{"id":2433,"date":"2016-10-06T16:24:13","date_gmt":"2016-10-06T14:24:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/?p=2433"},"modified":"2016-10-06T16:54:46","modified_gmt":"2016-10-06T14:54:46","slug":"05-10-2016-lieber-bairisch-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2016\/10\/06\/05-10-2016-lieber-bairisch-sterben\/","title":{"rendered":"05.10.2016: Lieber bairisch sterben"},"content":{"rendered":"<p>Nein, der Titel ist kein Schlachtruf vom Oktoberfest. Und der Gegensatz zum Eigenschaftswort \u201ebairisch\u201c w\u00e4re nicht \u201epreu\u00dfisch\u201c sondern \u201e\u00f6sterreichisch\u201c. Es geht um einen der vielen Kriege, den die beiden bluts- und seelenverwandten Volksst\u00e4mme miteinander gef\u00fchrt haben, und zwar die einheimischen rebellierenden Bauern gegen die kaiserlich-\u00f6sterreichische Besatzungsmacht.<\/p>\n<p>Der offizielle bayerische Herrscher war Kurf\u00fcrst Max Emanuel, der zwar in der offiziellen wittelsbacher Hofgeschichtsschreibung als Eroberer von Belgrad auch heute noch eine gute Presse hat, im Grunde aber nur ein draufg\u00e4ngerischer Wein-Weiber-Waffenheld war (wie halt die Milit\u00e4rs dieser Welt) und nach seinen vielen Draufschl\u00e4gereien Bayern finanziell ausgeblutet ver- und hinterlassen hat.<\/p>\n<p>In der Szenerie von \u201eLieber bairisch sterben\u201c spielt er mit seinen blauen Truppen auch nur am Rande mit. Hauptfiguren sind die gelben Kaiserlichen und die aufst\u00e4ndischen roten (!) Bauern. Als Bauernf\u00fchrer sind sogar explizit ein paar, durch M\u00fcnchener Stra\u00dfennamen wohlbekannte Namen wie \u201eKidler\u201c und \u201ePlinganser\u201c erw\u00e4hnt. Selbst der Schmied von Kochel spielt mit, dem hundert Jahre nach der Schlacht am Sendlinger Berg eine eindrucksvolle Statue errichtet wurde, obwohl diese Figur nachweislich nur eine erfundene Sagengestalt ist. Wasser auf Walters Gebetsm\u00fchle: Politiker l\u00fcgen, Journalisten l\u00fcgen, Historiker l\u00fcgen! Alle!<\/p>\n<p><strong>1. &#8220;Lieber bairisch sterben&#8221;<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2437\" aria-describedby=\"caption-attachment-2437\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2016\/10\/06\/05-10-2016-lieber-bairisch-sterben\/lieberbairischsterben\/\" rel=\"attachment wp-att-2437\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2437\" src=\"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LieberBairischSterben.jpg\" alt=\"Ein bewegender Kurf\u00fcrst\" width=\"550\" height=\"678\" srcset=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LieberBairischSterben.jpg 550w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LieberBairischSterben-122x150.jpg 122w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LieberBairischSterben-243x300.jpg 243w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LieberBairischSterben-519x640.jpg 519w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2437\" class=\"wp-caption-text\">Ein bewegender Kurf\u00fcrst<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schon vor fast drei\u00dfig Jahren \u2013 nach Spiele-Lebenszeiten-Ma\u00dfstab eine urdenkliche Zeit &#8211; hat Karl-Heinz Schmiel die wirklichen oder m\u00f6glichen Abl\u00e4ufe des bayerischen Bauernaufstandes zum Vorbild f\u00fcr ein historisches Kriegsspiel genommen. Die drei Gruppierungen Kaiser, Kurf\u00fcrst und Bauern rekrutieren Truppen, ziehen sich gegenseitig bekriegend durch ober- und niederbayerischen Gefilde, und bekommen in jeder Runde nach ihrem jeweiligen Eroberungsstand Siegpunkte.<\/p>\n<p>Die Demonstration der Geschichte ist hier aber nur Hintergrund. Der schon damals erfahrene, um nicht zu sagen geniale Spieleautor Schmiel hat die Grundidee mit einer F\u00fclle innovativer Spielemente angereichert, so dass wir hiermit nicht nur <strong>KRIEG<\/strong> spielen, sondern vor allem auch Krieg <strong>SPIELEN<\/strong>.