von Walter am 13.12.2012 (1.906 mal gelesen, 6 Kommentare)

Peter und Loredana sind aus dem gelobten Land zurĂŒckgekehrt. In den großartigen historischen und modernen StĂ€tten floß exodus-gemĂ€ĂŸ Milch und Honig, spielerisch haben sie sich eher in der WĂŒste gefĂŒhlt. Die paar mageren Chassidim-Spiele, mit denen sich die Orthodoxen die Sabbatruhe vertreiben, rissen sie nicht vom Hocker. Dagegen sind die Fleischtöpfe am Westpark, selbst wenn Walters Auswahl abgestanden und beschrĂ€nkt ist, schon von einem anderen Kaliber. Peter konnte sich gar nicht entscheiden, bei welchen Leckerbissen (Ursuppe, Amun-Re, Modern Art) er zuerst zugreifen sollte.

1. “Trans Europa”
Ein SiebenjĂ€hriges zum AufwĂ€rmen. Jeder muss seine fĂŒnf PflichtstĂ€dte zwischen Spanien und dem Ural an ein gemeinsam zu bauendes Eisenbahnnetz anbinden. Wer das zuerst geschafft hat, ist Sieger.
Das Spiel ist leicht, flott, konstruktiv. Hölzerne Gleisteilchen in der Hand wiegen und auf ein Spielbrett legen zu können, ist schon von der mechanischen Handhabung her ein psychosomatischer Genuß. Und die professionellen Denker können sich sogar noch ĂŒberlegen, mit welchem geschickt-geblufften Startpunkt sie ihre Mitspieler fĂŒr sich (Gleisbau-) arbeiten lassen, wĂ€hrend sie ihr eigenes SĂŒppchen kochen.

Peter glaubte, an seiner roten Pfichtstadt London kĂ€me ohnehin keiner vorbei und und startete vom blauen Marseille aus Richtung Osten. Das waren Perlen vor seine geliebte Loredana, deren Haupststrang von Bukarest ĂŒber Sophia nach Barcelona verlief. Mit riesigem Vorsprung konnte sie alle MĂ€nner regelrecht deklassieren.

Keine neue WPG-Wertung fĂŒr ein fast 8 Punkte Spiele.

2. “GIZA – The Great Pyramid”
Der Pharao fĂŒrchtet mal wieder seinen frĂŒhen Tod und wir bauen mit Hochdruck an seiner großen Pyramde. Stein fĂŒr Stein muß herangerollt werden und tausende (na ja, von jedem Spieler 8) Arbeiter werkeln am Ziehen und RĂŒckeln und Liften des Materials. NatĂŒrlich brauchen so viele Arbeiter auch Nahrung. Ohne Catering-Service lĂ€uft gar nichts.

Wir setzen unsere Arbeiter in verschiedenen BetĂ€tigungsebenen ein. Was sie dann dort tun dĂŒrfen, mĂŒssen wir auf einem „Turn Order Track“ ersteigern. Es gibt Fischfang mit mĂ€ĂŸigem Ertrag, Landwirtschaft mit gefĂ€lligem Ertrag und Fahrkarten fĂŒr den Transport unserer Arbeiter von und zu den FischgrĂŒnden am Nil, zur Kunstschmiede, in den Tempel und zu den vier Schlittenbahnen fĂŒr den Steintransport.

Um einen Stein ein einziges Feld in Richtung Ziel zu transportieren, mĂŒssen wir genĂŒgend Fish&Chips zusammenbringen. Jeder, der auf einem Transport-Stein sitzt, darf dazu beitragen. Reicht das Nahrungsangebot nicht, bleibt der Stein stehen und die knickrigen Sklavenbesitzer mĂŒssen ihre hungrigen Mitarbeiter in die Kantine am Nil zurĂŒcktragen.

GIZA – The Great Pyramid


Wird ein Stein transportiert, so bekommen die Besitzer der Auf-dem-Stein-Hockenden Siegpunkte, und zwar umso mehr, je mehr Hocker sie da oben haben. Das ist ganz unabhĂ€ngig vom Beitrag zum Catering, der allein ĂŒber Erfolg oder Mißerfolg in der Transportfrage entscheidet. Eigentlich ein Konstruktionsfehler. Es gibt zu wenig Motivation, sich gewaltig ins Zeug zu legen, um den Stein schnellstmöglich weitmöglichst zu bewegen.

