{"id":244,"date":"2009-09-17T09:22:45","date_gmt":"2009-09-17T09:22:45","guid":{"rendered":"http:\/\/westpark-gamers.de\/blog\/?p=244"},"modified":"2009-12-01T17:47:03","modified_gmt":"2009-12-01T16:47:03","slug":"16092009-seltsame-liberte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2009\/09\/17\/16092009-seltsame-liberte\/","title":{"rendered":"16.09.2009: Seltsame &#8220;Libert\u00e9&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Der Abend hatte etwas Seltsames. Unverkennbar waren die Entzugserscheinungen nach der Urlaubspause. Erbitterte Auseinandersetzungen um richtige und falsche Regelauslegungen. Erstmaliges Gefecht um die Ausrichtung des Spielbretts auf dem Tisch. Semi\u00f6de Spiele, die den Kopf wachhalten, doch den Fu\u00df einschlafen lassen. Verbale Tr\u00e4ume \u00fcber die Einf\u00fchrung der Guillotine in der bundesdeutschen Politik.<br \/>Doch alles der Reihe nach.<br \/><strong>1. &#8220;Tulipmania&#8221; <\/strong><br \/>Zwei alte Hasen gegen drei Frischlinge. Aaron durfte erkl\u00e4ren und wurde dabei mehrmals von Walter angezweifelt. Zu Recht und zu Unrecht. Am Ende hatten wir alle f\u00fcnf st\u00e4ndig Merkprobleme zu den eigentlich ganz einfachen Regeln.<br \/>Reihum ist jeweils ein Spieler der &#8220;aktive Spieler&#8221;, der eine Tulpe an seine Mitspieler verkauft, eine Tulpen-Vorkaufskarte vom offenen Stapel zieht, und aus der G\u00e4rtnerei eine neue Tulpe erwirbt. Welcher Mitspieler die verkaufte Tulpe bekommt, entscheidet sich daraus:<br \/>a) wer sie \u00fcberhaupt kaufen will (will ein jeder)<br \/>b) wer genug Geld daf\u00fcr hat (hat ab der zweiten Runde ein jeder)<br \/>c) wer den Tie-Break gegen die Mitspieler gewinnt. Das entscheidet eine Tie-Breaker-Karte, die rund um den Tisch wandert.<br \/>Auf Grund dieser An- und Verkaufs-Aktionen \u00e4ndert sich st\u00e4ndig der Preis der verschiedenen Tulpensorten. Erreicht dieser Preis einen H\u00f6chstwert, platzt die Spekulationsblase und holter-di-polter werden alle Tulpen dieser Sorte zu rapide fallenden Preisen verschleudert.<br \/>Man darf ein bi\u00dfchen taktisch spielen. Man mu\u00df die Tulpenpreise vorsichtig in der richtigen Reihenfolge nach oben schrauben und darf dabei keinem Mitspieler freiwillig zu hohe Spekulationspreise zukommen lassen. Man kann dem sch\u00e4rfsten Kapital-Gegner sogar gekonnt den gro\u00dfen Reibach vermasseln. Vor allem mit vereinten Kr\u00e4ften. Und das ganze ohne direkte Kingmakerei!<br \/>Allerdings kann auch eine einzige mehr oder weniger zuf\u00e4llig erworbene Tulpen-Vorverkaufskarte einen Ertragsunterschied von 3000 Gulden nach sich ziehen. Das ist mehr als 10% des Gesamterl\u00f6ses im Spiel. Gilt dieser Zufallseinflu\u00df noch als ausbalanciert?<br \/><em>WPG-Wertung: Aaron: 7 (ein Punkt mehr, Peter kommentierte das mit &#8220;Altersstarrsinn&#8221;), Loredana: 5 (&#8220;porc&#259;rie&#8221; &#8211; nicht was ihr schon wieder denkt!), Moritz: 3 (&#8220;\u00f6d, repetitiv, dumm&#8221;), Peter: 4 (&#8220;ziemlich Sch\u0085&#8221;) , Walter: 7 (bleibt, &#8220;leider ist das Endspiel ziemlich einf\u00f6rmig&#8221;).<\/em><br \/><strong>2. &#8220;Libert\u00e9&#8221;<\/strong><br \/>Parteienkampf im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Es geht nicht um Schwarze, Rote, Gr\u00fcne und Blaue, es geht um Royalisten, B\u00fcrgerliche und Sansculotten. Wir ziehen Einflu\u00dfkarten, die es erlauben, mit 1,2 oder 3 Abgeordneten einer bestimmten Fraktionen auf ein bestimmtes Departement Einflu\u00df auszu\u00fcben. Dieses Prinzip hat &#8220;El Grande&#8221; bereits vorexerziert. Die Auswirkungen sind hier allerdings etwas komplexer. Ein bi\u00dfchen. Aber immer noch viel zu einfach, als da\u00df man &#8220;Libert\u00e9&#8221; ein &#8220;Die Macher &#8211; light&#8221; nennen k\u00f6nnte.<br \/>Wenn alle Abgeordneten einer Fraktion in den Departements plaziert sind, kommt es zur Wertung. Der Spieler mit der relativen Mehrheit erh\u00e4lt einen Einflu\u00dfstein. Wer von einer Fraktion die meisten Einflu\u00dfsteine hat, bekommt pro Runde Siegpunkte.<br \/>Hat in einem Departement kein Spieler die relative Mehrheit, so bekommt keiner etwas und alle Abgeordneten werden entfernt. &#8220;Guillotiniert&#8221; nennt dies die Spielregel. Was w\u00e4re, wenn wir im deutschen Bundeswahlrecht eine \u00e4hnliche Regelung einf\u00fchren w\u00fcrden. H\u00e4tten wir dann bald keine schlechten Politiker mehr?