von Walter am 7.02.2013 (1.953 mal gelesen, 2 Kommentare)

Aarons war jetzt erstmals als Spieleerfinder auf der Spielemesse in N├╝rnberg. Seine Erkenntnis:

“Spieleautoren hatten es schon immer schwer, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Zu viele Spielideen treffen auf zu wenige Verlage in einem ges├Ąttigten Markt. Leider verschlechtert sich die Situation zus├Ątzlich, denn in den gro├čen Verlagen gibt es in den oberen Etagen immer weniger Leute, die aus der Spieleszene kommen und immer mehr “Jungspunde”, die reine Manager sind. Noch dazu gibt es leider genug Autoren, die auch noch die schlechtesten Vertr├Ąge unterschreiben, nur damit ihr Spiel ├╝berhaupt ver├Âffentlicht wird.”

Moritz konstatierte eine entsprechende Tendenz auch in der Musik:

ÔÇ×Ja, auch in der Musikszene gibt es Leute, die f├╝r einen Appel und einen Ei (oder umsonst) Musik f├╝r Ensembles und Orchester schreiben, nur damit sie ├╝berhaupt aufgef├╝hrt werden. Es gilt aber auch bei uns [Musikschaffenden] das Gesetz, dass die, die sich nicht anbiedern und Geld verlangen, eher als begehrt gelten, das ist dann meistens die bessere Taktik.ÔÇť

1. “Pandora und Titania”

Pandora und Titania

Pandora und Titania

Mit Pandora verkn├╝pfen Freunde der griechischen Mythologie gew├Âhnlich eine Frau, aus deren Dose allerlei b├Âse Plagen auf uns Menschen herausgekommen sind. Titania hingegen ist f├╝r Sch├Ângeister die verwirrte Ehefrau des Elfenk├Ânigs Oberon, f├╝r unpathetische Naturwissenschaftler ein chemisches Element, f├╝r pathetische Radfahrer das Leichtmetall, aus dem die geilsten Fahrradrahmen der Welt hergestellt werden, und f├╝r Brettspieler der dreij├Ąhrige Spr├Âssling von R├╝diger Dorn, erschienen bei Hans-im-Gl├╝ck.

Der Doppelname dieser beiden Frauengestalten (bzw. Frauen & Metall-Gestalten) ist der Arbeitstitel von Bernd Eisensteins neuester Sch├Âpfung, das er in diesem Jahr auf seinem Stand in Essen seinem Spielensemble von ÔÇ×PeloponnesÔÇť, ÔÇ×PergamemnonÔÇť, ÔÇ×PaxÔÇť und ÔÇ×Porto CarthagoÔÇť hinzuf├╝gen will. (Hallo Bernd, liegt in der konsequenten Verwendung des Anfangsbuchstabens ÔÇ×PÔÇť eine Methode?) Wir am Westpark durften einen schon recht weit gediehenen Prototyp unter die Lupe nehmen.

In einem Workerplacement-Spiel lassen wir unsere Gefolgsleute auf zehn verschiedenen Aktionsfeldern des Spielbretts werkeln. Zwei grunds├Ątzlich verschiedene Schienen werden angeboten. Auf der friedlichen Schiene erwerben wir Waren, verscherbeln sie an H├Ąndler oder Reeder und machen damit Siegpunkte. Auf der kriegerischen Schiene schw├Ąngern wir unsere Mannschaft mit Siegpunkt-Embryos, und schicken sie mit einem reichlichen Vorrat an Titanium (was immer das ist, im Plural hei├čt es wohl ÔÇ×TitaniaÔÇť) in den Geschlechterkampf. Mit Titanium lassen sich auch Pandoras Plagen, die wir gezielt oder frivol ├╝ber die Menschheit hereinbrechen lassen, heil ├╝berstehen, ja sogar in Siegpunkte umm├╝nzen.

Unabdingbar ist die St├Ąrkung unserer Leute f├╝r den Konkurrenzkampf durch Brot und Muckies.

Walter hatte sich gut vorbereitet und durfte eine Stunde lang in den Spielablauf einf├╝hren. Die vielen verschiedenartigen, vielleicht sogar gew├Âhnungsbed├╝rftigen, Spielelemente, ihre Sinnhaftigkeit und gegenseitigen Abh├Ąngigkeiten machen es nicht k├╝rzer. Gut zwei Stunden lang verlustifizierten wir uns damit, Pandora und Titania unterzukriegen. Es war ein kurzweiliges Vergn├╝gen, auch wenn am Ende mit Bedauern festgestellt wurde, dass die Mengen an Titan, die jeder auf seiner Seite angescheffelt hatte, keinen Pfifferling mehr wert waren.

WPG-Wertung (prophylaktisch f├╝r ein noch reifendes Spiel): G├╝nther: 7 (wenn die Kampf-Mechanismen noch befriedigend gekl├Ąrt werden), Horst: 6 (die Auswirkungen der K├Ąmpfe ÔÇô selbst wenn der Mechanismus funktioniert ÔÇô sind zu krass), Melanie: 5 (die ÔÇ×PandoraÔÇť ist ein unbefriedigendes Element), Walter: 7 (Vorschu├člorbeeren bez├╝glich letzter Kl├Ąrungen).

