{"id":2291,"date":"2015-07-02T17:56:23","date_gmt":"2015-07-02T15:56:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/?p=2291"},"modified":"2015-07-02T18:32:12","modified_gmt":"2015-07-02T16:32:12","slug":"01-07-2015-spielen-und-waehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2015\/07\/02\/01-07-2015-spielen-und-waehlen\/","title":{"rendered":"01.07.2015: Spielen und W\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Spielepreis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2294\" src=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Spielepreis.jpg\" alt=\"Spielepreis\" width=\"384\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Spielepreis.jpg 384w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Spielepreis-133x150.jpg 133w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Spielepreis-266x300.jpg 266w\" sizes=\"auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a>Es ist entschieden: die drei H\u00e4nde voll Erleuchteter der Jury \u201eSpiel des Jahres\u201c haben gew\u00e4hlt und werden ihren Preistr\u00e4ger f\u00fcr das Jahr 2015 am kommenden Montag bekanntgeben. Dann werden einige Vielspieler sich wieder wundern, welch l\u00e4ppische Spielmechanismen die Jury glaubt, dem deutschen Wenig-Spielervolk maximal zumuten zu k\u00f6nnen. Und sie werden die Nase r\u00fcmpfen und resignierend erkennen, dass sie an den Spiel-Entscheidungen genauso wenig mitsprechen k\u00f6nnen wie an den wirtschaftspolitischen Entscheidungen der drei H\u00e4nde voll Politiker, die den minderen Regierungen den munteren Geldhahn offen halten, oder auch nicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die andere gro\u00dfe Spieleauszeichnung in Deutschland, f\u00fcr den \u201eDeutschen Spielepreis\u201c h\u00e4lt der Friedrich M\u00e4rz Verlag, der Organisator der j\u00e4hrlichen \u201eSpiel Essen\u201c, eine demokratischen Abstimmung ab. \u201eDemokratisch\u201c in einer historischen Auffassung dieses Prinzips: eine privilegierte Meute von Spielern erh\u00e4lt eine Einladung, an der Abstimmung teilzunehmen. Heute kam f\u00fcr mich diese Einladung. Dank Aarons \u201eSpiele-Finder\u201c-Implementierung auf unserer Internetseite hatte ich im Nu die f\u00fcnf Spiele ermittelt, die in diesem und letztem Jahr eine erkleckliche Anzahl von Punkten wert war. Ich habe gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>1. &#8220;Diggers&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Vor zweieinhalb Jahren lag diese Eigenentwicklung von Aaron zum ersten Mal bei uns auf dem Tisch. Damals war die einhellige Meinung: \u201eEs ist ausgereift, funktioniert super, k\u00f6nnte sofort in Produktion gehen.\u201c Dem war aber nicht so. Wenn wir am Westpark auch in den logischen Herausforderungen eines Spiels aufgehen k\u00f6nnen, braucht der Markt doch noch etwas Zufall, Chaos, Pfeffer, oder wie immer man die unberechenbaren \u00dcberraschungen im Spielablauf nennen mag.<\/p>\n<p>In das kleine, h\u00fcbsche, flotte Kartenspiel wurde Zusatzkarten eingebaut, die konsequent gegen die Berechenbarkeit gingen, und einen Spielablauf sogar fast auf den Kopf stellen konnten. Manche m\u00f6gen\u2019s hei\u00df.<\/p>\n<p>Vor drei Monaten hat Aaron f\u00fcr \u201eDiggers\u201c einen Verlag gefunden, \u201eWhat\u2019s your game\u201c. Jetzt geht es in die letzte Kl\u00e4rungsphase des G\u00e4rungsprozesses, und der Verlag hat auch schon ein paar \u00c4nderungen vorgeschlagen, die uns Aaron gestern testen lie\u00df.<\/p>\n<p>Alles wundersch\u00f6n:<\/p>\n<ol>\n<li>Es gibt nur noch vier statt fr\u00fcher f\u00fcnf Farben; dadurch haben die Spieler mit h\u00f6herer Wahrscheinlichkeit Karten in der Hand, die sie an einen der sechs m\u00f6glichen Wertungsstapel anlegen k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Jeder Kartensatz ist doppelt; dadurch gibt es deutlich mehr M\u00f6glichkeiten, sich an den verschiedenen Wertungsstapeln zu beteiligen.