von Walter am 24.04.2014 (2.538 mal gelesen, 3 Kommentare)

Walter hat von seinem Sohn eine Eismaschine geerbt und probiert jeden Tag eine neue Rezeptur aus. Heute gab es „Walnussparfait“ nach einem Vorschlag von www.chefkoch.de. Es wurde auch gleich zur Einstimmung am Westpark serviert.

Doch Aaron kann man mit lucullischen Erzeugnissen nicht ĂŒberraschen. Er kennt einfach alles. Seine feine Zunge verriet ihm auch sofort, dass die WalnĂŒssen mit HasennĂŒssen verlĂ€ngert worden waren. Und dass vorher ein Krokant daraus gekocht worden war.

NatĂŒrlich besitzt auch er eine Eismaschine. Und sein Lieblingseis ist Pistazieneis. Nach einer Kostprobe in Frankreich selbst nach-er-empfunden: u.a. Pistazien kleinhacken, in Milch auskochen, absieben – und das Abgesiebte dann wegwerfen! Die teuren Pistazien! Ja, was ein richtiger Gourmet-Koch ist, der wirft unheimlich viel weg. Eine tĂŒchtige Hausfrau könnte davon noch eine zehnköpfige Familie ernĂ€hren …

GĂŒnther kĂ€mpft sich durch das Material der Glasstraße

GĂŒnther kĂ€mpft sich durch das Material der Glasstraße

1. “Die Glasstraße”
GĂŒnther hatte das Spiel schon letzte Woche angedroht. Zwar der ĂŒbliche Rosenberg-Schinken (= „tausenderlei Materialien zum Umwandeln und HochrĂŒsten“), aber ein Kennenlernen sind diese gigantischen Konstruktionen allemal wert. Noch dazu wo „die Glasstraße“ bei BGG als Neuzugang praktisch aus dem Nichts heraus in höchste Wertungsebenen emporgestoßen ist. EinfĂŒhrungstrost fĂŒr alle: „Die Glasstraße“ ist ein „minimalistischer (+) Rosenberg (-)“, d.h. die relative ZurĂŒckhaltung in der gewohnt ĂŒppigen Ausstattung macht das Spiel auch fĂŒr uns noch genießbar.

Jeder Spieler bekommt ein Landschaftstableau mit sehr viel Urwald und ein bißchen NutzflĂ€che in Form von Sandgruben, TĂŒmpeln und BĂŒschen. Der Wald muss gerodet und ebenfalls in NutzflĂ€che umgewandelt werden. Die NutzflĂ€che liefert ErtrĂ€ge, als da sind: Lehm, Holz, Kohle, Wasser und Nahrung. Wenn genĂŒgend davon beisammen ist, muss man daraus Glas herstellen oder Ziegel brennen. Mit diesen Materialen errichtet man schließlich GebĂ€ude, die sich am Ende in Siegpunkte auszahlen.

Unsere Aktionen wĂ€hlen wir in Form von Berufskarten aus einem fĂŒr alle Spieler identischen Handset aus. Z.B. gewinnt der „Brandroder“ aus dem Urwald Holz und Nahrung, und der „Muldenarbeiter“ wandelt ein gerodetes freies Feld in eine Sandgrube um und gewinnt aus jeder bereits vorhandenen Sandgrube wahlweise Sand oder Lehm. Aus fĂŒnfzehn Berufen besteht das Handset. FĂŒnf Berufskarten davon dĂŒrfen wir pro Runde vorauswĂ€hlen, von diesen aber nur drei nutzen. Die anderen vorausgewĂ€hlten Berufe treten nur dann in Aktion, wenn ein Mitspieler zufĂ€llig den gleiche Beruf ausgewĂ€hlt hat und ausspielt. Dann partitionieren (!) wir an seinem Zug und schmĂ€lern gleichzeitig den Nutzeffekt des Mitspielers. Ein gewollter Zufallseinfluß! Gut oder schlecht, das ist hier die Frage! Ohne diesen Mechanismus wĂ€re die „Glasstraße“ ein dröges Optimierungsspiel. Mit diesem Mechanismus ist es ein unberechenbares Optimierungsspiel. Verschlimmbesserung?