Wurde ein Stein auch nur einen einzigen Meter verrĂŒckt, so fallen unverzĂŒglich alle Mitarbeiter von ihm herunter und streichen ihre blauen Flecken mit Nilwasser ein, bevor sie in EilmĂ€rschen wieder zum Stein-Schlitten fĂŒr den nĂ€chsten Transportschritt in Gang gesetzt werden. Auch das wirkt mĂŒhselig und beladen.

Zum GlĂŒck mĂŒssen wir nicht die gesamte Pyramide fertig bauen. SpĂ€testens wenn wir uns zehn Jahre lang mehr oder weniger erfolgreich hier bemĂŒht haben, werden wir entlassen. Peter reichten schon die ersten drei Jahre. Dann schlug er leicht und locker einen Spielabbruch vor. Einsichtsvoll willigten alle ein. Es gibt Schöneres zu spielen und zu arbeiten, als jahrelang nur immer hinter den Steinen am Nil herumzulungern.

Aaron hatte das Spiel erstmals in Essen angespielt. Auch damals brachten sie in den vorgeschriebenen zehn Jahren keine Pyramide zustande. Allerdings war sein SpielgefĂŒhl damals ganz anders gewesen. Besser, stromlinienförmiger. Hat jetzt der Peter beim akribischen Nachlesen der Spielregel den Ablauf neu erfunden oder haben wir etwas falsch gemacht? Die einhellige Auffassung, „das Spiel funktioniert nicht“ sollte durch ausgiebiges Regelstudium nochmals ĂŒberprĂŒft werden.

Bevor das Spiel in auf Nimmerwiedersehen in Aarons Katakomben verschwindet, noch eine einsame Walter-Wertung: 3 (mit der großen Hoffnung auf Regelfehler unsererseits.).

3. “Hanabi”
Es war klar, dass dieses kleine Kartenspiel um das puzzlehafte kooperative Ablegen von Zahlenkarten in einer streng vorgegebenen Reihenfolge unseren Logikern gefallen wĂŒrde. Tips unterhalb der GĂŒrtellinie („Du hast fast nur Schrott auf der Hand!“) wurde von den gewissenhaften Puzzlern mit strafenden Blicken gewĂŒrdigt, ließen sich aber nicht ganz vermeiden. Vor allem weil sie ja auch logisch und lustig sein können.

Mit legalen Tips hauszuhalten ist oberste Maxime. Ein Tip zum Abwerfen von gleich mehreren nicht mehr brauchbaren Karten ist Gold wert, steht aber nicht immer zur VerfĂŒgung. Auch die frĂŒhzeitige Benennung von 5er Karten hat sich bewĂ€hrt. Da diese Karten auf jeden Fall gehalten werden sollten, reduziert sich die Anzahl der unkontrolliert abzuwerfenden Karten. Und darunter ist dann garantiert | hoffentlich keine lebenswichtige.

Nach dem ersten Durchgang (oder dem zweiten?) bereitete Peter begeistert sofort den zweiten (oder dritten?) Durchgang vor. Gemeinsam erreichten wir 24 von maximal 25 Punkten.

Der Mainstream der seriösen WPG-Werter wurde von Loredana mit 6 und Peter mit 8 Punkten voll bestÀtigt.

4. “Bluff”
Nichts Neues im Westen. Das erste Spiel konnte Loredana fĂŒr sich entscheiden, im zweiten Spiel war sie als erste ausgeschieden. Hier stand Peter ganz nahe vor dem Sieg, als die vorletzte U-Bahn pfiff und er fluchtartig das Lokal verließ.

Keine neue WPG-Wertung fĂŒr ein Super-Spiel.

5. “Express 01”
In trauter, seit 25 Jahren gepflegter Zweierunde machten sich Aaron und Walter zu mitternĂ€chtlicher Stunde noch ĂŒber ein Crowdfunding Spiel her, das als „1830 – Kartenspiel“ propagiert wurde. Bei dieser göttlichen NamensankĂŒndigung konnte Aaron sich nicht zurĂŒckhalten und ist gleich mit zwei Exemplaren den Förderern beigetreten.

