von Walter am 25.06.2009 (1.333 mal gelesen, 7 Kommentare)

Heute war Walters Hochzeitstag. Er hatte dieses Jubil├Ąum bereits gestern in den Tag hineingefeiert und heute mit einem feierlichen Champagner-Abendessen abgeschlossen. Die Tischdecke bekam auch ein Gl├Ąschen ab. Die Westpark Gamers konnten ohne eheliche Gewissensbisse empfangen werden.
Aaron brachte auch einen Schaumwein mit. Damit durften wir seinen letzte Woche erfolgreich unterschriebenen Vorruhestands-Vertrag begie├čen. Zun├Ąchst mal nur in den jeweiligen Kehlen. G├╝nther steuerte ein B0027JTCN8 bei : “Leitfaden f├╝r Spieleerfinder und solche die es werden wollen.” Moritz wird Konkurrenz bekommen!
Lisi, eine junge Nachbarin, war heute auch mit von der Partie. Ihr Debut am Westpark hatte sie bereits in den neunziger Jahren des letzten Jahrtausends gegeben. Damals war sie halb so alt wie heute, aber schon durchaus ein ernsthafter Konkurrent bei unserem Patronatspiel “1830”. Ihr Lieblingsspiel praktiziert sie allerdings auf der Geige. Meisterhaft. Mit bereits vielen Debuts in allen Teilen Europas.
1. “Trans Europa”
Walter durfte erkl├Ąren. Kurz, knapp, zwingend! Einfach Spitze. Keine einzige R├╝ckfrage zu den Regeln, nicht mal von Lisi. So genial erkl├Ąrt? Oder so genial verstanden?
Wir bauen Gleise von Madrid bis Moskau und von Sankt Petersburg bis Yspahan. Jeder f├╝r sich und im Grunde doch alle gemeinsam. Sobald der erste Spieler seine f├╝nf Pflichtst├Ądte verbunden hat, ist eine Runde zu Ende. F├╝r alle Streckenabschnitte, die den Mitspielern zu ihren Pflichtst├Ądten noch fehlen, gibt es Minuspunkte. Wer nach mehreren Runden die wenigsten Minuspunkte hat, ist Sieger.
Zuerst spielten wir ohne die Expansion mit den privaten Gleisabschnitten. Sie bringt im Prinzip kein neues Element ins Spiel, sondern verlangsamt nur durch Einbau leicht-├╝berwindbarer Schikanen.
Nach drei Runden lagen wir immer noch alle dicht beieinander, und Aaron schlug vor, jetzt doch die Expansion hinzuzunehmen. Durch geeignetes Abschotten teuerer Bauabschnitte kann der am gl├╝cklichsten operierende Spieler den anderen noch ein paar zus├Ątzliche Minuspunkte aufdr├╝cken. Die Siegpunkt-Differenzen werden gr├Â├čer.
Nach wie vor ist die Frage ungekl├Ąrt, ob man besser im Zentralbereich oder in der Peripherie anf├Ąngt.
WPG-Wertung: Lisi bliebt mit 7 Punkten leicht unter dem bisherigen Durchschnitt.
2. “Dice Town”
Aaron mu├č noch eine Rezension schreiben. Da kommt jede Gelegenzeit zum ├ťben recht. Er durfte auch das Spiel erkl├Ąren, ist er doch “einer unser besten Erz├Ąhler, besonders, wenn er vorliest!”
Jeder mu├č sich mit Spezialw├╝rfeln eine optimale “Pokerkombination” zusammenw├╝rfeln. Anschlie├čend wird – im Gegensatz zu Poker – nicht das beste Ergebnis bewertet, sonder alle Bl├Ątter (W├╝rfelkombinationen) bringen ihrem Besitzer irgend etwas N├╝tzliches ein: Goldnuggets, Dollars oder Sonderkarten. Entweder bekommt man das von der Bank oder man darf es von den Mitspielern stehlen. Wie lustig! Am Ende wird die gesamte zusammengeraffte Habe in Siegpunkte umgerechnet.
Die Fitzeligkeit , d.h. die Betrugsm├Âglichkeit mit dem heimlichen W├╝rfeln und W├╝rfel-Zusammenstellen ist nach wie vor ein deutlicher Kritikpunkt. Die Freude am randomisierten Chaos verebbt schnell, leider sehr viel schneller als die Spieldauer lang ist. Wie schon beim ersten Versuch brachen wir nach ca. 1 Stunde Spieldauer ab. Es tut sich nichts Neues mehr. Gleichf├Ârmiges W├╝rfeln und den Mitspielern Sonderkarten Wegnehmen verliert am Westpark schnell seinen N├Ąhrwert.
Wir tr├Âsteten uns mit Aaron Cremant, so erfolgreich, da├č auch diesmal wieder Tisch und B├Ąnke etwas davon mitbekamen. Wie diese Substanz dabei auch in Walters Augen geriet, lie├č sich nachtr├Ąglich nicht mehr genau rekonstruieren. Wenigstens fand er dabei eine neue Wette f├╝r Thomas Gottschalks ber├╝hmte Sendung: “Wetten, da├č ich alle Schaumweine der Welt am Brennen in meinen Augen erkennen kann!”
WPG-Wertung: Lisi konnte auch mit gn├Ądigen 6 Punkten den WPG-Durchschnitt nicht ├╝ber die 5 Punkte-H├╝rde heben.
3. “Wind River”
Aaron strapazierte wieder von vorneherein die geringen Kingmaker-Kapazit├Ąten dieses tadellosen strategischen Meisterwerkes des Jahres 2009. “Ich spiele so, da├č ich m├Âglichst schnell einen Spieler eliminiere” bekannte er, als sein auff├Ąllig asymmetrisches Agieren kritisiert wurde. Wen hatte er “zuf├Ąllig” wieder als Opfer ausgesucht? Nat├╝rlich weder den heeren Strategen G├╝nther noch den attraktiven Sonnenschein Lisi. Es war Walter, der selbst an seinem Hochzeitstag seinem Schicksal nicht entgehen konnte.
Der hielt (und h├Ąlt) diese Spielweise f├╝r “bescheuert”, widerspricht sie doch dem Kantschen kategorischen Imperativ: “Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten k├Ânne.” Wenn wir in “Wind River” alle danach streben w├╝rden, m├Âglichst schnell einen Spieler zu eliminieren, geht das sehr schnell gegen den schw├Ąchsten, der gegen die vereinigte ├ťbermacht niemals eine Chance hat. Zumindest f├╝r diesen wird das Spiel dann a priori frustrierend! Auch so kann man ein Super-Spiel kaputtmachen.
Walters Menetekel: “Du hast noch keine Wind River Partie gewonnen, du wirst auch in Deinem ganzen Leben keine mehr gewinnen. Solange ich mitspiele”.
WPG-Wertung: Lisi lag mit 8 Punkten ziemlich genau im WPG-Durchschnitt
4. “Flaschenteufel”
Walter durfte wieder erkl├Ąren. Ein Kartenspiel, das auf den ersten Blick chaotisch abl├Ąuft, das in seiner inneren Struktur aber klare logische Schlu├čfolgerungen erfordert. Dann kann man auch ├╝berdurchschnittlich oft gewinnen.
Nach vier Spielen mit hohen Ums├Ątzen hatte Lisi gewonnen. Lag es an ihrer spielerischen Genialit├Ąt oder lag es auch diesmal wieder an Walters genialem Regelvortrag?
5. “Bluff”
Mit einem umwerfenden L├Ącheln auf den Lippen legte Lisi einen Riesenbluff aufs Parkett und schickte Aaron damit ins Grab: Vier W├╝rfel auf einen Streich reduzierten seine Lebensflamme auf ein sp├Ąrliches Flackern, das der n├Ąchste Windhauch g├Ąnzlich ausblies. Balsam auf Walters Wind-River-Wunden.
Keine neue WPG-Wertung f├╝r ein Super-Spiel.


