von Walter am 9.05.2013 (1.339 mal gelesen, 2 Kommentare)

Seit langem mal wieder am Westpark ein flotter Dreier. Birgit wurde explizit dazu eingeladen, aber sie wollte weder teilnehmen noch zuschauen. Schade.
Was hast Du verpaßt, Birgit? Zwei neue und zwei altbewĂ€hrte Spiele fĂŒr Erwachsene. Na ja, im Grunde genommen ist das doch immer wieder alles dasselbe.

1. “Rialto”
Stefan Feld war in den letzten Jahren ganz schön produktiv. Seit 2011 zeichnete er fĂŒr sechs renommierte Spiele als Autor: „Die Burgen von Burgund“, „Strasbourg“, „Trajan“, „Kaispeicher“, „Bora Bora“ und „BrĂŒgge“.

Rialto

Rialto

In Rialto sind wir wieder in einer weltbekannten Stadt und betÀtigen uns als

  • Doge, um Startspieler zu werden und verschiedenen PrioritĂ€ten zu genießen
  • Bauherr und bauen GebĂ€ude, die uns Spielvorteile fĂŒr das weitere Spiel gewĂ€hren geben: z.B. mehr und flexibleres Material
  • MĂŒnzer, um mit dem erworbenen Geld die Vorteile der GebĂ€ude erst finanzieren zu können/li>
  • Gondoliere, um als solcher Ratsherren zu zeugen
  • Ratsherr und versuchen in den sechs Stadteilen die Mehrheiten zu erringen
  • BrĂŒckenbauer, um den Wert der Stadtteile, in der wir die Mehrheit anstreben, zu erhöhen

Welche Rolle wir spielen, wird durch Rollenkarten vorbestimmt. Pro Runde liegt fĂŒr jeden Spieler ein Stapel mit sechs solcher Rollenkarten aus. Vom Startspieler ausgehend wĂ€hlt jeder Spieler einen Stapel und zieht zusĂ€tzlich noch zwei Karten verdeckt nach.

Diese Karten bestimmen ziemlich prĂ€destinierend unser Schicksal. Zu GlĂŒck gibt es Jokerkarten – sogar viele – , die variabel eingesetzt werden können. Und wir können GebĂ€ude mit der Eigenschaft bauen, die QualitĂ€t unserer Kartenhand zu verĂ€ndern. Doch der damit gewonnene Freiheitsgrad fĂŒr unsere Zugmöglichkeiten hĂ€lt sich in Grenzen. Alles ist gut, am Ende war irgendetwas besser.
Bei Spielende sprudeln, wie es sich fĂŒr ein gutes Feld-Spiel gehört, reichlich Siegpunktquellen. WĂ€hrend des Spiels ist allerdings nur schwer erkennbar, wo die ergiebigsten Quellen sprudeln werden. Keiner kann am Ende genau sagen, warum er gewonnen hat. GlĂŒcklicherweise trifft dieses Schicksal ja auch nur einen.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (dĂŒmpelt wenig planbar vor sich hin), Horst: 5 (nicht locker, nicht leicht, dafĂŒr aber nervig), Walter:6 (kein Spaß, kein Spiel, aber rund).
Hallo Pegasus-Verlag: Wir vermißten eine Spielhilfe, auf der jeder Spieler die Effekte und PrĂ€mien der einzelnen Rollen jederzeit klar und deutlich nachlesen kann.

2. “Divinare”
Der erste Blick auf den Namen tĂ€uscht. Es geht um nichts Göttliches, es handelt sich schlichtwegs um das englische Verb fĂŒr „erraten“.

Von den vier Farben rot, grĂŒn, gelb und blau gibt es insgesamt 36 Karten. Die Karten werden gemischt und 12 davon zur Seite gelegt. Jetzt gilt es zu erraten, wieviele Karten von jeder Farbe ĂŒbrig geblieben sind.

Das ist der nackte Kern des Spiels, doch darum herum ist ein hĂŒbsches intellektuelles, psychologisches und chaotisches Szenarium aufgebaut.

Die ĂŒbrigen Karten werden nĂ€mlich verdeckt an die Spieler ausgeteilt und jeder Spieler deckt abwechselnd eine Karte auf, bis alle Karten offen liegen. Aus der Reihenfolge, in der die Spieler die verschiedenen Kartenfarben offenlegen, lĂ€ĂŸt sich so peut-a-peut erschließen, wieviele Karten es wohl ingesamt werden könnten. Doch dieser Ablauf wĂ€re noch zu stumpf, es ist noch mehr Raffinesse eingebaut: Von den zu Spielbeginn erhaltenen Karten gibt jeder Spieler die HĂ€lfte an seinen rechten Nachbarn weiter und erhĂ€lt entsprechend viele Karten von seinem linken Nachbarn. Damit kennt jeder Spieler schon mal (in einer 3er-Runde) die HĂ€lfte aller zur VerfĂŒgung stehenden Karten und auch die HĂ€lfte der Kartenhand eines Nachbarn.

Auch das Raten der Karten jeder Farbe geht nicht ohne Schikane ab. Jedesmal wenn ein Spieler die Karte einer Farbe ausspielt, darf er einen Tipp fĂŒr die Gesamtzahl der Karten dieser Farbe bei Spielende abgeben. Er muss sogar einen Tipp abgeben, d.h. er muss beim Spielen einer Karte seinen bisherigen Tipp verĂ€ndern. FĂŒr jede Farbe darf jede Gesamtzahl nur einmal getippt werden. Wer zu spĂ€t kommt, findet seinen Lieblingstipp bereits besetzt. Wer aber zu frĂŒh gleich die (vermutlich) richtige Zahl tippt und hat noch eine Karten dieser Farbe auf der Hand, muss seinen richtigen Tipp-Platz wieder verlassen – und ihn ggf. einem besser getimed habenden Mitspieler ĂŒberlassen.

