von Walter am 22.09.2011 (1.375 mal gelesen, 2 Kommentare)

Als NPC (non-painting- companion) mit der besten aller Ehefrauen zu einem Malkurs in die einsamen Berge des Languedoc. Simon Fletcher hat gerufen und sieben KĂŒnstler aus fĂŒnf LĂ€ndern sind seinem Aufruf gefolgt. NPCs nicht mitgezĂ€hlt. Aquarell-Kunst wird ganz groß geschrieben, ebenso die Cuisine Française. Doch spielerisch ist es ein ziemliches Ödland. NatĂŒrlich haben alle Kursteilnehmer in ihrer Kindheit schon einmal „Monopoly“ gespielt. Die beiden EnglĂ€nderinnen kennen sogar „Bridge“, das schweizer BrĂŒderpaar war fĂŒr eine Schachpartie aufgelegt und das Ehepaar aus Egelsbach spielt regelmĂ€ĂŸig „Doppelkopf“. Doch von „Settlers of Catan“ hat noch keiner etwas gehört; höchstens etwas von einer „Creme Catalan“! „Carcassone“ als Spiel ist ein Fremdwort, dabei liegt die zugehörige Stadt nur fĂŒnzig Kilometer entfernt.
Bevor wir uns zurĂŒck in das Eldorado am Westpark aufschwingen, machen wir noch einen Abstecher in die eindrucksvolle Burg der alten Albigenserstadt. Beim Durchstiefeln der wehrhaften Festungsmauern kommt unwillkĂŒrlich die Idee, die guten Tummelhofers könnten die 873-ste Erweiterung ihres Paradepferdes doch „Katholiken und Ketzer“ nennen. Doch das heißt offene TĂŒren einrennen: „Carcasson – die Katharer“ gibt es schon seit 2004.
Hallo Benedikt XVI, willkommen in Deutschland! Vielleicht fÀllt dir auch noch etwas zu den Ketzern ein!
1. “Giants”
Seit vier Monaten liegt das Spiel am Westpark auf dem Sofa herum. Heute kam es endlich zum Einsatz. Die Urlaubssaison ist vorbei, die geeignete 5er Runde war vorhanden, und Horst hatte sich auf die Spielregeln vorbereitet (und das Regelheft nicht zuhause vergessen).
Wir befinden uns zur Steinzeit auf der Osterinsel und heimsen Siegpunkte ein, indem wir in den SteinbrĂŒchen Maoi-Statuen schnitzen und sie an den ZeremonienplĂ€tzen („Ahus“) an der KĂŒste aufstellen. Jeder Spieler fĂŒhrt einen Clan, der den Transport abwickelt. Wer die dicksten Maois zu den kapitalistischsten Ahus gebracht hat und sie ggf. auch noch mit Kopfschmuck versorgt hat, ist Sieger.
Das Spiel besitzt eine liebevolle Ausstattung, gefĂ€lliges, eigens fĂŒr „Giants“ hergestelltes Material, von den WĂŒrfeln angefangen bis zu den hĂŒbschen Plastikfiguren fĂŒr HĂ€uptlinge, MedizinmĂ€nner, TrĂ€ger und drei Gewichtsklassen von Maois. Ein Maoi hatte bereits seinen Kopfschmuck auf, und Aaron wollte ihn abnehmen. Doch selbst mit vereinten GĂŒnther-Moritz-KrĂ€ften gelang das nicht. Er saß wie angegossen. War er auch. Es war auch nĂ€mlich keiner der ĂŒblichen Maois aus dem Steinbruch, es war die Startspielerfigur!
Aaron demonstrierte seine „Rainman“-FĂ€higkeiten. Mit einem einzigen Blick auf den Haufen mit den streichholzgroßen „BaumstĂ€mmen“ (als Transporthilfe zum Rollen der Maois) konnte er erkennen, dass es genau 27 StĂŒck waren. (Beim SchĂ€tzen der vollen SchĂŒssel mit GummibĂ€rchen mußte er allerdings passen.)
Auf dem Weg zum Sieg mĂŒssen wir mit unserem Aktionen

  • Maois schnitzen (ersteigern)
  • die Anzahl unserer TrĂ€ger erhöhen
  • eine Reihe von BaumstĂ€mmen besorgen
  • den Transport von Maois durchfĂŒhren
  • ggf. einige bestimmte ZeremonienplĂ€tze reservieren.
  • ggf. Kopfschmuck bereitstellen