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7 Reaktionen zu “24.06.2009: Spielen mit Lisi”

  1. Aaron

    Zu Wind River: ganz so bescheuert, wie Walter meine Spielweise hier darstellt, ist sie wohl nicht, denn ich bin immerhin Zweiter geworden: mit genauso vielen Tipis im Ziel wie der Sieger; nur beim Tiebreaker Nahrungsw├╝rfel hatte ich leider weniger. Wenn man jetzt noch ber├╝cksichtigt, dass Walter und dann auch Lisi auf Walters Anraten nach ihrem Ausscheiden haupts├Ąchlich damit besch├Ąftigt waren, B├╝ffel aus meinem Revier abzuziehen, halte ich das Ergebnis f├╝r geradezu sensationell.

    Wind River verzeiht keine Fehler – ob das ein Problem des Spiels ist oder der Spieler muss jeder selbst entscheiden. In den Anfangsz├╝gen KEINE Nahrung zu sammeln ist sicherlich der schwerwiegernste Fehler, den man machen kann, denn es beraubt einen im weiteren Spielverlaug massiv an Handlungsm├Âglichkeiten mangels Reserven. Dass man dann als schwaches Opfer von anderen Spielern erkannt wird und gegen einen gespielt wird, sollte nicht ├╝berraschen: es ist nun mal zu wenig Nahrung da f├╝r alle und je fr├╝her die Spielerzahl reduziert wird desto mehr Freiheitsgrade (und weniger Stress) gibt es f├╝r die anderen.

