{"id":1884,"date":"2013-04-05T16:49:09","date_gmt":"2013-04-05T15:49:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/?p=1884"},"modified":"2013-04-06T18:13:00","modified_gmt":"2013-04-06T17:13:00","slug":"03-04-2013-semi-kooperativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2013\/04\/05\/03-04-2013-semi-kooperativ\/","title":{"rendered":"03.04.2013: Semi-Kooperativ"},"content":{"rendered":"<p>Das Spielzeug an sich ist Nebensache, die phantasievolle Besch\u00e4ftigung damit ist alles. (Peter Rosegger)<\/p>\n<p><strong>1. &#8220;Archipelago&#8221;<\/strong><br \/>\nHorst war schon wochenlang mit dem Archipel schwanger gegangen und hatte das Spiel Tage vorher schriftlich vorgeschlagen. Bei der Vorbereitung bekam er aber dann aber kalte F\u00fc\u00dfe und fragte sicherheitshalber nochmals nach:<\/p>\n<p><em>\u201eBeim Durchlesen und bei Rezensionen im Netz stellte ich fest, dass es f\u00fcr die Westpark Gamers eventuell problematisch werden k\u00f6nnte, betreff Spieldauer, \u00dcberfrachtung von Elementen, M\u00f6glichkeiten der Absprachen und Bestechungen und einem unbefriedigendem Ende. Trotzdem glaube ich, dass es kein schlechtes Spiel ist, aber die Frage ist, tun wir uns das an?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Neue Spiele, noch dazu von einem Westparker pers\u00f6nlich vorgeschlagen, werden aber immer freudig begr\u00fc\u00dft. Horst bekam gr\u00fcnes Licht. Allerdings \u00fcberlegten wir unverz\u00fcglich, wie wir die am Westpark ungeliebten Verhandlungselemente entsch\u00e4rfen k\u00f6nnen. Sie sind in \u201eArchipelago\u201c aber so fest in viele Abl\u00e4ufe eingebaut, dass nur die Alternative alles oder nichts praktikabel erschien. Deshalb akzeptierten wir schlie\u00dflich alles. Nur den \u201eSeparatisten\u201c, eine Art Verr\u00e4ter unter den Spielern, der genau dann gewinnt, wenn die semi-kooperativen Bem\u00fchungen der Spieler scheitern, lie\u00dfen wir weg.<\/p>\n<p>Schon 20 Minuten vor Session-Beginn erschien Horst, um das Spiel aufzubauen. Anschlie\u00dfend brauchte er noch geschlagene zwei Stunden f\u00fcr seine wohlvorbereitete Einf\u00fchrung in die Spielregeln. Eine so lange Zeit darf nat\u00fcrlich nicht als Schuld angerechnet werden; dieser Teil des Spiel-Kennenlernens mit neugierigen Vorgriffen und kritischen R\u00fcckfragen zum Regelwerk geh\u00f6rt bei uns umbestritten zum Genuss eines Spielabends. (Aaron hatte allerdings im Internet ein Erkl\u00e4r-Video des Verfassers von Archipelago gesehen, wo man innerhalb einer halben Stunden das Spiel erkl\u00e4rt und bereits zwei Runden gespielt hatte. Das war halt der \u00fcbliche Verkaufstrick einer Demo-Version.)<\/p>\n<p>In Archipelago sind wir Entdeckter und besitzen B\u00fcrger, Schiffe und Aktionen, mit denen wir die Spielz\u00fcge eines klassischen Workerplacement- und Aufbauspieles durchf\u00fchren:<\/p>\n<ul>\n<li>Wir <strong>entdecken<\/strong>, indem wir neue Hexateile aus dem Vorrat an den bereits bekannten Archipel (nach Wikipedia: \u201eMeeresregion mit vielen Inseln\u201c) anlegen. Daf\u00fcr bekommen wir einen Entdecker-Bonus und landwirtschaftliche Erzeugnisse des neu entdeckten Landes.<\/li>\n<li>Wir <strong>ernten<\/strong> oder <strong>fischen<\/strong> Produkte aus den von uns besetzten Teilen des Archipels<\/li>\n<li>Wir <strong>handeln<\/strong>, d.h. wir kaufen oder verkaufen ein Produkt auf dem Markt.