von Walter am 23.11.2017 (1.077 mal gelesen, 3 Kommentare)

Bridge. Offene Bayerische Paarmeisterschaft 2017. Teilnehmen d├╝rfen alle, gute wie schlechte Spieler, und nat├╝rlich auch Ehepaare, f├╝r die Bridge-Turniere generell eine erh├Âhte Scheidungsgefahr darstellen, wenn sie diese nicht durch ein in jahrzehnelangem Ehefrust angewachsenes mauerdickes Anti-Frust-Fell wegstecken k├Ânnen.

Das Ehepaar bekommt folgendes Blatt auf die Hand:

S├╝d (die Frau):
Pik: DB53
Coeur: –
Karo: AKD7653
Treff: D3

Nord (der Mann):
Pik: A62
Coeur: AKDB93
Karo: 8
Treff: AK7

7 SA fallen aus der Hand. Im Skat entspricht das einem Grand-Hand mit Vieren, Schneider-Schwarz angesagt!

Die Reizung ging ohne Feindeinwirkung:
1 Karo (SIE) ÔÇô 2 Coeur (ER)
2 Pik (SIE) ÔÇô 4 SA (ER) – pass ÔÇô pass ÔÇô pass

Im Skat entspricht das etwa, als ob man mit dem Grand-Blatt bis 46 reizen w├╝rde, um dann das Spiel dem Gegner f├╝r einen Nullouvert zu ├╝berlassen.

Michael, ein Gegenspieler, fragte die Frau nach Abschluss der Reizung, was der Sprung ihres Partners in 2 Coeur bedeutete. Antwort: ÔÇ×10-11 PunkteÔÇť. Dann fragte er weiter, was das 4 SA-Gebot bedeutete. IHRE Antwort: ÔÇ×Das will er spielen.ÔÇť Jetzt fragte Michael IHN, was sein 4-SA-Gebot bedeutete. Es ist schlie├člich ein Recht der Verteidigung, sich ein Bild von der Verteilung der Gegner machen zu k├Ânnen, soweit das aus deren Reizung hervorgehen kann. Ein ehrlicher (und guter) Spieler h├Ątte jetzt eine ehrliche Aufkl├Ąrung ├╝ber sein Gebot gegeben, das doch zweifellos die As-Frage und nicht ÔÇ×zum SpielenÔÇť war. SEINE Antwort: ÔÇ×Das will ich spielen!ÔÇť Nach zwei Stichen wurde auch IHM langsam klar, dass er jetzt jetzt alle 13 Stiche machen w├╝rde, und er sagte ziemlich gepresst zu IHR: ÔÇ×Das wollte ich NIE spielen.ÔÇť Darauf wandte sich Michael nochmals an IHN, wissend, l├Ąchelnd, aber auch vorwurfsvoll ob der ersten L├╝ge: ÔÇ×Sie haben doch gerade gesagt, das will ich spielenÔÇť! SEINE verqu├Ąlte Antwort: ÔÇ×Das muss ich jetzt spielen!ÔÇť

1. “Gaia Project”

Beim Aufbau des Gaia-Universums

Wieder so ein Spiel, mit dem sich die Autoren Ostertag und Dr├Âgem├╝ller einen Doktorhut, wenn nicht gar den Nobelpreis verdient haben. Tausend Schr├Ąubchen haben sie an einer Spiel-Maschine angebracht, an denen wir drehen und ziehen k├Ânnen, um unsere Aktionen zur Besiedlung des Universums zu lenken und zu leiten, um eine strategische Planung umzusetzen und mit flexibler Taktik auf die jeweils neuen Gegebenheiten in der Spielsituation reagieren zu k├Ânnen.

Mehrere abgeschlossene Schwerpunktfelder f├╝r Planung und Aktion werden uns bereitgestellt, deren innere Logik wir erfassen und beherrschen m├╝ssen, um gegen├╝ber unseren Mitkonkurrenten Erfolg zu haben.

