von Walter am 1.09.2011 (1.841 mal gelesen, 6 Kommentare)

Wo liegen Manhattan-Bridge und Brooklyn-Bridge in einem 90┬░ Winkel nur eine halbe Elle weit auseinander? Ja, genau da!
Es gibt keine Goethestra├če und keine Schlo├čalle, statt dessen eine 5th Avenue und Ellis Eiland. Badstra├če und Turmstra├če wurden in Little Italy und Chinatown umbenannt (oder war es umgekehrt?), H├Ąuser und Hotels sind Studios und Brownstones (nach LEO sind das Sandsteinh├Ąuser, im damaligen Amerika offensichtlich etwas Gro├čes). H├╝bsche kleine Zinnfiguren, Apfel, Auto, Hot Dogs und die Freiheitsstatue darstellend, sind die P├Âppel, mit denen wir das Carree umrunden. Es geht nicht um Hunderttausende von Dollars, die kleinste St├╝ckelung hat den Nennwert von einem Dollar. Ganz sch├Ân bescheiden. (Oder ist der beherrschte Zahlenraum der heutigen Generation geschrumpft?)
ÔÇ×New YorkÔÇť hei├čt diese Ausgabe des wohl bekanntesten Brettspiels unserer Zeit. Meine Tochter sowie der spanische Schwiegerfreund haben sie in unserem Familienurlaub am Balaton auf den Tisch gelegt. Zuerst war ich peinlich ├╝berrascht, weil ich ein Geschenk bef├╝rchtete, aber dann war es doch nur ein Spielvorschlag. Und schon ging es los.
Bekannterma├čen besteht dieses reine Gl├╝cksspiel aus zwei Gl├╝cksphasen. In der ersten Phase w├╝rfelt man hoffnungsvoll um die Gr├╝ndst├╝cke, die man erwerben m├Âchte. In der zweiten Phase w├╝rfelt man ├Ąngstlich um die Gr├╝ndst├╝cke, auf denen man keine Miete bezahlen m├Âchte; dann bleibt man am liebsten im Gef├Ąngnis eingesperrt.
F├╝r ganz kluge K├Âpfe gibt es zwischen diesen Gl├╝cksphasen zuweilen f├╝r ein paar Sekunden noch eine Handelsphase, wo man die M├╝nchener Stra├če gegen den Opernplatz vertauscht und ggf. noch etwas drauflegt. Im Spielkreis meines Schwagers wird die erste, etwas langatmige Phase auf Null reduziert, in dem die vorhandenen Grundst├╝ckskarten einfach wie beim Skat verteilt werden. Immerhin geht damit kein St├╝ck Taktik oder Strategie verloren, und man spart sich fast eine ganze Stunde Einschwungzeit.
In unserem Dreierkreis hatte Antonio als erster und einziger einen kompletten Stra├čenzug erw├╝rfelt: die supergeile Parkstra├če und Schlo├čallee, sprich Central Park und Ellis Eiland. Jetzt h├Ątte er nur noch ein stumpfsinniges Dahind├╝mpeln / W├╝rfeln aussitzen m├╝ssen, um sp├Ątestens eine Stunde sp├Ąter das Feld als Monopolist zu verlassen. Doch aus Gutm├╝tigkeit, Sportsgeist oder Piet├Ąt gegen├╝ber dem Schwiegervater in spe tauschte er zwei Pink-Stra├čen gegen eine Braun-Orange-Stra├če (meine Lieblingsgrundst├╝cke, die auf den Feldern 6, 8 und 9 hinter dem Gef├Ąngnis). Das war sein Tod. Auf SabinaÔÇÖs Stra├čenstrich von Chinatown hauchte er seine letzten Dollars aus, ohne da├č jemals auch nur ein einziger Fl├╝chtling auf Ellis Eiland seinen Pa├č vorgezeigt oder im Central Park gelustwandelt h├Ątte.
Bisher noch keine einzige WPG-Wertung f├╝r das Spiel der Spiele! Aus Piet├Ąt f├╝r die Freunde von W├╝rfelspielen vergibt Walter freundliche 6 Punkte. Das Spiel hat eine vorz├╝gliche Balance. Da bei├čt die Maus keinen Faden ab. Wenn ihm hier aber einer mit strategischen Fachsimpeleien ankommt, w├╝rde er ihm sofort eine 2-3 um die Ohren knallen. Sabina: 5, Toni: 8.
Die weiteren Nostalgienoten der heutigen Westpark-Gamers: Birgit: 5 (OK, aber kein gro├čer Spielreiz), G├╝nther: 5 (f├╝r Spielstunden mit Neffen und Nichten), Horst: 5 (mal sehen, wann Sebastian daf├╝r reif ist).