2. “El Paso”
In einem h├╝bschen kleinen W├╝rfel-Zockerspiel sind wir Banditen und pl├╝ndern Wild-West-St├Ądte von Abilene bis El Paso. Pl├╝ndern hei├čt: Jeder spielt eine Karte f├╝r das Objekt seiner Begierde aus, sei es in Bank, Saloon, Goldmine, Rinderweide, Hotel oder Pferdekoppel. Erbeutet wird, solange der Vorrat reicht. Dann w├╝rfeln wir – zu Beginn mit f├╝nf, sp├Ąter mit immer weniger W├╝rfeln – darum, ob Rinderweide und Saloon ├╝berhaupt betreten werden d├╝rfen, und ob nicht Sheriffs auftauchen, vor denen wir rechtzeitig geflohen sein sollten.

Wenn auch der letzte W├╝rfel einen Sheriff zeigt, muss eine Stadt ger├Ąumt sein. Wer das vers├Ąumt hat, muss seine komplette bis dahin gemachte Beute stehen und liegen lassen und mit leeren H├Ąnden in die n├Ąchste Stadt ziehen.

El Paso

El Paso

Solange die Sheriffs nicht zugeschlagen haben, darf jeder seine Beutest├╝cke in Goldnuggets (sprich: Siegpunkte) umtauschen und / oder eine bestimmte Anzahl davon mit in die n├Ąchste Stadt nehmen. Die Umtauschrate steigt von Ort zu Ort, allerdings sind die Taschen sehr klein: wer als erster eine Stadt verl├Ą├čt, kann nur ein einziges Beutest├╝ck mitnehmen, der zweite kann zwei mitnehmen, und so weiter.

Das Zocken besteht also darin, in einer Stadt solange auszuharren, bis der Erwartungswert f├╝r zus├Ątzliche Beute und dem Verlust der gesamten Beute kleiner als Null ist. Wer nichts zu verlieren hat, der bleibt. Wer ohnehin Letzter ist, oder wer Zweiter ist und unbedingt noch Erster werden will (und kann), der bleibt auch. Schnell und schmerzlos.

WPG-Wertung: G├╝nther: 5, Horst: 6 (Der Spannungsbogen ist nicht so gro├č wie erwartet), Melanie: 6 (macht Spa├č, ist locker und gibt Raum f├╝r ein bi├čchen taktische ├ťberlegungen, Abstriche f├╝r das Design: die Bonus- und Malus-Kategorien in den verschiedenen St├Ądten sind nur schwer zu erkennen), Walter: 6 (stimmiges W├╝rfelspiel, doch die Steigerung der Siegpunkt-Ausbeute in der letzten Stadt ist selbst f├╝r ein Zockerspiel zu krass.)

3. “Bluff”
Aufgrund des dringenden Bed├╝rfnisses unseres charmanten Gastes Melanie erfanden wir eine weibliche Bluff-Variante: Man darf die W├╝rfel-Vorgaben des Vorg├Ąngers beliebig erh├Âhen oder ERNIEDRIGEN.

G├╝nther brachte ein weiteres Regelkuriosum zur Diskussion: Darf der Startspieler einige W├╝rfel rauslegen und nachw├╝rfeln, bevor er seinen allerersten Tip abgibt? Mir kommt das vor wie die Erweiterung der nat├╝rlichen Zahlen bis zur Null. F├╝r einen Mathematiker ist das eine triviale nat├╝rliche Extrapolation, Pythagoras h├Ątte sich der Magen umgedreht.

WPG-Wertung: Unsere super Bluff-Noten verw├Ąsserte Melanie mit einer 7.


2 Reaktionen zu “06.02.2013: Erfinder in El Paso”

  1. Aaron

    Zu den Bluff-Varianten:

    Man darf erh├Âhen und erniedrigen: damit verliert das Spiel seine gesamte Spannung und wird gleichzeitig endlos (wenn ich mich nicht traue zu erh├Âhen, erniedrige ich eben). Oder hast Du da ein wesentliches Detail dieser variante vergessen?

    Startspieler darf rauslegen und nachw├╝rfeln: solange der Startspieler seinen Tipp abgibt, bevor er das nachgew├╝rfelte Ergebnis anschaut, sehe ich da kein Problem und sehe das sogar als erlaubte Regel bei unserer jetzigen Spielweise gesehen. Aber es w├Ąre ein Witz, wenn man sich vor dem Tippabgeben noch den nachgew├╝rfelten Wurf anschauen darf. Und dann stellt sich gleich die Frage: wieso darf das dann nur der Startspieler?

  2. Walter

    Erniedrigen: Glaubst Du immer noch an die Logik des Weibes?
    Humor ist, wenn man trotzdem lacht!