von Walter am 14.06.2013 (3.101 mal gelesen, 3 Kommentare)

Wenn ich am Straßenrand stehe, mein Pferd vor mir auf der Straße, ich darauf aufsteige und ohne zu wenden und ohne die Seite zu wechseln losreite: auf welcher Straßenseite reite ich dann? Richtig: auf der LINKEN! Eine plausible BegrĂŒndung fĂŒr den Linksverkehr im Mittelalter.

Eine andere plausible BegrĂŒndung dafĂŒr ist, dass RechtshĂ€nder beim Vorbeireiten sich mit dem Schwert leichter eines ĂŒber die RĂŒbe geben konnten.

Erst das revolutionĂ€re Frankreich unter Robespierre schrieb den Rechtsverkehr fĂŒr Paris vor; Napoleon weitete dieses Gesetz zunĂ€chst auf ganz Frankreich, dann auf den gesamten europĂ€ischen Kontinent aus. Nur Königin Elisabeth blieb fĂŒr sich und in ihrem England bei links.

1. “La Loire”
Links-Loireisch oder rechts-loireisch reist unser mittelalterlicher HÀndler und unser Postkutscher im Linksverkehr zwischen Nantes und Orleans hin und her. Der HÀndler kauft unterwegs in den Dörfern Waren ein und verkauft sie auf den MÀrkten der StÀdte. Der Postkutscher transportiert jeweils ein Postgut zu einem zufÀllig gezogenen Ziel-Dorf, irgendwo auf seiner Postroute.

Mit dem Gewinn aus Transport und Verkauf leisten wir uns HilfskrĂ€fte, die es erlauben, mehr und grĂ¶ĂŸere PostgĂŒter zu transportieren, die unsere Warenerlöse steigern, und vor allem welche, die uns beim Hantieren mit den Postpferden helfen. Diese Pferde sind das Neue, das Pfiffige im Spiel: Wir mĂŒssen genau so viele Schritte gehen, wie wir Postpferde angespannt haben. Liegt unser Zielort nĂ€her, so mĂŒssen wir rechtzeitig Pferde ausspannen und in der Landschaft herumstehen lassen. Haben wir grĂ¶ĂŸere Strecken zurĂŒckzulegen, so sollten wir uns so schnell wie möglich zusĂ€tzliche Pferde besorgen. Dann ist es gut, wenn in den Dörfern um uns herum genĂŒgend herrenlose Pferden herumstehen.

Der „Hufschmied“ kann seine Zusatzpferde auch aus entfernteren Gegenden herbeischaffen, der „Knappe“ kann pro Zug gleich zwei neue Pferde anschirren, der „Kundschafter“ darf bis zu drei Pferde vor seine Kutsche angespannt haben, der „Narr“ darf mit Vollgas beim Zirkus vorfahren und die „Schildwache“ bremst unser GefĂ€hrt in Nantes und Orleans auch bei höhren Geschwindigkeiten.

Linksverkehr an der Loire

Linksverkehr an der Loire

Wir können Bauernhöfe, Burgen und Klöster in die Landschaft bauen, um den Waren- und Postverkehr anzukurbeln, um billiger einzukaufen, mehr Post zu laden und auf der Siegpunktleiste fortzuschreiten. Wir könnten … wir konnten es aber nicht! Nach einer Stunde Spielzeit hatte jeder gerade mal ein einziges HĂ€uschen gebaut, im erzwungenen Schneckentempo aber noch nicht nutzen können. Wir zogen immer noch mit lediglich einem einzigen Postauftrag unsere Halbkreise. Unsere Knappen, Kundschafter und Narren lĂŒmmelten arbeitslos herum, weil unsere Nahziele keine Zusatzpferde erlaubten oder weil gerade keine herumstanden. Und GĂŒnther hatte auf der 15-punktigen Siegpunktleiste gerade den ersten Siegpunkt verbucht.