Um die strategische Herausforderung zu potenzieren, spielte ich hinterher mit dem Schwiegerfreund noch einige Partien eines schriftlichen Frage- und Antwortspiels, bei dem ich die spanischen Zahlen von 1 bis 10 und das spanische Alphabet von A bis Chota vertiefen konnte, und bei dem die Antwort ÔÇ×aguaÔÇť eine Entt├Ąuschung, die Antwort ÔÇ×tocado y hundidoÔÇť aber das reinste Entz├╝cken hervorrief. Was war das?
1. “Firenze”
Abermals ein gro├čer Wurf von Pegasus. Wir sind mal wieder Bauherrn und bauen Geschlechtert├╝rme (bitte mit nichts zu verwechseln!) in einer Stadt. F├╝r jedes fertiggestellte Stockwerk gibt es Siegpunkte und Sonderpr├Ąmien; wer am Ende die besten siegpunkttr├Ąchtigen Etagen gebaut hat, ist Sieger.
Jeder Spielzug eines Spielers besteht aus 4 Phasen:

  • Aus einer Reihe von 6 offenen Aktionskarten die optimalste w├Ąhlen: Der Auswahlmechanismus ist hier ├Ąhnlich wie bei ÔÇ×Small WorldÔÇť: Die vorderste Aktionskarte kostet nichts, f├╝r jede weiter hinten liegende Aktionskarte mu├č man auf jede ├╝bersprungene Karte einen Obolus legen. So werden auch weniger attaktive Karten im Laufe der Zeit immer wertvoller, bis sich die Waage schlie├člich doch noch zu ihren Gunsten neigt.
    Der entscheidende Unterschied zwischen den verschiedenen Aktionskarten liegt allerdings weniger in ihrer Funktion (im wesentlichen Siegpunkt- oder Kosten-Modifier), sondern in der Anzahl und Farbe der Bausteine, die ihnen zugeordnet ist, und die es erlauben, an den verschiedenen Geschlechtert├╝rmen mitzubauen.
  • Steine tauschen: Im Verh├Ąltnis 3:1 kann man aktuell ├╝berfl├╝ssige Steine gegen dringend ben├Âtigte Steine umtauschen. Damit werden die Unbilden den Zufalls bei der Bausteine-Verteilung gemildert.
  • T├╝rme bauen: Aus den angesammelten Steinen kann man einen oder mehrere farbige T├╝rme errichten oder an bestehenden T├╝rmen weiterbauen. Hier ist eine h├╝bsche Abw├Ągung eingebaut: Fange ich einen neuen Turm an um ihn peut-a-peut fertig zu stellen, oder spare ich die Bausteine auf, um den Turm sp├Ąter auf einen Streich zu bauen? Angefangene T├╝rme haben den Nachteil, dass ich in der H├Âhe der T├╝rme weniger flexibel bin. Zudem muss ich in jedem Zug an jedem angefangenen Turm weiterbauen, ansonsten wird er als ÔÇ×BauruineÔÇť abgerissen. Daf├╝r ist es erheblich billiger, einen Turm in kleineren Teilst├╝cken zu errichten als in einer einzigen gro├čen Bauphase.
  • Auftr├Ąge erf├╝llen: Fertige T├╝rme, die in der Etagenh├Âhe einem noch ausstehenden Auftrag genau entsprechen, werden abgerechnet und man erh├Ąlt daf├╝r Siegpunkte.