<\/p>\n<p>Motor des Ganzen sind Chips, die wir Runde f\u00fcr Runde von der Bank kostenlos bekommen. Die Chips gibt es in den Farben der drei k\u00e4mpfenden Parteien, und wir k\u00f6nnen beliebig w\u00e4hlen, f\u00fcr welche Partei(en) wir unsere Chips haben wollen. Beliebige Chips k\u00f6nnen in bares Geld umgewandelt werden, das f\u00fcr den Truppenunterhalt ben\u00f6tigt wird. Partei-spezifische Chips werden zur Truppenbewegung und zum Erwerb von Kampfkarten ben\u00f6tigt. Wer zudem bei Beginn einer Runde von einer Partei die meisten Chips hat, ist ihr alleiniger Lenker und bestimmt alle Aktionen ihrer Kriegsf\u00fchrung:<\/p>\n<ul>\n<li>Steuern eintreiben und Sold auszahlen (das geschickt noch automatisch)<\/li>\n<li>\u00a0Truppen rekrutieren und Truppen hochr\u00fcsten<\/li>\n<li>\u00a0Truppen bewegen und K\u00e4mpfe ausl\u00f6sen<\/li>\n<li>\u00a0Strategie und Taktik innerhalb der K\u00e4mpfe steuern<\/li>\n<li>\u00a0Kampfkarten erwerben, f\u00fcr gewaltige Vorteile beim K\u00e4mpfen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die K\u00e4mpfe werden \u00fcber Man\u00f6verkarten und W\u00fcrfel abgewickelt. Die Man\u00f6verkarten bestimmen, welche Einheiten (Reiter, Sch\u00fctzen oder Bauernhorden) schwerpunktm\u00e4\u00dfig den Kampf tragen, und ob man st\u00fcrmt, schie\u00dft, sturml\u00e4uft oder sich zur\u00fcckzieht bzw. das gegnerische Man\u00f6ver als \u201eFinte\u201c neutralisiert. Innerhalb des Kampfes entscheiden W\u00fcrfel \u00fcber die Anzahl von erfolgreichen bzw. abgewehrten Treffern, wobei f\u00fcr die verschiedenen Einheiten und f\u00fcr die verschiedenen Man\u00f6verarten unterschiedliche Auswertungen des W\u00fcrfelergebnissen zum Ansatz kommen. Bauernhorden ohne Anf\u00fchrer haben die geringste Wirkung und werden mehr oder weniger leicht weggehauen, Reiter im Sturm oder Hassard (was immer das ist, bei Wikipedia findet man lediglich den Beispielsatz: \u201e<em>die kosacken ham immer einen sog reiterhassard durchgef\u00fchrt, der darauf abzielte, mit den langen s\u00e4beln die k\u00f6pfe der zuschauer abzus\u00e4beln<\/em>\u201c) sind am t\u00f6dlichsten.<\/p>\n<p>Ein wesentliches Merkmal des Spiels ist die Asymmetrie. Jede Partei besitzt unterschiedliche Kriegsziele, d.h. unterschiedliche St\u00e4dte, deren Besitztum sich in Siegpunkten bezahlt macht. Jede Partei hat unterschiedliche Verfahren, sich aufzur\u00fcsten und zu bewegen.<\/p>\n<p>Die bemerkenswerteste Erfindung des Spiels ist der Wechsel bei der F\u00fchrung der Parteien. Es geht nicht allein darum, mit seinen Truppen eine hervorragende Position zu erringen, man muss auch noch in den n\u00e4chsten Runden die meisten Chips ihrer Farbe haben. Wenn man n\u00e4mlich aus einer hervorragenden Stellung heraus die F\u00fchrung abgeben muss, \u00fcbernimmt der Nachfolger mehr oder weniger kostenlos die gesamte Substanz, braucht sich kaum zu bewegen, d.h. kaum partei-spezifische Chips auszugeben, und kassiert f\u00fcr das gleiche Besitztum die n\u00e4chsten und \u00fcbern\u00e4chsten Siegpunkte. Umgekehrt, wenn man als Lenker einer Partei kein weiteres Interesse mehr an ihr hat, und auch schon ahnt, dass ein anderer Mitspieler begierig ist, sie zu \u00fcbernehmen, dann kann man sie noch schnell an die Wand fahren, und dem Nachfolger, der seine Chip-Anforderungen bereits eine Runde vorher anmelden musste, einen Schrotthaufen am Ende der Welt \u00fcberlassen &#8230;<\/p>\n<p>Wie verliefen die K\u00e4mpfe diesmal bei uns? In der ersten Runde sicherte sich Helmut den Kurf\u00fcrsten; ihm gen\u00fcgte als einzigem erfahrenen Baiern f\u00fcrs Erste die Randfigur; er wollte seine Mittel f\u00fcr seine \u00dcberraschungscoups im sp\u00e4teren Spielverlauf schonen. Das w\u00e4re ihm sicherlich auch gelungen, wenn Aaron mit den Kaiserlichen nicht einen schrecklichen Vernichtungskampf um Regensburg gef\u00fchrt h\u00e4tte und damit die K\u00f6niglichen in der Oberpfalz, weit weg vom Herz des Geschehens, abgesperrt h\u00e4tte. Walter bekam zu Beginn die Bauern, entfachte mit Hilfe der M\u00f6nche gro\u00dffl\u00e4chige Aufst\u00e4nde im ganzen Lande und konnte mit der Eroberung von Burghausen auch gleich seinen ersten Siegpunkt erringen. Allerdings hatte ihn das soviel Mittel aus seiner Privatschatulle gekostet, dass er in der zweiten Runde die Bauernf\u00fchrung nicht mehr halten konnte. Aaron \u00fcbernahm sie und vermehrte mit deren vorz\u00fcglichem Eroberungsstand seine eigenen Siegpunkte.