von Walter am 26.07.2012 (946 mal gelesen, keine Kommentare)

TraditionsgemĂ€ĂŸ wird der Auswahl zum “Spiel-des-Jahres” am Westpark (und in anderen Vielspielerkreisen) mit einer gewissen Skepsis entgegengesehen. Ohne GĂŒnther kam der diesjĂ€hrige PreistrĂ€ger „Kingdom Builder“ auf glatte 5 Punkte. Am Samstag verschickte GĂŒnther per Email seine eigenen EindrĂŒcke dazu:
„Ich habe gestern bei den Spuiratzn zweimal Kingdom Builder gespielt.
Als Familienspiel ist es schon recht komplex – speziell durch mehrere erworbene Eigenschaften und den mehreren Siegpunktbedingungen. Ja, es verfĂŒhrt sogar zum GrĂŒbeln – was in einigen Runden problematisch werden kann. Trotzdem spielt es sich recht flott- so ca. 1 Stunde braucht man fĂŒr eine Viererpartie. In den ersten handvoll Runden muss man sehr aufpassen, denn es ist extrem wichtig, sich die fĂŒr die weiteren Runden notwendigen EigenschaftsplĂ€ttchen zu sichern.
Ich gebe dem Spiel 7 Punkte- wenn der GrĂŒbelfaktor nicht wĂ€re, sogar etwas mehr …“

1. “Octago”
2008 hat die PublicSolutions GmbH in Dresden unter dem Namen „Yvio“ eine elektronische Spielkonsole herausgebracht, die das HerzstĂŒck fĂŒr eine ganze Serie von neuen Brett- und Party-Spielen sein sollte. Die Konsole steuert den Spielablauf, sie ĂŒbernimmt all die lĂ€stigen Aufgaben wie ErklĂ€ren, Vorgeben, Verteilen, ZĂ€hlen und Werten, und kommentiert in wohlproportionierten AbstĂ€nden den Spielverlauf. Eigentlich eine gute Idee.

Yvio Konsole

Die Yvio Konsole

Auch die AusfĂŒhrung ist technisch sauber und spielerisch einladend gelungen. Trotzdem war das Konzept kein Markterfolg. Vielleicht hat es an dem hohen Preis von 70 bis 80 Euro pro Spiel-Realisierung gelegen. Die Firma ging geradewegs in den Konkurs und GĂŒnther hat aus der Konkursmasse fĂŒr nur 50 Euro gleich 3 Spiele erstehen können.

In „Ortaco“ zieht jeder Spieler mit seinem Pöppel auf einem runden Spielbrett beliebige Felder vorwĂ€rts oder rĂŒckwĂ€rts auf rote, grĂŒne, gelbe oder blaue Kreise, Sterne, Dreiecke oder Quadrate in einer roten, grĂŒnen, gelben oder blauen Region. Je lĂ€nger eine Farbe oder Form nicht betreten wurde, desto mehr Form-Farben-Punkte gibt es fĂŒr das Betreten des Feldes. Diese Punkte werden virtuell jedem Spieler zugeordnet und regionsspezifisch hochgezĂ€hlt.

Durch DrĂŒcken der Wertungstaste kann ein Spieler jederzeit seine Form-Farben-Punkte einer Region in Siegpunkte umwandeln. Dabei wird die Punktanzahl mit einem Faktor multipliziert, der umso höher ist, je lĂ€nger die vorhergehende Wertung in dieser Region zurĂŒckliegt. Ganz schön abstrakt, mit Hilfe der Spielkonsole aber kinderleicht zu bewĂ€ltigen.

Reiner Knizia hat sich das ausgedacht und die damalige Presse hat es als „fantastisches neues Strategiespiel“ propagiert. Übliche journalistische Fehlinformation. “Octago” ist begrenzt phantastisch und enthĂ€lt Null Strategie. DafĂŒr genĂŒgend Raum fĂŒr opportunistische Taktik: Es gewinnt der, der ein gutes GedĂ€chtnis hat und sich am besten merken kann, auf welchen bunten Formen er und seine Mitspieler in jĂŒngster Zeit gestanden haben.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (funktioniert, fraglicher Wiederspielreiz), GĂŒnther: 5 (das yvio-Spielprinzip als solches erhĂ€lt 7 Punkte), Walter: 5 (die elektronische FĂŒhrung ist gelungen, fĂŒr einen Ă€lteren Herrn zuviel Memory-Bedarf).

2. “Quizzen” in der “Partytime”
Ebenfalls ein Spiel aus der Serie fĂŒr die yvio-Spielkonsole. Diemal macht uns die Konsole einen geilen Quizmaster. Er fĂŒhrt uns akkustisch durch ein Quiz, „das Euch in den Wahnsinn treiben wird“. Es werden Auswahlfragen gestellt, die alle Mitspieler gleichzeitig mit einer der Antwortkarten A, B, C oder D beantworten sollen. Die schnellste richtige Antwort bringt zwei Punkte, eine langsame richtige Antwort einen Punkt und fĂŒr eine falsche Antwort wird ein Punkt abgezogen.

Die Fragen sind von einem mittleren GĂŒnther-Jauch-Schwierigkeitsgrad. Z.B. „Was haben die Waisen aus dem Morgenlande nicht dabei? A: Gold? B: Seide? C: Myrrhe? oder D: Weihrauch? Zwischen die Fragerunden sind Intermezzos eingestreut, bei denen die FĂŒhrenden etwas Federn lassen mĂŒssen und dem Letzten ein paar Trostpunkte zugeschustert werden. Sachgerecht und partygerecht.

