von Walter am 24.07.2014 (2.250 mal gelesen, 2 Kommentare)

Wie viele Buch-Autoren können von ihren Romanen leben? Wie viele Maler von ihren Bildern? Wie viele Musiker von ihren Kompositionen? Und wie viele Spieleautoren von ihren Spieleerfindungen? Solche Aktivitäten bleiben wohl immer zu 99,9% das Hobby von Idealisten, die ihr tägliches Brot woanders verdienen oder verdient haben. Idealismus muss sich von alleine auszahlen, durch Freude am Tun und Freue am Sein.

An der Universität Linz hat man vor Jahrzehnten in der EDV-Steinzeit eine Datenbank für Abfragen über das römische Recht entwickelt. Mit Lochkarten. Wer wissen wollte, ob da irgendwo „in dubio pro reo“ steht, musste per gelber Post eine Anfrage nach Linz schreiben und bekam dann mit gelber Post auch die Antwort.

Peter hatte die Idee, das Ganze in eine moderne EDV-Oberfläche zu gießen, und Günther kümmerte sich um eine perfekte Implementierung. Schon seit ein paar Monaten erfreut sich ihre „Amanuensis“-Anwendung größter Beliebtheit. Kostenlos. Ach, wie schön ist doch ein Idealismus!

Istanbul – Wer findet den schnellen Weg?

Istanbul – Wer findet den schnellen Weg?

1. “Istanbul”

Wer die Diskussion ĂĽber die Startspieler-Dominanz von Istanbul in den Kommentaren zu unserem letzten Spielbericht verfolgt hat, kann sich vorstellen, mit welchen gespannten Ambitionen wir heute erstmals in einer 5er Runde das Spiel angingen.

GĂĽnther als anerkannter Fuchs bekam ohne Gegenrede die “aussichtslose” fĂĽnfte Position zugeteilt; nach unserer Standard-Sitzordnung war Walter dann Startspieler.

Schon in der halben Stunde, während Aaron die Neulinge Loredana und Peter in das Spiel einfĂĽhrte, analysierte er den schnellen sicheren Weg zum berĂĽhmt-berĂĽchtigten ersten roten Moschee-Plättchen. Das Tuchlager fĂĽr die dafĂĽr benötigten roten Waren lag zwei Felder entfernt vom Ausgangsfeld Brunnen in Richtung 6 Uhr. Die kleine Moschee lag drei Felder entfernt in Richtung 1 Uhr. Wie kann man diese beiden Wege in zwei ZĂĽgen zu je zwei Feldschritten zurĂĽcklegen. Eine hĂĽbsche kleine Logikaufgaben. Wobei die bisherigen Angaben zur Lösung noch nicht vollständig sind. Das beigefĂĽgte Bild zeigt die Restangaben …

Walter als Startspieler fand die Lösung nicht. Vielleicht wollte er seine Gehilfen auch nicht vom Start weg gleich so weit auseinander platzieren. Loredana als Zweiter ging diesen Weg auch nicht. Genausowenig wie Peter und Aaron. Vier Spieler waren an Andreas Daiber’s Killerzug vorbeigegangen, ehe Günther in der letzten Position die Gelegenheit beim Schopf nahm und diesen Zug tat: Er setzte seinen Meister in die Polizeiwache (ein Schritt in Richtung 12 Uhr), löste damit seinen Cousin aus und schickte ihn ins Tuchlager für die roten Waren. Im zweiten Zug konnte ihm keiner mehr verwehren, seinen Meister auch noch die zwei Schritte nach rechts in die kleine Moschee gehen zu lassen und sich das billige, aber höchst effektive rote Moschee-Plättchen anzueignen. Bravo!

Doch schon ab dieser Runde befand sich das Spiel in einem eingeschwungenem Zustand. Es gab es keine Privilegien mehr, die sich aus der Zugreihenfolge ergeben hätten. Jeder verfolgte seinen eigenen Plan, der aber von Zug zu Zug an die aktuellen Gegebenheiten angepaßt werden mußte. Die fremden Cousins lockten als Geldeinnahme genauso wie die fremden Meister durch den geforderten Obolus abstießen. Es liegt viel Geld auf den Straßen von Istanbul. Als Quellen und als Senken. Ohne ausreichende Finanzmittel sind alle Mehrzüger mit erheblichen Risiken behaftet. Und falls man doch mit ausreichenden Finanzmitteln versorgt ist, verplempert man sie keinesweg leichtfertig für Felder, auf denen fremde Meister stehen.