Sind die HÀlfte der Karten gespielt, werden nochmals zwei Karten an die Nachbarn weitergegeben. Damit kann man das Feld nochmals aufmischen, d.h. ggf. die Mitspieler nochmals zwingen, ihre guten Tipp-PlÀtze zu verlassen. Ganz schön trickreich. Ganz schön psychologisch. Und rechnerisch. Und planerisch. Und spielerisch!

Nach etwa 15 Minuten ist ein Spiel zu Ende. Horst verlangte spontan eine Wiederholung und bekam sie auch ohne Widerrede. WĂ€hrend die anderen immer noch im Dunkeln tappten „Es lĂ€uft ganz schlecht. Ich hab’s noch nicht verstanden“, konnte er triumphieren: „Aber ich hab’s jetzt verstanden!“ Mit großem Vorsprung wurde er Sieger. Doch er verriet nicht das Geheimnis seines Erfolges!

Wenn GĂŒnther dabei gewesen wĂ€re, dann wĂ€re es jetzt schon Mitternacht gewesen. Die vielen Varianten an möglichen Kartenverteilungen (sie gehen in die Millionen), die Auswahl der vier Karten fĂŒr die erste Weitergabe an den Nachbarn (etwa fĂŒnfzig Auswahlmöglichkeiten), die Schlussfolgerungen aus dem Empfang der Karten vom Nachbarn auf die Gesamtverteilung (jetzt nicht quantifiziert), die Reihenfolge der Abspiels der ersten vier Karten einschließlich der zweiten Weitergabe von zwei weiteren Karten an den Nachbarn (bis zu zwanzigtausend Kombinationen), das hĂ€tte er versucht, bis ins letzte Detail auszurechnen. Nicht weil er will, sondern weil er es von seiner Natur her einfach muss. Mit ihm darf man am Westpark nicht auf der Flucht sein! Wie gut, dass wir nur ein flotter Dreier waren!

WPG-Wertung: Aaron: 7 (schnell erklÀrt, schnell gespielt), Horst: 7 (interessant, regt die grauen Zellen an), Walter: 7 (vielfÀltige Herausforderungen in einem ausgereiften, spielerischen Spiel).

3. “Verflixxt!”
GĂŒnthers ausgefallene Denkzeit mussten / konnten wir jetzt noch mit einer Auswahl von Oldtimern des Hausherrn am Westpark fĂŒllen. Nachdem „Ein solches Ding“ nach kurzem Vorstellen erneut verworfen wurde, gelangte „Verflixxt!“ auf den Tisch.

Ein lockeres leichtes WĂŒrfelspiel. Zum Erholen nach geistigen Höchstleistungen sowie als Einstieg in solche. (Letzteres war heute nicht mehr vorgesehen.) Trotz vieler Material- und Regel-Erweiterungen ist die Basisversion immer noch am stimmigsten. Wir spielten nach der Variante 4: Das Spiel endet, wenn der erste Spieler alle seine Figuren im Ziel hat. Dadurch wird der trivialen Siegstrategie, nĂ€mlich niedrige Zahlen zu wĂŒrfeln, und wann immer es geht, nur die WĂ€rter zu bewegen, ein Riegel vorgeschoben.

Spielerisch, taktisch, opportunistisch, glĂŒcklich. Und schnell. Selbst unser GĂŒnther hĂ€tte hier keine Stunden Denkzeit unterbringen können. Wahrscheinlich hĂ€tte er es sogar nicht einmal versucht. Ein großer Wurf aus dem Hause Ravensburger.

Keine neuen Noten fĂŒr ein 7,4 Punkte Spiel.

4. “Anno Domini”
Wer genau weiß, ob der erste Bummerang in Europa gebaut wurde, bevor der Papst die Diskussion ĂŒber die Evolutionstheorien erlaubte und ob die Sicherheitsnadel davor, dazwischen oder danach erfunden wurde, wird seine neun Karten mit Datumsfragen am ehesten los. Wer immer falsch rĂ€t und sich dabei auch noch erwischen lĂ€ĂŸt, hĂ€uft dagegen Strafkarte nach Strafkarte vor sich auf.
Nach einer halben Stunde blickten Aaron und Walter immer noch auf einen unverÀndert strammen Besitz von neun Karten. Horst hatte deutlich abgebaut, durfte sich aber gerade mal wieder drei Strafkarten nehmen.

Nach einem vergnĂŒglichen Anfang verzichteten wir weise auf den letzten Teil der Reise.

Keine neuen Noten fĂŒr ein rundes 7 Punkte Spiel.


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2 Reaktionen zu “08.05.2013: Errate den Rialto”

  1. Birgit

    Lieber Walter,

    ich wÀre sehr gerne mal wieder dabei gewesen, aber der liebe Horst ist, was die Kommunikation der heutigen Zeit betrifft, wahrlich eine Schnecke :-) Habe also garnichts von einer Einladung gewusst.

    Freu mich einfach auf eine zukĂŒnftige Einladung von Dir.

    GrĂŒĂŸchen

    Birgit

  2. Walter

    Liebe Birgit,
    wenn der Horst und weil der Horst ansonsten keine Schnecke ist, darf ich Dich seinetwegen beglĂŒckwĂŒnschen.
    Wie sieht’s am kommenden Mittwoch aus?
    Dicke GrĂŒĂŸe Walter