Das ganze ist spannend (Kriege ich die richtigen Bausteine zusammen? Kann ich einen Etagenturm abrechnen, bevor mir ein Mitspieler den Auftrag wegschnappt?), konstruktiv (schlie├člich werden T├╝rme gebaut), schnell, durchsichtig (sehr wenige, klare und verst├Ąndliche Regeln) und taktisch-strategisch (ÔÇ×Fr├╝her Vogel f├Ąngt den WurmÔÇť gegen ÔÇ×Dem Hahn, der zu fr├╝h kr├Ąht, dreht man den Hals um.ÔÇť)
Leider gibt es unter den Aktionskarten auch ein paar ├ärgerkarten. Der ÔÇ×SaboteurÔÇť entfernt einen Stein von einem Turm eines beliebige Mitspielers und der ÔÇ×SchmugglerÔÇť tauscht einen eigenen Stein gegen den Stein eines Mitspielers (der damit eine bestimmte Etage gerade nicht mehr fertigstellen kann). Mu├č das sein? Es gibt in ÔÇ×FirenzeÔÇť so viel zu planen, zu ├╝berlegen und scharf zu kalkulieren, dass solche ├ärgermechanismen schlichtweg kontraproduktiv sind. Birgit und Walter sind aus Prinzip gegen diese parteilichen Chaos-Effekte; G├╝nther k├Ânnte noch damit leben; Horst k├Ânnte ohne diese Effekte sogar besser leben.
WPG-Wertung: Birgit: 6 (vom Thema nicht umgehauen. Einschr├Ąnkung wegen der ├ärgerkarten), G├╝nther 7 (das Spiel ist rund; das st├Ąndige Nachschieben und F├╝llen der Aktionskarten ist allerdings etwas umst├Ąndlich), Horst: 7 (das Spiel ist solide, Einschr├Ąnkungen wegen des gewaltigen Siegpunktrausches am Ende), Walter: 7 (ohne die ├ärgerkarten w├Ąren es 8 Punkte).
2. “Die Speicherstadt”
Letztes Jahr lag dieses Eggert-Spiel von Stefan Feld dreimal auf dem Spieltisch am Westpark. Da sagÔÇÖ doch mal einer, wir w├╝rden alle Spiele nur einmal spielen und d├╝rften uns daraus noch kein Urteil erlauben!
Heute setzte es sich wegen seiner kurzen Spieldauer (45 Minuten) durch, schlie├člich sollte Sebastians Babysitter sp├Ątestens um 23 Uhr abgel├Âst werden. F├╝r die Alternative, ÔÇ×StrassbourgÔÇť, muss man eher die doppelte Zeit ansetzen.
Der neuartige Postenschachermechanismus, mit dem die Spieler ihre Aktionen ausw├Ąhlen, hat nichts von seinem Reiz verloren, auch wenn lange Gesichter bei den Zu-Kurz-Gekommenen immer mal wieder nicht zu vermeiden sind. Das Geld ist ├Ąu├čerst knapp, und wer sein letztes Geld f├╝r einen Auftrag, eine Schiffsladung oder einen Feuerwehrmann ausgegeben hat, ist in der n├Ąchsten Runde ausrechenbar, und geht mit hohem Risiko ganz leer aus.
G├╝nther hatte den gesamten Spielablauf von langer Hand geplant und tat in der Schlu├čwertung einen Sprung von Minus-4 auf Plus-27 Punkte. Unangefochten die Spitze.
WPG-Wertung: Birgit und Horst reihten sich mit 8 Punkten in die Spitzengruppe der bisherigen guten WPG-Werter ein.
Von einem drohenen Bluff-Absacker verschreckt, d├╝ste Birgit zum m├╝tterlichen Babysitter davon.
3. “Ysphahan”
Das Spiel lag seit seinem Erscheinen im Jahr 2006 bereits f├╝nf mal bei uns auf dem Tisch. G├╝nther hat schon vor Jahren die PC-Fassung f├╝r das Spiel gegen den Computer implementiert; vor kurzem hat er auch noch eine Internet-Version geschaffen, mit der man jetzt online gegen entfernt lebende Mitspieler im Netz spielen kann. Nat├╝rlich besitzt er auch am realen Brettspiel die gr├Â├čte strategischen Erfahrung.
Ohne echten Gegenspieler schwelgte er in der Supervisor-Strategie. Er baute als erste Geb├Ąude die Karawanserei und das Badehaus, und schickte anschlie├čend bei fast jedem Zug gleich zwei P├Âppel in die Karavane und durfte daf├╝r auch gleich noch zwei Bonuskarten ziehen. Am Ende hatte er Horst und Walter nahezu ├╝berrundet.
Walter fuhr zwei Runden lang recht erfolgreich die Basarstrategie. Im Besitz von Lastenaufzug und Markt konnte er in der zweiten Runde die gelben Basare vollst├Ąndig in Besitz nehmen und allein daf├╝r 28 Siegepunkte kassieren. Doch dann verlie├čen sie ihn. G├╝ntherÔÇÖs Supervisor-Strategie erlaubte sogar noch, den Gegnern jeweils die W├╝rfelgruppe zu entwerten, die ihnen am peinlichsten war.
Horst durchlebte die Verwandlung von Begeisterung in Entgeisterung. Fassungslos konnte er nur zuschauen, wie G├╝nthers Siegpunktkonto sturzbachartig anschwoll. Gewi├č, in einer 3er Runde kann ÔÇ×YsphahanÔÇť durchaus die Balance verlieren. Ein Supervisor allein ist wahrscheinlich unschlagbar, und wenn sich zwei Supervisor streiten, dann freut sich das lachende dritte Kamel. Gibt es dazwischen einen Mittelweg, n├Ąmlich dem Supervisor an den Karren zu fahren, ohne dabei die Chancen auf den eigenen Sieg ganz fallen lassen zu m├╝ssen?
Doch auch ohne Balance ist Ysphahan ein vielseitiges, schnelles, vorz├╝gliches Spiel.
WPG-Wertung: Horsts 8 Punkte blieben diesmal unterhalb des super-guten WPG-Durchschnittes.