Kurz und gut: Aaron als vierter Startspieler (und alter Hase) wurde Sieger; Peter als dritter Startspieler (und Neuling) wurde Zweiter, und Günther als letzter Starter wurde Dritter. („Wenn Günther nicht gewinnt, muss es ein Glücksspiel sein!“) Wo Walter als erster Startspieler landete, könnt ihr euch ausrechnen, wenn ich sage, dass Lordana Vorletzter wurde. Daiber’s Startspieler-Hypothese war mit einem einzigen Gegenbeispiel ad absurdum geführt.

Allerdings: GĂĽnther hätte um ein Haar doch gewonnen. Er war unmittelbar davor, im Sultansplalast den letzten Edelstein zum Sieg zu erwerben, da besetzte Aaron dieses Feld, und GĂĽnther hatte nicht mehr genĂĽgend Geld, den jetzt fĂĽr dieses Feld geforderten Obolus zu bezahlen … Ist doch etwas dran am Vorteil des schnellen roten Moschee-Plättchen? Vielleicht. Doch in der Menge an Grundrauschen von Interaktion und wohldosierten ZufallseinflĂĽssen ĂĽber WĂĽrfel, Bonuskarten, Markt-Nachfrage, Schmuggler und Gouveneur geht dieser ganz gewiss unter.

WPG-Wertung: Zu unserem bisherigen Durchschnitt von 8,2 Punkten vergaben: Loredana: 8 und Peter 9 (von zunächst 8 auf 9 verbessert, „weil es auch noch zu fünft höchst gefällig und spielerisch ist“).

2. “Blöder Sack”

Das Spiel war letzte Woche schon mehr oder weniger durchgefallen. Trotzdem wurde es heute nochmals aufgetischt. Erstens kannten es drei der heutigen Mitspieler noch nicht, und zweitens wurden den von Istanbul noch rauchenden Köpfe ein paar Minuten Abkühlung gegönnt. Ein deutlicher Pluspunkt für den Blöden Sack.

Da das Spiel nur für vier Mitspieler ausgelegt ist, verzichtete Walter freiwillig auf eine Teilnahme. Problemlos. In einem schnellen Party-Würfel-Dödelspiel macht das Zuschauen genausoviel Spaß wie das Mitspielen.

Bemerkungen während des Spielens: „Jetzt weiĂź ich, warum das Spiel ‚Blöder Sack’ heiĂźt!“ „Mit meiner Schwester (?) könnte ich es den ganzen Abend (?) spielen!“ „Pervers“! … „Der Verlag gehört dafĂĽr gehauen, dass er das Spiel nicht zur Reife gebracht hat!“ „Es ist unfaĂźbar, dass es bei KOSMOS erschienen ist!“

Peter gewann, weil er nach dem Einläuten der Schlußrunde noch fünf Blöde Sunkte einheimsen konnte, während die Mitspieler sein letztes Sacksen nur ohnmächtig beobachten konnten. Günther gewann also wieder nicht, ja er wurde sogar Letzter. Was sagt das über den Charakter von „Blöder Sack“?

WPG-Wertung: Die heutigen Neulinge blieben noch unter dem bisherigen Durchschnitt von 4,66. Günther: 4 (bei so wenigen Siegpunkten ist das Ende unbefriedigend), Loredana: 4 (man könnte es nochmals spielen. Ein paar Säcke mehr als Bedingung für das Spielende wären besser. [Dann hätte Walter nicht so gerne freiwillig ausgesetzt!]), Peter: 4 (Die Idee ist nett, aber für die Geschmäcker am Westpark fehlt das Feintuning; Sudden-Death würde das Spiel viel besser machen).