Walter brachte den Vorschlag zum Spielabbruch vor, und alle waren umgehend damit einverstanden. GĂŒnther gestand sogar, dass in seiner ersten Begegung mit „La Loire“ bei den MĂŒnchener Spuiratzn, einer hartgesottenen Truppe von notorischen Nicht-Abbrechern, das Spiel ebenfalls abgebrochen worden war. Das Spiel hat etwas, sonst hĂ€tte es GĂŒnther wohl nicht aufgetischt. Aaron und Walter fĂŒhlten das gewisse Etwas, aber trotz intensiven Nachdenkens konnten sie es nicht in Worte fassen.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (zu langsam, zu viele Fruststellen, denkt aber immer noch darĂŒber nach, was ihm an dem Spiel gefallen hat.), GĂŒnther: 4 (offensichtlich hat man viele Schranken eingebaut, weil das Spiel ohne diese Schranken nicht funktioniert, aber mit diesen Schranken ist es Ă€tzend), Walter: 5 (das Spiel kommt zu langsam in Schwung, es fehlt das Schwelgen in Geld, AuftrĂ€gen und Zugoptionen.)

Cliquenabend schreibt: „… man muss effektiv spielen oder es lernen … Hinzu kommen die GebĂ€ude, die allerdings nur in voller Spielerbesetzung zum Tragen kommen. Ihr Nutzen oder besser gesagt deren Vorteil erschließt sich oft erst nach weiteren Partien.“ Diese Vorteile werden wir wohl gewohnheitsmĂ€ĂŸig links liegen lassen. Unsere tragische crux solae noctis.

2. “VivaJava: The Coffee Game”
Die Buchstabenkombination im Titel ließ jedesmal die Assoziation „Viagra“ aufkommen, wenn Aaron das Spiel auspackte. Heuer zum dritten Mal. Erstmals durfte er seine Schachtel auch öffnen.
Die Farbgebung ist konsequent kaffeebraun, und damit sind wir auch schon beim Thema. Wir sind Kaffeeröster und sollen alleine oder im Verein mit Partnern möglichst hochwertige Produkte auf den Markt bringen. WetterabhĂ€ngig (zufallsabhĂ€ngig) reifen fĂŒnf verschiedene Kaffeesorten (schwarz, braun, grĂŒn, gelb und weiß) heran, und wir wĂ€hlen reihum aus, welche davon wir ernten. Die erwĂ€hlten Kaffeebohnen steckt jeder Mitspieler in sein SĂ€ckchen, aus dem er, bei der anschließenden Kaffee-Produktion, ein bis fĂŒnf Bohnen blind herauszieht und dabei hofft, eine möglichst gute Poker-Farbkombination zu erzielen: Ein FĂŒnfstĂ€nder gleichfarbiger Bohnen ist SpitzenqualitĂ€t „Extra Bold“, dahinter folgen nach Pokerart der VierstĂ€nder „Bold“, das Full-House „Americano“, die Street „Rainbow“, das DoppelpĂ€rchen „Half-Caf“ und das einfache PĂ€rchen „Decaf“. Die neu erzeugten Kaffeesorten werden gemĂ€ĂŸ ihrer Rangfolge ausgelegt und bringen ihrem Erzeuger 1, 2 oder 3 Siegpunkte ein.

Kommen keine neuen Kaffeesorten auf den Markt, so liefern die ausliegenden Sorten ihren Besitzern weiterhin Siegpunkte, unterliegen aber einem Verfallsmechanismus, so dass sie nach spÀtestens 4 Runden nichts mehr wert sind.

Gutes Spiel liegt also darin, möglichst schnell und oft vier bis fĂŒnf gleichfarbige Bohnen in seinem SĂ€ckchen zu sammeln – und keine andersfarbigen -, um mit hoher Wahrscheinlichkeit den begehrten Vier- oder FĂŒnfstĂ€nder herauszuziehen. Gutes Spiel liegt NICHT darin, seine Produktionsmittel auszubauen und pro Jahr möglichst eine große Ernte einzufahren. Mit einem Sack voller verschiedenfarbiger Bohnen kann man zwar in jeder Runde eine neue Produktion herausbringen, sie ist dann aber eher gar nichts wert!

Um die Chance fĂŒr das Erzielen höchstwertiger Kombinationen zu verbessern, erlaubt das Spiel, die “Select”-FĂ€higkeiten zu entwickeln, um einzelne Bohnen aus seinem SĂ€ckchen zu entfernen oder mit der “Brew”-FĂ€higkeit einzelne gezogene, unpassende, Bohnen bei der Produktion in den Abfall zu geben. Auch gibt es eine Zugoption, mit der man eine ungewĂŒnschte Bohne aus seinem SĂ€ckchen gezielt gegen die gewĂŒnschte Farbe bei einem Mitspieler tauschen darf. Die höchstwertigen Kombinationen sind also keineswegs so selten wie beim Poker, man muss sich nur vor einem allzu unmĂ€ĂŸig gefĂŒllten SĂ€ckchen hĂŒten.

