von Walter am 12.11.2017 (315 mal gelesen, 1 Kommentar)

Nachdem meine Tochter in Barcelona wohnt, darf ich doch wohl eine Lanze f√ľr das unabh√§ngige Katalonien brechen. Von der Zentralregierung und von den Medien wird immer auf die Verfassung gepocht. Hat Katalonien denn freiwillig dieser Verfassung zugestimmt? Hat nicht Franco (und jahrhundertslang seine Vorg√§nger) mit Waffengewalt das immer ‚Äěandere‚Äú Katalonien unter die kastillianische Kontrolle gebracht? Riecht diese Verfassung nicht 10 km gegen den Wind nach Absolutismus? Was w√§re, wenn Deutschland schnell mal die Niederlande als Bundesstaat einkassieren w√ľrde und dann im Grundgesetz einen Artikel analog dem spanischen 155 einf√ľhren w√ľrde? Dann k√∂nnte man problemlos jeden dagegen aufbegehrenden niederl√§ndischen Patrioten ins Gef√§ngnis bringen.

In Berlin w√ľrde sicherlich keine Regierung aufschreien, wenn der Freistaat Bayern seine Unabh√§ngigkeit erkl√§ren w√ľrde. Vielleicht sogar im Gegenteil …

1. “Clans of Caledonia”

Spielplan mit Arbeitern, K√ľhen, Getreidefeldern und Whisky-Destillerien

In Caledonien (Schottland), nicht in Catalunya (Kastilien) hat Juma Al-JouJou sein Wirtschaftsspiel angesiedelt. Offiziell spielt es in der Zeit des Wandels vom Agrar- zum Industriestaat. Von unseren L√§mmern verkaufen wir nicht mehr so gerne die Keulen, sondern lieber die Wolle, aus unseren K√ľhen machen wir weniger gerne Schinken, lieber lassen wir ihre Milch flie√üen. Unser Ackerland liefert Getreide, das wir als billige Rohware verkaufen k√∂nnen oder als teureres veredeltes Produkt, nachdem wir es in unseren B√§ckereien zu Brot und oder in unseren Destillerien zu Whisky verwandelt haben. Unsere Arbeiter in Wald und Gebirge bringen uns sofort Bargeld ein, ohne dass wir die Fr√ľchte ihrer Arbeit erst zu Gesicht bekommen.

Eine gigantische Maschinerie hat uns Juma hier bereitgestellt, das ordentlich nach Schwei√ü riecht. Das f√§ngt schon damit an, dass sich zu Beginn jeder Spieler ein Clanpl√§ttchen heraussuchen muss, womit er sich in Kosten und Nutzen seiner Wirtschaft von seinen Mitspielern abhebt. Was sind die Kriterien, nach denen wir unter den insgesamt 9 verschiedenen Clanpl√§ttchen w√§hlen d√ľrfen? G√ľnther wird in Laufe seines Spielerlebens wohl alle einmal ausprobieren. Heute f√ľhrte er die Campbells, die sich besonders um die schottische Architektur verdient gemacht haben. Sehr zufrieden war er damit nicht, denn er musste damit f√ľr teures Geld in Geb√§uden klotzen, um an die eher mageren Pr√§mien heranzukommen. Aaron f√ľhrte die Cunninghams, die schon im 19. Jahrhundert riesige Butterberge erzeugten. Er schwamm in Geld, doch Geld alleine macht bekanntlich nicht gl√ľcklich. Walter suchte sich als Startspieler die MacKenzies heraus; damit war die Whisky-Strategie vorgegeben und er brauchte sich lange Zeit nicht um Schafe, Rinder und K√§sereien zu k√ľmmern. Vielleicht war Letzteres auch ein Fehler. Moritz w√§hlt die Stewarts, schwelgte in H√§ndlern und dem Zusatzprofit, den sie aus dem Kauf oder Verkauf ihrer Ware erzielten, und hatte seiner Natur gem√§√ü st√§ndig alle H√§nde voll damit zu tun, das R√§derwerk seines Handelsimperium im Gang zu halten. Erfolgreich, denn er wurde damit auch Erster.

Exportaufträge in ihrer erfindungsreichen aber auch paralytischen Vielfalt

Aber soweit sind wir noch lange nicht. Drei Stunden Werken und Wirken standen noch vor uns: Errichten von Landwirtschaftsbetrieben und Veredelungsindustrien auf dem zentralen Spielbrett mit Berg-, Wald und Wiesenheaxagons um ein paar Lochs (kein Schreibfehler!) herum, Arbeitervermehrung, Expansion, Produktion, Veredelung und Handel. Nicht zu vergessen die ‚ÄěExportauftr√§ge‚Äú; dies sind besondere Warenzusammensetzungen, die wir bereitstellen m√ľssen, um sie gegen Sonderpr√§mien in Geld, Entwicklungsfortschritten und ‚ÄěSpurenelementen‚Äú einzutauschen, die in der Endwertung nochmals t√ľchtig Siegpunkte aussch√ľtten. Sie sind der eigentliche Schlager in der Endwertung, w√§hrend Geld am Ende kaum etwas wert ist, und unverkaufte Rohstoffe und Fertigwaren gerade mal ein paar Rest-Siegp√ľnktchen einbringen. Moritz schaffte mit den Auftr√§gen fast zwei Drittel seiner 169 Siegpunkte.