<\/li>\n<li>Wir <strong>migrieren<\/strong> zu Fu\u00df und per Schiff in andere Hexateile des Archipels<\/li>\n<li>Wir <strong>bauen<\/strong> H\u00e4fen, St\u00e4dte, M\u00e4rkte und Kirchen, die uns Handelsvorteile bringen und uns (als Kirchen, na klar!) gegebenenfalls vor dem Unmut de Eingeborenen sch\u00fctzen.<\/li>\n<li>Wir <strong>rekrutieren<\/strong> arbeitslose Eingeborene und reihen sie in die Sklavenbelegschaft auf unserem Archipel ein.<\/li>\n<li>Wir <strong>ziehen Steuern ein<\/strong> , d.h. pressen einfach eine bestimmte Geldsumme aus unserem archipelagischen Besitztum und lassen daf\u00fcr die Eingeborenen in Rebellionsbereitschaft zur\u00fcck.<\/li>\n<li>Last, but not lease: Wir <strong>vermehren<\/strong> uns, \u201cpoppen\u201d genannt, wobei diese Aktion &#8211; leicht phasenverschoben &#8211; durch eine Babyflasche angezeigt wird, wonach gem\u00e4\u00df Regelheft aber bereits fertige 15-j\u00e4hrige B\u00fcrger auf unserem Archipel erscheinen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>So weit, so gut. Es gibt viele M\u00f6glichkeiten, viel zu tun, und daf\u00fcr bei Spielende nach einer zu 20 Prozent ver\u00f6ffentlichten und zu 80 Prozent <strong>geheim (!!!)<\/strong> gehaltenen Skala Siegpunkte einzuheimsen. Ungebremst k\u00f6nnen wir in der fremden Inselwelt einem r\u00fccksichtslosen Ausbeutertum fr\u00f6nen. Soweit ist das Spiel in der Einheitlichkeit seines Themas, in der Vielseitigkeit seiner Ideen und in der Menge und Qualit\u00e4t seiner Ausstattung mindestens 7 Westpark-Gamers-Punkte wert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1886\" aria-describedby=\"caption-attachment-1886\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Archipelago.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1886\" alt=\"Archipelago\" src=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Archipelago-300x189.jpg\" width=\"400\" height=\"252\" srcset=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Archipelago-300x189.jpg 300w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Archipelago-150x95.jpg 150w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Archipelago.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1886\" class=\"wp-caption-text\">Archipelago<\/figcaption><\/figure>\n<p>Doch um nicht das hunderttausendste Spiel dieser Art auf den Markt zu bringen, baute der Autor noch ein ganz artfremdes Element in den Spielablauf ein; im Regelheft ist es mit den Begriffen \u201e<strong>Humanismus<\/strong>\u201c und \u201e<strong>semi-kooperativ<\/strong>\u201c ausgedr\u00fcckt und soll die R\u00fccksichtslosigkeit beim Ausbeuten bremsen: Wir werden in bestimmten Spielphasen verpflichtet, etwas f\u00fcr die einheimische Bev\u00f6lkerung zu tun, damit diese nicht rebelliert. Wir m\u00fcssen ihr Rohstoffe in den Rachen werfen.<\/p>\n<p><strong>WER<\/strong> muss das tun? <strong>Alle<\/strong> Spieler <strong>gemeinsam<\/strong> nach einer freiwilligen Einsicht in die Notwendigkeit. Wie diese Freiwilligkeit funktioniert, hat man ja schon bei der Rettung des griechischen Finanzsystems durch die zivilisierte Bankerwelt unserer Tage gesehen. Wieviel besser funktioniert diese Solidarit\u00e4t erst unter den altruistischen Ausbeutern des 17. Jahrhunderts, respektive unter den sieg-geilen Westpark-Gamers des 21. Jahrhunderts! Todsicher!