Sehr geistreich sind die Resourcen-Rondells konstruiert, nach denen man PrimĂ€r-Rohstoffe in die veredelten Rohstoffe Ziegel und Glas verwandeln kann (oder muss!). Die Rohstoffe liegen innerhalb zweier ziffernblattartiger Kreise. Je zwei Zeiger teilen jedes Ziffernblatt in zwei Sektoren. In dem einem Sektor befinden sind sich die ZĂ€hlmarker fĂŒr die Rohstoffe, im anderen die fĂŒr die Edelstoffe. Kommt eine Rohstoffeinheit hinzu, so wird der entsprechende ZĂ€hlmarker im Uhrzeigersinn vorwĂ€rts geschoben; wird eine Rohstoffeinheit verbraucht, wird rĂŒckwĂ€rts gezogen. Sobald vom geringsten Rohstoff wenigstens eine Einheit vorhanden ist, muss der Sektorenzeiger weitergedreht werden. Dabei wird von jedem Rohstoff automatisch eine Einheit abgezogen, und vom Edelstoff kommt automatisch eine Einheit hinzu. Eine hĂŒbsche Idee. Schon allein sie ist fĂŒr die Freaks unter den Spielern eine Anschaffung des Spiels wert.

WPG-Wertung: Aaron: 7 (fast 8, die SpiellĂ€nge stimmt; etwas zu solitĂ€r, das Thema ist rein abstrakt; er konnte sich fĂŒr die ZufĂ€lle bei der Berufszufall nicht erwĂ€rmen. [A.b.N: WĂ€ren es sonst wohl 10 Punkte geworden?]), GĂŒnther: 6 (fand das GlĂŒckselement eher lustig), Walter: 6 (sammeln und bauen, hoffen und leiden. Ein Nochmals-Spielen wĂ€re rein zum Zeitvertreib).

Aaron gewann mit 21 Siegpunkten. Das zeigt, dass man hier mit jedem Punkt geizen muss. Frage an die erfahrenen Glasstraßer: Ist das jetzt normal“ oder haben wir in unseren vier Runden ungewöhnlich wenig Siegpunkte eingefahren?

2. “Helios”
Wir sind „Hohepriester“ in einer „entfernten Welt“ und suchen „Ruhm“ fĂŒr einen „Eintrag in die GeschichtsbĂŒcher“. Na, wenn das kein konkretes Thema ist!

Wie in der „Glasstraße“ bekommt jeder Spieler ein Landschaftstableau, das er sukzessive mit LandschaftsplĂ€ttchen ausbaut. Diemal sind die PlĂ€ttchen aber nicht rechteckig sondern hexagonal. Die ErtrĂ€ge bestehen auch nicht aus Lehm, Holz oder Wasser, sondern aus grauen, grĂŒnen, blauen, braunen oder schwarzen Holzklötzchen. (Ehrlich gesagt, die abstrakten Farben gefallen mir hier mindestens genauso gut wie irgendwelche zusammengefaselten konkreten Begriffe.)

Mit den geernteten Holzklötzchen dĂŒrfen wir in einer Tempelstadt Tempel errichten, die unseren weiteren Landschaftsbau fördern, uns Mana (in Form von roten Plastik-Knöpfen) spenden, Siegpunkte einfahren und unseren Sonnenwagen auf Touren bringen.

Mit der Mana kaufen wir PersonenkĂ€rtchen, die uns – nach Aktivierung ĂŒber entsprechende Rohstoffzahlung – weitere Siegpunktquellen eröffnen. Beispielsweise bringt uns die „Prophetin“ am Ende fĂŒr jedes Hexagon in unserem Landschaft zwei zusĂ€tzliche Siegpunkte ein. Eine wahre Feldsche Siegpunkt-Suppe im Kallenborn & Prinzschen Pelzmantel.

Und der Sonnenwagen? Das ist ĂŒberhaupt die geilste Idee in „Helios“. Jeder Spieler hat einen Sonnenwagen (gelber Knopf), mit dem er um seinen Landschaftsgarten herumfahren kann. Jedes LandschaftsplĂ€ttchen, das er dabei berĂŒhrt, trĂ€gt FrĂŒchte. (Rohstoffe in den bereits genannten Farben). Hat der Sonnenwagen die Landschaft einmal umkreist – das geht natĂŒrlich schneller a) je grĂ¶ĂŸer seine Geschwindigkeit und b) je kleiner unser Garten ist -, gibt es ebenfalls Siegpunkte.

