{"id":1680,"date":"2012-04-05T13:16:46","date_gmt":"2012-04-05T12:16:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/?p=1680"},"modified":"2012-04-06T00:01:11","modified_gmt":"2012-04-05T23:01:11","slug":"04-04-2012-zaubern-mit-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2012\/04\/05\/04-04-2012-zaubern-mit-vernunft\/","title":{"rendered":"04.04.2012: Zaubern mit Vernunft"},"content":{"rendered":"<p>Nach sechs Wochen Enthaltsamkeit in Neuseeland ist Aaron an den Spieltisch am Westpark zur\u00fcckgekehrt. Horst fiel sofort auf, was er an ihm vermi\u00dft hatte: Sein Hadern mit dem Schicksal, sei es wegen schlechter W\u00fcrfel, schlechter Karten oder ungl\u00fccklicher Sitzpositionen. Aaron seinerseits fiel im rhetorischen Gegenzug Walters chaotisches Vorw\u00e4rts- und R\u00fcckw\u00e4rts-Drehen von Spielz\u00fcgen ins Auge. Das war ihm in Neuseeland abgegangen. Heute war alles wieder beisammen.<\/p>\n<p><strong>1. &#8220;Grimoria&#8221;<\/strong><br \/>\n\u201eIm Schein des Kerzenlichts bl\u00e4ttert der alte Zauberer von Grimoria in seinem Zauberbuch\u201c und sucht einen kompetenten Nachfolger. Dieser mu\u00df die m\u00e4chtigen Zauberspr\u00fcche weise einsetzen, die schwarze Magie besonnen nutzen, sich im rechten Moment zu sch\u00fctzen wissen und vor allem kluge Gef\u00e4hrten um sich scharen.<\/p>\n<p>Wir sind also alle m\u00f6gliche Nachfolgekandidaten. Jeder hat ein h\u00fcbsches Zauberbuch (mit identischen Zauberspr\u00fcchen) zur Hand und w\u00e4hlt daraus simultan und verdeckt einen Zauberspruch aus. (Das ist topologisch \u00e4quivalent zum verdeckten Ausspielen einer Karte aus einem Satz von Aktionskarten, in \u201eGrimoria\u201c aber viel poetischer gel\u00f6st.) Die Spr\u00fcche verschaffen uns Besitzstand an Geld, Gef\u00e4hrten oder Grundbesitz, oder sie erlauben uns, Gef\u00e4hrten von reichen Mitspielern abzuwerben oder uns gegen eine solche Abwerbung zu sch\u00fctzen.<a href=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Grimoria.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright  wp-image-1682\" src=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Grimoria-300x274.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"274\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein wesentlicher Nebeneffekt der Zauberspr\u00fcche ist ihr Einflu\u00df auf die Spielerreihenfolge. Wer den \u201ebilligsten\u201c Spruch gew\u00e4hlt hat, darf in der \u201eAbenteuerphase\u201c als erster ziehen. Haben allerdings mehrere Spieler den gleichen Spruch gew\u00e4hlt, landen sie am Ende der Zugfolge.<\/p>\n<p>In der Abenteuerphase darf sich jeder Spieler aus der offenen Karten-Auslage bedienen und seinen Besitzstand um einen Gef\u00e4hrten oder um ein St\u00fcck Grundbesitz erweitern. Wer zuerst kommt, hat die freie Auswahl. Aber alles ist mehr oder weniger gut.<\/p>\n<p>Am Ende wird der beste Besitzstand pr\u00e4miert: In erster Linie z\u00e4hlt die Summe der angesammelten Werte f\u00fcr Gef\u00e4hrten und Grundbesitz. Weiterhin liefern einige Gef\u00e4hrten Zusatzpr\u00e4mien f\u00fcr eine besonders gelungene Besitzstandsstruktur.<\/p>\n<p>Das Spiel beginnt ganz flott: Wir haben f\u00fcnf Zauberspr\u00fcche zur Auswahl und noch keinen Besitzstand, d.h. also wir k\u00f6nnen nichts verlieren und niemandem nichts wegnehmen. Das \u00e4ndert sich aber ganz schnell an. Am Ende k\u00f6nnen wir unter 15 Zauberspr\u00fcchen w\u00e4hlen und haben eine ganze Reihe von Gef\u00e4hrten unter Vertrag, deren Pr\u00e4mienpotenz wir uns in jedem Fall sichern m\u00f6chten, wobei wir zugleich aber gerne den Mitspielern noch den einen oder anderen Kraftheini abluchsen w\u00fcrden. