von Walter am 11.09.2008 (1.089 mal gelesen, keine Kommentare)

Eine knifflige Frage zum Spielen aber nicht zum Brettspielen: Wie lernt ein Dirigent seine Partitur auswendig? Ein Exbl√§ser und Freund meiner Frau, der selbst noch unter Furtw√§ngler gedient hat, hat dieser Tage behauptet, da√ü diese Korniferen das Einstudieren eines Orchesterwerkes √ľber das Nachspielen per Klavier machen. Das kann doch wohl nicht sein, da√ü ein Klavierauszug alle hunderttausend Stimmen eines Orchesters aufzeigt. Moritz mu√üte hier Licht ins Dunkel bringen.
Erste Aussage: Auswendig Dirigieren ist ausschlie√ülich eine Show f√ľrs Publikum. Besser wird die Auff√ľhrung dabei nicht. Ganz im Gegenteil, wenn was schiefl√§uft – und nach Moritz’ Erfahrung l√§uft fast immer was schief – dann kann der Dirigent mit der Partitur viel eher das entstehende Malheur noch entsch√§rfen. Vielleicht merken wir Laien das aber ohnehin nicht.
Zweite Aussage: Auch wenn ein Dirigent ganz souver√§n auswendig dirigiert und sichtbar viele Eins√§tze in vielen Richtungen vorgibt, so √ľbersieht er dennoch dabei einen erheblichen Teil der Eins√§tze in den verschiedenen Teilen eines Orchesters. Normale Musiker tuten auch ohne expliziten Wink ins richtige Horn.
Dritte Aussage: Barockst√ľcke, die eine konstante Motorik und eine lineare Phrasierung aufweisen, klingen ohne Dirigent oftmals besser als mit! Erst ab der komplizierten Dynamik von Beethoven und folgende sind Dirigenten erst wirklich gefragt.
Vierte Aussage: Fr√ľher war es vielleicht tats√§chlich mal √ľblich, da√ü sich ein Dirigent mit dem Klavier √ľber die Partitur- nicht √ľber den Klavierauszug – hergemacht hat und Stimme um Stimme, Einsatz um Einsatz, Akt um Akt einstudiert hat. Besonders geniale oder visuell begabte Dirigenten konnten sich ein Werk allerdings auch schon damals ohne Instrument, sondern mit den blo√üen Augen aus der Notenschrift erarbeiten.
F√ľnfte Aussage: In unserer heutigen, schnellebigen Zeit geben sich manche Dirigenten auch damit zufrieden, zum Kennenlernen ein St√ľck mehrfach auf CD anzuh√∂ren.
Christian Tielemann hat gerade bekannt, daß er Bayreuth auch deswegen so schätzt, weil man da dem Publikum nicht mit Auswendig-Dirigieren imponieren muß. Weil man den Dirigenten im tiefen Wagnergraben ohnehin nicht sieht, kann er es sich leisten, die Partitur vor sich lieben zu haben.
Warum muß ein Dirigent eigentlich durch Auswendig-Dirigieren imponieren? Es reicht doch, wenn er das Orchester beherrscht, oder?
1. “Fury of Dracula”
Ohne Widerspruch tischte Moritz einen “Klassiker” auf. Schon im letzten Jahrtausend erschienen, dann lange Zeit vergriffen, brachte es “Fury of Dracula” bei Ebay auf Preise von “Hunderten von Dollars”, bis er im Jahre 2005 von Fantasy Flight Games neu herausgebracht wurde. Das Spiel ist kooperativ. Wie bei “Scotland Yard” k√§mpfen 4 J√§ger gegen den b√∂sen schwarzen Mann, m√ľssen ihn innerhalb der gesamten Geographie von Europa suchen und finden und ihm im Zweikampf den Garaus machen.
Jeder J√§ger besitzt Spezialeigenschaften, die ihm beim T√∂ten oder beim √úberleben behilflich sind. Hans war unsere Lady, die von Haus aus bereits einmal gebissen war und beim n√§chsten Bi√ü in die Transsylvanischen Jagdgr√ľnde verschwinden mu√üte. Walter war der edle Von-Helsing, nach Moritz der “geilste Stecher” unter den J√§gern, doch ausgerechnet unser √§ltester Spieler sollte in dieser Rolle seine Kompotenz beweisen.
Trotz der europ√§ischen Szenerie ist das Spiel kein Eurogame. Die Jagd auf Dracula wird nicht durch taktisch-strategische √úberlegungen gewonnen, sondern – falls das √ľberhaupt m√∂glich sein sollte – durch Zufall und Gl√ľck. Kartenzufall und W√ľrfelgl√ľck! Dracula mu√ü nicht in regelm√§√üigen Zeitabst√§nden seine Position offenbaren, sondern nur dann, wenn die J√§ger Ereigniskarten ziehen, die ihnen erlauben, diese siegentscheidende Information abzufragen. Allerdings mu√ü Dracula in den besuchten St√§dten seine Spuren hinterlassen, so da√ü man auch durch diese zweite, weniger gl√ľcksabh√§ngige Methode seine Position absch√§tzen kann.