Hallo Rüdiger, hallo Ralph, in „Blöder Sack“ verliert der Startspieler! Garantiert! :-)

3. “AbluXXen”

Mit Spannung und Spielfreude schon viermal bei uns gespielt, durfte Loredana diese hĂĽbsche kleine Kartenspiel heute kennenlernen. Sie wäre sogar als Sieger hervorgegangen, wenn sie nicht im letzten Durchgang noch von einem Mitspieler – von wem wohl ? – ĂĽberholt worden wäre.

WPG-Wertung: Loredana: 9 (das Spiel ist schnell, planbar und lustig; auch das Merken lohnt sich. Und spielerisch-positive Schadenfreude gibt es reichlich.)

4. “Nobiles”

Peter und Loredana waren schon mit der vorletzten U-Bahn abgedĂĽst, als Aaron dem interessierten Restpublikum seine neuesten Ă„nderungen an „Nobiles“ vorstellte. Er muss hier, wie wohl jeder Autor, die Erwartungen der „StraĂźe“ mit den Anforderungen der „Elite“ in Einklang bringen. Schon beim Bieten um die HäuptlingswĂĽrde geht es um die Frage: verdeckt oder offen? Die StraĂźe fordert ein verdecktes Bieten, aber – wenn ich mich recht erinnere – hat Moritz das vor kurzem mal fĂĽr als „eines der schlechtesten Spielelemente ĂĽberhaupt“ apostrophiert. Zumindest in einem Denker spiel.

Weiterhin in Ăśberlegung: Sollen die Ressourcen immer äuĂźerst knapp sein? Oder wäre ein bisschen Schwelgen darin nicht ein psychologisches Zugeständnis an die Spielfreude durch erleichterte Herausforderungen? Der Zutritt zu Ă„mtern im Rathaus, die Kosten fĂĽr das dortige Werden und Sein, sowie die VergĂĽtungen dafĂĽr, mĂĽssen noch weiter ausbalanciert werden. Oder sollte der Häuptling nach dem „Kreml“-Prinzip nicht besser nach jeder Runde automatisch sterben und neu gewählt werden mĂĽssen …

Noch keine WPG-Wertung.


2 Reaktionen zu “23.07.2014: Die Crux des Startspielers”

  1. Andreas Daiber

    Liebe Leute vom Westpark,
    es seien mir nun doch noch zwei kleinere Einwände gestattet, einfach nur streng logisch:
    a) Unser Befund beruht auf der “Versuchsanordnung”, dass wenn der erste oder zweite Startspieler den von Euch so getauften “Killerzug” vornimmt, seine Siegchancen ĂĽberproportional groĂź sind. Dabei bleibe ich, bei Euch haben ja die ersten vier Spieler nicht so gespielt, womit sich keine Aussage zu unserem Befund ergibt. “Ad absurdum” gefĂĽhrt wurde damit gar nichts.
    b) Indirekt bestätigt Ihr unseren Befund sogar noch: Wäre nämlich GĂĽnter mit der “Killerzug”-Strategie vor Aaron am Zug gewesen, hätte er ja gewonnen! Q.e.d.
    Und damit hat sichs auch von meiner Seite! Die Zukunft wirds ja weisen…
    Weiterhin so viel SpaĂź am Spielen wie in unserer Spielerunde am PeiĂźenberg!
    Herzliche GrĂĽĂźe, Andreas

  2. Andreas Ruepp

    Liebe Westpark Gamers,

    nach ein paar Partien Istanbul möchte ich mich auch zum Thema „Die Crux des Startspielers“ äußern. Ralph Bruhn hat natürlich recht, wenn anmerkt, dass Istanbul durch überlegene Strategie oder die Glückselemente beim Würfeln und Karten ziehen gewonnen oder, wie von Walter bemerkt, durch schlechtes Spiel verloren werden kann. Wenn man aber von ähnlich starken Spielern mit vergleichbarem Spielglück ausgeht, erscheint mir die Kombination aus Startspieler und rotem Moscheeplättchen bei der Standardaufstellung “Kurze Wege” doch sehr stark. Über viele Partien gesehen wird der Startspieler meines Erachtens auf den vorderen Plätzen zu finden sein.
    Dazu eine „sichere Gewinnstrategie“ zu erarbeiten würde einen vertretbaren Zeitrahmen deutlich sprengen.

    Viele GrĂĽĂźe,
    Andreas