Daf√ľr musste er sich mit seinen H√§ndlern aber auch ganz sch√∂n abrackern. W√§hrend Walter z.B. mit zwei-drei Spielz√ľgen seine Whisky-Produktion in Fass und Keller hatte und sich in seinem Lehnstuhl den verdienten Feierabend g√∂nnen konnte, musste Moritz noch minutenlang (he, he, das ist jetzt √ľberhaupt keine Kritik!) planen und organisieren und seinen H√§ndlern Auftr√§ge erteilen, bevor er jeweils eine der f√ľnf Spielrunden abschlie√üen konnte.

WPG-Wertung: Aaron: 5 (wohlwollend, von A bis Z eine [elende] Rechnerei, die mir keinen Spa√ü macht, zugesch√ľttet mit Nebeneffekten, auf die man achten muss, anstrengend, nix Neues), G√ľnther: 6 (bis 7, sehr vieles von ‚ÄěTerra Mystica‚Äú abgekupfert, das aber bessere Regeln hat; der Wert der ‚ÄěSpurenelemente‚Äú ist spielentscheidend, aber nur schwer kalkulierbar; hierin kann sogar noch ein Kingmaker-Effekt liegen) , Moritz: 8 (mindestens, super Spiel, jederzeit voll involviert, keine fixe Strategie, sondern st√§ndig flexibles Agieren auf die aktuelle Situation, jede Menge Interaktion durch Konkurrenz), Walter: 7 (f√ľr Ingenieursleistung und Balance; es gibt viele h√ľbsche kleine Dinge zu tun, herumzuwursteln und herumzurechnen; f√ľr Freaks ein gelungenes abendf√ľllendes Programm; eine neue klare z√ľndende Idee ist allerdings nicht enthalten; wenn man es schon kennt und der Reiz des Neuen entf√§llt, ist es viel zu lang)

Generell wurde das Thema kritisiert. Ein paar runde Spielkl√∂tzchen als Whisky-F√§sser machen noch keinen Highlander. Und wenn Regeln abstrakt aus der Luft gegriffen werden, wie hier z.B. ein freier Exportauftrag nach dem Bauen der vierten B√§ckerei, so mag das f√ľr die Diversifizierung der Taktiken zwar sehr sinnvoll sein, thematisch ist es aber nicht.

Hans-im-Gl√ľck h√§tte das Spiel gewaltig abgestrippt. Dann w√§re es ‚Äď nach der Mehrheit der WPG-Einsch√§tzer noch ‚Äď besser geworden.

Wie man dabei aber aus den vielen Schwei√üt√ľchern auch noch einen Lacherer herauswringen kann, das bleibt anderen Spielautoren √ľberlassen.

2. “Bluff”

Erstmals in unserer Geschichte verlor dreimal hintereinander je ein Spieler 3 W√ľrfel. Nur G√ľnther nicht. In der Mittelphase schw√§chelte er allerdings und musste ohne W√ľrfelvorteil mit 1:1 gegen Moritz im Endspiel antreten.

Moritz versuchte es mit Walter‚Äôs immer-4-Strategie, G√ľnther zweifelte an und hatte gewonnen. Auch G√ľnthers Immer-5-Strategie h√§tte Moritz keinen Sieg gebracht. Mit welcher Vorgabe h√§tte Moritz das Spiel f√ľr sich entscheiden k√∂nnen?

Wer sich an die L√∂sung dieser Aufgabe macht, wird sogleich feststellen: ‚ÄěDa fehlen ja noch Angaben!‚Äú Richtig: Moritz h√§tte mit der h√∂hern gewonnen!


Eine Reaktion zu “08.11.2017: Catalonien vs. Caledonien”

  1. Walter

    Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen erreichte uns heute folgende Nachricht:
    “Die Verfassung von 1978 wurde tats√§chlich in einem Referendum durch das spanische Volk angenommen. Die Zustimmungsquote landesweit war √ľber 91%. In Katalonien lag sie deutlich √ľber dem Landesdurchschnitt und war mit 95,15% die zweith√∂chste von allen Regionen (knapp hinter den Kanarischen Inseln).
    https://en.wikipedia.org/wiki/Spanish_constitutional_referendum,_1978

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