Im Gegenzug dazu kann Dracula Karten ziehen, die es ihm erm√∂glichen, unterzutauchen und an einem g√§nzlich unbekannten Ort irgendwo in Europa wieder aufzutauchen. Wir hatten gerade um unseren Dracula in Belgrad einen Belagerungsring gezogen, da spielte er – √§tsch – diese m√§chtige Karte auf und verkr√ľmelte sich nach Liverpool. Keiner wu√üt, wo er jetzt zu suchen war. Bis wir wieder eine Ereigniskarte zogen, aufgrund der er seine Position wieder verraten mu√üte, tippelten wir alle fu√ü- und lendenlahm durchs Land der Skipetaren.
Im gesamten Spiel fand kein einziger Kampf der J√§ger gegen Dracula statt. Entweder war Moritz – wer sonst sollte den Dracula spielen – l√§ngst √ľber alle Berge oder er teleportierte – ebenfalls per Ereigniskarte – den findigen J√§ger unverz√ľglich auf die andere Seite von Europa. Kampfesmutig hatte sich Aaron auf Dracula gest√ľrzt, der sich unweigerlich in Edinburgh aufhalten mu√üte, doch Moritz griff in seine Spellkiste und als Aaron wieder zu sich kam, befand er sich an Siziliens K√ľsten und konnte friedlich und allein dem Spiel der Wellen lauschen.
Mit den Hilfssheriffs, die Dracula in allen besuchten St√§dten zur√ľckl√§√üt, gerieten wir h√§ufiger aneinander. Dann kommt es zu Zweik√§mpfen und per W√ľrfel wird ausgew√ľrfelt, wer unterliegt und wie viele Leben er dabei verliert. Manchmal geht es auch mit Bissen und Wunden ab. Zuviele Bisse sind des J√§gers Tod. Zuviele Wunden auch. Doch jeder hat mehrere Leben und schlimmstenfalls darf man sich als neugeborene Unschuld wieder ins Get√ľmmel st√ľrzen.
Nach einer guten halten Stunde Erkl√§rung (ohne die Einzelheiten) und nach gut zwei Stunden Spielzeit waren wir durch. Fazit: Ein logisches induktives Spiel mit zufallsabh√§ngigen krassen Teleportationskarten, krassen Ereigniskarten und krassen Kampfkarten. Zum letzteren kommt dann noch der W√ľrfel hinzu.
Trotz allem war es bis zu Draculas Sieg äußerst spannend. Nicht weil die Jäger eine Chance hatten, sondern weil sie das nicht wußten. Zudem ist das Spielmaterial sehr gefällig und die Hunderte von Sondereigenschaften, Sonderkarten und Sonderbedingungen halten Aufnahmefähigkeit und Konzentration ständig in Atem.
Wie groß die Spiellust noch sein wird, wenn wir die abzählbar vielen Regeln alle begriffen und unter einen randomisierten strategischen Hut gebracht haben, das steht in den Sternen.
WPG-Wertung: Aaron: 5, G√ľnther: 5 (nicht mein Spiel), Hans: 5, Moritz: 7 (Wiederspielwert fraglich), Walter: 4 (meines auch nicht)
2. “Zug um Zug – Europa”
Kein Peter mu√üte zur vorletzten U-Bahn, so konnten wir uns eine Stunde vor Mitternacht noch ein ausgewachsenes Gro√üspiel vornehmen. “Zug um Zug”, das Spiel des Jahres von 2004, in der ein Jahr sp√§ter herausgekommenen Europaszenerie. Die Geographie des Spielbrettes erinnerte sofort an die Szenerie von Draculas Raserei, doch der Spielablauf ist nahezu diametral entgegengesetzt. Es geht taktisch zu, und z√ľgig, und planerisch, und spielerisch, und lustig, und interaktiv und konkurrierend.
Im Gegensatz zur amerikanischen Szenerie, in der das Spiel √ľber den Bau langer Strecken mit quadratisch steigenden Siegpunkten gewonnen wird, mu√ü man in Europa sein Heil in kleinen aber strategisch gut plazierten Schl√ľsselstrecken suchen. Beide Prinzipien stellen ihre eigene Herausforderung dar und haben ihren eigenen planerischen und spielerischen Reiz.
Ein verdientes Spiel des Jahres, das sowohl normalverbrauchende Familien als auch anspruchsvolle Vielspieler befriedigen kann.
Keine neue WPG-Wertung


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