von Walter am 22.03.2012 (1.578 mal gelesen, 2 Kommentare)

Fangen wir mit dem Ende an: Dank Aarons Abwesenheit wurde mit 3 Stimmen und 1 Enthaltung toleriert, dass Moritz ĂŒber sein iPhone die Übertragung des Halbfinales Mönchenglattbach gegen den FC Bayern schallen ließ. Als es allerdings darum ging, die Session zu unterbrechen und die zweite Halbzeit des Fußballspiels am Fernseher anzuschauen, legte GĂŒnther ein Veto ein. „Das macht die Ute jetzt auch; da hĂ€tte ich gleich zuhause bleiben können.“
Erst beim Elfmeterschießen ließ er sich erweichen, und die vier Westparker sahen sich gemeinsam den traditionellen Fußballkrimi an. Auf welcher Seite unsere Sympathien nach dem letzten Schuß lagen, kann man auf dem beigefĂŒgten Foto wohl einwandfrei erkennen.
1. “Robologie”
Die Neuentwicklung von Moritz’ Freund Christoph Tisch ist auf dem Markt noch nicht erhĂ€ltlich, aber sie ist bereits ausgereift, die Spielregeln sind fertig gedruckt und wir sollten heute unseren Tester-Senf dazu geben.
Ein taktisches Kartenspiel fĂŒr 2 bis 5 Spieler. Vier Kartenfarben (rot, grĂŒn, gelb, blau) gibt es mit den – teils mehrfachen – Werten von 2 bis 6. Pro Runde werden 5 Karten offen ausgelegt und die Spieler können sich beginnend mit dem Startspieler reihum eine davon aussuchen. Diese Karte muß sofort ausgelegt werden, entweder an den privaten Stapel, den jeder Spieler von jeder Kartenfarbe vor sich liegen hat, oder an die 4 öffentlichen Stapel jeder Kartenfarbe. Wenn an einem der öffentlichen Stapel eine festgelegte Anzahl von Karten liegt, wird die Farbe gewertet: Wer von dieser Farbe die höchste Summe an Kartenwerten vor sich liegen hat, ist Sieger. Er muß seinen Farbstapel komplett abrĂ€umen und bekommt dafĂŒr alle öffentlich ausgelegten Karten als Siegpunkte. Der Spieler mit der zweithöchsten Summe darf eine Karte aus seinem privaten Stapel als Siegpunktkarte zur Seite legen. Alle anderen Spieler gehen leer aus, dafĂŒr behalten sie aber alle ausgelegten Karten in ihren privaten Stapeln fĂŒr eine mögliche nĂ€chste Wertung dieser Farbe.
Bei der Entscheidung, ob man die ausgesuchte Karte öffentlich oder privat ablegen soll, muß man berĂŒcksichtigen

  • ob die Kartenfarbe in dieser Runde ĂŒberhaupt zur Wertung kommt oder kommen kann.
  • ob man die Kartenfarbe jetzt selber zur Wertung bringen will.
  • ob man bei der Wertung Erster werden kann und damit einen reichlichen (ggf. auch einen mageren) öffentlichen Kartenstapel als Siegpunkte einheimsen kann.
  • ob man bei der Wertung Zweiter wird und dann eine eigene hohe Siegpunktkarte auf seinem Konto verbuchen kann.
  • ob man bei der Wertung leer ausgehen will, um seine Karten dann komplett bei der nĂ€chste Wertung in die Waagschale zu werfen

Es ist ein höchst taktisches Rangeln um kurzfristige oder langfristige Vorteile. FĂŒr ein bißchen weiteren Pepp sorgen die vier Karten, die jeder Spieler als Startausstattung erhĂ€lt. Er darf sie im Laufe des Spiels irgendwann mal zusĂ€tzlich öffentlich bzw. privat auslegen, um schnell noch eine Wertung auszulösen oder eine Mehrheit zu verĂ€ndern.
Interessant ist auch die Startspielervergabe: Wer in einer Runde die niedrigste der offen ausliegenden Karten gewĂ€hlt hat, wird in der nĂ€chsten Runde Startspieler. FĂŒr den freiwilligen Verzicht auf ein paar sofortige Potenzpunkte handelt man sich die freie Auswahl und ein paar weitere VergĂŒnstigungen in der nĂ€chsten Runde ein. Ein sehr lohnendes GeschĂ€ft, besonders wenn es auf den Schluß zugeht. Und der kommt schnell. In weniger als 30 Minuten ist ein Spiel ĂŒber die BĂŒhne. Randbedingungen sorgen dafĂŒr, dass das Spiel immer im Fluß ist, und alle Farbstapel mehr oder weniger schnell zur Wertung kommen.
Die Gewinnwertung und den Startspielerwechsel hatten wir zunÀchst falsch gehandhabt. Ein Anruf bei Christoph Tisch brachte uns wieder auf die richtige Spur. Alle waren zu einer sofortigen Spielwiederholung bereit. Nicht aus Pflicht, sondern aus Lust und Neugier. Es lohnte sich. In unseren Augen hat das Spiel keine Macken mehr.
WPG-Wertung: GĂŒnther: 7 (es funktioniert gut), Horst: 7 (viel besser als vieles), Moritz: 7 (es gibt nichts zu verbessern), Walter: 7 (schnell, taktisch, mit einer wohldosierten Portion Zufallseinfluß).

