von Walter am 16.06.2011 (601 mal gelesen, 1 Kommentar)

Im Westpark sammelten sich ungezĂ€hlte Freunde des Sternenhimmels, um bei Sekt und Kaviar das seltene Schauspiel einer totalen Mondfinsternis zu genießen. Auf der Terrasse am Westpark sammelten sich fĂŒnf Freunde vom Brettspiel, um bei Rotwein und GummibĂ€rchen den wöchentlichen Spielabend zu absolvieren.
1. “Die Nomaden”
Der Spieleautor Maximilian Thiel („Macht$piele“) hat uns mal wieder beehrt und seine „Nomaden“ mitgebracht, die vor ca. einem Jahr bei uns gut angekommen sind, von den professionellen Verlegern aber nur unflĂ€tige Kommentare geerntet haben.
Jetzt ist es an vielen Stellen nach den Vorgaben der Profis ĂŒberarbeitet worden. Es gibt noch keine gedruckte Spielregel, aber der Autor konnte sie natĂŒrlich aus dem ff mĂŒndlich darlegen. In 30 Minuten war er durch. Bei spĂ€ter nachgeschobenen Details gab es keinerlei WidersprĂŒche, schließlich spielte Maximilian ja nicht mit, so dass pro-domo Verschiebungen ausgeschlossen waren.
Jeder Spieler fĂŒhrt immer noch ein Nomadenvolk ĂŒber die Felder des Spielbretts und möchte mit ihm die siegpunkttrĂ€chtigste Entwicklung hinlegen. Wir bewegen HĂ€uptlinge, Familien, Clans und StĂ€mme, besetzen Quellen, die uns verschiedenerlei Rohstoffe liefern, besetzen MĂ€rkte, auf denen wir Rohstoffe in passende Kombinationen tauschen, besetzen Entwicklungsfelder, in denen wir unser Volk qualitativ oder quantitativ erweitern können, und besetzen Aktionsfelder, in denen wir unseren Besitzstand in Siegpunkte umwandeln können.
Prototyp von Maximilian Thiels "Die Nomaden"Eine der Herausforderungen bei den „Nomaden“ sind die schlechten Jahreszeiten, in denen es keine Nahrung gibt. Entweder laufen wir mit allen unseren Familienmitgliedern diesen Jahreszeiten davon, oder wir besorgen uns in den fetten Monaten ausreichend Getreide, um damit die mageren Monate zu ĂŒberstehen. Die stĂ€ndige Flucht vor dem Winter lĂ€ĂŸt durchaus Nomadenstimmung aufkommen.
Wer meint, seine Leute ausreichend gut positioniert zu haben, beendet die Bewegungsphase und bekommt dafĂŒr den „Schamanen“. Mit diesem Privileg kann er die ErtrĂ€ge an ausgewĂ€hlten Rohstoffquellen erhöhen bzw erniedrigen, oder er kann den Nahrungsbedarf innerhalb einer Jahreszeit modifizieren. Damit kommt ein bißchen Chaos in das ansonsten streng planbare Spiel: Wer sich gerade einen festen Zuwachs an Ziegen oder Kamelen ausgerechnet hat, muß dann bei einem miesnickelig plazierten Schamanen durch die Röhre schauen, oder der grĂ¶ĂŸere Hunger seiner Familienmitglieder frißt ihm die Siegpunkte vom Kopf.
Es gibt eine Menge zu beachten, um Rohstoffbesitz, Rohstofferwerb und Rohstoffbedarf an den ausgewĂ€hlten Konvertierungsfeldern in die richtige Konstellation gebracht zu haben. Mehr als einmal konnte man auf der Terrasse am Westpark den Seufzer hören: „Ich habe mich wieder vertan.“
