von Walter am 22.01.2015 (1.584 mal gelesen, 2 Kommentare)

Seit wievielen Jahrzehnten gibt es Neujahrskonzerte? Das Genre erlebt einen unwahrscheinlichen Boom. Das entsprechende Konzert der Wiener Philharmoniker wird mittlerweile bereits in 90 L├Ąnder ├╝bertragen. Und zweitausend Leute lassen ihre Sylvesterraketen stehen, nur um rechtzeitig um zehn Uhr Musikvereinssaal zu sein. Oder vor dem Fernseher.

Und weil der 1. Januar so kurz ist, und andere Orchester auch noch etwas von der Fernseh- und Publikums-Quote mitbekommen wollen, sind inzwischen auch Sylvesterkonzerte oder Drei-K├Ânigs-Konzerte wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wer gar ein Neujahrs-Benefiz-Konzert veranstaltet, kann damit bis Ende Februar grassieren.

Was wird geboten? ÔÇ×Die faszinierenden und begeisternden Werken der Strau├č-DynastieÔÇť sowie ihrer Zeitgenossen. So propagieren die Wiener Philharmoniker ihr Programm. Und am Ende steht immer und ├╝berall der Radecki-Marsch, bei dem das Publikum mitklatschen darf. Ist das nun ÔÇ×KlassikÔÇť? (Was immer man unter diesem Begriff musikalisch verstehen will.)

Muss man ein Philister sein, wenn man hierauf mit einem klaren ÔÇ×NeinÔÇť antwortet? Ich tue es. Ich wundere mich ├╝ber Orchester und Dirigenten von Weltrang, die den Flohwalzer noch fl├Âhiger darbieten wollen als ihre Vorg├Ąnger. Und Moritz tut es auch. Er sagt sogar noch: ÔÇ×Die klassische Musik ist tot.ÔÇť

1. “Die Alchemisten”

Aaron scannt sein alchemistisches Experiment

Aaron scannt sein alchemistisches Experiment

Die Welt ist aus acht verschiedenen Molek├╝len zusammengesetzt, nennen wir sie mal M1 bis M8, obwohl sie in der Alchemisten-Wirklichkeit nat├╝rlich klingendere Namen haben, wie z.B. Rabenfeder, Alraune oder Kr├Âtenbein. Jedes Molek├╝l besteht aus genau je einem Atom von drei verschiedenen Elementen, der Einfachheit halber rot, gr├╝n und blau genannt. Jedes Atom ist entweder positiv oder negativ geladen. M1 k├Ânnte z.B. bestehen aus rot-plus, gr├╝n-plus und blau-minus. Wie Herr Binaeri schon vor 279 Jahren festgestellt hat, kann man aus 3 verschieden Elementen, die genau 2 verschiedene Auspr├Ągungen besitzen ÔÇô ohne Ber├╝cksichtigung der Reihenfolge – genau 23 = 8 verschiedene Molek├╝le herstellen. Und das sind genau unsere Molek├╝le M1 bis M8.

Unsere Aufgabe im ÔÇ×AlchemistÔÇť besteht nun darin, herauszufinden, aus welchen Elementen sich jedes der acht angebotenen Molek├╝le zusammensetzt. Dazu d├╝rfen wir aus jeweils zwei Molek├╝len ein Getr├Ąnk brauen und das Ergebnis begutachten. Dazu wird ein Schema mitgeliefert:

  • Ist das Ergebnis z.B. rot und positiv, so waren die roten Atome in den beiden Molek├╝len positiv und eines gro├č, das andere klein. (Ach richtig, die Atome gibt es jeweils in gro├čer und kleiner Ausf├╝hrung, was man mit seinem Massenspektrometer ber├╝cksichtigen muss.)
  • Ist das Ergebnis z.B. blau und negativ, so waren die blauen Atome in den beiden Molek├╝len negativ und ebenfalls eines gro├č, das andere klein.
  • Alle anderen roten, gr├╝nen oder blauen Plus- oder Minus-Ergebnisse kann sich jeder entsprechend logisch herleiten.
  • Kommt als Ergebnis ein stinknormaler Tee heraus, dann haben sich alle Atome gegenseitig neutralisiert. Auch daraus kann man Schlussfolgerungen auf die Bestandteile der Molek├╝le anstellen. Wea ko dea ko!

Das nur zur eingebauten mathematischen Logik im Alchemisten. Ein unabdingbares intellektuelles R├╝stzeug, das man f├╝r den Sieg verinnerlicht haben muss. Aaron brauchte knapp zwei (ZWEI) Stunden, um uns das nahe zu bringen. Und selbst dann hatte jeder von uns drei weitere Learning-by-Doing Stunden mit st├Ąndigen R├╝ckfragen im Regelheft n├Âtig, um einigerma├čen zu wissen, wohin der Hase l├Ąuft. Das Ganze ist ja auch noch in ein ├Ąu├čerst solides Brettspiel verpackt, dessen reif durchkonstruierter Workerplacement-Mechanismus ├╝ber sechs Runden geht:

  • Wir bestimmen in jeder Runde die Zugreihenfolge. Wer zuerst platzieren darf, bekommt am wenigsten Material (Molek├╝le oder Braugehilfen) mit auf die Reise.
  • Wir suchen uns 0 bis 2 Molek├╝le f├╝r unsere chemischen Brauereien aus
  • Wir verkaufen Molek├╝le gegen billiges bares Geld
  • Wir brauen aus je zwei Molek├╝len genau definierte Mixturen, die der Markt fordert und entsprechend hoch honoriert. (Wie bekommen wir nur innerhalb von sechs kurzen Spielrunden heraus, was aus unserem Zutaten entstehen wird?! Wenn die Mixtur nicht stimmt, bekommen wir n├Ąmlich gar nichts und sind Worker sowie Molek├╝le los!)
  • Wir kaufen f├╝r bares Geld bare Siegpunkte oder entsprechende Vorstufen dazu.
  • Wir testen, was aus zwei Molek├╝len entsteht.
    Und das ist ein geiler, neuartiger Gag im Spiel: Mit einer eigenes entwickelten Smartphone App scannen wir die Abbildungen der beiden Molek├╝le ein und bekommen dann das Ergebnis angezeigt.
    Nat├╝rlich ist es etwas umst├Ąndlich, beim Scannen die beiden Molek├╝le so zu halten, dass kein Mitspieler sie sehen kann (, sonst w├╝rde er mit dem Ergebnis ja auch sein eigenes Wissen vermehren). Aber ÔÇťDer AlchemistÔÇŁ stattet jeden Spieler mit einem trickreich konstruierten, komplizierten Gestell aus, das eine recht geheime Durchf├╝hrung unserer Experimente erlaubt.
  • Wir ver├Âffentlichen Analyse-Ergebnisse, d.h. wir behaupten, aus welchen farbigen Plus-Minus-Ladungen sich ein bestimmtes Molek├╝l zusammensetzt.
    Wia im wirklichen wissenschaftlichen Betrieb ist es absolut nebens├Ąchlich, ob das Ergebnis stimmt oder nicht. Allein f├╝r die Ver├Âffentlichung bekommen wir Geld und Ehre.
  • Wir bestreiten Angaben von ver├Âffentlichen Analyse-Ergebnissen, d.h. wir zeigen an, welche der farbigen Plus-Minus-Ladungen falsch ist.
    Diese Aussage m├╝ssen wir jetzt wieder mit der neuartigen Smartphone-App verifizieren lassen und schon bekommt wir Geld und Ehre, w├Ąhrend der Falsch-Ver├Âffentlicher reichlich mit Schimpf und Schande bekleckert wird.

Wie schon gesagt, wir brauchten 5 Stunden f├╝r unser erstes Spiel, einschlie├člich Einf├╝hrung. ÔÇťDer AlchemistÔÇŁ hat schon etwas Faszinierendes an sich. Die eingebaute Logik ist high-sophisticated stimmig, das Spielmaterial umfangreich und qualitativ hochwertig. Die App f├╝r die Auswertung der chemischen Experimente ist witzig und es macht Spa├č, sie zu bedienen. Aber das ist nicht alles.

Die Deduktion kommt entschieden zu kurz. Wenn man tats├Ąchlich genau wei├č, aus welchen Atomen sich ein bestimmtes Molek├╝l zusammensetzt, dann ist diese Kombination gerade einem falschen Molek├╝l zugeordnet und muss erst freigeschaufelt, d.h. angezweifelt werden. Was erstens Aktionen kosten und zweitens keinesfalls ein sicheres Unternehmen ist. Schlussendlich ist der Lohn einer sauberen Deduktion mit zuviel Workerplacement-Zufall und Chaos ├╝berdeckt. Wie sagte schon der Psalmist: ÔÇ×Unser Leben w├Ąhret sieben Runden, und wenn es hoch kommt, so ist es doch blo├č M├╝he und Frust gewesen.ÔÇť

WPG-Wertung: Aaron: 4 (Materiell eine Katastrophe, die Situation beim Ver├Âffentlichen h├Âchst unbefriedigend; das ist doch irre!), G├╝nther: 5 (einschlie├člich eines Sympathie-Punktes f├╝r die App, die sehr sch├Ân und sinnig ist. Es fehlt eine Einf├╝hrung ist die chemische Logik), Moritz: 5 (die Mechanismen sind solide, aber es gibt einfach Schw├Ąchen; die Kombination von Worker-Placement mit Deduktion ist nicht gelungen; Wenn wir das Spiel jetzt gleich noch einmal spielen w├╝rden, w├╝rde ich alles richtig machen, das Spiel w├╝rde mir trotzdem nicht gefallen), Walter: 6 (die Ingenieursleistung des Spiel-Autors ist 10 Punkte wert. Wenn man die Logik begriffen hat ÔÇô habe ich leider erst in der Nach-Mitternacht-Diskussion ÔÇô , k├Ânnen die verschiedenen Spielmechanismen, einschlie├člich eines gewissen Bluff-Elementes, ganz h├╝bsch zusammenwirken.)

Warum Aarons Aussage zur ÔÇ×materiellen KatastropheÔÇť: Zum Spielmaterial geh├Ârt f├╝r jeden Spieler ein Auswertezettel, in dem er sich die Ergebnisse seiner Experimente notieren und daraus Schlu├čfolgerungen ziehen kann. Dieser Zettel ist vom Farbdruck her sehr schlecht lesbar; alle ├Ąlteren Semester, und das waren bei uns immerhin 75 % der Mitspieler, haben nach einer Lupe verlangt, um wei├če Zahlen auf hellem Grund identifizieren zu k├Ânnen. Auch sonst wird man mit dem Auswertezettel, eigentlich dem Herzst├╝ck des Alchemisten, nicht richtig gl├╝cklich. Alles ist super, aber das Herz will einfach nicht schlagen.


2 Reaktionen zu “21.01.2015: Der Alchemist”

  1. HDScurox

    Da muss ich doch jetzt einfach mal drauf hinweisen: das spiel heisst “Die alchemisten” nicht “der alchemist”

    Lg,
    Alex

  2. Walter

    Danke, Alex.
    Wenn wir den Titel jetzt korrigieren, dann nur deshalb, damit die Verweise in externe Spiele-Datenbanken stimmen.