2. “Takenoko”
Ein neues Spiel von dem Erfolgsautor Antoine Bauza („7 Wonders“). “Takenoko” bedeutet wörtlich „Bambussprosse“, das ist das Futter fĂŒr einen sĂŒĂŸen kleinen PandabĂ€r. Der Kaiser von China hat ihn seinem japanischen Kollegen geschenkt und der ganze Hof ist damit beschĂ€ftigt, ihn damit zu fĂŒttern, um ihn vor dem Verhungern zu retten.
„Ein Spiel fĂŒr Birgit! Soll ich sie schnell noch holen?“ Das hĂŒbsche Spielmaterial mit den Bambuspflanzen, dem Panda, dem GĂ€rtner und den BewĂ€sserungskanĂ€len hĂ€tte bestimmt ihr EntzĂŒcken ausgelöst. Auch das teils in Comic-Format angelegte Regelheft ĂŒberzeugt. Horst wird wohl um einen Ankauf nicht herumkommen.
Die Spieler legen peut-a-peut rote, grĂŒne und gelbe Landschaftshexagons zu einer gemeinsamen Region zusammen, auf der roter, grĂŒner und gelber Bambus gedeiht. Sie legen WassergrĂ€ben als Grundvoraussetzung fĂŒr den Bambus, sie bewegen einen GĂ€rtner, der das Pflanzenwachstum fördert und sie bewegen den Panda, der die heranwachsenden Sprossen frißt. Die gefressenen Sprossen erhĂ€lt ein Spieler als TrophĂ€en und erfĂŒllt damit seine individuellen Fress-Siegpunktkriterien; z.B. bringen zwei grĂŒne Bambusse 3 Siegpunkte und je ein roter, grĂŒner und gelber Bambus bringen 6 Siegpunkte.
Weitere Siegpunkte erhÀlt man, wenn in der gemeinsamen Bambusregion bestimmte Farbmuster entstanden sind, die individuellen Regions-Siegpunktkriterien entsprechen: eine Kette von drei gelben Hexagons steuert 3 Punkte, ein Dreieck von drei roten Hexagons 4 Punkte und ein Doppelpack mit zwei roten neben zwei gelben Hexagons gleich 5 Punkte bei.
Eine dritte Siegpunktquelle ergibt sich aus der Höhe vom gewachsenen Bambus. Z.B. liefert eine gelbe Bambusstaude der Höhe 4 dem Spieler, der eine entsprechende Siegpunkt-Kriterien-Karte auf der Hand hat, 5 Siegpunkte, zwei rote Stauden der Höhe 3 liefern 6 Punkte.
Das ganze Spiel ist eine kurzweilige Jagd nach Karten mit Siegpunktkriterien und nach Gestaltung der Landschaft, um diese Kriterien zu erfĂŒllen. Daneben gibt es auch noch einen WĂŒrfel, der offiziell „Wetterbedingungen“ auswĂŒrfelt, im Grunde aber lediglich ein bißchen Variation in die Aktionen der Spieler bringen soll: Das Wasser fließt von alleine, der Bambus wĂ€chst schneller oder der Panda frißt mehr. Alles ist hĂŒbsch konstruiert und locker zu spielen. Leider fehlt die Interaktion. Das Wachsen der Bambusregion ist selbstverstĂ€ndlich und das ErfĂŒllen der Siegpunktkriterien mehr oder weniger zwangslĂ€ufig. Ein planvolles Gegeneinanderarbeiten gibt es praktisch nicht; schon allein deshalb, weil man die individuellen Siegpunktkriterien der Mitspieler gar nicht kennt.
WPG-Wertung: GĂŒnther: 6 (Familienspiel; fĂŒr die Ausstattung einen Sonderpunkt), Horst: 6 (kein Familienspiel, fĂŒr den Panda einen Sonderpunkt), Moritz: 6 (originell aber kein Superhit), Walter: 6 (konstruktiv, leider zu solitĂ€r).