<\/li>\n<li>Die Wertungen steigen immer noch von Runde zu Runde an, aber nicht mehr so extrem progressiv wie fr\u00fcher, sondern nur noch linear. F\u00fcr die kurze Spieldauer absolut ausreichen.<\/li>\n<li>Die Sonderkarten, mit denen man den \u00fcberschaubaren Spielablauf krass un\u00fcberschaubar machen konnte, sind wieder weg. Daf\u00fcr kann man jetzt mit bestimmten Kartenkombinationen in seiner Kartenhand den Wertungen eine leichte Richtungs\u00e4nderung verpassen. Durchaus im Sinne von mehr Flexibilit\u00e4t.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dann hat der Verlag aber auch noch eine \u00c4nderung vorgeschlagen, die gestern zur Katastrophe wurde: Wenn ein Spieler nicht mehr anlegen kann oder will, so passt er und wird neuer Startspieler. Fr\u00fcher kam dann jeder Spieler noch genau einmal dran, dann wurde gewertet. Nach dem neuen Vorschlag d\u00fcrfen die anderen Mitspieler solange weiterspielen, wie sie wollen und ihre Karten reichen.<\/p>\n<p>Da ein \u201ereicher\u201c Spieler beim Legen einer Karte bis zu drei neue Karten nachzieht und sich die beste davon aussuchen darf, kann er das Spiel noch stundenlang weiterf\u00fchren, w\u00e4hren alle anderen Spieler bereits passen mussten und nur noch zuschauen. Moritz praktizierte ausgiebig diese Solotechnik. Mit \u00dcberlegenheit und \u00dcberlegung spielte er Solo-Runde f\u00fcr Solo-Runde eine Karte nach der anderen, und wir mussten eine GEF\u00dcHLTE halbe Stunde zuschauen, bis auch ihm endlich die Luft ausging.<\/p>\n<p>Horst und Walter hatten f\u00fcr irgendeinen Coup ihre Kartenhand ausged\u00fcnnt und d\u00fcmpelten nur noch so vor sich hin. \u201eIch f\u00e4nde es besser, wenn ich jetzt mehr Zugfreiheit h\u00e4tte\u201c war eine Anregung an den Spieleautor. Der aber konterte mitleidslos: \u201eFalsche Karten auf der Hand!\u201c Genau, das wars. Falsche Karten und zu wenig Karten. Runde f\u00fcr Runde. Daf\u00fcr bzw. dagegen muss das Spieledesign eine L\u00f6sung haben. Aaron hat sie. Einfach diesen Vorschlag vom Verlag ablehnen!<\/p>\n<p>\u201eDiggers\u201c ist ein viel zu charmantes Spiel, schnell, klug, pfiffig und spielerisch, als dass es sich durch solche Sackgassen-Vorschl\u00e4ge abgew\u00fcrgt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Keine WPG-Wertung f\u00fcr ein Spiel in der Entwicklungsphase.<\/em><\/p>\n<p><strong>2. &#8220;Kraftwagen&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Trotz nur 4 WPG-Punkten von Peter und nur 5 Punkten von G\u00fcnther hielt Aaron mit seinen und Moritz\u2019 8 Punkten das Spiel einer Kandidatur zu unserer Wahl \u201eSpiel des Monats\u201c wert. Aber bei so unterschiedlichen Wertungen ist das Spiel zweifellos nicht \u201ekonsensf\u00e4hig\u201c. Peter konnte es nicht nur nicht empfehlen, er warnte auch davor, dass \u201eKraftwagen au\u00dferordentlich polarisiert\u201c. Das kam schon der Ank\u00fcndigung eines Vetos gegen eine m\u00f6gliche Wahl gleich.<\/p>\n<p>Aaron wollte den heutigen Spielabend nutzen, die Wertungen f\u00fcr \u201eKraftwagen\u201c bei Horst und Walter auf den Pr\u00fcfstand zu legen.<\/p>\n<p>Worum geht es? In einem Aufbauspiel verbessern wir unsere F\u00e4higkeiten, sch\u00f6ne und st\u00e4rkere Autos zu bauen, bauen sch\u00f6ne und starke Autos, bringen sie auf den Markt, erzeugen die einschl\u00e4gigen Kundenschichten, und freuen uns an Umsatz und Gewinn. Wer Lust (und Potenz) hat, kann sich als Steckenpferd auch noch auf Autorennen verlegen, und dort versuchen, an den Siegeslorbeer heranzukommen.