In der Spielanleitung steht, „Express 01“ sei ein „reines Kartenspiel“, das ist aber untertrieben. Die benötigte SpielflĂ€che ist zwar der nackte Tisch, doch dort liegen die Karten gemĂ€ĂŸ der Geographie Deutschlands wie auf einem richtigen Spielbrett. Und es gibt richtige kleine Holzlocks a la Trans-Europa und Spielbögen zum Verfolgen des Rundenablaufs.

Doch der Rest sind wirklich nur noch Karten. Höchst gediegenes Material, mindestens einen Michelin-Stern wert. Leider besitzen sie eine ĂŒberstrapazierte MultifunktionalitĂ€t: Sie sind GeldwĂ€hrung, Anteilsscheine, Landbesitz und Gleisbaumaterial. Da bleibt der Michelin-Stern gleich im Halse stecken. Zumindest fĂŒr das Geld hĂ€tte man ein paar lumpige Monopoly-Scheine zur VerfĂŒgung stellen sollen.

Wir wollten das Spiel ohnehin nur anspielen, haben es nach einer knappen Stunden aber auch mit Überzeugung zur Seite gelegt. Wir mĂŒssen uns in einer ruhigen Stunde nochmals grĂŒndlich die Spielregeln durchlesen, bevor wir „Express 01“ auf die Menschheit am Westpark loslassen. Hier nur ein paar negative Vorab-EindrĂŒcke, bei denen wir uns von erfahreneren Expressionisten gerne eines Besseren belehren lassen wollen:

  • Die abzĂ€hlbar endlich vielen Karten sind recht umstĂ€ndlich zu handhaben. Sie mĂŒssen vor jedem Spiel in 12 (oder mehr) HĂ€ufchen separiert und sortiert werden – mehr oder weniger einzeln. – Hallo Aaron, ich habe die Karten genauso wieder in die Schachtel eingerĂ€umt, wie sie auf dem Tisch herumlagen. Das erneute Sichten und Sortieren wird uns wohl nicht erspart bleiben!
  • Die Gleiskonstruktionen verlaufen am Kartenrand nicht mittig, sondern im Drittel-Abstand. Dadurch passen zwei Streckenkarten nicht a priori zueinander. Das mag zwar spĂ€ter zu einem vielseitigeren Streckennetz fĂŒhren, erhöht aber den Try&Error-Frust beim Suchen nach passenden Anschlußkarten.
  • Die Zahlenangaben zum Überbauen von Gleisen sind irrefĂŒhrend. Man kann z.B. auf die Gleiskarte 023 nicht wie angegeben die Gleiskarten 501-512 legen, sondern nur solche, die topologisch zum Gleisbau der Umgebung und farblich zum vorhandenen Bahnhof passen. Das sind sehr viel weniger, wenn ĂŒberhaupt eines paßt! Viel unnötige Sucher- und Probiererei.
  • Das Hin- und Her-Verschieben der Schwarzen Lok wirkt eher stumpfsinnig als dass es funktional Wesentliches zum Spielablauf beitrĂ€gt.
  • Auch das Vertauschen der Spielerreihenfolge nach einer PrĂ€mienauszahlung ist eher lĂ€stig statt lustig; seine magere FunktionaliĂ€t rechtfertigt nicht die nackte Existenz dieses Regelelements.
  • Die Ermittlung der „Staatlichen Subventionen“ zu Beginn jeder Runde ist ein leeres Ritual. Die Bilanzierung des Besitztums eines jeden Spielers hat die gleiche Bedeutung wie das sprichwörtliche Fahrrad, das in China umkippt.

Zum Spielverlauf: Es war uns nicht klar, wie die spielerisch unbedingt notwendige Asymmetrie in das Spiel hineinkommt, d.h. wo der Anreiz zum Engagement auf verschiedene Gesellschaftsanteile herkommen soll. Wir engangierten uns mehr oder weniger gleichmĂ€ĂŸig bei allen Gesellschaften, erstens aus der gegebenen Kostensituation heraus und zweitens um an den jeweiligen AusschĂŒttungen – auch der Mitspieler – beteiligt zu werden. Eine miesnickelige GewinnausschĂŒttung fĂŒr die mickrige Linie, von der man alleine Anteile in Besitz hat, kann doch wohl nicht der einzige Spielspaß sein.

