{"id":1506,"date":"2011-12-22T03:28:51","date_gmt":"2011-12-22T02:28:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/?p=1506"},"modified":"2012-01-17T20:47:42","modified_gmt":"2012-01-17T19:47:42","slug":"21-12-2011-zweimal-karten-sammeln-und-auslegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2011\/12\/22\/21-12-2011-zweimal-karten-sammeln-und-auslegen\/","title":{"rendered":"21.12.2011: Zweimal Karten sammeln und auslegen"},"content":{"rendered":"<p>Kinder, solange sie nicht im Sinne einer Erziehung ver-zogen sind, beherrschen die zwei wichtigsten Lebensregeln perfekt:<\/p>\n<ul>\n<li>Sei authentisch!<\/li>\n<li>Sei ganz bei einer Sache und tu nicht zwei Dinge gleichzeitig!<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das hei\u00dft, sie folgen ihrer Energie spontan und augenblicklich. Wenn sie schreien, schreien sie total. Wenn sie sehen, sehen sie total. Wenn sie spielen, gehen sie vollkommen in ihrem Spiel auf. Daher sind sie unsere Lehrer. Sie beherrschen die Kunst einen erf\u00fcllten Augenblick an den anderen zu reihen.<br \/>\n(Irina Rauthmann)<\/p>\n<p><strong>1. &#8220;Tournay&#8221;<\/strong><br \/>\nEin Kartenspiel des belgischen Trios Dujardin \u2013 Georges \u2013 Orban, erschienen im belgischen Pearl Games Verlag. Jeder Spieler sammelt \u201eAktivit\u00e4tskarten\u201c \u2013 90 verschiedene kennt das Basisspiel \u2013 und legt sie in einer 3 x 3 Auslage offen vor sich aus. Welche Karten einem Spieler angeboten werden, h\u00e4ngt zum einen vom Zufall ab, denn die Karten m\u00fcssen von verschiedenen Stapeln verdeckt gezogen werden, zum anderen davon, welche Karten ein Vorg\u00e4nger-Spieler nicht gemocht und dewegen offen abgelegt hat.<\/p>\n<p>Das Auslegen kostet Geld und Aktionspunkte. Mit diesen Ressourcen mu\u00df ein Spieler haushalten. Die Reihenfolge und Positionierung der Karten in der Auslage hingegen bringt Geld, Aktionspunkte, Verg\u00fcnstigungen und Siegpunkte. Eine geschickte Auswahl aus dem teil-zuf\u00e4lligen Kartenangebot sowie ein kompetentes-gl\u00fcckliches-systematisches Vorgehen beim Ausbau der Ressourcen- und Siegpunktquellen sind hilfreich f\u00fcr den Sieg.<br \/>\nLeider spielt sich das Spiel nicht so fl\u00fcssig, wie sich das hier (vielleicht) liest. Wir k\u00f6nnen nicht in einem Atemzug Karten erwerben und auslegen; sondern m\u00fcssen gem\u00e4\u00df der vorgeschriebenen Zureihenfolge erst eine Karte auslegen bevor wir die n\u00e4chste Karte in die Hand bekommen. Da geht ein Zug verloren. Und wenn wir gerade mal kein Geld haben, m\u00fcssen wir wiederum auf (konstruktive) Z\u00fcge verzichten und unsere Aktionspunkte f\u00fcr den Gelderwerb verplempern. Klare Schlu\u00dffolgerung: \u201eNever use the last Drachma!\u201c. Die andere Schlu\u00dffolgerung: \u201eSpiele nie die letzte Karte aus der Hand!\u201c l\u00e4\u00dft sich leider nicht verwirklichen. Denn der M\u00f6glichkeiten, Karten zu erwerben, sind wenige, Karten auszulegen aber viele. \u201eT\u00f6bb nap, mint kolb\u00e1sz\u201c hei\u00dft ein entsprechendes ungarisches Sprichwort (97.400 mal bei Google referenziert).