  1. Das Spielbrett mit dem Weltall.
    Hier fliegen die Planeten umher, die wir besiedeln d├╝rfen. Einige sind uns direkt zugeordnet, f├╝r andere fehlt uns zu Spielbeginn die Reichweite, wieder andere m├╝ssen wir erst mit einem gewissen ÔÇťTerraformingÔÇŁ beackern, bevor sie f├╝r uns bewohnbar werden. Nat├╝rlich ackern unsere Mitspieler hier ebenfalls, und wie in vielen Bereichen des richtigen Leben ist es auch hier n├╝tzlich der Erste zu sein.
  2. Die Rundenbooster.
    Sie gew├Ąhren Verg├╝nstigungen (Rohstoffe bzw. Siegpunkte) je nach den Aktionen, die wir in einer Runde durchf├╝hren, bzw. je nach dem Besitzstand, den wir am Ende einer Runde haben.
    Das zwangsweise Wechseln und Neuaussuchen der Booster in jeder Runde ist eine h├╝bsche Erfindung.
    Es ist keine leichte Entscheidung, welches f├╝r uns gerade das beste oder wichtigste ist, und auf welche Booster unsere Mitspieler ebenfalls ziemlich scharf sind, so dass wir lange, u.U. sogar bis zum Spielende vergeblich darauf warten m├╝ssen, bis sie wieder verf├╝gbar sind.
  3. Das Forschungstableau.
    Hier gibt es sechs Kriterien, in der wir unsere F├Ąhigkeiten (z.B. Reichweite und Navigation) in sechs Stufen verbessern k├Ânnen, wobei wir uns mit jeder Stufe neue Vorteile f├╝r die Besiedelung des Universums erwerben.
  4. Basis-Technologien und Ausbautechnologien.
    Insgesamt 51 K├Ąrtchen, davon 23 verschiedene, k├Ânnen wir erwerben, um unsere Aktionen und unseren Spielstand honorieren zu lassen.
  5. Rohstoffe und Potenzen
    Mit jeder Menge an Geld, Erzen, Wissenschaft, Intelligence Cubes, und Machtsteinen m├╝ssen wir jonglieren, um unsere Fahrten durch das All bestreiten, bis zu 18 Geb├Ąude von f├╝nf verschiedene Typen (von der einfachen Mine bis zum Regierungssitz) errichten und finanzieren zu k├Ânnen, und sie ggf. noch durch eine Satellitenstra├če f├╝r weitere Siegpunktpr├Ąmien zu verbinden.

Ach, was soll ich jetzt die ganzen 24 Seiten sch├Ânster Spielregeln referieren. Es ist alles gut beschrieben und auf dem reichlichen Spielmaterial durch Piktogramme bestens visualisiert. Man muss blo├č richtig hinschauen. ├ťberall hinschauen! Auf einer Fl├Ąche von einem Quadratmeter sind die ungez├Ąhlten Brennpunkte des Spiels angeordnet, jedes Detail ist wichtig, jedes Detail bringt entweder uns, oder falls wie es ├╝bersehen, unseren Konkurrenten Vorteile im Vorw├Ąrtskommen. Alles ist rund, alles ist ausbalanziert. Alles muss optimal gehandelt werden. ├ťberall flie├čt Schwei├č. Dreieinhalb Stunden lang. Sch├Ânster, lobenswertester Spielerschwei├č. Man muss es nur m├Âgen.

G├╝nther hatte auf Wissenschaft gesetzt. Das vermittelte ihm recht bald ein bequemes kostensloses Vorw├Ąrtskommen auf allen Leisten der Forschungstableaus. Nicht ohne Neid ÔÇô wenn sie denn hinschauten – mussten seine Nachbarn diese Gabe der Natur auf ihn herabrieseln sehen. Nur Moritz blieb gelassen. Er hatte in der Startaufstellung die gr├╝nen Terraner bekommen. Seine Spezialaufgabe lag darin, die gr├╝nen Planeten zu besiedeln. Er absolvierte seine Aufgabe mit Bravour. Am Ende setzte er sich mit 142 Siegpunkten weit vor G├╝nther und meilenweit vor den beiden anderen Mitstreitern ab. Zu Hilfe war ihm dabei gekommen, dass die gr├╝nen Planten in dem f├╝r die Schlu├čwertung zuf├Ąllig gezogenen Wertungspl├Ąttchen nochmals honoriert wurden. Allerdings hatte er, nach eigenen Bekunden, schon das verwandte ÔÇťTerra MysticaÔÇŁ tausendmal im Internet studiert und praktiziert, so dass er im Gaia Project auf bekannten Pfaden wandelte.

WPG-Wertung: Aaron: 7 (1 Punkt mehr als ÔÇ×Terra MysticaÔÇť, weil es besser ist und die Regeln griffiger sind), G├╝nther: 9 (ÔÇ×Terra MysticaÔÇť war bereits super, ÔÇ×GaiaÔÇť ist noch superer), Moritz: 9 (nicht origineller als ÔÇ×Terra MysticaÔÇť, aber besser, logischer und durchsichtiger, es gibt mehrere offene Siegstrategien, die man flexibel handhaben muss), Walter: 7 (f├╝r Freaks gewi├č 9 Punkte wert, da es keinen Fehl und Tadel aufweist. Aber ist es auch spielerisch, lustig, schadenfreudig, und – abgesehen von der leichten Konkurrenz auch – interaktiv? F├╝r mich nicht).