Die Herausforderung des Spiels ist es, alle diese notwendigen Aktionen in der optimalen Reihenfolge durchzufĂŒhren. Wie bei solchen Aufbauspielen ĂŒblich, sollte man sich zunĂ€chst um die Kopfzahl des eigenen Volkes kĂŒmmen. Dazu kommt die Ausstattung des HĂ€uptlings mit Medizinmann-FĂ€higkeiten, um den Aufbauprozeß zu beschleunigen. Wer ganz langfristig plant, reserviert sich rechtzeitig im Mittelspiel den eintrĂ€chtigsten Zeremonienplatz. Maois und Kopfschmuck kommen erst ganz zum Schluß. (Erste NĂ€herung)
Doch der Hauptteil des Spiels, die Aufstellung der Maois an der KĂŒste, steckt voller Risiken und Überraschungen. Man darf fĂŒr seinen eigenen Transport nĂ€mlich auch die TrĂ€ger der Mitspieler benutzen. Und da alle Spieler mit ihre TrĂ€gern mehr oder weniger den gleichen Weg vom Steinbruch zur KĂŒste bauen, können praktisch alle Spieler den gleichen Weg nutzen. Jetzt kommt es darauf an, wer in der Transportphase als erster am Zug ist und somit an der KĂŒste den besten Zeremonienplatz belegt. Startspieler-Reihenfolge beachten!
Auch der Aufbau der TrĂ€gerkette ist heikel. In der Regel kann man mit seinen eigenen TrĂ€gern allein nicht den vollstĂ€ndigen Weg realisieren, man ist auf die Mithilfe der Mitspieler angewiesen. Und wenn in der Strecke eine LĂŒcke bleibt? Dann muß man unter UmstĂ€nden 20 Siegpunkte in den Wind schreiben. Insofern enthĂ€lt das Setzen der TrĂ€ger eine Phase höchster Interaktion. Leider ist damit auch eine erhebliche Kingmakerei verbunden. Ich kann einem Mitspieler uneigennĂŒtzig zu den 20 Siegpunkten verhelfen. Oder auch nicht. Oder einem anderen.
Moritz jammerte bis zur Schlußwertung (einschließlich), dass er Letzter werde. Doch Sekunden spĂ€ter war er Erster. Ein einziger dicker Maoi an einem punktetrĂ€chtigen Ahu brachte ihm mehr als die halbe Miete ein. Und wenn Horst bei seiner Positionierung seines letzten TrĂ€gers nicht gewarnt worden wĂ€re (eigentlich ein Verstoß gegen den WPG-Kodex), dann hĂ€tte er unfreiwillig Moritz weitere 20 Siegpunkte zugeschustert.
WPG-Wertung: Aaron: 7 (minus 1 Punkt wegen des Spielmaterials: der Plastik-Kopfschmuck paßt nicht auf die Plastik-Maoi-Köpfe), GĂŒnther: 5 (das Spiel ist nicht kalkulierbar, das Chaos mit den TrĂ€gern dominiert), Horst: 7 (plus 1 Punkt fĂŒr die gefĂ€llige Ausstattung am Spielmaterial), Moritz: 7 (das Spiel ist nicht trocken und das Thema ist gut eingebracht), Walter: 7 (viele neue Ideen, 1 Punkt weniger, wenn man es nicht locker spielt.)
Eine sofortige „Giants“-Wiederholung wurde vorgeschlagen und fast angenommen. Nur Aaron war dagegen.
2. “Navegador”
Als zweiter Gang des Abends wurden abgeleht: „Firenze“ wegen der seiner Ärgerkarten, „Funkenschlag“ weil es zu lange dauert, „Outpost“ wegen seiner vielen SchrĂ€ubchen und „Small World“ wegen ÜberfĂŒtterung. Das Rennen machte „Navigador“, vor knapp einem Jahr zum letzten Mal gespielt und keinesfalls mit den allerbesten Bemerkungen bedacht (von „gutes Durchschnittsspiel“ bis zu „fehlende Spannung“). Doch das Spiel ist sehr gut ausbalanciert und erlaubt verschiedenste Strategien zu verfolgen, die alle zum Sieg fĂŒhren können.