<\/p>\n<p>In unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden prasseln Katastrophen auf uns herein und nehmen uns Aktionsradius weg. B\u00f6se Mitspieler k\u00f6nnen sogar bestimmte \u00c4rgerkarten auslegen und damit ebenfalls unseren Aktionsradius und unsere Spielfreude dezimieren. Ist das n\u00f6tig? W\u00e4re es spiel-psychologisch nicht sch\u00f6ner, wenn sporadisch mehr Freiheiten dazuk\u00e4men, anstatt dass sie uns st\u00e4ndig weggenommen werden?<\/p>\n<p>Beim Design der Spieldetails haben sich die Autoren sehr viel M\u00fche gegeben. Das Spiel ist sehr gut ausbalanciert. Die 90 Aktivit\u00e4tskarten der Basisversion und die 18 Karten f\u00fcr die Erweiterung verdienen von der Stimmigkeit und Ausgewogenheit h\u00f6chstes Lob. Doch Stimmigkeit ist nicht alles. Die Karten und die Spielmechnismen balancieren den Spielflu\u00df auf das Tempo hinkender Schnecken herab. Schade! Ganz sicher h\u00e4tten die Autoren bei ihrer Erfinder-Kompetenz, die in vielen Details zum Ausdruck kommt, dem Spiel etwas mehr Gas geben k\u00f6nnen. Sie haben offensichtlich einfach nicht daran gedacht.<\/p>\n<p><em>WPG-Wertung: Aaron: 6 (Probe-Note, er w\u00fcrde es noch einmal ausprobieren), G\u00fcnther: 6 (ebenfalls zun\u00e4chst nur eine \u201epro forma\u201c Note), Walter: 4 (z\u00e4h, \u00c4rger ist die einzige Interaktion).<\/em><\/p>\n<p>Bevor wir das Spiel am Westpark noch einmal spielen, wird Aaron die inneren Abh\u00e4ngigkeiten der 90 Aktivit\u00e4tskarten genau analysieren und ermitteln, welche Karten-Kombination eine \u201eMaschine\u201c bilden, sozusagen ein Perpetuum Mobile, das mehr Ressourcen generiert als es verbraucht. Wenn wir das Spiel am Westpark noch einmal spielen w\u00fcrden, h\u00e4tte Aaron dieses sein Vorhaben garantiert nicht ausgef\u00fchrt, sondern wir w\u00fcrden alle wieder mit dem gleichen Blinde-Kuh-Wissen den Tournayschen Knoten zu l\u00f6sen versuchen. Oder nicht.<\/p>\n<p><strong>2. &#8220;Der letzte Wille&#8221;<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1527\" aria-describedby=\"caption-attachment-1527\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1527\" title=\"derletztewille\" src=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/derletztewille.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"321\" srcset=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/derletztewille.jpg 500w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/derletztewille-150x96.jpg 150w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/derletztewille-300x193.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1527\" class=\"wp-caption-text\">Der letzte Wille<\/figcaption><\/figure>\n<p>F\u00fcr Walter \u201eklangt schon der Titel ganz gut\u201c. Die st\u00e4ndigen Stadt-Land-Flu\u00df-Titel von \u201eAbilene\u201c \u00fcber \u201eBombay\u201c bis nach \u201eWaterloo\u201c gehen ihm allm\u00e4hlich auf den Keks. Aaron meinte dieses Gut-Klingen allerdings mit einem gewissen Alter begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich: Der Onkel ist gestorben. Er hat in seinem Leben unglaublichen Reichtum anh\u00e4ufen k\u00f6nnen und \u2013 weil das letzte Hemd keine Taschen hat \u2013 alles zur\u00fccklassen m\u00fcssen. Welcher seiner Neffen am schnellsten einen Bruchteil der Erbschaft durchgebracht hat, bekommt als Alleinerbe den gesamten riesigen Rest. Diese Geschichte hat der tschechische Autor Vladimir Such\u00fd seiner Spiele-Erfindung thematisch untergelegt.