Die Aktionen der Spieler – Landschaftsbau, Tempelbau und Helios-Bewegung – sind nicht frei wĂ€hlbar. Pro Runde wird von jeder Aktion eine begrenzte Anzahl freigegeben. Die Spieler greifen reihum zu. Und wenn eine bestimmte Aktion vergriffen ist, muss man sich – in dieser Runde – mit einer anderen begnĂŒgen. Das kann u.U. sehr peinlich werden, besonders wenn man seinen Sonnenwagen nicht mehr bewegen kann, so dass in dieser Runde keine Rohstoffe mehr nachwachsen.

Auch bei der Auswahl der farbigen LandschaftsplĂ€ttchen herrscht große Konkurrenz. Jeder Farbe ist nur einmal vorhanden. Und da man fĂŒr den Tempelbau bestimmte Farben vordringlich braucht, gibt es immer eine große Nachfrage nach den besonders eintrĂ€glichen Farben. Dieses deutliche Interaktionselement ist aber eher defensiv als aggressiv: Es geht nicht darum, einem Mitspieler eine Aktion oder eine Farbe wegzuschnappen, man schielt nicht nach fremden PlĂ€nen, um sie zu durchkreuzen. Die SpielzĂŒge haben eher zum Ziel, sich selber die unbedingt notwendige Aktionen fĂŒr die eigene Weiterentwicklung abzusichern. Absolut familientauglich. Auch wenn das Spiel erst ab zehn Jahre empfohlen wird.

Walter suchte sein GlĂŒck als Speedy mit dem Sonnenwagen und ganz kleiner Landwirtschaft. Doch ohne ein Mindesteinkommen an Brot und Wein lĂ€ĂŸt sich nicht gut beten. Weit abgeschlagen wurde er Letzter. GĂŒnther ging sofort auf das Mana los, riß sich – mit Mana-PrioritĂ€t – die besten Personenkarten unter den Nagel, und machte sich dann konsequent an den Ausbau seiner Latifundien. So wurde er mit 122 Siegpunkten Sieger vor Aaron mit 108 Punkten.

WPG-Wertung: Aaron: 7 (einfaches rundes Spielchen, mit leider hunderttausend Siegpunktquellen und leider entsprechend umfangreichem Regelwerk), GĂŒnther: 7 (deutlich mehr Konkurrenz und Interaktion als beim Rosenberg), Walter: 7 (das Spiel ist schnell und funktioniert).

Frage am Rande: Warum heißt in „Helios“ der Sonnengott AHAU? WĂ€re MaKaMaPri (nach dem Autoren-Duo) nicht ein viel sinnigerer Name gewesen?

3. “Abluxxen”
Unsere Wahl zum „Spiel des Monats“ steht vor der TĂŒr, und wir haben erst wenige Kandidaten zur Auswahl. Da sollten wir uns mit „Abluxxen“ (Spielbericht vom 1. April) doch noch mal einen der beiden TitelanwĂ€rter unter die Lupe nehmen.

Im ersten Spiel gab es eine ĂŒppige offene Auslage und keiner gönnte dem anderen das Nachziehen. Fast unbehelligt brachte jeder peut-a-peut seine Kartenhand im eigenen Auslage-Stapel unter. Aaron machte fertig und bekam 13 Siegpunkte; GĂŒnther und Walter hatten noch eine bzw. zwei Karten auf der Hand und bekamen entsprechend weniger.

Dann wurde uns allen bewußt, dass man nur dann gut punkten kann, wenn man die Anzahl seiner Handkarten systemmatisch erhöht. Und das geht nur durch Abluxxen: ein spannender Kampf um die höchsten und dicksten Kartenmultitupel begann. Höchstmaß an Interaktion. Bei jedem Zug, auch dem der Mitspieler, ist man involviert. Und der GlĂŒcksgöttin ist auch ein hĂŒbsches PlĂ€tzchen eingerĂ€umt. Aber nach dem Gesetz der großen Zahl gleicht sich der GlĂŒckseinfluß frĂŒher oder spĂ€ter wieder aus. Wie beim Skat.

Aaron: „Das Spiel hat etwas von der QualitĂ€t von „6 nimmt“. Immerhin eines unsere beliebtesten Absacker-Spiele.

