von Walter am 17.07.2008 (918 mal gelesen, keine Kommentare)

Peter brachte Christoph mit, einen “hochintelligenten Ex-Siemensianer Mathematiker, zu dem ich bewundernd aufblicke”. Von Brettspielen noch unverdorben sollte er einen Eindruck in eine geile Brettspielrunde bekommen und sich beim Nach-Hause-Gehen fragen, “wie er solange ohne Brettspiele leben konnte”.
Die WPG-Löwen waren vorgewarnt; sie sollten vorsÀtzlich ihre Krallen einziehen und sich als SchmusekÀtzchen geben. Kein Problem, Löwen zerfleischen sich ja nur, wenn sie Hunger haben und allein unter sich sind.
Walter schlug zum Einstieg ein “Keltis” vor. Kurz und schmerzlos, und nach Wilhelms soeben dementierter EinschĂ€tzung gerade fĂŒr Schmuse-Runden besonders geeignet. Doch der Vorschlag wurde gnadenlos abgeschmettert. Nicht demokratisch, sondern rein Petrokratisch, und die schweigende Mehrheit gab mal wieder das ZĂŒnglein an der Waage.
DafĂŒr kamen Spiele zum Zug, die Peter extra fĂŒr heute ausgewĂ€hlt und mitgebracht hatte. BewĂ€hrte german-style Games, kurzweilig und spielerisch reizvoll.
1. “Ra”
Ein 1999 erschienenes Knizia-Spiel, das Peter nach vielen Jahren Enthaltsamkeit wieder der Brettspielerei zugefĂŒhrt haben soll. Jetzt durfte er es erklĂ€ren.
Reihum werden PlĂ€ttchen aufgedeckt und auf dem Spielplan abgelegt. Wer meint, die Gelegenheit sei gĂŒnstig, ruft sie alle zusammen zur Versteigerung auf. “GĂŒnstig” ist hier der entscheidende Begriff, darin liegt der ganze Spielreiz von “Ra”. Wenn man nicht viel zu bieten hat, löst man schon bei kleinsten Angeboten eine Versteigerung aus, in der Hoffnung, daß die dicken Fische nicht anbeißen. Wenn man potente Ersteigerungssubstanz besitzt, wartet man damit auf das große GlĂŒck.
Die ersteigerten PlÀttchen sind von verschiedenster Art und geben manigfaltige Vorteile. Es gibt kummulative Werte und selektive Werte, manchmal gibt es Strafpunkte, wenn man von einer Sorte kein einziges PlÀttchen ersteigert hat, manchmal bekommt man nur dann Siegpunkte, wenn man die meisten von einer Sorte hat. Ansonsten zÀhlen die PlÀttchen linear in ihrer Anzahl und progressiv in ihrer HÀufung.
Einige PlĂ€ttchen sind “persistent”. So erklĂ€rte es der Altphilologe dem Mathematiker, schlicht ausgedrĂŒckt, sie zĂ€hlen in jeder Wertung. Andere PlĂ€ttchen sind “volatile” oder “fugiens” – diese AusdrĂŒcke fanden wir zumindest im Latein-Lexikon. Auf deutsch: sie sind flĂŒchtig und zĂ€hlen nur fĂŒr eine einzige Wertung. Der richtige Fachausdruck wird wohl “transient” sein, doch das offenbarte erst nachtrĂ€glich die Suche bei “Wikipedia”.
Dreimal pro Spiel gibt es eine Siegpunkt-AusschĂŒttung, in der die Gesamt-Kollektion an erworbenen PlĂ€ttchen prĂ€miert wird. Wer nach der dritten AusschĂŒttung die meisten Siegpunkte auf dem Konto hat, hat gewonnen.
“Ra” ist rund und vielseitig. Die Gier nach Vorteilen und Siegpunkten geht in verschiedenste Richtungen. In einer gemischten AnfĂ€nger-Experten-Runde bietet es den Vorteil, daß alles offen ist und man jeden Zug erklĂ€ren und plausibilisieren kann, ohne damit wesentlich zum Nachteil anderer Mitspieler zu argumentieren.