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Walter beklagte sich, dass bei 5 Mitspielern hier 15 hoch 5, d.h. ca. eine Dreiviertel-Million Zauberspruch-Kombinationen miteinander in Korrelation zu setzen sind. Und dann gab es noch jemanden, der darauf erwiderte: \u201eDie Leute, die dieses Spiel spielen, wissen gar nicht, wie man Korrelation schreibt, geschweige denn, was das ist.\u201c<\/p>\n<p><em>WPG-Wertung: Aaron: 5 (ein Punkt w\u00e4re es mehr, wenn es k\u00fcrzer w\u00e4re und keine Strategie-M\u00f6glichkeiten vorgaukeln w\u00fcrde), G\u00fcnther: 5 (lockeres Familienspiel), Horst: 8 (die Ausstattung ist h\u00fcbsch, und noch dazu hat es einen sehr fairen Preis), Moritz: 7 (in Neuseeland w\u00e4re es wohl \u201eSpiel des Jahres\u201c geworden, plant beim Sex auch nicht immer die n\u00e4chste Stellung voraus), Walter: 5.<\/em><\/p>\n<p>Was bei der Handhabung an Zauberspr\u00fcchen in &#8220;Grimoria&#8221; vermisst wird, n\u00e4mlich ein gewitztes Reagieren auf die Spr\u00fcche der Kontrahenten, schildert das Bechstein-M\u00e4rchen \u201eDer alte Zauberer und seine Kinder\u201c. Hier der Schlu\u00df:<\/p>\n<p><em>\u201eGegen den Abend war der b\u00f6se Zauberer den Kindern wieder ganz nahe, und die Schwester zagte zum drittenmal und gab sich verloren; aber der Knabe sprach wieder einen Zauberspruch, den er aus dem Buche gelernt hatte, da ward er eine harte Tenne, darauf die Leute dreschen, und sein Schwesterlein war in ein K\u00f6rnlein Gerste verwandelt, das wie verloren auf der Tenne lag.<br \/>\nAls der b\u00f6se Zauberer herankam, sah er wohl, da\u00df er zum drittenmale ge\u00e4fft war, besann sich diesesmal aber nicht lange, lief auch nicht erst wieder nach Hause, sondern sprach auch einen Spruch, den er aus dem Zauberbuche gelernt hatte; da war er in einen schwarzen Hahn verwandelt, der schnell auf das Gerstenkorn zulief, um es aufzupicken; aber der Knabe sprach noch einmal einen Zauberspruch, den er aus dem Buche gelernt, da wurde er schnell ein Fuchs, der packte den schwarzen Hahn, ehe er noch das Gerstenk\u00f6rnlein aufgepickt hatte, und bi\u00df ihm den Kopf ab. Da hatte der Zauberer, wie dies M\u00e4rlein, gleich ein Ende.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>2. &#8220;Zeitalter der Vernunft&#8221;<\/strong><br \/>\nNach der Einleitung im Regelheft war die zweite H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts das Zeitalter der Vernunft. Ansonsten wird \u00fcber Vernunft nicht mehr viel Federlesens gemacht. Weder im Zeitalter noch in diesem Spiel des verdienten Martin Wallace.<\/p>\n<p>Auf einer Weltkarte mit europ\u00e4ischer Dominanz und \u00fcberseeischen Randerscheinungen breiten wir uns aus, indem wir Kampfkarten spielen, mit denen wir unschuldige Einheimische oder schuldige Mitspieler von dort verdr\u00e4ngen (massakrieren, ausrotten, niedermetzeln, abschlachten, t\u00f6ten, eliminieren, s\u00e4ubern oder wie immer das in der Fachsprache hei\u00dft). Die St\u00e4rke der ausgespielten Kampfkarten entscheidet \u00fcber Sieger oder Verlierer eines Kampfes; zum erh\u00f6hten Vergn\u00fcgen wird der Kampfwert der Karten per elegantem Kampfw\u00fcrfelwurf aber noch um 0 bis 200 (zweihundert!) Prozent erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Taktisch sinnvoll ist es, seine Truppen in ein Ausbildungslager zu schicken bevor man in den Kampf zieht. Damit k\u00f6nnen sie immerhin um 20% der W\u00fcrfelspannweite st\u00e4rker werden. Oder man bildet einen Reservesturm, mit dem man dann einen Kampfw\u00fcrfelwurf wiederholen darf. (Die mathematische Berechnung dieses Vorteils \u00fcberlasse ich jetzt G\u00fcnther.) Doch K\u00e4mpfe sind in jedem Fall sehr teuer. Das halbe Bruttosozialprodukt mu\u00df ein Staat berappen, nur um eine einzige Schlacht schlagen zu k\u00f6nnen. Und selbst wenn sie nur knapp gewonnen wird, steigt die Unzufriedenheit in der Bev\u00f6lkerung. Im Zeitalter der Demokratien w\u00fcrde sie dann die alternative Kriegsparteil w\u00e4hlen; im Zeitalter der Vernunft verliert man daf\u00fcr ein paar Siegpunkte.