WPG-Wertung: Aaron, GĂŒnther und Walter erhöhten unisono ihre Wertungsnoten um einen Punkt auf je 8. Das nĂ€chste Spiel des Monats scheint gesichert.

Es lohnt sich offenbar doch, ein funktionierendes Spiel noch ein zweites Mal auf den Tisch zu bringen. Man kann dabei gelungene Details entdeckten, die einem beim ersten Mal schlichtwegs entgangen sind.

“El dĂ­a de la bestia”

Ein Spiel von heute. Aber nicht auf dem Spieltisch am Westpark. “La Marca“ schrieb dazu im Internet:«Otra vez ellos, los alemanes. Otra vez Ă©l, Josep Guardiola. Otra vez el Bayern de MĂșnich, actual rey de Europa. »

Horst war deswegen extra zuhause geblieben, um am Fernseher die Bestie zubeißen zu sehen. Irgendwie war sie dann doch ziemlich zahnlos. Schaun wir mal, was am kommenden Dienstag passiert. Auch die Bayern tienen cojones. Hoffentlich.


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3 Reaktionen zu “23.04.2014: Sonnengott und Glasperlenspiel”

  1. Florian

    21 Punkte ist in der ersten Partie Glasstraße sehr ordentlich. Habe allerdings hauptsĂ€chlich mit dem Zweierspiel Erfahrungen, wo es wegen des geĂ€nderten Kartenmechanismus vielleicht etwas weniger Punkte gibt.

  2. Klaus Knechtskern

    nönö, die Punktzahl ist schon in Ordnung. Ich habe noch kein Ergebnis jenseits der 30 erlebt.

    Dem Kommentar “Ein gewollter Zufallseinfluß! Gut oder schlecht, das ist hier die Frage! Ohne diesen Mechanismus wĂ€re die „Glasstraße“ ein dröges Optimierungsspiel. Mit diesem Mechanismus ist es ein unberechenbares Optimierungsspiel. Verschlimmbesserung?”

    möchte ich widersprechen, denn der Zufall ist nur scheinbar dominant in dieser Hinsicht. Vielmehr wird hier exakte Planung und Beobachtung der Gegner und deren potentielle Auswahlen belohnt.

    GrĂŒĂŸe

    Klaus

  3. Walter

    Hallo Klaus,
    auch Deinem Kommentar möchte ich widersprechen: In der „Glasstraße“ ist zunĂ€chst mal alles symmetrisch: gleiche Landschaftstableaus, identische Set von Berufskarten, gemeinsame Auslage von Landschaftsteilen und BonuskĂ€rtchen. Die einzige Unsymmetrie ist die unterschiedliche Zugreihenfolge. Wenn es den „Zufall“ (oder wie immer man das nennen mag) bei den Berufskarten nicht gĂ€be, dann könnte man eine eindeutige Gewinnstrategie ausrechnen, anhand der zumindest der Startspieler unweigerlich gewinnen mĂŒĂŸte.
    Dieser zweifellos „dröge“ (oder wie wĂŒrdest Du das bezeichnen) Mechanismus wird allein durch die Zufallseffekte der Berufskarten aufgeweicht. Hier die Gegner genau zu „beobachten“ ist gewiß nĂŒtzlich, doch letztendlich entscheidet eine RIESIGE Portion GlĂŒck, ob die aus den Beobachtungen gezogenen Schlußfolgerungen auch zutreffen. Vergiß nicht: Die Gegner beobachten doch auch! Auch sie wĂ€hlen und ziehen Karten, die zu den Ambitionen ihrer Mitspieler kontraproduktiv sind. Vorauszusehen, was ein Gegner tut, der seinerseits sich bemĂŒht, die GegenzĂŒge vorauszusehen und sich entsprechend ANDERS ALS VORAUSSEHBAR zu verhalten, ĂŒberschreitet fĂŒr mich ganz klar die Grenzen der Berechenbarkeit. Es ist Zufall und GlĂŒck.
    Wie Du hier noch Deine „EXAKTE PLANUNG“ unterbringen kannst, ist mir absolut schleierhaft. Vielleicht kannst Du fĂŒr uns und unsere Lesergemeinde hier noch etwas dazu andeuten, in welche Richtung Deine Planungen auf der „Glasstraße“ gewöhnlich abzielen.
    Viele GrĂŒĂŸe Walter