Viel Brimborium, viel Material, sogar einige hĂŒbsche Ideen fĂŒr ein doch nur ganz simples Ziel: Versuche möglichst vier bis fĂŒnf einfarbige Kaffeebohnen in Dein SĂ€ckchen bekommen.
WPG-Wertung: Aaron: 4 (das Spiel paßt in seine heutige Vorstellung ĂŒber die Kickstarter-QualitĂ€ten), GĂŒnther: 4 (“heute ist mein Vierer-Tag”; als Aufbauspiel zu schnell vorbei.), Walter: 5 (interessanter Mechanismus, doch das Plus drumherum ist als Planspiel zu chaotisch, als Chaosspiel zu ĂŒberladen)

3. “Flußpiraten”
Wenn ein Spieljahr 5 Menschenjahren entspricht, dann ist „Flußpiraten“ ein gut HundertjĂ€hriger. Schon vor 23 Jahren hat es in „Walter MĂŒller’s Spielewerkstatt“ das Licht der Welt erblickt und damals sogleich unsere Liebe gefunden. Schon vor unserem Coming-Out als Westpark-Gamers lag es hĂ€ufiger auf dem Spieltisch als 98% der ĂŒber 1000 Spiele, die wir bis heute gespielt und bewertet haben. Auch heute noch besitzt es die Frische und Knackigkeit eines Teenagers.

Wir besteigen mit unseren Pöppeln Zweimannboote und rudern damit den Fluß hinauf. Alleine darf man losfahren, hat aber gegen die starke Strömung kaum eine Chance auf dem langen Weg bis zum Ziel. Vom Start weg sollte ein Boot mit zwei Pöppeln besetzt sein, allerdings dĂŒrfen das nicht zwei eigene Pöppel sein, sondern man muss einen Konkurrenten mit ins Boot nehmen.

Und damit fĂ€ngt der Schlamassel auch schon an: Rudert man gemeinsam und erfolgreich, oder versucht man, den Konkurrenten frĂŒher oder spĂ€ter aus dem Boot zu werfen? Am Start hat das Rauswerfen noch keinen Zweck, genauso wenig wie das Alleine-Losziehen. Aber kurz vor dem Ziel ist das schon eine bedenkenswerte um nicht zu sagen lohnenswerte Option. Doch der Mitspieler geht mit dem gleichen Gedanken schwanger. Auch er möchte lieber alleine ins Ziel gelangen als mit einem Konkurrenten, der dafĂŒr womöglich sogar noch – nach einem wohldefinierten variablen Tableau – mehr Siegpunkte kassiert als er selber.

Das Hinauswerfen bzw. der Versuch dazu erfolgt nach dem bekannten Stein-Schere-Papier-Knobelprinzip: Die glĂŒckliche Wahl des Kampfmittels entscheidet ĂŒber gemeinsames Rudern, gemeinsames Herausfallen oder Überleben des gutartigen oder bösartigen Gewinners.

Nach den Schweigerunden mit Viagra auf den mageren Weiden der Loire gab es sehr viel entspannendes GelÀchter. Nicht nur deshalb.

WPG-Wertung: Aaron: 7 (resignierend: “Warum werden heute solche Spiele nicht mehr erfunden?”), GĂŒnther: 7 (ein Spiel fĂŒr die ganze Familie), Walter: 7 (spielerisch, lustig, fĂŒr seine Zeit ein Menge hĂŒbscher, neuer Ideen oder Ideenkombinationen).

4. “Diggers”
Aaron sucht immer noch nach Wegen, um mit seinem flotten, charmanten Spiel fĂŒr Genießer den Spagat zwischen Chaoten und gemĂ€ĂŸigten Planern zu schließen.

  • Ein neues Wertungssystem vermeidet das taktische Spekulieren mit den Siegpunktkarten. Es stehen hĂ€ufiger hohe PrĂ€mien an. Man kann sich sogar ganz alleine aus eigener Kraft hohe Wertungspunkte erspielen. Hier mĂŒssen die Mitspieler jetzt vermehrt darauf achten, solche PfrĂŒnde zu verhindern. Eine andere Art der Interaktion. Aber kein neuer Charme.
  • Zwei neue Sonderkarten kehren ein- bis zweimal die Siegpunkt-Vergabe um. Höchst unberechenbare Ärgerelemente. Nur wenn es sein muss.