    Den kategorischen Imperativ als Maxime f├╝r das Wind River Spiel anzuf├╝hren erschliesst sich mir ├╝berhaupt nicht: hier geht es definitiv nicht darum, dass alle sch├Ân friedlich spielen und der Reihe nach ihre Tipis ins Ziel bringen bevor unweigerlich die Nahrung ausgeht. Wind River ist ein knallharter ├ťberlebenskampf und “survival of the fittest” ist hier viel zutreffender. Wind River ist kein kooperatives Spiel, bei dem sich alle freuen, wenn jeder ein Tipi ins Ziel gebracht hat bevor die B├╝ffel ausgehen!

    Ich werde weiterhin Wind River aggressiv spielen, mit tempor├Ąren Allianzen mit Gleichstarken gegen Schw├Ąchere und glaube, dass das der Weg zum Sieg ist. F├╝r die Schw├Ącheren sicherlich nicht erfreulich – aber ist das ein Problem des Spiels oder der Spieler (s.o.)?

  2. Walter

    Einspruch Euer Gnaden, lieber Aaron.
    1) Ein Spiel “grunds├Ątzlich gegen den Schw├Ąchsten” ist immer – im spielerischen Sinn, wenigstens in meinen Augen – bescheuert.
    2) Du bist nur deshalb Zweiter geworden, weil Lisi – mangels Erfahrung – nicht konsequent gegen Dich gespielt hat. Ist Dir das entgangen? Gerade die von Dir zitierte “Allianzen mit Gleichstarken (oder mit wem auch immer) gegen Schw├Ąchere” hat sie nicht wahrgenommen! Da├č der von Dir asymmetrisch rausgekickte Spieler schon aus Rache den Rest seiner Z├╝ge gegen Dich spielt, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Damit solltest Du automatisch Vorletzter werden! Totsicher! Soll das etwa eine tolle Strategie sein?
    3) Wetten, da├č Du niemals in Deinem Leben am Westpark ein “Wind River” gewinnen wirst?

  3. Walter

    Noch ein korrigierender Nachtrag zu Aarons Antwort:
    Deine Aussage. “Dass man dann [d.h. nach dem Vernachl├Ąssigen der Nahrungsreserven] als schwaches Opfer von anderen Spielern erkannt wird” stellt den gestrigen Spielverlauf auf den Kopf.
    1) Du hast bereits gegen mich gespielt, bevor ich auch nur den ersten Zug getan hatte.
    2) Obwohl Du gem├Ą├č Deiner Eliminations-Maxime st├Ąndig gegen mich gespielt hast, hatte ich kurz nach dem Einschwingen ebenfalls 8 – 9 Vorr├Ąte. Da├č es nicht 10 wurden, lag nicht an meinem Vernachl├Ąssigen, sondern an Deinem konsequenten Vernichtungskampf.

  4. Aaron

    Okay, gehen wir mal von hinten nach vorne durch Deine beiden Antworten:

    Konsequenter Vernichtungskampf: das habe ich anders in Erinnerung – bis auf eine gezielte Reduktion der B├╝ffel auf Deiner Seite des Bretts am Anfang des Spiels habe ich nur moderat gegen Dich gespielt und insbesondere das Ausbauen meiner Position nie vernachl├Ąssigt. Das Lebenslicht hat Dir ├╝brigens G├╝nther ausgeblasen…

    Wette: Dein Angebot zeigt mir, dass wir ein recht unterschiedliches Verst├Ąndnis ├╝ber Wind River haben: es ist in der Regel kein Problem daf├╝r zu sorgen, dass ein bestimmter Spieler NICHT gewinnt. Man muss nur im richtigen Augenblick gezielt gegen ihn spielen UND GLEICHZEITIG daf├╝r sorgen, dass man in dieser Phase durch ein (tempor├Ąres) B├╝ndnis selber vor Attacken der anderen Spieler gesch├╝tzt ist. Bestes Beispiel: unser Spiel gestern. Also: Dein Wettangebot kann ich nicht annehmen.

    Lisi hat nicht konsequent gegen mich gespielt: meinst Du im Ernst, dass Lisi durch konsequentes Spiel gegen mich Zweiter geworden w├Ąre? Durch Z├╝ge GEGEN einen anderen Spieler verliert man im g├╝nstigsten Fall nur Zeit, im Regelfall verliert man noch seine gute Position. Deshalb habe ich ja auch, entgegen Deiner Behauptung, nicht konsequent gegen Dich gespielt sondern in mehr als der H├Ąlfte der Z├╝ge meine eigene Position verbessert (ein Punkt, den ich beim Spiel vor 2 Wochen vernachl├Ąssigt hatte).