<\/p>\n<p>Die einzelnen Aktionen werden &#8211; wie wir bei \u201eGlen More\u201c zum ersten Mal kennengelernt haben &#8211; \u00fcber eine Aktionsrotunde gew\u00e4hlt, bei der jeweils der Letzte innerhalb des Rundkurses seine n\u00e4chste Aktikon w\u00e4hlen darf, u.U. auch mehrmals hintereinander, wenn die anderen Spieler alle mit ihren Z\u00fcgen sich Aktionen weit vorne ausgesucht, und dabei eine Anzahl weniger attraktiver Aktionen \u00fcbersprungen haben.<\/p>\n<p>Das Spiel ist h\u00fcbsch konstruiert und enth\u00e4lt eine ganze Reihe honorierenswerter Spielelemente, alle einheitlich um das Kraftwagen-Thema. Es konnte Walter allerdings nicht \u00fcberzeugen. Der Knackpunkt ist die Stimmigkeit im Verh\u00e4ltnis von Planungsaufwand gegen\u00fcber Planungssicherheit. Hier hapert&#8217;s. Planen kann (und sollte!) man viel. Jede Wahl, jeder Sprung, jede Knausrigkeit auf der Aktionsrotunde sollte genau abgewogen sein. Fortschritt in der Entwicklung ist lebensnotwendig.<\/p>\n<p>Doch die Entwicklung ist nicht frei bestimmbar, sondern wird \u00fcber \u201eFortschrittskarten\u201c gesteuert, von denen jedem Spieler nur eine ganz kleine Zufallsauswahl zur Verf\u00fcgung steht. Flexibel auf die Gegebenheiten des Zufalls reagieren, das ist die Devise! Zweifellos ebenfalls eine intellektuelle Herausforderung! \u201ePlanung\u201c w\u00fcrde ich das allerdings nicht nennen, f\u00fcr mich ist das eher \u201eHeuristik\u201c. Auch gut.<\/p>\n<p>Die gute Heuristik enth\u00e4lt aber zudem noch absolut unberechenbare Nebeneffekte. Welches Auto man auch immer auf den Markt bringt, es ist bis kurz vor Ende eines Runde nicht gesichert, dass man es auch verkaufen kann. Nur wenn alle K\u00e4ufer einer Spielrunde bereits zur Stelle sind, und man zuf\u00e4llig das letzte Auto eine Runde produziert, kann man es so ausstatten, dass wenigstens dieses Auto auch verkauft wird. Der Effekt f\u00fcr den Spieler, der am Markt vorbei produziert hat, ist allerdings katastrophal: Er bekommt nicht die H\u00e4lte des Wertes und auch nicht ein Drittel, er bekommt gar nichts. Alles oder nichts! Ein Planspiel, bei dem die angestrebten Erl\u00f6se auf Grund von Mitspielerverhalten von Hundert auf Null absinken, das ist kein Planspiel, sondern ein Roulette. Daf\u00fcr ist der ben\u00f6tigte Denkaufwand im \u201eKraftwagen\u201c viel zu hoch.<\/p>\n<p><em>WPG-Wertung: Zu den bisherigen Noten von Aaron: 8, G\u00fcnther: 5, Moritz: 8, Peter: 4 vergaben heute: Horst: 7 (viele planbare Strategien), Walter: 5 (neben dem zu gro\u00dfen Zufallseinfluss besitzt es noch erhebliche Kingmaker-Effekte und es verzeiht keine Spielfehler; dazu mag er diese Kartenaufbau-Menagerie nicht!)<\/em><\/p>\n<p><strong>3. &#8220;Verflixxt!&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Statt des gewohnten \u201eBluff\u201c ein anderes lockeres W\u00fcrfelspiel als Absacker. Alle d\u00fcrfen ausreichend w\u00fcrfeln, jeder darf ein bisschen denken, ansonsten aber locker drauflos spielen und sich \u00fcber gute W\u00fcrfelw\u00fcrfe freuen. Wer verliert, war nicht der Dumme, sondern hat ungl\u00fccklich gew\u00fcrfelt. Aber trotzdem gl\u00fccklich gespielt, denn \u201eVerflixxt!\u201c ist ein \u201eKlassiker, weil es immer wieder Spa\u00df macht!\u201c (Originalton Moritz).<\/p>\n<p>Moritz hat gewonnen. Nach der Basisversion. Nach Variante 4 w\u00e4re er Letzter geworden, aber dann h\u00e4tte er anders gespielt. Und ganz sicher auch anders gew\u00fcrfelt!<\/p>\n<p><em>Keine neue WPG-Wertung f\u00fcr ein fast 8-Punkte-Spiel.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist entschieden: die drei H\u00e4nde voll Erleuchteter der Jury \u201eSpiel des Jahres\u201c haben gew\u00e4hlt und werden ihren Preistr\u00e4ger f\u00fcr das Jahr 2015 am kommenden Montag bekanntgeben. Dann werden einige Vielspieler sich wieder wundern, welch l\u00e4ppische Spielmechanismen die Jury glaubt, dem deutschen Wenig-Spielervolk maximal zumuten zu k\u00f6nnen. 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