von Walter am 13.03.2008 (1.735 mal gelesen, keine Kommentare)

Mensch ärgere dich!
Kindliches Spiel besteht vor allem in der Realitätsbewältigung. Kinder steigen in ihren imaginären Welten zum allmächtigen Schöpfer auf, der Spielfiguren sterben und wiederauferstehen läßt. Sie lernen, gemeinsam mit anderen fiktive Welten zu verwirklichen. Das wiederum erlaubt ihnen als Erwachsene kreativ Handlungsoptionen zu durchdringen.
F√ľr Vollj√§hrige ist es allerdings zu sp√§t, die Nevenbahnen im Gehirn noch neu zu verlegen. Wer als H√§nschen keine gro√üe Vorstellungskraft entwickelt hat, erwirbt sie als Hans wohl nimmermehr. Es ist deshalb noch unklar, welchen evolution√§ren Vorteil das spielerische Treiben im Erwachsenenalter besitzt. Steigern Scrabble und Monopoly m√∂glicherweise den Fortpflanzungserfolg?
Immerhin ist erforscht, da√ü erwachsene Affen mit k√∂rperlichen Spielen gezielt ihre Konflikte eind√§mmen. Ratten liefern sich Scheink√§mpfe, um die soziale Hackordnung zu etablieren. Beim Menschen dient die selbstgen√ľgsame Besch√§ftigung der k√∂rperlicher Ert√ľchtigung und dem sozialem Zusammenhalt, sie vertreibt Langeweile und kompensiert den Alltagsfrust. F√ľr K√ľnstler ist es gar der Motor ihres Schaffens.

Nach einem Artikel von Hubertus Breuer in der S√ľddeutschen Zeitung. Dabei k√∂nnte der letzte Satz direkt aus einem Fernseh-Report √ľber Moritz stammen.
1. “Agricola”
“Agricola” und “Sechsst√§dtebund” standen zur Auswahl: Das eine hatte Moritz, das andere G√ľnther noch nicht gespielt. In der Entscheidung K√ľnstler gegen Naturwissenschaftler setzte sich selbstverst√§ndlich der K√ľnster durch. Vielleicht gab auch der Titelgewinn als unser n√§chstes “Spiel des Monats” den Ausschlag.
G√ľnther durfte aus dem Ged√§chtnis und anhand des umfangreichen Spielmaterial die Regeln erkl√§ren. Die Spieler bilden sich fort, machen Anschaffungen, Renovierungen, erwerben Knecht, Magd und Vieh und alles was zu einer Bauerei dazugeh√∂rt. Moritz war √ľber die Komplexit√§t der Regeln vorgewarnt. Deshalb konnte er gleich erleichtert kommentieren “Eigentlich ganz einfach”! In bezug auf Agricola-Spielen hat er absolut recht, aber in bezug auf Agricola-Gewinnen absolut unrecht!
Die ganze Spielgestaltung mu√ü stimmen. Sowohl in der Schwerpunkt-Bildung bei der landwirtschaftlichen Produktion als auch in der Diversifizierung in Acker und Weiden, Gem√ľse und Getreide, Schafe und Rinder mu√ü die richtige Dosis vorhanden sein. Mir wurde zum ersten Mal der gewaltige Unterschied bewu√üt zwischen “Man plant vor sich hin” und unserem Westpark-Gamers-Motto “to have a plan”.
G√ľnther wollte die “Bettlerkarte”, die ein Spieler nehmen mu√ü, wenn er seine Familie nicht mehr ern√§hren kann, gleich als “unsinnig” aus dem Spiel nehmen, doch Walter widersprach heftig. Rosenberg hat sein Spiel so ohne Fehl und Tadel durchkonstruiert, da√ü sicherlich auch die Bettlerkarte einen Sinn haben mu√üte. Wie demonstrativ vernachl√§ssigte Walter die Nahrungsbeschaffung und handelte sich daf√ľr gleich in der ersten Ern√§hrungsphase eine Bettlerkarte ein. Die Demonstration ging schief, am Ende wurde er Letzter. Aber auch ohne Bettlerkarte h√§tte er diesen Platz eingenommen. Spricht das jetzt f√ľr oder gegen die Bettlerstrategie?
Moritz schockte seine Mitspieler mit einer kleinen Anschaffung: Er erwarb einen Forst, auf den pro Runde zwei Holz gelegt wurden, und der zus√§tzlich die Eigenschaft besa√ü: “Wer diesen Forst betritt, mu√ü an dich 2 N√§hrwerte bezahlen.” Sogleich erhob sich die Frage: Darf Moritz als Forst-Eigent√ľmer selber diesen Forst betreten? In der Spielregel ist dazu nichts beschrieben, per Abstimmung wurde Moritz dieses Recht zugestanden, doch Walter ging die Wette ein, da√ü dies falsch sei (um eine Schokolade). Rosenberg mu√ü hierzu wohl noch mal pers√∂nlich seinen Senf dazugeben. Oder steht das schon im Internet unter FAQ?
Moritz’ Forst besa√ü am Ende doch nicht die bef√ľrchtete Wunderkraft. Er bekam zwei- oder dreimal die 2 N√§hrwerte von seinen Mitspielern und strich selber auch massig Holzkl√∂tzchen ein, doch was soll ein Mann mit soviel eigenem Holz vor der H√ľtte?
Aaron machte in Steinbau und wurde Dritter. Moritz leistete sich die umfassendste Ausbildung und hatte die pr√§chtigsten Gem√ľse- und Getreide√§cker; damit wurde er Zweiter. G√ľnther ging zielstrebig auf Familienzuwachs los und hatte als einziger sein kompettes Spielfeld mit allen m√∂glichen Utensilien zugebaut. Das reichte zum Sieg. Wo Walter mit seiner Schafzucht geblieben ist, habe ich oben schon erw√§hnt.
WPG-Wertung: Moritz vergab 8 Punkte und war damit um 2 Punkte besser als der bisherige WPG-Durschnitt.
Walter hat schon eine Rezension geschrieben.
2. “Flaschenteufel”
Der Teufelsstich stand nach dem zweiten Stich auf der roten 14, da spielte Moritz die gelbe Zwei aus. Eine Verzweiflungstat, aber nicht gut genug getimed. Aaron gab die 18, G√ľnther die 22 und Walter die Eins. Ab sofort z√§hlten nur noch die hohen Karten! Aber nicht mehr f√ľr Moritz.
Walter spielte im ersten Stich die blaue Vier aus. Das war im Gegensatz zu Moritz’ Harakiri kein Nervenkitzel, egal ob er diesen Stich bekommt oder nicht. Hat der Flaschenteufel etwa etwas mit Bridge zu tun?
Keine neue WPG-Wertung f√ľr ein vorz√ľgliches Spiel.


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