{"id":200,"date":"2008-09-11T02:52:30","date_gmt":"2008-09-11T02:52:30","guid":{"rendered":"http:\/\/westpark-gamers.de\/blog\/?p=200"},"modified":"2008-09-11T02:52:30","modified_gmt":"2008-09-11T02:52:30","slug":"10092008-dracula-im-zug-durch-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2008\/09\/11\/10092008-dracula-im-zug-durch-europa\/","title":{"rendered":"10.09.2008: Dracula im Zug durch Europa"},"content":{"rendered":"<p>Eine knifflige Frage zum Spielen aber nicht zum Brettspielen: Wie lernt ein Dirigent seine Partitur auswendig? Ein Exbl\u00e4ser und Freund meiner Frau, der selbst noch unter Furtw\u00e4ngler gedient hat, hat dieser Tage behauptet, da\u00df diese Korniferen das Einstudieren eines Orchesterwerkes \u00fcber das Nachspielen per Klavier machen. Das kann doch wohl nicht sein, da\u00df ein Klavierauszug alle hunderttausend Stimmen eines Orchesters aufzeigt. Moritz mu\u00dfte hier Licht ins Dunkel bringen.<br \/>Erste Aussage: Auswendig Dirigieren ist ausschlie\u00dflich eine Show f\u00fcrs Publikum. Besser wird die Auff\u00fchrung dabei nicht. Ganz im Gegenteil, wenn was schiefl\u00e4uft &#8211; und nach Moritz&#8217; Erfahrung l\u00e4uft fast immer was schief &#8211; dann kann der Dirigent mit der Partitur viel eher das entstehende Malheur noch entsch\u00e4rfen. Vielleicht merken wir Laien das aber ohnehin nicht.<br \/>Zweite Aussage: Auch wenn ein Dirigent ganz souver\u00e4n auswendig dirigiert und sichtbar viele Eins\u00e4tze in vielen Richtungen vorgibt, so \u00fcbersieht er dennoch dabei einen erheblichen Teil der Eins\u00e4tze in den verschiedenen Teilen eines Orchesters. Normale Musiker tuten auch ohne expliziten Wink ins richtige Horn.<br \/>Dritte Aussage: Barockst\u00fccke, die eine konstante Motorik und eine lineare Phrasierung aufweisen, klingen ohne Dirigent oftmals besser als mit! Erst ab der komplizierten Dynamik von Beethoven und folgende sind Dirigenten erst wirklich gefragt.<br \/>Vierte Aussage: Fr\u00fcher war es vielleicht tats\u00e4chlich mal \u00fcblich, da\u00df sich ein Dirigent mit dem Klavier \u00fcber die Partitur- nicht \u00fcber den Klavierauszug &#8211; hergemacht hat und Stimme um Stimme, Einsatz um Einsatz, Akt um Akt einstudiert hat. Besonders geniale oder visuell begabte Dirigenten konnten sich ein Werk allerdings auch schon damals ohne Instrument, sondern mit den blo\u00dfen Augen aus der Notenschrift erarbeiten.<br \/>F\u00fcnfte Aussage: In unserer heutigen, schnellebigen Zeit geben sich manche Dirigenten auch damit zufrieden, zum Kennenlernen ein St\u00fcck mehrfach auf CD anzuh\u00f6ren.<br \/>Christian Tielemann hat gerade bekannt, da\u00df er Bayreuth auch deswegen so sch\u00e4tzt, weil man da dem Publikum nicht mit Auswendig-Dirigieren imponieren mu\u00df. Weil man den Dirigenten im tiefen Wagnergraben ohnehin nicht sieht, kann er es sich leisten, die Partitur vor sich lieben zu haben.<br \/>Warum mu\u00df ein Dirigent eigentlich durch Auswendig-Dirigieren imponieren? Es reicht doch, wenn er das Orchester beherrscht, oder?<br \/><strong>1. &#8220;Fury of Dracula&#8221;<\/strong><br \/>Ohne Widerspruch tischte Moritz einen &#8220;Klassiker&#8221; auf. Schon im letzten Jahrtausend erschienen, dann lange Zeit vergriffen, brachte es &#8220;Fury of Dracula&#8221; bei Ebay auf Preise von &#8220;Hunderten von Dollars&#8221;, bis er im Jahre 2005 von Fantasy Flight Games neu herausgebracht wurde. Das Spiel ist kooperativ. Wie bei &#8220;Scotland Yard&#8221; k\u00e4mpfen 4 J\u00e4ger gegen den b\u00f6sen schwarzen Mann, m\u00fcssen ihn innerhalb der gesamten Geographie von Europa suchen und finden und ihm im Zweikampf den Garaus machen.<br \/>Jeder J\u00e4ger besitzt Spezialeigenschaften, die ihm beim T\u00f6ten oder beim \u00dcberleben behilflich sind. Hans war unsere Lady, die von Haus aus bereits einmal gebissen war und beim n\u00e4chsten Bi\u00df in die Transsylvanischen Jagdgr\u00fcnde verschwinden mu\u00dfte. Walter war der edle Von-Helsing, nach Moritz der &#8220;geilste Stecher&#8221; unter den J\u00e4gern, doch ausgerechnet unser \u00e4ltester Spieler sollte in dieser Rolle seine Kompotenz beweisen.