<\/p>\n<p>Wir hatte noch keine halbe Stunde gespielt, Aaron hatte ein paar Entdeckungen gemacht, G\u00fcnther die erste Stadt gegr\u00fcndet, Horst sich doppelte Ertr\u00e4ge beim Fischhandel gesichert und Walter wu\u00dfte noch nicht, in welche Richtung er seine Ausbeuterschaft wenden sollte. Ausgiebiges Poppen, bevor es in den Kolonialkrieg geht, konnte wohl auch keine schlechte Devise sein. Da wurden alle unvermutet vor die humanistische Aufgabe gestellt, der einheimischen Bev\u00f6lkerung mit einem Appel und Ei den Revolutionseifer abzukaufen. Walter opferte ein Ei, schlie\u00dflich hatte er noch gen\u00fcgend, um auch noch eine Stadt zu gr\u00fcnden. Horst hatte kein Ei und passte. Aaron und G\u00fcnther behaupteten, auch keine Eier zu haben. Oder keine \u00c4pfel. Jedenfalls schnellte das Rebellionspotential der Einheimischen schlagartig \u00fcber den zul\u00e4ssigen letalen Pegel, und das Spiel war mit einer Niederlage aller Spieler zu Ende.<\/p>\n<p>Zum Wegr\u00e4umen deckten jetzt Aaron und G\u00fcnther ihre bis dahin geernteten Produkte hinter dem Sichtbildschirm auf und siehe da: Sie hatten gen\u00fcgend \u00c4ppel und Eier, um die ganze Weltbev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren. Dass sie mit ihrer Knausrigkeit das Spielende herbeif\u00fchrten, war ihnen nur halbwegs bewu\u00dft gewesen. Aaron hatte das Risiko noch auf G\u00fcnther abw\u00e4lzen k\u00f6nnen, der hatte aber bereits die Lust am linearen, noch stundenlangen Weiterspielen verloren! Vielleicht h\u00e4tten wir doch den \u201eSeparatisten\u201c als Motivation f\u00fcr mehr Opferbereitschaft im Spiel lassen sollen.<\/p>\n<p>Horst bekam einen Wutanfall. \u201eDas ist der Wahnsinn! Durch reinen Egoismus habt Ihr das Spiel nach 30 Minuten mutwillig beendet. Respektlos! Null-Punkte f\u00fcr die Spielerqualit\u00e4t am Westpark!\u201c Stundenlang hatte er sich auf dieses Spiel vorbereitet. Jede Minute seiner Mittagspausen hatte er geopfert, um das Spiel zu erforschen. Am liebsten h\u00e4tte er sich seine Vorbereitungszeit mit 50 Euro pro Stunde durch den \u2013 nicht vorhandenen \u2013 Etat der Westpark-Gamers verg\u00fcten lassen.<\/p>\n<p>Erst als das verdutzte Rest-Trio ihm klarmachte, dass wir offensichtlich ein ganz normales und vorgesehenes Spielende erreicht hatten, dass dies offensichtlich eine Designschw\u00e4che des Spiels war, und dass Horst h\u00f6chstpers\u00f6nlich durch Verhandlungen &#8211; a la \u201eich spende 5 Florin f\u00fcr ein Ei, wer gibt mir eines f\u00fcr die hungrige Bev\u00f6lkerung?&#8221; \u2013 das j\u00e4he Spielende h\u00e4tte hinausschieben k\u00f6nnen, kam er langsam von seinem Brass herunter.<\/p>\n<p>Die anderen waren \u2013 abgesehen von dem tiefen Bedauern f\u00fcr Horsts frustierend belohnte Vorbereitung \u2013 mit dem Spielverlauf zufrieden. Sie hatten ein neues Spiel kennenlernen d\u00fcrfen. Sie hatten mit Lust und Eifer stundenlang \u00fcber die \u2013 an vielen Stellen missdeutig bis schlechten \u2013 Spielregeln diskutieren d\u00fcrfen, und sie hatten den Spielablauf bis zu dem Eindruck praktizieren k\u00f6nnen, dass jetzt wohl kein neues, bemerkenswertes Steigerungselement mehr auftauchen w\u00fcrde. Wir konnten sogar hinterher noch eine ganze Stunde lang friedlich \u00fcber die Schw\u00e4chen des Spiels diskutieren, \u00fcber das Unding an Startspielerversteigerung (dazu hier jetzt keine Einzelheiten), \u00fcber das Unausgegorene des verpflichtenden \u201eHumanismus\u201c, \u00fcber die ungl\u00fcckliche H\u00e4ufung an unw\u00e4gbaren Zufallselementen in einem im Prinzip auf geschickte Zieleverfolgung ausgerichteten Planspiels. Walter verstieg sich sogar zu den Behauptung: \u201eDie vielen Verhandlungselemente sind in das Spiel nur eingebaut worden, um die gravierenden Designschw\u00e4chen zu verbergen.