    Allianz der Gleichstarken: richtig, aber zu einer Allianz geh├Âren immer zwei Seiten und Lisi wurde von G├╝nther und mir bewusst nicht in unsere Allianz aufgenommen.

    Rache des Rausgekickten: ich habe Dich nicht rausgekickt sondern den ersten Stein geworfen. Dass Dich das so sehr gereizt hat, dass Du danach (noch vor dem Rauskicken) nur noch gegen mich gespielt hast, hat Dir mehr geschadet als mir, da Du ja bereits in der unterlegenen Position warst. Rache mag zwar s├╝ss sein, f├╝hrt aber aus schwacher Position bei Wind River zur sicheren Niederlage.

    Automatischer Vorletzter: verstehe ich das jetzt richtig? Wer als erstes einen aggressiven Zug macht, zieht die Rache des Betroffenen nach sich und wird dadurch selber geschw├Ącht. Konsequenterweise spielt einer der bisher nicht Beteiligten gegen diesen Aggressor. Damit wird der Aggressor Vorletzter und der Betroffene Letzter weil sie sich ja gegenseitig schw├Ąchen und auch noch von aussen geschw├Ącht werden. Also spielen wir lieber alle friedlich vor uns hin und der Gl├╝ckliche gewinnt? So funktioniert Wind River f├╝r mich nicht!

    Grunds├Ątzlich gegen den Schw├Ąchsten: ist moralisch verwerflich aber in einem Spiel um's Fressen und Gefressen werden irgendwie nicht zu vermeiden. ├ästhetisch ist das sicherlich auch nicht, aber bescheuert?

  5. Guenther

    Wind River ist und bleibt wohl ein durchaus agressives Mehrpersonen Kampfspiel. :devil Warum agressiv? Weil es keine richtige Verteidigungspositionen/z├╝ge gibt – es scheint hier wirklich zu gelten: Angriff ist die beste Verteidigung.
    Meine Position ist besser, wenn ich mehr B├╝ffel in meinem R├╝cken habe als mein Gegner – also werden im Zweifelsfall “gegnerische” B├╝ffel vorgezogen; vorzugsweise Versorgungsb├╝ffel, damit der Gegner selbst wieder gezwungen ist eigene B├╝ffel vorzuziehen …
    Als Mehrpersonenkampfspiel entscheidet es sich haupts├Ąchlich durch “wer ├Ąrgert wen”.
    Gegen Ende hat man dann oft nur noch ein Zweipersonenspiel, welches gar nicht mehr so interessant ist. Vielleicht deutet das sogar darauf hin, dass es gar nicht soviel Strategie in diesem Spiel gibt, sondern haupts├Ąchlich “Mitspielerchaos” ?

  6. Peter

    Hm, das dachte ich mir, ehrlich gesagt, auch schon. Walter und Aaron erinnern mit ein bisserl an Moritz und mich beim Risiko-Spielen: Moritz: “Ich will nur dieses eine Land.” Ich: “Iss mir schnuppe, greif es an und ich spiel nur noch gegen DICH.” Moritz greift an und empf├Ąngt die verdiente Strafe. Hans jammert, dass er ohne eigenes Zutun ├╝berlegen gewinnt, weil ich einen Kreuzzug gegen Moritz f├╝hre. Andererseits ist dieser Kreuzzug aus spielpsychologischen Gr├╝nden notwendig, sonst glaubt der Moritz, ich mein' solche Ank├╝ndigungen nicht ernst etc. p.p. Euer B├╝ffelspiel ist wohl nix f├╝r mich.

  7. Walter

    Peter, du irrst: im Gegensatz zu “Risiko”, “Vinci” und anderen V├Âlkerbefreiungsspielen ist “Wind River” auch bei kaputter Spielweise ein exzellentes Spiel, ohne Fehl und Tadel. Es macht sogar dann noch Spa├č, wenn man von dem M├Âchte-Gern-Fittest vom ersten Augenblick an zum “lebensunwerten Leben” abgestempelt wird, nach wenigen Runden nur noch aus dem letzten Loch pfeift und ein paar Runden nicht mal mehr das kann!
    Hier macht sogar – wie bei Bluff – das Zuschauen Spa├č. Dabei darf man aber selbst als Holocausierter immer noch einen B├╝ffel bewegen und sich so an der Rache des toten Mannes erfreuen!