<br \/>Peter bekam gleich als Startausstattung drei tolle Einflu\u00dfkarten, mit denen er pro Runde insgesamt 8 b\u00fcrgerliche Abgeordnete in Frankreich verteilen konnte. Damit war er unangefochten Chef der B\u00fcrgerlichen und heimste die dickste Siegpunkt-Pr\u00e4mie ein. Walter hatte ein \u00e4hnliches Gl\u00fcck mit den Royalisten und kassierte die zweitdickste Pr\u00e4mie. Nachdem jeder Spieler seine besten Karten von einer Runde in die andere mitnehmen kann, wiederholte sich diese Reihenfolge in jeder Runde und Peter war schnell unangefochten an der Spitze.<br \/>Loredana fragte: &#8220;Bleibt das Spiel jetzt so?&#8221; Offensichtlich. Moritz versuchte zu argumentieren, da\u00df es Sonderkarten g\u00e4be, die die Siegbedingungen total auf den Kopf stellen w\u00fcrden. Doch das zog nicht. Denn das w\u00fcrde als Konsequenz bedeuten: Erst erk\u00e4mpft man sich mit gl\u00fccklichen Einflu\u00dfkarten einen Vorsprung, und dann wird man durch ungl\u00fcckliche Einflu\u00dfkarten vielleicht noch Letzter. Kann man das ein rationales Spieldesign nennen?<br \/>Es gibt Sonderkarten, mit denen man einem beliebigen Mitspielern eine beliebige Einflu\u00dfkarte vernichten kann. Das ist hundertprozentige Kingmakerei, auch wenn es ein notwendiges Korrektiv gegen die Gl\u00fccksausstattung des F\u00fchrenden ist. Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel. Durch ein verwerfliches Korrektiv kann man keine Fehler im Grunds\u00e4tzlichen ausb\u00fcgeln. Schon allein die 300% Effizienzunterschiede in den zuf\u00e4lligen Einflu\u00dfkarten, ob ich z.B. nur einen einzigen Abgeordneten oder derer gleich drei in die Politik schicken darf, sind eklatante Verst\u00f6\u00dfe gegen Moritz&#8217; anerkanntes Cthulhu-Prinzip.<br \/>Zu einer genialen Erfindung geh\u00f6ren wie zu einem genialen Spiel 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration. Martin Walace und Warfrog habe es sich etwas zu leicht gemacht. Peter konstatierte: &#8220;Bei Hans-im-Gl\u00fcck w\u00e4re das nicht passiert!&#8221;<br \/>Der F\u00fchrende stellte den Antrag zum Spielabbruch und keiner erhob Widerspruch.<br \/>Nicht einmal die handwerkliche Produktion konnte befriedigen. Mu\u00df man denn unbedingt Spiele in einem Billig-Lohn-Land herstellen lassen, wenn man dort nicht mal in der Lage ist, die notwendige Farb\u00fcbereinstimmung zwischen Einflu\u00dfkarten und Departements auf dem Spielbrett zu gew\u00e4hrleisten?<br \/><em>WPG-Wertung: Aaron: 4 (&#8220;extremer Gl\u00fccksfaktor durch die Karten&#8221;), Loredana: 5 (gutm\u00fctig, wollte keine Tulpen-Partei ergreifen), Moritz: 7 (&#8220;nicht das Beste von Walace, aber \u0085&#8221;) Peter: 3 (&#8220;Null Inspiration, null Transpiration&#8221;), Walter: 4 (&#8220;Viel L\u00e4rm um Unberechenbares&#8221;).<\/em><br \/><strong>3. &#8220;Bluff&#8221;<\/strong><br \/>Neue Erkenntnisse:<br \/>1) Wer gut w\u00fcrfelt, braucht nicht zu bluffen.<br \/>2) Wer hinter einem nicht bluffenden guten W\u00fcrfler sitzt, sollte nicht anzweifeln.<br \/>3) Den Nicht-Bluffer kennt man nach 10 Jahren Westpark-Gamers, den guten W\u00fcrfler nicht. Das ist St\u00e4rke und Sch\u00f6nheit von von &#8220;Bluff&#8221;<br \/>Moritz wollte unbedingt eine Kostprobe davon sehen, wie man ein Endspiel mit 1:5-W\u00fcrfelr\u00fcckstand gewinnt.<br \/>Ganz einfache Demonstration: Der Dicke legt nach der bew\u00e4hrten Immer-4-Strategie 1 mal die Vier vor. Der D\u00fcnne hebt auf 3 mal die Vier. Der Dicke legt zwei Vierer heraus, hebt auf 4 mal die Vier und w\u00fcrfelt mit den restlichen 3 W\u00fcrfeln nach.<br \/>Mit 70% Wahrscheinlichkeit hat jetzt der Dicke gewonnen.<br \/>Und wenn der D\u00fcnne auf 5 mal die Vier hebt? Ich kann um diese Uhrzeit nicht mehr die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr den Erfolg dieses Zuges ausrechen, doch heute war es erfolgreich.<br \/>Nur noch 4 weitere solche Streiche, und man h\u00e4tte gewonnen.<br \/><em>Keine neue WPG-Wertung f\u00fcr ein Super-Spiel. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Abend hatte etwas Seltsames. Unverkennbar waren die Entzugserscheinungen nach der Urlaubspause. 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