<\/p>\n<p>H\u00fcbsch ist der Mechanismus, mit dem pro Runde die Spielerreihenfolge und Allianzen versteigert werden. Als Erster zu ziehen, ist nat\u00fcrlich immer von Vorteil, schlie\u00dflich sind einige Kampf- und Erwerbs-M\u00f6glichkeiten nur Einmalaktionen, die vorbei sind, wenn sie einmal genutzt wurden. Die \u201eAllianzen\u201c hingegen bestimmen, wer wen angreifen darf, und wer wen im Kampf unterst\u00fctzen kann. Hat man das Auge auf eine bestimmte Eroberung geworfen, darf man mit dem Gegenpart nicht in einer Allianz stehen. Umgekehrt, falls mehrere Spieler einem anderen (dem F\u00fchrenden, wem sonst?) gemeinsam ans Zeug flicken wollen, m\u00fcssen sie miteinander in einer Allianz stehen. Wenn die Welt im Laufe des Spiels allm\u00e4hlich aufgeteilt ist, sollte man f\u00fcr Allianz-Ambitionen schon etwas hinbl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Allerdings sind Allianzen eine sehr nebul\u00f6se Angelegenheit. Es ist keineswegs gew\u00e4hrleistet, dass ein Verb\u00fcndeter sich einmischt. Warum soll man auch eine Menge Geld spendieren, nur um einem Doch-auch-Konkurrenten zum Gewinn einer Schlacht zu verhelfen? Den Teufel mit Beelzebub austreiben hei\u00dft das schon in der Bibel. Bei uns hielten sind alle Alliierten w\u00e4hrend des gesamten Spiels aus allen Kampfhandlungen heraus.<br \/>\nWalter wurde gleich zu Spielbeginn von Horst der erste Kampf aufgedr\u00e4ngt, bei dem er trotz massivsten Kampfmitteleinsatzes gnadenlos W\u00fcrfel-verdroschen wurde. Demotiviert warf er daraufhin die Flinte ins Korn, wandelte seine Schwerter in Pflugscharen um und versuchte sich als Ananasz\u00fcchter in Alaska. Moritz l\u00e4chelte herablassend bis mitleidsvoll: \u201e<strong>Ich<\/strong> habe einen Plan!\u201c Pflugscharen gelten im Zeitalter der Vernunft offensichtlich nicht als Plan.<\/p>\n<p>In drei Wertungen wird der jeweilige Welt-Eroberungsstand gewertet. Wer am Ende die meisten Siegpunkte hat, weist die gr\u00f6\u00dfte Vernunft auf. Ein Spiel f\u00fcr f\u00fcr Hasardeure. Einer wird gewinnen. Und der freut er sich dann. Oder auch nicht. Die Mitspieler ebenfalls.<\/p>\n<p><em>WPG-Wertung: Aaron: 5 (W\u00fcrfelspiel ohne Planbarkeit), G\u00fcnther: 6 (Allianzen gibt es nur aus negativer Motivation), Horst: 6 (am Westpark versteht man leider nichts vom gemeinsamen Kampf gegen den F\u00fchrenden), Moritz: 6 (ketzerisch gesagt: die Aktionen sind uninteressant), Walter: 2 (um mich mit W\u00fcrfelentscheidungen zu am\u00fcsieren spiele ich lieber \u201eMensch-\u00e4rgere-Dich-nicht\u201c.).<\/em><\/p>\n<p><strong>3. &#8220;Bluff&#8221;<\/strong><br \/>\nMoritz stellte leicht ungehalten fest, dass Aaron ihn immer wieder anzweifelt. \u201eImmer, immer!\u201c Ist Aaron deswegen ein h\u00f6chst parteiischer Bluffer? Nein, es liegt nur an der traditionell festgelegten Sitzreihenfolge am Westpark.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach sechs Wochen Enthaltsamkeit in Neuseeland ist Aaron an den Spieltisch am Westpark zur\u00fcckgekehrt. 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