{"id":2202,"date":"2015-01-22T15:51:48","date_gmt":"2015-01-22T14:51:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/?p=2202"},"modified":"2015-02-26T13:59:11","modified_gmt":"2015-02-26T12:59:11","slug":"21-01-2015-der-alchemist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2015\/01\/22\/21-01-2015-der-alchemist\/","title":{"rendered":"21.01.2015: Der Alchemist"},"content":{"rendered":"<p>Seit wievielen Jahrzehnten gibt es Neujahrskonzerte? Das Genre erlebt einen unwahrscheinlichen Boom. Das entsprechende Konzert der Wiener Philharmoniker wird mittlerweile bereits in 90 L\u00e4nder \u00fcbertragen. Und zweitausend Leute lassen ihre Sylvesterraketen stehen, nur um rechtzeitig um zehn Uhr Musikvereinssaal zu sein. Oder vor dem Fernseher.<\/p>\n<p>Und weil der 1. Januar so kurz ist, und andere Orchester auch noch etwas von der Fernseh- und Publikums-Quote mitbekommen wollen, sind inzwischen auch Sylvesterkonzerte oder Drei-K\u00f6nigs-Konzerte wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wer gar ein Neujahrs-Benefiz-Konzert veranstaltet, kann damit bis Ende Februar grassieren.<\/p>\n<p>Was wird geboten? \u201eDie faszinierenden und begeisternden Werken der Strau\u00df-Dynastie\u201c sowie ihrer Zeitgenossen. So propagieren die Wiener Philharmoniker ihr Programm. Und am Ende steht immer und \u00fcberall der Radecki-Marsch, bei dem das Publikum mitklatschen darf. Ist das nun \u201eKlassik\u201c? (Was immer man unter diesem Begriff musikalisch verstehen will.)<\/p>\n<p>Muss man ein Philister sein, wenn man hierauf mit einem klaren \u201eNein\u201c antwortet? Ich tue es. Ich wundere mich \u00fcber Orchester und Dirigenten von Weltrang, die den Flohwalzer noch fl\u00f6higer darbieten wollen als ihre Vorg\u00e4nger. Und Moritz tut es auch. Er sagt sogar noch: \u201eDie klassische Musik ist tot.\u201c<\/p>\n<p><strong>1. &#8220;Die Alchemisten&#8221;<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2206\" aria-describedby=\"caption-attachment-2206\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DerAlchemist.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2206\" src=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DerAlchemist.jpg\" alt=\"Aaron scannt sein alchemistisches Experiment\" width=\"500\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DerAlchemist.jpg 500w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DerAlchemist-112x150.jpg 112w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DerAlchemist-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/DerAlchemist-480x640.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2206\" class=\"wp-caption-text\">Aaron scannt sein alchemistisches Experiment<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Welt ist aus acht verschiedenen Molek\u00fclen zusammengesetzt, nennen wir sie mal M1 bis M8, obwohl sie in der Alchemisten-Wirklichkeit nat\u00fcrlich klingendere Namen haben, wie z.B. Rabenfeder, Alraune oder Kr\u00f6tenbein. Jedes Molek\u00fcl besteht aus genau je einem Atom von drei verschiedenen Elementen, der Einfachheit halber rot, gr\u00fcn und blau genannt. Jedes Atom ist entweder positiv oder negativ geladen. M1 k\u00f6nnte z.B. bestehen aus rot-plus, gr\u00fcn-plus und blau-minus. Wie Herr Binaeri schon vor 279 Jahren festgestellt hat, kann man aus 3 verschieden Elementen, die genau 2 verschiedene Auspr\u00e4gungen besitzen \u2013 ohne Ber\u00fccksichtigung der Reihenfolge &#8211; genau 23 = 8 verschiedene Molek\u00fcle herstellen. Und das sind genau unsere Molek\u00fcle M1 bis M8.