von Walter am 18.10.2012 (1.465 mal gelesen, keine Kommentare)

Unvermutet flatterte am Westpark ein Brieflein der Berner Kantonspolizei ins Haus. So etwas verspricht ja grunds√§tzlich nichts Gutes. Der Hausherr war sich keiner Schuld bewu√üt, hatte er doch auf der Durchreise durch die Schweiz mit Gef√ľhl, Verstand und Tempomat eine jegliche Geschwindigkeitsbeschr√§nkung sicher im Griff gehabt, und den Abstecher nach Bern mangels Parkplatz-Fr√§nkli ohne ein einziges Mal stehen zu bleiben wieder abgebrochen.

Doch die Schweizer hatten trotzdem eine Verkehrswiderhandlung entdecken k√∂nnen. Auf der Autobahn bei Frauenkappelen wurde das M√ľnchener Auto statt der erlaubten 120 km/Std mit 128 km/Std gemessen. Nach Abzug der schweizer Pr√§zisions-Sicherheitsmarge ergab das genau 2 (in Worten: zwei) km/Std zu viel. Bussgeldbetrag: 20 CHF oder 17,25 ‚ā¨, zu zahlen auf ein Konto bei der Deutschen Postbank in Karlsruhe.

K√∂nnt Ihr ihm verdenken, dass der Hausherr auf das √úberweisungsformular eingetragen hat: ‚ÄěNie wieder Schweiz‚Äú? Der Ausflug mit dem Glacier-Express ist gestrichen, und die n√§chste Tour nach S√ľdfrankreich geht √ľber Stuttgart, Nancy, Lyon. Hallo Peter Steinbr√ľck, stopp dem Sch√§uble seinen Schmusekurs!

1. “Helvetia”
Ach, da hat mich die Schweiz doch gleich nochmals erwischt! Horst hatte sich eigens darauf vorbereitet, da konnte ich es ihm nicht abschlagen! Langsam und pr√§zise wie ein Schweizer Gendarm f√ľhrte er uns in die Spielregeln ein. Acht eng bedruckte Seiten Regelheft gilt es zu meistern. Normalerweise eine Kleinigkeit, aber f√ľr einen Berner Blitz…

Wir haben männliche und weibliche Spielfiguren. Wir lassen sie auf unseren eigenen Feldern arbeiten, oder wir verheiraten sie ins Nachbardorf und lassen sie dort arbeiten. Der Arbeitsertrag gehört uns; die Kinder, die sie kriegen, gehören dem Nachbarn.
F√ľnf Berufe leiten den Spielefortschritt. Beim Kataster kaufen wir neue Felder, der Fuhrmann bringt unsere Erzeugnisse auf den Markt, der Nachtw√§chter weckt unsere M√§nner und Frauen aus dem Dornr√∂schenschlaf auf, in den sie unweigerlich fallen, wenn sie eine einzige Arbeit erledigt haben. Der Pfarrer verheiratet Alt und Jung ins Nachbardorf und die Hebamme bringt den Nachwuchs zur Welt, den die Mischehen auf unseren eigenen Feldern gezeugt haben.
Mit bunten klobigen Holzfr√§nkli honorieren wir die Dienstleistungen. Neue Grundst√ľcke zahlen wir mit Naturalien, die wir auf unseren Feldern (oder mit unseren Halbeheleuten in Nachbars Garten) ernten. Zuweilen muss man eine ganze Produktionskette in Gang bringen, um ein veredeltes Endprodukt zu erhalten: Aus Heu mach‚Äô Ziege, aus Ziege mach‚Äô K√§se.

Wer ein bestimmtes Produkt auf den Markt bringt, erh√§lt Siegpunkte und zus√§tzlich Sonderpunkte, wenn er dabei der erste ist. Weitere Siegpunkte gibt es f√ľr ausgew√§hlte Zusammenstellungen von gelieferten Produkten, und f√ľr eine vollst√§ndige Bebauung rund ums eigene Dorf. Tempor√§re Siegpunkte gibt es f√ľr die h√∂chste Zahlung an die leitenden Berufe. Wer in einer Runde am meisten f√ľr Kataster, Fuhrmann etc. hingebl√§ttert hat, bekommt daf√ľr je einen Siegpunkt und darf die entsprechende Berufsgruppe in der n√§chsten Runde noch einmal kostenlos nutzen.

