endkampf noch versuchen kann, seinen Mitspielern das Wasser abzugraben.
– Es gewinnt der Spieler, der in seiner schw├Ąchsten Farbe die meisten Siegpunkt ergattert hat,
Nachdem G├╝nther das 10-seitige Regelbuch vorgelesen hatte, fanden wir auf der elften Seite sogar noch eine echte Erweiterungsregel: Wer drei oder mehr Zivilisationspl├Ąttchen einer Farbe in einer Reihe gelegt hat, darf darauf ein “Zivilisationsgeb├Ąude” bauen und kassiert dann beim sp├Ąteren Legen von gleichfarbigen Pl├Ąttchen einen Siegpunkt mehr. Vielleicht dient das im Endspurt dazu, eine minderentwickelte Farbe doch noch beschleunigt auf Vordermann zu bringen.
Alles funktioniert vorz├╝glich und l├Ą├čt eine kultige Spiel-Spannung aufkommen. Hans fand in der Kampftaktik eine gewisse ├ähnlichkeit mit “Friedrich”: Wer auf einem Gebiet erkennbar schwach geworden ist, wird schnell noch das Angriffsziel der Mitspieler, solange er nicht wieder aufger├╝stet hat. F├╝r welches der beiden Spiele ist diese Gleichsetzung ein Kompliment?
Trotz der k├Ąmpferischen Szenerie war die Stimmung friedlich. Ohne Dr├Ąngelei durfte jeder ├╝ber seinem Zug gr├╝beln. Alle taten es auch ausgiebig (bis auf einen). Konflikte wurde nicht nur gerechnet, sondern auch gespielt und zuweilen sogar von den gr├Â├čten Denkern ziemlich gedankenlos vom Zaun gebrochen. In der Schlu├čphase fielen allen noch ihre l├Ąngst vergessenen Katastrophen-Pl├Ąttchen ein. Die Sieg-Anw├Ąrter bauten sie in ihr taktisches Konzept ein, die weit Abgeschlagenen erzeugten damit ein bi├čchen Chaos und demonstrierten die M├Ąchtigkeit dieses Spielelements und die Qualit├Ąt vom Gesamtdesign.
Lange k├Ąmpften Aaron und G├╝nther ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die st├Ąrkste schw├Ąchste Farbe, dann verzichtete Aaron in seinem letzten Zug ├╝berraschend auf Gegenwehr gegen einen leichten Body-Check von Hans und G├╝nther errang bei 16:16-Punkten Gleichstand ├╝ber seine Tie-Breaker-Farbe den Sieg.
WPG-Wertung: Es wurde keine neue Wertung vergeben, der bisherige WPG-Durchschnitt von 9.0 d├╝rfte wohl weiterhin bestehen bleiben.
Walter schreibt eine Rezension, besonders weil wir – o Schande – f├╝r die 1997er Ausgabe von “Euphrat und Tigris” noch keine geschrieben haben.
2. “Heckmeck am Bratwurmeck”
Als Absacker legte G├╝nther ein weiteres ein Knizia-Spiel auf den Tisch, diesmal aus dem Zoch-Verlag. Ein lustiges W├╝rfelspiel, bei dem es darum geht, die besten W├╝rfe hinzulegen und sich die h├Âchstwertigen Wurm-Pl├Ąttchen zu erw├╝rfeln. G├╝nther hat eine Ader f├╝r solche lockeren Spielchen. Und schlie├člich geh├Ârte “Heckmeck” voriges Jahr zu der Pflichtspielen bei den Vorentscheidungen zur Deutschen Brettspielmeisterschaft.
Walter durfte 5 mal seine Startspielerw├╝rfe wiederholen, weil er immer noch nicht die Regeln verstanden hatte:
– Pro Wurf mu├č mindestens eine Zahl herausgelegt werden.
– Pro Wurf darf man nur W├╝rfel einer Zahl herauslegen
– Pro Wurf mu├č man alle W├╝rfel einer Zahl herauslegen.
– Es darf keine Zahl herausgelegt werden, die bei einem vorherigen Wurf bereits herausgelegt wurde.
– Am Ende eines Wurfes mu├č mindestens ein Wurm-W├╝rfel herausgelegt worden sein, sonst ist der gesamte Wurf ung├╝ltig.
Wer mit seiner W├╝rfelsumme gut genug liegt, darf sich von der Auslage auf dem Tisch ein Pl├Ąttchen mit Siegpunkt-W├╝rmern nehmen. Da kommt Freude auf.
Wer sogar genau die Zahl eines Wurmpl├Ąttchens seiner Mitspielern gew├╝rfelt hat, darf es ihm wegnehmen und in seinen eigenen Besitz einreihen. Da kommt ebenfalls Freude auf. Aber nicht auf der anderen Seite.
Wer nichts Passendes w├╝rfelt, mu├č ein Wurmpl├Ąttchen aus seinem Besitz zur├╝ckgeben. Auch da kommt Freude auf. Diesmal aber nur bei den anderen.
“Heckmeck am Bratwurmeck” ist ein chaotisches Spielchen, bei dem man nicht verbissen auf den Sieg schauen darf, sonst ist der Frustfaktor entschieden zu hoch. Atmosph├Ąre ist alles. Wir haben viel gelacht, nicht so sehr wegen des Spiels, aber immerhin w├Ąhrend des Spiels und mit dem Spiel.
Es ist leider nicht bekannt, zu welchem W├╝rfelspiel der Kaiser Augustus den oben aufgef├╝hrten Briefausschnitt in die Weltliteratur eingehen lies. “Heckmeck am Bratwurmeck” war es sicher nicht, denn dann h├Ątte er nicht st├Ąndig “Alea jacta est” gerufen, sondern “Ein Wurm ist ein Wurm”!
Die heutige WPG-Wertung stimmt sehr gut mit den Noten von vor zwei Jahren ├╝berein:
Aaron: 5, G├╝nther: 7, Hans: 6, Walter: 6


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