<br \/>Trotz der europ\u00e4ischen Szenerie ist das Spiel kein Eurogame. Die Jagd auf Dracula wird nicht durch taktisch-strategische \u00dcberlegungen gewonnen, sondern &#8211; falls das \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein sollte &#8211; durch Zufall und Gl\u00fcck. Kartenzufall und W\u00fcrfelgl\u00fcck! Dracula mu\u00df nicht in regelm\u00e4\u00dfigen Zeitabst\u00e4nden seine Position offenbaren, sondern nur dann, wenn die J\u00e4ger Ereigniskarten ziehen, die ihnen erlauben, diese siegentscheidende Information abzufragen. Allerdings mu\u00df Dracula in den besuchten St\u00e4dten seine Spuren hinterlassen, so da\u00df man auch durch diese zweite, weniger gl\u00fccksabh\u00e4ngige Methode seine Position absch\u00e4tzen kann.<br \/>Im Gegenzug dazu kann Dracula Karten ziehen, die es ihm erm\u00f6glichen, unterzutauchen und an einem g\u00e4nzlich unbekannten Ort irgendwo in Europa wieder aufzutauchen. Wir hatten gerade um unseren Dracula in Belgrad einen Belagerungsring gezogen, da spielte er &#8211; \u00e4tsch &#8211; diese m\u00e4chtige Karte auf und verkr\u00fcmelte sich nach Liverpool. Keiner wu\u00dft, wo er jetzt zu suchen war. Bis wir wieder eine Ereigniskarte zogen, aufgrund der er seine Position wieder verraten mu\u00dfte, tippelten wir alle fu\u00df- und lendenlahm durchs Land der Skipetaren.<br \/>Im gesamten Spiel fand kein einziger Kampf der J\u00e4ger gegen Dracula statt. Entweder war Moritz &#8211; wer sonst sollte den Dracula spielen &#8211; l\u00e4ngst \u00fcber alle Berge oder er teleportierte &#8211; ebenfalls per Ereigniskarte &#8211; den findigen J\u00e4ger unverz\u00fcglich auf die andere Seite von Europa. Kampfesmutig hatte sich Aaron auf Dracula gest\u00fcrzt, der sich unweigerlich in Edinburgh aufhalten mu\u00dfte, doch Moritz griff in seine Spellkiste und als Aaron wieder zu sich kam, befand er sich an Siziliens K\u00fcsten und konnte friedlich und allein dem Spiel der Wellen lauschen.<br \/>Mit den Hilfssheriffs, die Dracula in allen besuchten St\u00e4dten zur\u00fcckl\u00e4\u00dft, gerieten wir h\u00e4ufiger aneinander. Dann kommt es zu Zweik\u00e4mpfen und per W\u00fcrfel wird ausgew\u00fcrfelt, wer unterliegt und wie viele Leben er dabei verliert. Manchmal geht es auch mit Bissen und Wunden ab. Zuviele Bisse sind des J\u00e4gers Tod. Zuviele Wunden auch. Doch jeder hat mehrere Leben und schlimmstenfalls darf man sich als neugeborene Unschuld wieder ins Get\u00fcmmel st\u00fcrzen.<br \/>Nach einer guten halten Stunde Erkl\u00e4rung (ohne die Einzelheiten) und nach gut zwei Stunden Spielzeit waren wir durch. Fazit: Ein logisches induktives Spiel mit zufallsabh\u00e4ngigen krassen Teleportationskarten, krassen Ereigniskarten und krassen Kampfkarten. Zum letzteren kommt dann noch der W\u00fcrfel hinzu.<br \/>Trotz allem war es bis zu Draculas Sieg \u00e4u\u00dferst spannend. Nicht weil die J\u00e4ger eine Chance hatten, sondern weil sie das nicht wu\u00dften. Zudem ist das Spielmaterial sehr gef\u00e4llig und die Hunderte von Sondereigenschaften, Sonderkarten und Sonderbedingungen halten Aufnahmef\u00e4higkeit und Konzentration st\u00e4ndig in Atem.<br \/>Wie gro\u00df die Spiellust noch sein wird, wenn wir die abz\u00e4hlbar vielen Regeln alle begriffen und unter einen randomisierten strategischen Hut gebracht haben, das steht in den Sternen.<br \/><em>WPG-Wertung: Aaron: 5, G\u00fcnther: 5 (nicht mein Spiel), Hans: 5, Moritz: 7 (Wiederspielwert fraglich), Walter: 4 (meines auch nicht)<\/em><br \/><strong>2. &#8220;Zug um Zug &#8211; Europa&#8221;<\/strong><br \/>Kein Peter mu\u00dfte zur vorletzten U-Bahn, so konnten wir uns eine Stunde vor Mitternacht noch ein ausgewachsenes Gro\u00dfspiel vornehmen. &#8220;Zug um Zug&#8221;, das Spiel des Jahres von 2004, in der ein Jahr sp\u00e4ter herausgekommenen Europaszenerie. Die Geographie des Spielbrettes erinnerte sofort an die Szenerie von Draculas Raserei, doch der Spielablauf ist nahezu diametral entgegengesetzt. Es geht taktisch zu, und z\u00fcgig, und planerisch, und spielerisch, und lustig, und interaktiv und konkurrierend.<br \/>Im Gegensatz zur amerikanischen Szenerie, in der das Spiel \u00fcber den Bau langer Strecken mit quadratisch steigenden Siegpunkten gewonnen wird, mu\u00df man in Europa sein Heil in kleinen aber strategisch gut plazierten Schl\u00fcsselstrecken suchen. Beide Prinzipien stellen ihre eigene Herausforderung dar und haben ihren eigenen planerischen und spielerischen Reiz.<br \/>Ein verdientes Spiel des Jahres, das sowohl normalverbrauchende Familien als auch anspruchsvolle Vielspieler befriedigen kann.<br \/><em>Keine neue WPG-Wertung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine knifflige Frage zum Spielen aber nicht zum Brettspielen: Wie lernt ein Dirigent seine Partitur auswendig? 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