von Walter am 4.12.2014 (2.084 mal gelesen, keine Kommentare)

Es wird immer wieder mal moniert, dass wir nach einem einmaligen Spielen uns bereits trauen, ein Spiel zu bewerten und Spielberichte dar├╝ber schreiben, die den Anspruch einer Rezension haben. Moniert wird das nat├╝rlich in der Regel von Spielern, die einen anderen Geschmack haben als wir.

OK, OK, zuweilen spielen wir etwas falsch und zuweilen entsteht daraus bei uns ein falscher Spieleindruck. Nobody is perfect. Dass wir aber keine Spielregeln aus dem Regelheft abzuschreiben, ist beabsichtigt; es erspart uns Schreibarbeit und unseren Lesern Lesearbeit. Wir bringen von den Regeln nur so viel, dass ein Leser unseren Spieleindruck, unser Lob und Tadel in etwa richtig einordnen kann.

Schlie├člich sind wir drei, vier oder mehr K├Âpfe, die zu einem neuen Spiel ihr Spielgef├╝hl entwickeln und zum Ausdruck bringen. Das sollte dann schon nicht so ganz weit weg von der Realit├Ąt entfernt sein. Au├čerdem. Ein Spiel ist wie ein Wein: Es reicht schon ein erster Schluck um zu erkennen, ob es ein gelungenes Produkt ist oder nicht. Prost.

├ťbrigens: DER Wein, der mich in diesem Jahr auf Anhieb ├╝berzeugt hat, war ein Tignanello. Eine tolle Empfehlung f├╝r alle, die noch Weihnachtsgeschenke suchen oder sich am Heiligen Abend selbst etwas g├Ânnen wollen.

1. “La Isla”

Stefan Feld war sehr flei├čig. Dieses Jahr in Essen sind Aaron gleich drei Neuerscheinungen von ihm aufgefallen: ÔÇ×AquasphereÔÇť bei Pegasus Spiele, ÔÇ×Br├╝ggeÔÇť ÔÇô Erweiterungen bei HiG und ÔÇ×La IslaÔÇť bei Ravensburger. Der Mann hatÔÇÖs geschafft. – Auch wenn Ravensburger es offensichtlich nicht beim ersten Anlauf geschafft hat, ÔÇ×La IslaÔÇť zum angek├╝ndigten Termin oder zu den anvisierten Herstellungskosten auf den Markt zu bringen: Der Termin wurde verschoben, die h├╝bschen, h├Âlzernen Forscher durch d├╝nnes (aber immer noch funktionelles) Plastikmaterial ersetzt, und die Spielhilfe radikal auf eine Version pro Spielersprache zusammengestrichen, obwohl die Spielhilfe zum Verst├Ąndnis und Merken der Bedeutung von 180 verschiedenen Aktionskarten nahezu lebensnotwendig ist.

Pro Zug zieht jeder Spieler verdeckt drei dieser Aktionskarten, begutachtet sie (mit oder ohne Spielhilfe) und ordnet sie jeweils einer Spielphase zu. In jeder Spielphase hat jede Aktionskarte eine andere Bedeutung: In der Phase 1 reiht man die entsprechende Aktionskarte in sein Portefeuille ein und darf im weiteren Verlauf ihr Privileg nutzen. N├Ąheres kriegen wir sp├Ąter. In Phase 2 bekommt man einen Spielstein in einer bestimmten Farbe daf├╝r, und in der Phase 3 darf man einen Marker auf einer von f├╝nf Wertungsleisten nach oben schieben. Zwischen diesen Phasen darf man einmal einen seiner sechs schlanken Plastikforscher auf ein ausgew├Ąhltes Feld des 25 Felder gro├čen Spielbretts schicken. Dort bleibt er in der Regel stehen, bis dass der Tod uns scheidet.

Ein Mitspieler darf seine Forscher auf die gleichen Felder stellen wie wir. Es herrscht keine Monogami und es kostet auch nichts extra. Frisch, fromm, friedlich wird die Insel mit Forscherp├Âppeln belebt.