<\/p>\n<p>Unsere Aufgabe im \u201eAlchemist\u201c besteht nun darin, herauszufinden, aus welchen Elementen sich jedes der acht angebotenen Molek\u00fcle zusammensetzt. Dazu d\u00fcrfen wir aus jeweils zwei Molek\u00fclen ein Getr\u00e4nk brauen und das Ergebnis begutachten. Dazu wird ein Schema mitgeliefert:<\/p>\n<ul>\n<li>Ist das Ergebnis z.B. rot und positiv, so waren die roten Atome in den beiden Molek\u00fclen positiv und eines gro\u00df, das andere klein. (Ach richtig, die Atome gibt es jeweils in gro\u00dfer und kleiner Ausf\u00fchrung, was man mit seinem Massenspektrometer ber\u00fccksichtigen muss.)<\/li>\n<li>Ist das Ergebnis z.B. blau und negativ, so waren die blauen Atome in den beiden Molek\u00fclen negativ und ebenfalls eines gro\u00df, das andere klein.<\/li>\n<li>Alle anderen roten, gr\u00fcnen oder blauen Plus- oder Minus-Ergebnisse kann sich jeder entsprechend logisch herleiten.<\/li>\n<li>Kommt als Ergebnis ein stinknormaler Tee heraus, dann haben sich alle Atome gegenseitig neutralisiert. Auch daraus kann man Schlussfolgerungen auf die Bestandteile der Molek\u00fcle anstellen. Wea ko dea ko!<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das nur zur eingebauten mathematischen Logik im Alchemisten. Ein unabdingbares intellektuelles R\u00fcstzeug, das man f\u00fcr den Sieg verinnerlicht haben muss. Aaron brauchte knapp zwei (ZWEI) Stunden, um uns das nahe zu bringen. Und selbst dann hatte jeder von uns drei weitere Learning-by-Doing Stunden mit st\u00e4ndigen R\u00fcckfragen im Regelheft n\u00f6tig, um einigerma\u00dfen zu wissen, wohin der Hase l\u00e4uft. Das Ganze ist ja auch noch in ein \u00e4u\u00dferst solides Brettspiel verpackt, dessen reif durchkonstruierter Workerplacement-Mechanismus \u00fcber sechs Runden geht:<\/p>\n<ul>\n<li>Wir bestimmen in jeder Runde die Zugreihenfolge. Wer zuerst platzieren darf, bekommt am wenigsten Material (Molek\u00fcle oder Braugehilfen) mit auf die Reise.<\/li>\n<li>Wir suchen uns 0 bis 2 Molek\u00fcle f\u00fcr unsere chemischen Brauereien aus<\/li>\n<li>Wir verkaufen Molek\u00fcle gegen billiges bares Geld<\/li>\n<li>Wir brauen aus je zwei Molek\u00fclen genau definierte Mixturen, die der Markt fordert und entsprechend hoch honoriert. (Wie bekommen wir nur innerhalb von sechs kurzen Spielrunden heraus, was aus unserem Zutaten entstehen wird?! Wenn die Mixtur nicht stimmt, bekommen wir n\u00e4mlich gar nichts und sind Worker sowie Molek\u00fcle los!)<\/li>\n<li>Wir kaufen f\u00fcr bares Geld bare Siegpunkte oder entsprechende Vorstufen dazu.<\/li>\n<li>Wir testen, was aus zwei Molek\u00fclen entsteht.<br \/>\nUnd das ist ein geiler, neuartiger Gag im Spiel: Mit einer eigenes entwickelten Smartphone App scannen wir die Abbildungen der beiden Molek\u00fcle ein und bekommen dann das Ergebnis angezeigt.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist es etwas umst\u00e4ndlich, beim Scannen die beiden Molek\u00fcle so zu halten, dass kein Mitspieler sie sehen kann (, sonst w\u00fcrde er mit dem Ergebnis ja auch sein eigenes Wissen vermehren). Aber \u201cDer Alchemist\u201d stattet jeden Spieler mit einem trickreich konstruierten, komplizierten Gestell aus, das eine recht geheime Durchf\u00fchrung unserer Experimente erlaubt.<\/li>\n<li>Wir ver\u00f6ffentlichen Analyse-Ergebnisse, d.h. wir behaupten, aus welchen farbigen Plus-Minus-Ladungen sich ein bestimmtes Molek\u00fcl zusammensetzt.<br \/>\nWia im wirklichen wissenschaftlichen Betrieb ist es absolut nebens\u00e4chlich, ob das Ergebnis stimmt oder nicht. Allein f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung bekommen wir Geld und Ehre.