H√ľbsch ist das Spieltempo organisiert. Jeder Spieler kann seine Holzfr√§nkli peut-a-peut auf die verschiedenen Berufe verteilen, er kann sie aber auch mit einem Schwung auf einen einzige Beruf setzen, z.B. alles dem Pfarrer geben und dann gleich vier Familienmitglieder auf einmal verheiraten. Haben alle bis auf einen Spieler ihre Fr√§nkli gesetzt, ist eine Runde zu Ende. Das Restguthaben des letzten Fr√§nkli-Besitzers verf√§llt. Daf√ľr wird er Startspieler in der n√§chsten Runde.

Es gibt eine Menge kleiner Dinge zu √ľberlegen, die ihren Effekt erst mehrere Runden sp√§ter zeigen:

  • Welche Felder sind zu welchem Zeitpunkt gut und notwendig? Welche erg√§nzen sich zu Produktionsketten?
  • Welche Produkt-Zusammenstellungen liefern Sonderpunkte; welche davon sind noch zu haben?
  • Lege ich mir einen m√§nnlichen oder einen weiblichen Nachwuchs zu (Heiratschancen)?
  • Setze ich alle oder nur wenige Franken ein (Erw√§gungen zum Rundenende)?
  • Bei welchen Berufen kann ich noch die Dotierungs-Mehrheit erringen.

Gl√ľcklicherweise war G√ľnther, unser notorischer Denker, in Essen. Wir nahmen es heute alle sehr spielerisch. Auch wenn die graphische Darstellung von Feldern und ihren Produkten die Abh√§ngigkeiten im schweizer Uhrwerk nicht leicht erkennen lie√üen, war es eine gute Stunde lockerer, planerischer Unterhaltung.

WPG-Wertung: Chrissi: 8 (strategisch planbar, keine st√∂renden Zufallselemente), Horst: 7 (√§hnliches Thema wie ‚ÄěVillage‚Äú, aber doch eigenst√§ndig), Walter: 7 (gro√üe Entscheidungsfreiheiten, fl√ľssig und konstruktiv. Wollte allein wegen der eierk√∂pfigen Wegelagerei der Schweizer Beamten nur 2 Punkte vergeben. Ach guter Matthias Cramer, h√§ttest Du Dein Spiel nicht ‚ÄěNorwegen‚Äú nennen k√∂nnen? Auch dort gibt es Berge, Wasser, K√ľhe und Milch!).

PS: Horst meinte, ein angemesseneres Motto f√ľr diese Woche w√§re: ‚ÄěNie wieder Schweden!‚Äú gewesen. Doch die Schweden sind erstens gro√üz√ľgig, g√∂nnen uns genauso viel wie sich selbst, und verpassen dazu Jogi L√∂w und Genossen eine n√ľtzliche Lehre auf dem Weg zur n√§chsten Weltmeisterschaft. Wir sind schon wieder ein Quentchen kl√ľger geworden. Hoffentlich.
Dagegen ist Oliver Pochers ‚ÄěNie wieder Vier-Gewinnt!‚Äú eher einer seiner √ľblichen Kalauer.

2. “Im Wandel der Zeiten W√ľrfelspiel”
Das ordentliche kleine W√ľrfelspiel lag schon vor drei Jahren mit akzeptablem Echo bei uns auf dem Tisch. Wir w√ľrfeln um Personal, Nahrung und Einkommen. Mit dem Personal bauen wir St√§dte (um mehr W√ľrfel nutzen zu d√ľrfen) oder Monumente (f√ľr Siegpunkte), mit der Nahrung ern√§hren wir unsere St√§dter und mit dem Einkommen kaufen wir uns Errungenschaften, die uns vor Hunger, Durst und b√∂sartigen W√ľrfelergebnissen der Mitspieler sch√ľtzen.

Gutes W√ľrfeln am Anfang bringt ‚Äď √ľber die zus√§tzlichen W√ľrfel ‚Äď schnelle Vorteile, die im Prinzip nicht wieder ausgeglichen werden. ‚ÄěRavensburger‚Äú h√§tte die Spielidee wahrscheinlich als ‚ÄěKniffel-Variante” abgetan (siehe Spielbericht vom 26.09.2012). Doch ‚ÄěPegasus Spiele‚Äú hat dem Hoffen und Tr√§umen bei der Kombinierbarkeit von W√ľrfeln mit einer gelungenen Materialausstattung eine Chance gegeben. Schon allein dies und die kurze Spieldauer sind einen Punkt wert.

WPG-Wertung: Chrissi: 7 (ausgewogene W√ľrfeleigenschaften), Horst: 8 (W√ľrfel-Fan; das Spiel kann auch solit√§r oder als 2-Personenspiel gespielt werden und ist f√ľr Gelegenheitsspieler anbietbar), Walter: 6 (bleibt; immerhin f√ľr ‚Äěnur‚Äú ein W√ľrfelspiel!).


Kommentarfunktion ist deaktiviert