Zwischen den Forscherfeldern des Spielbretts liegen Tierpl├Ąttchen. Hat ein Spieler an den zwei, drei oder vier Ecken eines Tierpl├Ąttchens seine Forscher platziert, so darf er das Tierpl├Ąttchen einstreichen und bekommt daf├╝r sofort und/oder bei Spielende Siegpunkte.

Um diese Tierpl├Ąttchen k├Ânnte es eine echte Konkurrenz gegen, denn wenn das Pl├Ąttchen weg ist, bekommen die Hinterbliebenen nichts mehr. Allerdings ist die Insel gro├č, der Forscher wenige, der Tierpl├Ąttchen viele, und die Auswahl der Felder, auf die man seine Forscher stellen darf, ohnehin begrenzt, so da├č gro├če Lust an und auf Konkurrenz erst gar nicht aufkommt. Zudem spielt ein guter (Go-)Spieler bei sich selbst, so dass schon aus diesem Grund die guten Spieler sich nicht ins Gehege kommen.

Jetzt noch zu den Privilegien auf den Aktionskarten. F├╝r ausgew├Ąhlte Forschungst├Ątigkeiten, f├╝r das Platzieren an, bei, neben oder unter ausgew├Ąhlten Stellen bekommt man Siegpunkte, zus├Ątzliche Spielsteine, braucht weniger Spielsteine um einen neuen Forscher zu platzieren, darf einen Wertungsmarker nochmals verschieben, kann die Farben seiner Spielsteine wechseln, bekommt zus├Ątzliche Forscher, zus├Ątzliche Kapazit├Ąten f├╝r seine Privilegien, zus├Ątzliche Aktionskarten zur Auswahl, und was dergleichen Effekte mehr sind. Der gute Stefan Feld hat sich immerhin 180 verschiedene M├Âglichkeiten daf├╝r ausgedacht. Fast ein Rosenberger!

Wann ist das Spiel zu Ende? Wenn die f├╝nf Wertungsmarker sich auf eine bestimmte Wertungssumme hochgeschoben haben! Dann wird der gesammelte Besitz an Tierpl├Ąttchen nochmal durch alle Wertungsm├╝hlen gedreht. Friedlich und fromm.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (das Spiel ist schnell, aber ich kann ihm nichts abgewinnen. 3 Karten ziehen und nach bestem Wissen und Gewissen einsortieren, macht mich nicht satt), G├╝nther: 5 (komplett solit├Ąr und zuf├Ąllig), Horst: 6 (gute Kombination aus schnell und ├╝berschaubar, keine lange ├ťberlegenszeiten, h├Ątte gerne noch vier bis f├╝nf Runden l├Ąnger gespielt, h├Ątte dem Spiel 7 Punkte gegeben, wenn das Ende nicht so abrupt gekommen w├Ąre), Walter: 5 (Interaktion ist gleich Null).

2. “El Gaucho”

Aarons Engelszungen und dem eigenen schlechten Gewissen, durch Anf├Ąngerfehler die geniale Spielkonstruktion zum Einsturz gebracht zu haben, war es zu verdanken, dass ein bereits halb-abqualifiziertes Spiel nochmals auf den Tisch kam. (Siehe Spielbericht von letzter Woche.) Alle richteten ihre Blicke konzentriert auf den Viehdieb; jeder hatte die Absicht, ganz vorsichtig zu agieren, d.h. nur aufsteigende Ketten von zun├Ąchst kleinen Rinderwerten zu bilden, und dem Viehdieb keine leichte fette Beute zu ├╝berlassen. Zudem lieb├Ąugelte jeder, sogar unser Gegenstrategist Aaron, mit einem halben oder ganzen Auge in die Richtung, selber Viehdieb zu werden.