3. “Und noch ein Zivilisationsspiel”
Das vierte Selbst-Bastel-Spiel aus der Reihe “spielbox Wallace Edition”. In Heft 7 / 11 der Spielbox war es enthalten.
Die Spieler wĂŒrfeln die Aktionen aus, die sie durchfĂŒhren dĂŒrfen:

  • eine Wertmarke bekommen
  • einen Pöppel in den Vorrat bekommen
  • einen Pöppel vom Vorrat aufs Spielbrett setzen
  • einen Pöppel auf dem Spielbrett um 1 bis 3 Felder vorwĂ€rts bewegen

Jede Bewegung eines Pöppels auf dem Spielbrett löst Effekte aus: Man bekommt Wertmarken, MĂŒnzen oder Siegpunkte; man darf einen WĂŒrfelwurf wiederholen oder (auf dem Spielfeld „Krieg“) einen beliebigen gegnerischen Pöppel rauswerfen. Sobald ein Spieler mit einem Pöppel das Zielfeld erreicht hat, hat der Spieler mit dem meisten Siegpunkten – gewonnen. (Was sonst?)
Die Siegpunkte, die man auf bestimmten Spielfeldern bekommt, muß man mit Wertmarken und MĂŒnzen bezahlen. Man kann also nicht blindwĂŒtig auf das Zielfeld lossteuern, man muß unterwegs auch einige Wertmarken- und MĂŒnzenfelder abgrasen.
Ansonsten wird nicht viel Taktik geboten und auch nicht erwartet. Das VorwĂ€rtswĂŒrfeln Richtung Ziel erfolgt analog „GĂ€nsespiel“ wie vor gut 5000 Jahren, kurz danach haben die Inder das Hinauswerfen von gegnerischen Pöppeln a la Pachisi ebenfalls schon praktiziert. Im 10 Jahrhundert von Christus sagte auch schon der König Salomo: „Nichts Neues unter der Sonne!“ Oder war das ein alter Grieche?
Viele bereits bekannte Mechanismen zu neuen Kombinationen zusammenzufĂŒgen, ist ein schöpferisches Werk und manchmal entsteht dabei etwas grundlegend Neues. Diesmal nicht. Aber nur knapp daneben.
WPG-Wertung: GĂŒnther: 3 (lieber gleich Leiterspiel und Mensch-Ă€rgere-Dich-nicht), Horst: 5 (Grundidee gut, das Kriegsfeld war kontraproduktiv), Moritz: (vom Ansatz her sah es ganz passabel aus, konnte aber den guten ersten Eindruck nicht halten), Walter: 4 (WĂŒrfelspiel).
4. “Bluff”
Vier Spieler mit noch allen 5 WĂŒrfeln, insgesamt also 20 StĂŒck. Walter fing mit 5 mal Stern deutlich ĂŒber Schnitt an. Moritz hob auf 10 mal die Zwei, Horst auf 12 mal die FĂŒnf und GĂŒnther auf 7 mal Stern. Mit 3 Sternen unter dem Becher fiel es Walter noch leicht, auf 8 mal Stern zu erhöhen.
Moritz steigerte auf 16 mal die Drei! Das war ein seltsames Gebot. Auch wenn viele Sterne unterwegs zu sein schienen, war ein Wechsel auf eine neue Zahl in dieser Höhe nur schwer rational nachvollziehbar. Horst ging auf 9 mal Stern und GĂŒnther jetzt sogar noch auf 10 mal Stern.
Walter zweifelte an. Und verlor. Alle seine WĂŒrfel! Dreimal, ja sogar viermal schallendes GelĂ€chter! Warum? Liebe Leser, könnt ihr euch das erklĂ€ren?
Kleine Hilfestellung: Mönchenglattbach – FC Bayern : Entscheidung im Elfmeterschießen!
Keine neue WPG-Wertung fĂŒr ein Super-Spiel.


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2 Reaktionen zu “21.03.2012: Karten, Bambus, WĂŒrfel und der FC Bayern”

  1. GĂŒnther

    Nur der VollstÀndigkeit halber;
    “Spiel des Jahres in Frankreich”:
    – Kinderspiel-As d’Or 2012 geht an Zwerg Riese von Marco Teubner bei Haba
    – neuen Grand Prix-As d’Or 2012 gewann Olympos von Philippe Keyaerts bei Ystari
    – Hauptpreis As d’Or 2012 erhielt Takenoko von Antoine Bauza bei Bombyx/Matagot

  2. Walter

    Hier fehlt noch die ErklĂ€rung fĂŒr die seltsamen Geschehnisse beim Bluff:
    WĂ€hrend Walter noch im Wohnzimmer am Fernseher hantierte, hatten die restlichen Akteure im Spielzimmer die Bluff-WĂŒrfel manipuliert und jedem 5 Sterne unter den Becher gelegt.