Christoph kam gut mit, aber er betrachtete das Spiel doch eher mit den Augen seiner real existierenden Enkel. Da ahnt er Probleme, das Regelwerk mit den komplexen Wertungstabellen rĂŒber zu bringen. VerstĂ€ndlich, wenn man nicht selbst schon Hunderte von Spielregeln geschultert hat.
WPG-Wertung: Peter blieb bei seinen 8 Punkten, Loredana steuerte bisher nicht notierte 10 dazu, Walter erhöhte seine Note von 8 auf 9. Christoph’s “indifferenten” 5 Punkte waren außer Konkurrenz.
2. “Trans Europa”
Ein einfaches, flĂŒssiges Spiel um den Gleisbau zu ausgewĂ€hlten StĂ€dten in Europa. Christoph war begeistert: Er sieht Chancen fĂŒr eine sofortige Umsetzbarkeit bei seinen Enkeln.
Keine neue WPG-Wertung.
3. “Zoff im Zoo”
Ein weiteres Lieblingsspiel von Peter, das er erst kĂŒrzlich als Absacker-Alternative am Westpark deponiert hat. Wir suchten seine Gabe lĂ€ngere Zeit erst vergeblich unter einem unĂŒberblickbaren Haufen von Notizen und leeren GummibĂ€rchen-TĂŒten auf Walter’s Schreibtisch. Dann fand sie Loredana im Stapel der “recent” Games. (Wie sagt man hier zu “recent” auf Deutsch?)
Selbst fĂŒr einen Skatspieler wie Christoph ist das Stichprinzip bei “Zoff” immer noch eine Herausforderung. Freiwilliges Passen, Erhöhen mit bessern Werten oder mit lĂ€ngeren Werten, dazu das zyklische Stich-Potential (Fuchs sticht Maus, Elefant sticht Fuchs, Maus sticht Elefant) erfordern ein erhebliches Umdenken gegenĂŒber den braven Herz-Bube-Kreuz-Dame-Betrachtungen eines normalen französischen Kartenspiels. Ganz zu schweigen von der MĂŒcke, aus der man auch noch einen Elefanten machen kann.
Peter stellte fest: “Ein faszinierendes Spiel, weil die ZusammenhĂ€nge nicht so klar sind!”. Normalerweise gilt fĂŒr Spiele mit “to-have-a-plan”-Charakter eher das Gegenteil, doch hier hat er recht. Und zweifellos kann man “Zoff im Zoo” planen!
Keine neue WPG-Wertung fĂŒr ein Spiel, fĂŒr das Loredana die Höchstnote von 10 Punkten vergibt.
4. “Bluff”
Peter war weichgeklopft und hĂ€tte jetzt sogar auch noch ein “Keltis” geschluckt, wenn die Zeit nicht schon soweit fortgeschritten gewesen wĂ€re. Die vorletzte U-Bahn erlaubte gerade noch ein kurzes Vorstellen von “Bluff”.
Christoph hat unsere tausendfĂ€ltigen Diskussionen um Vorgaben und Endspiel, um Immer-4- und Immer-5-Strategie natĂŒrlich nicht mitbekommen, insofern kĂ€mpfte er noch mit den Prinzipien von Anzweifeln oder Erhöhen. Dazu heißt das Spiel ja “Bluff” und nicht “Calc”. Die Mechanismen mit dem roten und den gelben WĂŒrfeln, mit den Unstetigkeitsstellen an der Stern-Positionen und mit den genauen bzw. den Mindest-Anforderungen kosteten das Noagerl im Maß seiner freien KapazitĂ€t. Nachdem diesmal auch Loredana nicht das rechte Maß zwischen Glauben und Nicht-Glauben gefunden hatte, teilten sich Peter und Walter die Lorbeeren.
Keine neue WPG-Wertung fĂŒr ein Superspiel.


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