\u201c<\/p>\n<p>Horst konstatierte das <strong>\u201eUnwort des Jahres\u201c: semi-kooperativ!<\/strong><\/p>\n<p><em>WPG-Wertung: Aaron: 5 (einfach zu spielen. Zieht sich dahin wie \u201eMonopoly\u201c mit Geldleihen, G\u00fcnther: 4 (fand im Spiel keine Lust und keine Lust an einer Spielwiederholung), Horst: (keine Note f\u00fcr die Westparker, keine Perlen vor die S\u00e4ue), Walter: 2 (zu linear, unstimmig; die Semi-Kooperation ist weder Fisch noch Fleisch.<\/em><\/p>\n<p>Bei Boardgame-Geeks gibt es schon eine ganze Reihe positiver und negativer Kommentare zu \u201eArchipelago\u201c. Bemerkenswert: Die guten Kommentare beschr\u00e4nken sich auf wenige Zeilen h\u00f6chsten Lobes, die schlechten Kommentare bringen ausf\u00fchrliche Begr\u00fcndungen zu ihren Kritikpunkten. Hier d\u00fcrfte wohl die sachlich zutreffende Feststellung angebracht sein, dass die b\u00f6sen Kommentare die sachlich zutreffenderen Feststellungen sind.<\/p>\n<p><strong>2. &#8220;Sequence&#8221;<\/strong><br \/>\nNach dem schweren Tobak vom Archipel galt es nur noch, mit leichter Kost den Adreanalinspiegel wieder runter und die Stimmung wieder rauf zu bringen.<\/p>\n<p>Das leichte, partnerschaftliche Kartenspiel \u201eSequence\u201c mit einem Spielziel \u00e4hnlich wie in Gobang konnte die Wogen einigerma\u00dfen gl\u00e4tten. Erst gibt es eine Menge zu denken und zu lavieren, am Ende gewinnt diejenige Partei, die als n\u00e4chstes vom verdeckten Stapel die Pique-Dame zieht. Oder den Herz-Buben. Aber im Prinzip ist das wurscht.<\/p>\n<p>In unserem Spielbericht vom 27. Juni 2012 steht (geringf\u00fcgig) mehr dar\u00fcber.<\/p>\n<p><em>Keine neue WPG-Wertung f\u00fcr ein im Schnitt 6-Punkt-Spiel.<\/em><\/p>\n<p><strong>3. &#8220;Love Letter&#8221;<\/strong><br \/>\nDas d\u00fcnne Kartenspiel wurde in den letzten sechs Monaten bereits vier mal am Westpark aufgelegt. Aber nur, weil G\u00fcnther es behaarlich protegiert. Und er protegiert es deshalb, weil er in Essen eines der wenigen Exemplare mit einem geilen roten Luxus-Lederbeutel gekauft hat.<\/p>\n<p>Personen aus dem britischen Adel, vom Leibw\u00e4chter \u00fcber Priester und K\u00f6nig bis zur Prinzessin, kicken sich mit ihren unterschiedlichen Kickf\u00e4higkeiten aus dem Spiel. Der niedere Adel kann besser kicken, der h\u00f6here Adel gewinnt, wenn er die Kickerei bis zum Verbrauch der 16 Spielkarten \u00fcberlebt hat. Herzlos, aber nicht ganz schmerzlos.<\/p>\n<p><em>Keine neue WPG-Wertung f\u00fcr ein 6,2 Punkte-Spiel, wobei sich Horst \u00fcber seine bereits vergebenen 7 Punkte wunderte.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Spielzeug an sich ist Nebensache, die phantasievolle Besch\u00e4ftigung damit ist alles. (Peter Rosegger) 1. &#8220;Archipelago&#8221; Horst war schon wochenlang mit dem Archipel schwanger gegangen und hatte das Spiel Tage vorher schriftlich vorgeschlagen. 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