El Gaucho

El Gaucho

Dabei h├Ątte G├╝nther die G├╝ntherrolle (siehe Spielbox-Diskussion zu ÔÇ×El GauchoÔÇť) gerne den Mitspielern ├╝berlassen; ihm geht es bei allem Siegeswillen immer auch darum, die verschiedenen Strategien eines Spiels auszuprobieren, selbst wenn da mal was in die Hose gehen k├Ânnte. Sollte er aber kalten Blutes heute zusehen, wie Walter ihm den G├╝nther macht? Das ging dann doch ├╝ber seinen Altruismus. Also schl├╝pfte er der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb doch wieder selber in die Rolle des Viehdiebes, holte konsequent den Mitspielern das beste Pferd aus dem Stall … und gewann erneut mit nicht unerheblichem Vorsprung.

Die Stimmung war friedlich. Jeder war ja auf diesen Ablauf gefasst gewesen, nur der Erfolg oder Misserfolg dieses Vorgehens war offen. Aber unsere Vermutung des ersten Anscheins wurde vollauf best├Ątigt: der beste Viehdieb gewinnt.

Alle waren mit dem Viehdieb-Mechanismus in ÔÇ×El GauchoÔÇť grunds├Ątzlich einverstanden. Er passt thematisch und ist ein h├╝bsches Interaktionselement, das dem ansonsten eher solit├Ąren W├╝rfeln-und-Einherden deutlich Spannung und Lebendigkeit verleiht. Doch muss es alle anderen ehrlichen Vorgehensweisen so entscheidend dominieren? W├Ąre es nicht auch halbstark gegangen?

Bei uns wurde keine einzige 4er Kette von Rindern gebildet und verkauft, immer nur k├╝rzere. Wobei eine 4er oder 5er Kette mit 5 oder 6 als wertvollstem Rind auch absolut witzlos ist. Eine 4er oder l├Ąngere Kette aber, mit einer 10, 11 oder 12 am Ende – welch eine Hoffnung, welch eine Freude eines jeden Gauchisten! Allerdings weckt sie, wenn sie sich denn ├╝berhaupt bilden l├Ąsst, in jedem Fall die h├Âchste Begehrlichkeit aller Mitspieler und ist schneller wieder zerst├Ârt als aufgebaut. Echt schade um dieses konstruktive Freudenelement! Au├čerdem: Ist es in einem Familienspiel ├╝berhaupt angemessen, dass ein gerissener Vater seiner ungerissenen Tochter ein 12er Rind aus der sorgsam angesammelten Herde stiehlt?

WPG-Wertung: Aaron: 7 (vorher 6), G├╝nther: 4 (bleibt, trotz seines Doppelerfolges; fand die Diebesrolle langweilig; wenn Autor und Verlag an dieser Problematik arbeiten w├╝rden, w├Ąre das Spiel locker 7 bis 8 Punkte wert), Horst: 7 (ein super Spiel, findet den W├╝rfelmechanismus total geil, w├╝rde ohne das diebische ├ärger-Element 9 Punkte vergeben), Walter: 5 (vorher 3, hat seine moralische Entr├╝stung ├╝berwunden).

3. “Abluxxen”

Schon acht mal wurde uns dieses frische, als Amuse Gueule, Vorspeise, Suppe, Hauptspeise und als Dessert gleicherma├čen willkommene Gericht aus der Kramer-Kiesling-K├╝che serviert. Wir haben uns daran noch nicht ├╝bergessen. Ganz im Gegenteil. Immer noch die gleiche Gaumenfreude.

Auch hier gibt es ├ärgerelemente. Aber sie sind absolut integriert in den grunds├Ątzlichen Abluxxen-Mechanismus, ja sie sind sogar das Salz in der Suppe. Und wenn es weh tut, dann mit dem wehm├╝tigen Gedanken, dass man selber im Timing etwas verkehrt gemacht hat.

Keine neue WPG-Wertung f├╝r ein Super-Spiel.


El Gaucho kaufen:
Spiele-Offensive.de - Deutschlands groesstes Sortiment aus Gesellschaftsspielen
La Isla kaufen:
Spiele-Offensive.de - Deutschlands groesstes Sortiment aus Gesellschaftsspielen

Kommentarfunktion ist deaktiviert