<\/p>\n<p>Wie bei \u201eTournay\u201c m\u00fcssen wir in \u201eDer letzte Wille\u201c Karten sammeln und auslegen. Doch welch ein Unterschied! W\u00e4hrend wir in Tournay jede einzelne Drachme dreimal umdrehen m\u00fcssen, bevor wir sie ausgeben, schwelgen wir hier in Geld und freuen uns \u00fcber jede Gelegenheit, es zum Fenster rausschmei\u00dfen zu k\u00f6nnen. Spielpsychologisch eine viel angenehmere Situation.<\/p>\n<p>Es gibt auch keinen Mitspieler, der uns unser Geld wegnimmt bzw. \u2013 was dem Spielziel eher entspricht \u2013 der uns welches gibt. Jeder ist alleine seines Gl\u00fcckes Schmied.<\/p>\n<p>Wir kaufen H\u00e4user zu hohen Preisen, lassen sie verkommen, sanieren sie f\u00fcr teueres Geld und verkaufen sie zu einem Schrottpreis weiter. Wir stellen Gesinde ein und legen uns Haus- und Hoftiere zu, nur damit die Renovierungskosten steigen. Wir leisten uns Vergn\u00fcgungsfahren, Galadinners und Galavorstellungen, mit und ohne Edelanhang, die Hauptsache ist, dass wir unser Geld unter die Leute bringen.<\/p>\n<p>All diese m\u00f6glichen Aktionen werden \u00e4hnlich wie in \u201eTournay\u201c als Karten angeboten, die wir uns zulegen. Auch diese Karten sind sehr gut ausbalanciert und wir m\u00fcssen wirksame Kombinationen herausfinden, die uns zum Sieg bringen. Doch spielt hier der Zufall nur eine sehr geringe Rolle: der gr\u00f6\u00dfte Teil der Karten liegt offen aus; wir m\u00fcssen nur schneller zugreifen als unsere Mitspieler.<\/p>\n<p>Dazu spielt nat\u00fcrlich die Zugreihenfolge eine wichtige Rolle. Diese Rolle wird mehr oder weniger versteigert. Wir k\u00f6nnen w\u00e4hlen, ob wir fr\u00fch am Zug sein wollen und daf\u00fcr nur eine beschr\u00e4nkte Anzahl Karten ziehen und nur eine begrenzte Anzahl von Geld-Rauswerf-Aktionen durchf\u00fchren d\u00fcrfen. Oder ob wir als Letzter zusehen, was f\u00fcr uns \u00fcbrig bleibt, uns daf\u00fcr aber einen gr\u00f6\u00dferen Aktionsradius einhandeln.<\/p>\n<p>Im Letzten-Willen krebsen wir nat\u00fcrlich nicht m\u00fchsam von Karte zu Karte; ganz im Gegenteil, wir haben die Hand st\u00e4ndig K\u00f6rbeweise voller Karten und m\u00fcssen uns nur \u00fcberlegen, welche davon wir auslegen, welche in der Hand behalten und welche unbenutzt zur\u00fcckgeben.<\/p>\n<p>Es stellt sich schnell heraus, dass sinnloses Geld-Ausgeben gar nicht so einfach ist. Und manchmal sind die Mitspieler darin einfach geschickter. Doch auch hier gilt die Spiel-Psychologie: es ist leichter zu verlieren, wenn man noch alle seine Bauernh\u00f6fe und Herrenh\u00e4user in der Auslage hat, als wenn man von den regelm\u00e4\u00dfigen Normannenst\u00fcrmen st\u00e4ndig um sein letztes Hab und Gut gebracht wird.<\/p>\n<p><em>WPG-Wertung: Aaron: 7 (Thema sehr gut umgesetzt) , G\u00fcnther: 7, Walter: 7.<\/em><\/p>\n<p>Wir w\u00fcnschen allen Freunden, Lesern, Kritikern und Kommentatoren ein bl\u00fchendes Weihnachtsfest und ein spielreiches Neues Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinder, solange sie nicht im Sinne einer Erziehung ver-zogen sind, beherrschen die zwei wichtigsten Lebensregeln perfekt: Sei authentisch! Sei ganz bei einer Sache und tu nicht zwei Dinge gleichzeitig! Das hei\u00dft, sie folgen ihrer Energie spontan und augenblicklich. Wenn sie schreien, schreien sie total. Wenn sie sehen, sehen sie total. 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