Lustig – zumindest fĂŒr die erste Begegnung – sind die Kommentare des Quizmasters. Er bescheinigt einem „intellektuellen Schlußlicht“ schon mal eine „besonders erheiternde UnfĂ€higkeit“. FĂŒr Fragen, die kein einziger Spieler richtig beantwortet hat, kommt der Kommentar “Ihr habt alle verkackt“.

Wenn sich die lustigen SprĂŒche wiederholen, ist ein Großteil des Spielreizes wohl dahin. In unserem einen Quiz-Durchgang passierte das erst ansatzweise, doch die Tendenz ist erkennbar. Dann bleibt nur noch das Quiz ĂŒbrig. Immerhin können acht Spieler daran teilnehmen. Manche mögens’s heiß.

Keine WPG-Wertung fĂŒr ein Unterhaltungsspiel, das im richtigen Teilnehmerkreis die Wogen hochschlagen lassen kann.

3. “Yunnan”
Aaron legte mit Freuden der Dreierrunde den aktuellen Stand seiner Eigenentwicklung ĂŒber den Handel auf der Tee- und Seidenstraße auf. Das vierte Mal allein in diesem Jahr (22. Februar, 11. April, 11. Juli) und seine beiden Mitspieler waren keineswegs nur aus Höflichkeit eifrig bei der Sache.

Beim letzten Mal hatten wir in einer 5er Runde die sagenhaften Möglichkeiten der Abstauber-Rolle in der Bank kennengelernt. Wer in den ersten beiden Runden zweimal hintereinander die SpielereinsĂ€tze auf seine Seite bringen konnte, dem ist der Gesamtsieg wohl nicht mehr zu nehmen. Doch Aaron hat hier jetzt eine Bremse eingebaut: Wer in die Bank geht, muß in der gleichen Runde auf alle Entwicklungsfortschritte verzichten: er darf keine Lager errichten, keine HĂ€ndler einstellen, seinen Einfluß nicht stĂ€rken und seine Reichweite nicht erhöhen.

Dessen ungeachtet ging GĂŒnther als Startspieler mit seinem ersten Pöppel unverzĂŒglich auf die Bank los. Aaron und Walter konterten mit einer Allianz und teilten das Angebot an Entwicklungsrichtungen zu billigsten Preisen unter sich auf. GĂŒnther konnte gerade soeben mal sieben YĂŒan auf sein Konto buchen.

Jetzt ging niemand mehr in die Bank. Der frĂŒher so begehrte Abstauberposten hatte seinen Glanz verloren. Doch fĂŒr den Spielverlauf war das kein Verlust an Spaß und Dynamik. Es taten sich neue ĂŒberraschende SpielzĂŒge aus, deren Reichweite auch fĂŒr die Analysten vom Westpark noch lange nicht auskalkuliert sind. Und die Bank blieb eine stĂ€ndige Droh-Option fĂŒr den Fall, dass die Mitspieler versuchen sollten, sich zu hohen Preisen gleich mehrfach Entwicklungsfortschritte an Land zu ziehen.

FrĂŒher als in frĂŒheren Spielen wurde bereits in der vierten Runde der Endspurt angezogen. Ein spannender Moment, der aber auch schon im Vorbereitungsgerangel der ersten Runden stĂ€ndig in den Köpfen parat ist und parat sein muß. Eine Runde spĂ€ter war der Kampf entschieden. Den Schaden, den GĂŒnther mit seiner Geldgier in der ersten Runde erlitten hatte, war nicht mehr gut zu machen.
Alle waren bereit, sofort ein zweites „Yunnan“ zu absolvieren. Diesmal ging im gesamten Spielverlauf keiner in die Bank. Die grĂ¶ĂŸere Reichweite unter VernachlĂ€ssigung der Body-Check-QualitĂ€ten bei taktisch-richtigem Ausnutzen der Zugreihenfolge gab den Ausschlag. GĂŒnther leitete noch frĂŒher, nĂ€mlich schon in der dritten Runde, den Endspurt ein und war – bei leicht ĂŒberdurchschnittlicher Denkarbeit – nach 25 Minuten Spielzeit Sieger.

Noch keine WPG-Wertung fĂŒr ein Spiel in der Entstehungsphase.

Black Jack
Über die schönsten Dinge des Lebens, ĂŒber Internet-Fernsehen und Niederschlagsradar kam die After-Work-Diskussion zu Black Jack. Wußtet Ihr, dass bei optimalem Vorgehen (Einsatz Verdoppen, Splitten, Versichern etc.) ein Spieler seinen Basis-Einsatz durchschnittlich um 11,67% erhöht und am Ende NUR 0,53% pro Spiel verliert (Wikipedia)! Dieser Verlust ist noch deutlich geringer als beim Roulette! Und das macht es plausibel, dass man durch genaues Beobachten der verbrauchten Karten und entsprechendes Setzverhalten an einem „heißen“ Tisch den Gewinn-Erwartungswert ĂŒber die Nullgrenze heben kann. Vielleicht!

Trotzdem bin ich beim Black Jack immer schneller mein Geld los als beim Roulette. Eine Runde ist ja auch viel schneller durchgezogen (geschĂ€tzte dreißig Sekunden dauert eine Austeilung gegenĂŒber etwa zwei Minuten zwischen zwei „Rien-ne-va-plus“). Und ich muß ununterbrochen meinen Einsatz tĂ€tigen, wĂ€hrend ich beim Roulette abwarten kann, bis meine Favoritenzahlen lange genug nicht gekommen sind!

Um 2 Uhr 30 war heute die Bank gesprengt und die Runde löste sich auf. Zwei Stunden spĂ€ter (!) als die Spielbank in Garmisch, der ich eine Woche zuvor mit meiner Tochter einen Besuch abgestattet hatte, und die bei einer noch geringeren Beteiligung als heute am Westpark gegen Mitternacht die Pforten schloß.

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