Aarons Statement zum Abschluß: „1830 erkenne ich nicht wirklich.“

Das Westpark-Schicksal von „Express 01“ wird wohl sein, dass sich ein paar Eisenbahn-Enthusiasten und Analysten allein aus Interesse an dieser Materie nochmals ĂŒber das Spiel hermachen, um es zu zerpflĂŒcken. Das ist die einzige Vorfreude, die ich heute beim Gedanken an eine Spielwiederholung hege.

VorlÀufige WPG-Wertung: Walter 3.


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6 Reaktionen zu “12.12.2012: Deutschland, Europa, Afrika”

  1. Aaron

    …und hier dann gleich mal der Hinweis auf den grĂ¶ĂŸten Fehler, den wie bei Giza gemacht haben:

    Es wird nicht nach JEDER Bewegung des Schlittens ein Scoring durchgefĂŒhrt sondern NUR, wenn der Pyramidenstein auf dem Pyramidenfeld oder den Lift-Feldern ANGEKOMMEN ist und der Pyramidenblock vom Schlitten abgeladen wurde. Und genau deshalb werden auch nur dann die Arbeiter vom Schlitten in die Supportfelder gestellt (sprich: sie mĂŒssen nicht zurĂŒcklaufen).

    So steht es mehrfach und eindeutig in den Regeln. Seite 8 “If your workers are on a sled that is unloaded, you will immediately score Push to Camp or Pyramid victory points based on the number of workers you have on the sled.” Seite 11: “Whenever a pyramid stone is pushed or lifted to the Pyramid Site or either of the Lift sites, conduct a scoring round.” Seite 12: Scoring Tabelle: “Push to Camp or Pyramid (Workers on Stone) +4 6 3 1 —”. Es gibt keine Punkte fĂŒr das bloße Bewegen des Schlittens.

  2. Hermann Huth

    Lieber Walter,
    Du bist definitiv mein Lieblingsspielebeurteilungsheld!
    Einschub fĂŒr Linguisten: Ist es nicht schön, dass es die deutsche Sprache erlaubt beliebige Substantive zu Monstren aneinanderzureihen?
    ZurĂŒck zum Thema (beinahe hĂ€tte ich “back to topic” geschrieben, aber ich bin ja net blöd!): Ich bin mit deinen Beurteilungen nicht immer einverstanden, aber ich kann sie aufgrund deiner durchaus geschickten Argumentation fast immer nachvollziehen und habe daher – ohne Dich persönlich zu kennen – ein sehr plastisches Bild von Dir aufm Schirm!
    Meine Lieblingsrezension war die ĂŒber “Chicago”, “kein Hahn krĂ€hte danach…”
    Keep it on (ups…)!

  3. Walter

    Hallo Hermann,
    bei Deinem Lob bin ich ja fast noch rot geworden. Danke.
    I do my very best.

  4. Hermann Huth

    Hast Du dir verdient!
    Und ĂŒberhaupt sollte man mal wieder Scrabble spielen!
    Ich habe mal mit der Verwandlung eines Herings in einen Ehering auf einem 3fachwortwertfeld unglaublich viele Punkte, den Respekt meiner Mitspielerinnen (insert smilie here (ups)) sowie das Spiel gewonnen.
    Scrabble ist auf deutsch ein ganz anderes Spiel als es der Erfinder beabsichtigt hat.
    Aber ich schweife ab und schweige daher jetzt.
    Gruß an den GĂŒnther!

  5. GĂŒnther Rosenbaum

    Hallo Hermann,
    Glaub dem Walter nicht, dass er rot wird …. Hab ich in den letzten Jahren noch nicht beobachten können….
    Scrabble hab ich frĂŒher mit meiner Frau auch öfter gespielt. Allerdings kann man da nur mit Duden spielen, denn mit KreuzwortrĂ€tselfreaks mit ihren persischen Rohrflöten wird’s problematisch.
    Schönen Gruss an den Jati#10-Besitzer,
    Guenther

  6. Walter

    Hallo GĂŒnther,
    Du kennst ja nicht die Situationen, in denen ich rot werde. Vögeln im Nonnenkloster reicht nicht!