  • Als Schiffsstrategen kaufen wir auf Teufel komm’ raus Schiffe und entdecken die Welt, um mit den Entdecker-PrĂ€mien den Sieg einzufahren.
  • Als Kolonialherren legen wir uns jede Menge Kolonien zu und lassen dort die Rohstoffequellen zu unserm Reichtum sprudeln.
  • Als Fabrikanten bauen wir vorzugsweise Fabriken und streichen ĂŒber die Veredelung von Rohstoffen gewaltige Summen ein.

Die gewĂ€hlte Strategie mĂŒssen wir allerdings ganz konsequent verfolgen und alle unsere Handlungsfreiheiten in den Ausbau des zugehörigen Besitzstandes einsetzen. Und nebenbei mĂŒssen wir uns natĂŒrlich auch um die Privilegien des gewĂ€hlten Spezielgebietes kĂŒmmern, damit wird in der Schlußwertung unser Besitzstand multipliziert.
Unser Schicksal liegt voll in unserer Hand; mit einer frei wĂ€hlbaren Schrittweite wandern wir mit unserem Aktionsstein um ein vorzĂŒgliches „Aktionsrondel“ herum und planen unsere nĂ€chsten Schritte ĂŒber mindestens zwei, drei weitere ZĂŒge voraus. Diese völlige Planbarkeit ist allerdings auch ein spielerischer Nachteil; sie geht auf Kosten der Interaktionsmöglichkeiten. Eigentlich spielt jeder mehr oder weniger autonom vor sich hin.
Moritz jammerte wieder, dass das Spiel an ihm vorbeigelaufen sei. Diesmal hatte er recht.
WPG-Wertung: Horst vergab mit 8 Punkten einen ganzen Punkt mehr als der bisherige WPG-Durchschnitt. “Das Spiel ist Klasse. Die EinschrĂ€nkungen in der Aktionsauswahl machen das Spiel total stressfrei.”
3. “Bluff”
Horst traute sich nicht mehr an seine Sternen-Strategie; und suchte verzweifelt Alternativen. Es gab keine. GĂŒnther rĂ€umte seine Kontrahenten in der Reihenfolge Horst, Walter und Aaron konsequent und verlustfrei ab.
Im zweiten Spiel nahm Horst seine Sternen-Strategie wieder auf und legte auch gleich die passenden WĂŒrfel aufs Parkett. Doch diesmal glaubte er zu sehr an SternenwĂŒrfe auch bei seinen Konkurrenten. Auch sein letzter abgegebener WĂŒrfel war ein einsamer schöner runder Stern.
Merke: Sterne wĂŒrfeln und Sterne vorgeben ist gut; den Mitspielern Stern-Vorgaben zu glauben ist schlecht.
Keine neue WPG-Wertung fĂŒr ein Super-Spiel.


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2 Reaktionen zu “21.09.2011: Riesen und SteuermĂ€nner”

  1. GĂŒnther

    Hallo Walter,
    Navegador besitzt eine ganze Menge “kleiner” Interaktionen, die Tempo bezogen sind … kaufe, verkaufe, entdecke ich oder mein Mitspieler zuerst, etc …. Dies ist bedeutend besser, als durch eine Interaktion 50% der Siegpunkte eines Mitspielers zu beeinflussen (Giants).
    Gruß, GĂŒnther

  2. Walter

    Hallo GĂŒnther,
    ob ich Rohwaren fĂŒr 40 oder 50 Gulden kaufe, oder eine Zuckerfabrik fĂŒr 50 oder 70 Gulden, weil ein Spieler schneller war, das habe ich mit „weniger“ autonom ausgedrĂŒckt. Dass ich aber keinen Spieler daran hindern kann, einen neue Landschaft entdecken, eine Kolonie darauf zu errichten und sie nach Herzenslust auszubeuten, dass ich also keinem Spieler ernsthaft an den Wagen pinkeln kann, das ist dann das “mehr” autonom. In jedem Fall herzlich wenig Interaktion und viel Weichenstellerei in der eigenen Schiene – in meinen Augen eine deutliche SchwĂ€che.
    Dass es aber ĂŒberhaupt viel Weichenstellerei in “Navigador” gibt, das ist die StĂ€rke des Spiels.