Aber heute ging es ja weniger um das Gewinnen, als viel mehr um konstruktive Kritik an einem Spiel in der Entwicklungsphase. Ja, ausgereift sind die Nomaden noch nicht. HĂŒbsch ist das Thema mit dem Zwang zur Familien-Bewegung. Es dauerte aber mehr als die HĂ€lfte der geplanten Rundenzahl, bis die Rohstoffquellen wirklich sprudelten und wir in unserer Entwicklung nicht mehr von der Hand in den Mund leben mußten. Dann kam Moritz mit seinem ĂŒberlegen geplanten Spiel am besten aus den Startlöchern und entschwand mit seiner Nomaden-Familie in unerreichbare Ferne. Sollte im Spieldesign das frĂŒhzeitige Unerreichbar-Sein nicht vermieden werden?
Manche der progressivsten Spielelemente kamen ĂŒberhaupt erst in der letzten Runde und nur bei wenigen Spielern zum Zug. Daran muß noch gedreht werden. Uns fielen auch einige gute Ideen dazu ein. Angefangen von einer verbesserten Startausstattung zu Spielbeginn bis zu Nahrungs- und Bewegungshandcaps bei den bevölkerungreichsten Familien. Maximilian fuhr mit einem ganzen Rucksack voller VerbesserungsvorschlĂ€ge wieder nach Hause. Und mit einer gewissen EnttĂ€uschung ĂŒber den nicht unerheblichen Entwicklungs- und Balancierungsweg, den er noch zurĂŒcklegen muß.
Und mit einer EnttĂ€uschung ĂŒber seinen Freund Horst, der von den drei Stunden Spiel- und Diskussionszeit „total erschöpft“ war und zum ersten Mal am Westpark in der Stunde vor Mitternacht nach einer Tasse Kaffee verlangte.
Noch keine WPG-Wertung fĂŒr ein Freak-Spiel mit Potential.
2. “Bluff”
Im ersten Spiel beim ersten Wurf hatte Moritz fĂŒnf (!) Sterne unter seinem Becher. Zum ersten Male in seinem Leben; zum ersten Male in unser aller Leben. Schließlich klappt das durchschnittlich nur alle 7776 mal. Und wenn wir pro Spielabend zwei DurchgĂ€nge Bluff spielen, dauert es etwa 80 Jahre, bis so ein Wurf zustande kommt.
Sein Super-Wurf half ihm aber nichts. Er mußte dafĂŒr trotzdem einen WĂŒrfel abgeben. Und mit ihm noch drei weitere Mitspieler!
Im zweiten Spiel hob Moritz beim ersten Wurf nach den Vorgaben 7 mal FĂŒnf, 4 mal Stern, 8 mal FĂŒnf und 9 mal FĂŒnf auf 5 mal Stern. Das kostete ihn gleich alle seine fĂŒnf WĂŒrfel. Unter 25 WĂŒrfeln gab es keinen einzigen Stern. Wenn Excel richtig gerechnet hat, kommt das durchschnittlich etwa jedes 100ste mal vor. Dazu braucht man dann nur noch knapp ein Jahr wöchentliches Spielen.
Offen ist die Frage, wieviele Jahre man am Westpark „Bluff“ spielen muß, um im ersten Spiel 5 Sterne zu wĂŒrfeln und im zweiten Spiel mit der Vorgabe 5 mal Stern gleich nach Hause gehen zu mĂŒssen?
Keine neue WPG-Wertung fĂŒr ein Super-Spiel.

Eine Reaktion zu “16.06.2011: Nomaden im Westpark”

  1. Horst

    Im Nachhinein tutÂŽs mir ein bißchen leid, daß ich mich nicht gerade positiv ĂŒber das Spiel geĂ€ußert habe, und ich wollte Maximilian auch nicht auf den Schlips treten, aber ich habe einfach nach der HĂ€lfte des Spiels die Lust verloren und habe mich dann nur noch durchgeschleppt. Ich denke, an VorschlĂ€gen zu Verbesserungen hat es nicht gemangelt, und wenn er die auch umsetzen kann, hat das Spiel durchaus Potenzial.

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