In meinen Augen wird damit Champagner einmal gegen Malzbier und einmal gegen Pelzig’s giftgrĂŒne Bowle ersetzt.
Noch keine WPG-Wertung.


3 Reaktionen zu “12.06.2013: Viagra mit Links”

  1. ravn

    Interessant, Eure EindrĂŒcke zu “La Loire” zu lesen. Da habt Ihr Euch aber einen ordentlichen Brocken des Genres Pick-Up-and-Deliver aufgeladen. Wenn man sich da nicht durchbeissen mag, um in Folgepartien die spielerische Herausforderung zu entdecken, den Spielablauf im Griff zu bekommen, lohnt sich eine Erstpartie meiner Meinung nach nicht. Bei mir ist der Funke erst im letzten Spieldrittel der Erstpartie ĂŒbergesprungen und da hatten wir in 2er-Partie schon mĂŒhsam Stunde um Stunde mit der Übersicht, den Mechanismen und sinnvoll planbaren Zug-Kombinationen gekĂ€mpft.

    Dadurch, dass etliche Infos an verschiedenen Stellen verteilt sind, die aber alle beachtet werden wollen, macht einem “La Loire” den Spieleinstieg nicht einfacher: Wie hoch der Verkaufspreis einer Ware ist, steht auf den Karten selbst. Wie hoch allerdings der lokale Einkaufspreis ist, muss man in Kombination von Warensymbol und Flagge und stĂ€ndig wechselnder PreisĂŒbersicht mit Blick auf die Flaggenart erschliessen. Dazu kommt noch, ob und wie man das Timing hinbekommt, dass Waren dann preiswert sind, wenn man die kaufen will und kann. Ach ja, die vielen Personen, die man per Zirkus anheuern kann, wollen in ihren Boni-Funktionen auch noch entdeckt und sinnvoll genutzt werden.

    Gibt wohl eindeutig elegantere und zugĂ€nglichere Spiele im Genre. So dass die Frage bleibt, ob man sich “La Loire” wirklich antun muss, wenn es im Erstkontakt eher Frust statt Spiellust verbreitet?

  2. GĂŒnther

    Hallo Ralf,
    hat man sich erst mal durch die Regeln von “La Loire” gekĂ€mpft und auch die Personen und GebĂ€ude nĂ€her angeschaut, so sind die prinzipiellen Möglichkeiten der Entwicklung klar. Allerdings ist die bestmögliche Kombination dieser FĂ€higkeiten und deren Timing noch ziemlich offen. Um also “in Folgepartien die spielerische Herausforderung zu entdecken”, hĂ€tte der Autor auch genĂŒgend Spielspaß wĂ€hrend einer solchen Entdeckungsreise einbauen mĂŒssen! Dies ist ihm leider (meiner persönlichen Meinung nach) nicht so gut gelungen! Da gibt es glĂŒcklicherweise viele, viele andere Spiele, bei denen dieses bedeutend besser gelungen ist und man tatsĂ€chlich behaupten kann: Der Weg ist das Ziel!

  3. Micha A

    Diesmal sind wir ganz einer Meinung, siehe auch meine Kommentare zu “La Loire” und “Viva Java” auf Hall9000:

    La Loire: “Hat mir – bei zugegebenermassen nur einer Testpartie – ĂŒberhaupt nicht gefallen. Ich fand es frustrierend und einschrĂ€nkend, ohne jeglichen Pfiff.”
    Ich finde ja, ein Spiel darf gerne auch Spaß machen. Den einzigen Spaß hatte ich aber, als alle einvernehmlich mit einem Spielabbruch einverstanden waren (in Essen, trotz ErklĂ€rung und “Betreuung” durch den Autor – wir haben also hoffentlich nichts falsch gespielt…).

    Viva Java: “Sehr schönes Thema und tolles Grundprinzip, leider mit einem der Spieldauer nicht angemessem, deutlich zu hohen GlĂŒcksfakter, da trotz aller geleisteten Vorarbeit schon das Ziehen einer falschen Bohne ĂŒber Erfolg oder Misserfolg entscheiden kann.”