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6 Reaktionen zu “31.08.2011: Vier St├Ądte”

  1. Florian K.

    So, und ich dachte schon, die WPG-Website sei verwaist, seit der Walter Sorger mit Foto im Bridge-Magazin war, weil er sich f├╝r das Challenger-Cup-Finale qualifiziert hat.

  2. Walter

    Hallo Florian, auch ein passionierter Bridgespieler? Kann man Dich auch im BBO finden?

  3. Florian K.

    Nee, tut mir Leid, bin nur Hobbyspieler. Kriege die Hefte immer von einem Vereinsmitglied nach der Lekt├╝re geschenkt und les sie ganz gerne. Vor allem das Expertenquiz, das mich gelegentlich an Euren Blog erinnert, wenn sie sich wieder ordentlich ├╝ber das einzige richtige Gebot in die Haare kriegen. Sehr vergn├╝glich!

  4. Florian K.

    Nachtrag: War es Schiffe versenken auf Spanisch?

  5. [Tom]

    Zu Firenze:
    Ich mag es auch sehr gerne – ich finde den ├ärgerfaktor nicht soo schlimm; meist kann man ├╝ber das Tauschen dann dennoch den notwendigen Stein bekommen. Aber: Ohne den ├ärgerfaktor, also Karten, mit denen man einen Spieler beeinflussen kann, k├Ânnte dieser Spieler einfach “davonlaufen”; ich habe praktisch keine M├Âglichkeit, eine Siegesstrasse zu verhindern.
    Aber schliesslich kann man auch einfach die Karten, die einem nicht gefallen, aus dem Kartenstapel herausnehmen, ohne dass man das Spiel anderweitig beeinflusst. Das ist nat├╝rlich sehr sch├Ân…

  6. Walter

    Zu Florian (komme gerade von einem Kurztrip zur├╝ck, deshalb erst so sp├Ąt): Ja, es war Schiffe versenken.

    Zu Tom: Wenn es ├ärgerkarten braucht, um das Davonlaufen eines Spielers zu verhindern, dann ist das Spiel nicht ausbalanciert. Und das ist f├╝r mich schlichtweg eine Designschw├Ąche, wenn nicht gar ein grober Designfehler!