<\/li>\n<li>Wir bestreiten Angaben von ver\u00f6ffentlichen Analyse-Ergebnissen, d.h. wir zeigen an, welche der farbigen Plus-Minus-Ladungen falsch ist.<br \/>\nDiese Aussage m\u00fcssen wir jetzt wieder mit der neuartigen Smartphone-App verifizieren lassen und schon bekommt wir Geld und Ehre, w\u00e4hrend der Falsch-Ver\u00f6ffentlicher reichlich mit Schimpf und Schande bekleckert wird.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie schon gesagt, wir brauchten 5 Stunden f\u00fcr unser erstes Spiel, einschlie\u00dflich Einf\u00fchrung. \u201cDer Alchemist\u201d hat schon etwas Faszinierendes an sich. Die eingebaute Logik ist high-sophisticated stimmig, das Spielmaterial umfangreich und qualitativ hochwertig. Die App f\u00fcr die Auswertung der chemischen Experimente ist witzig und es macht Spa\u00df, sie zu bedienen. Aber das ist nicht alles.<\/p>\n<p>Die Deduktion kommt entschieden zu kurz. Wenn man tats\u00e4chlich genau wei\u00df, aus welchen Atomen sich ein bestimmtes Molek\u00fcl zusammensetzt, dann ist diese Kombination gerade einem falschen Molek\u00fcl zugeordnet und muss erst freigeschaufelt, d.h. angezweifelt werden. Was erstens Aktionen kosten und zweitens keinesfalls ein sicheres Unternehmen ist. Schlussendlich ist der Lohn einer sauberen Deduktion mit zuviel Workerplacement-Zufall und Chaos \u00fcberdeckt. Wie sagte schon der Psalmist: <strong><em>\u201eUnser Leben w\u00e4hret sieben Runden, und wenn es hoch kommt, so ist es doch blo\u00df M\u00fche und Frust gewesen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>WPG-Wertung: Aaron: 4 (Materiell eine Katastrophe, die Situation beim Ver\u00f6ffentlichen h\u00f6chst unbefriedigend; das ist doch irre!), G\u00fcnther: 5 (einschlie\u00dflich eines Sympathie-Punktes f\u00fcr die App, die sehr sch\u00f6n und sinnig ist. Es fehlt eine Einf\u00fchrung ist die chemische Logik), Moritz: 5 (die Mechanismen sind solide, aber es gibt einfach Schw\u00e4chen; die Kombination von Worker-Placement mit Deduktion ist nicht gelungen; Wenn wir das Spiel jetzt gleich noch einmal spielen w\u00fcrden, w\u00fcrde ich alles richtig machen, das Spiel w\u00fcrde mir trotzdem nicht gefallen), Walter: 6 (die Ingenieursleistung des Spiel-Autors ist 10 Punkte wert. Wenn man die Logik begriffen hat \u2013 habe ich leider erst in der Nach-Mitternacht-Diskussion \u2013 , k\u00f6nnen die verschiedenen Spielmechanismen, einschlie\u00dflich eines gewissen Bluff-Elementes, ganz h\u00fcbsch zusammenwirken.)<\/em><\/p>\n<p>Warum Aarons Aussage zur \u201emateriellen Katastrophe\u201c: Zum Spielmaterial geh\u00f6rt f\u00fcr jeden Spieler ein Auswertezettel, in dem er sich die Ergebnisse seiner Experimente notieren und daraus Schlu\u00dffolgerungen ziehen kann. Dieser Zettel ist vom Farbdruck her sehr schlecht lesbar; alle \u00e4lteren Semester, und das waren bei uns immerhin 75 % der Mitspieler, haben nach einer Lupe verlangt, um wei\u00dfe Zahlen auf hellem Grund identifizieren zu k\u00f6nnen. Auch sonst wird man mit dem Auswertezettel, eigentlich dem Herzst\u00fcck des Alchemisten, nicht richtig gl\u00fccklich. Alles ist super, aber das Herz will einfach nicht schlagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit wievielen Jahrzehnten gibt es Neujahrskonzerte? Das Genre erlebt einen unwahrscheinlichen Boom. Das entsprechende Konzert der Wiener Philharmoniker wird mittlerweile bereits in 90 L\u00e4nder \u00fcbertragen. Und zweitausend Leute lassen ihre Sylvesterraketen stehen, nur um rechtzeitig um zehn Uhr Musikvereinssaal zu sein. Oder vor dem Fernseher. Und weil der 1. 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