2. “Startups”

Ein kleines, reizvolles Kartenspiel mit einigen alten, aber auch einer z├╝ndenden neuen Idee. Wir ziehen reihum jeweils eine Karte in sechs verschiedenen Farben vom verdeckten Stapel oder von der offenen Auslage (sofern vorhanden) und nehmen diese in unsere Kartenhand auf, dann legen wir eine Karte aus der Hand zur├╝ck in die offene Auslage oder vor uns als unsere private Farb-Auslage.

Karten einer Farbe, von der wir mehr Karten in unserer privaten Auslage haben, als jeder andere Spieler, d├╝rfen wir aus der offenen Auslage nicht nehmen. Den ersten bei├čen die Hunde, die letzten k├Ânnen hier problemlos zugreifen.

Am Ende, wenn der verdeckte Kartenstapel aufgebraucht ist, bekommen die Spieler f├╝r die Dominanz einer Farbe in ihrer privaten Auslage von jedem Mitspieler, der ebenfalls Karten dieser Farbe ausgelegt hat, einen dicken Strafzoll. Gleicher Mehrheitsbesitz an Farbkarten pattet sich auch; die Minderheiten m├╝ssen dann auch keine Strafz├Âlle bezahlen.

├ťberraschend, was sich da tut. In f├╝nf Minuten ist ein Durchgang zu Ende. Jeder darf einmal Startspieler sein, f├╝nf mal vier = zwanzig Minuten Logik, ├ťberraschung und Freude. Und auch ein bi├čchen Pech.

WPG-Wertung: Aaron: 8 (schnell und fl├╝ssig), G├╝nther: 7, Moritz: 7 (ganz OK; man muss es locker sehen), Walter: 8 (oder 7; spielerisch, kurzweilig, interaktiv, vom Preis-Leistungsverh├Ąltnis her ein Spitzenspiel).

Frage an die Designer: Wenn jeder Spieler reihum die einzige Karten aus der offenen Auslage nimmt und eine andere Karte daf├╝r hinlegt, aber nie eine weitere Karte vom verdeckten Stapel nimmt, dann hat das Spiel NIE ein Ende. Daf├╝r ist in den Regeln nichts vorgesehen. Unn├Âtig? Nie vorgekommen? Oder kein Platz mehr in der Spielanleitung?


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3 Reaktionen zu “22.11.2017: Das Gaia Projekt”

  1. ravn

    Gaia Projekt konnte ich schon beim Herner Spielewahnsinn probespielen in einer Vorabversion. Damals war das Material noch etwas zusammengest├╝ckelt, das Spiel ansonsten aber vollst├Ąndig. Leider hat sich der Verlag dazu entschieden, die eigenen drei Rohstoffsorten per Skala umzusetzen und nicht mit Holz- oder Pappmaterial.

    So habe ich allzu gerne bei Terra Mystica haptisch mit meinem Geld und meinen Arbeitern vorausgeplant, kleine H├Ąufchen gebildet und diese hin- und hergeschoben. Solange bis es passte. Gerne auch mal Bluff-H├Ąufchen gebildet, um die Mitspieler im Unklaren zu lassen. Das alles kann ich beim Gaia Projekt nicht mehr. Stattdessen muss diese Vorausplanung komplett theoretisiert im Geiste geschehen, denn am Ende meiner ├ťberlegungen verschiebe ich nur drei Skalenwerte. Von der Haptik der Rohstoffplanung ist nichts mehr ├╝brig geblieben. Aus Kostengr├╝nden hiess es damals.

    In Zeiten von Deluxe-Versionen f├╝r mich aber eine Fehlentscheidung, die dazu f├╝hrt, dass ich Gaia Projekt nicht spielen mag. Heutzutage reichen eben schon kleine Dinge aus, um aus einem potentiell sehr guten Spiel, ein nur noch gutes Spiel zu machen. Da es aber ausreichend subjektiv bessere Spiele gibt, brauche ich keine “nur guten” Spiele mehr oder welche, bei denen ich als Spieler selbst nachbessern muss. Wen dieses Manko nicht st├Ârt, findet hingegen ein gute Terra Mystica Variante f├╝r Fortgeschrittene in dem Spiel.

    Cu / Ralf

  2. Tournesol

    Warum “… gr├╝ne Terraner…”? -> Die sind blau -> der blaue Planet. Wenn die gr├╝n w├Ąren, m├╝ssten die ja den Gaia-Planet garnicht mehr umwandeln … !?

    Tournesol

  3. Walter Sorger

    Hola Tournesol: gr├╝n oder blau: Ich bin farbenblind.

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