<\/p>\n<p>Walter bekam auch nicht die Kaiserlichen in seine Hand, hier verlor er im Tie-Break das Bieten gegen Helmut, und da er auch keinen besonderen Anreiz darin sah, seine geschrumpften Mittel bei den M\u00f6nchen zu verpulvern, musste er nun verantwortungslos dem K\u00e4mpfen seiner Mitspieler zuschauen. Allerdings steckt im Eine-Runde-lang-nur-zuschauen-M\u00fcssen nicht soviel spielerischer Frust, wie man das vermuten k\u00f6nnte. Es ist schon sehr spannend zu verfolgen, was die Mitspieler da auf dem Spielbrett veranstalten. Die Bewegung der Truppen und der Ausgang ihrer K\u00e4mpfe hat in jedem Fall Auswirkungen auf die eigene zuk\u00fcnftige Planung.<\/p>\n<p>Der Kurf\u00fcrst marschierte konsequent auf M\u00fcnchen zu und vertrieb daraus die Kaiserlichen. Die Kaiserlichen zogen sich freiwillig bzw. aus Angst vor ein paar zusammengerotteten Bauern auch noch aus Straubing und Landshut zur\u00fcck; sie punkteten nur noch in Regenburg. Ihre Lenkung anschlie\u00dfend zu \u00fcbernehmen, bedeutete, gutes Geld dem schlechtem hinterher zu werfen. Schlecht getimed, Walter!<\/p>\n<p>Ach was g\u00e4be es noch alles zu erz\u00e4hlen \u00fcber das bairische Leben und Sterben. Dreieinhalb Stunden w\u00e4hrte das fr\u00f6hliche Abmurksen, ohne jegliches Zeter und Mordio unter den Mitspielern. Hinterher waren wir nicht geschafft, daf\u00fcr gab schon w\u00e4hrende des Spielablaufes viel zu viel zu bewundern, zu diskutieren und auch zu kritisieren. Aber zweifelos ist \u201eLieber bairisch sterben\u201c ein Kunstwerk! Schon etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch unbestritten eine Gro\u00dftat. Sollen wir bei der Venus von Milo monieren, dass sie keine Arme mehr hat, dass der Faltenrock verrutscht ist, und unter dem Kinn zwei L\u00f6cher sind. Schwamm dr\u00fcber, genauso wie auch \u00fcber die Ecken und Kanten in Schmiels \u201elieber bairisch sterben\u201c! F\u00fcr Beckmesserei ist das Spiel einfach zu genial.<\/p>\n<p><em>WPG-Wertung: Aaron: 7 (viele sch\u00f6ne Spielelemente, die auch heute noch beeindrucken; die Mechanismen sind locker, \u00fcberschaubar, spannend und \u2013 \u00fcberraschenderweise \u2013 nicht anstrengend; das Kampfsystem ist allerdings nicht stimmig, doppelt zufallsgesteuert mit zu vielen eingebauten Blockierungen; in dieser Beziehung ist \u201eFriedrich\u201c sehr viel eleganter),<br \/>\nWalter: 7 (obwohl man eigentlich viele Dinge \u00fcber mehrere Runden weg vorausplanen sollte, l\u00e4sst es sich doch auch gut aus dem Bauch heraus spielen; f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche strategische Herausforderung sind leider zu viele, teils kleinlich-peinliche Zufallseffekte eingebaut),<br \/>\nHelmut: 10 (bei aller berechtigter Kritik besitzt das Spiel f\u00fcr den Jahrgang 1988 ein unglaublich innovatives Design, insbesondere der Wechsel in der F\u00fchrung der Kriegsparteien. Dass wir manches f\u00fcr \u201eunelegant\u201c halten, liegt einfach daran, dass wir 30 Jahre weiter sind. Es macht heute immer noch viel Spa\u00df! Die vielen heterogenen Spielelemente greifen sehr gut ineinander. Meine Punkte enthalten auch einen Nostalgiebonus f\u00fcr das Lieblingsspiel aus meiner Jugend).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, der Titel ist kein Schlachtruf vom Oktoberfest. Und der Gegensatz zum Eigenschaftswort \u201ebairisch\u201c w\u00e4re nicht \u201epreu\u00dfisch\u201c sondern \u201e\u00f6sterreichisch\u201c. Es geht um einen der vielen Kriege, den die beiden bluts- und seelenverwandten Volksst\u00e4mme miteinander gef\u00fchrt haben, und zwar die einheimischen rebellierenden Bauern gegen die kaiserlich-\u00f6sterreichische Besatzungsmacht. 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