{"id":3578,"date":"2005-08-12T12:00:00","date_gmt":"2005-08-12T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2005\/08\/12\/friedrich\/"},"modified":"2005-08-12T12:00:00","modified_gmt":"2005-08-12T10:00:00","slug":"friedrich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2005\/08\/12\/friedrich\/","title":{"rendered":"Friedrich"},"content":{"rendered":"<h2><a href=\"http:\/\/luding.org\/Skripte\/GameData.py\/DEgameid\/16136\" target=\"_blank\">Friedrich<\/a><\/h2>\n<p><i>rezensiert von Walter Sorger<\/i><\/p>\n<p>Das Spiel simuliert den historischen \u00dcberlebenskampf der Preu\u00dfen unter Friedrich dem<br \/>\nGro\u00dfen gegen den Rest der Welt. Das Spielbrett zeigt eine politisch eingef\u00e4rbte Landkarte<br \/>\nvon Zentraleuropa aus dem 18. Jahrhundert; die beiden blauen Fl\u00e4chen in der Mitte sind<br \/>\ndie Staatsgebiete von Preu\u00dfen und Hannover. Die Fl\u00e4chen darum sind die Aufmarschgebiete<br \/>\nder Gegner, im Uhrzeigersinn geht das \u00fcber Schweden und Russland, \u00d6sterreich und das<br \/>\nReichsgebiet bis zu Frankreich. Viel Feind viel Ehr.<\/p>\n<p>Die Landkarte zeigt nur das Kerngebiet des Konfliktes, es erstreckt sind von Warschau<br \/>\nbis Frankfurt am Main. Die Russen stehen schon in Polen, die \u00d6sterreicher in B\u00f6hmen und<br \/>\nFrankreich in den rechtsrheinischen Gebieten des deutschen Reiches. Der Sonnenk\u00f6nig hat<br \/>\ngerade die Pfalz verw\u00fcstet, Friedrich gerade seinen Erbteil Schlesien eingenommen.<\/p>\n<p>Ein Spieler darf den gro\u00dfen Preu\u00dfen mit seinem Verb\u00fcndeten spielen, alle anderen<br \/>\nMitspieler bilden eine lose Allianz gehen ihn. Jeder von ihnen hat sein eigenes Spiel-<br \/>\nbzw. Kriegsziel: er muss eine bestimmte Anzahl von St\u00e4dten im Grenzgebiet unter Kontrolle<br \/>\nbekommen. Untereinander d\u00fcrfen sie sich nicht bek\u00e4mpfen; sie sind auch froh, wenn jeder<br \/>\neinen Teil der Streitkr\u00e4fte des gemeinsamen Gegners in Scharm\u00fctzel verwickelt, so dass<br \/>\njeder einzelne von dem zun\u00e4chst \u00fcberm\u00e4chtigen Preu\u00dfen nicht in die Pfanne gehauen werden<br \/>\nkann.<\/p>\n<p>Der Preu\u00dfen-Spieler kann das Spiel nicht direkt gewinnen. Er muss nur verhindern, dass<br \/>\neiner der Gegner sein Kriegsziel erreicht. Wenn ihm das lange genug gelingt, ist er der<br \/>\nSieger.<\/p>\n<p>Gek\u00e4mpft wird mit Armeen, die auf der Landkarte herumspazieren, sich an den Gegner<br \/>\nheranmachen und ihm bei passender Gelegenheit eine Schlacht liefern. Die K\u00e4mpfe werden<br \/>\nanhand von &#8220;Taktik-Karten&#8221; entschieden, von denen jeder pro Runde eine<br \/>\ndefinierte Anzahl zugewiesen bekommt. Die Karten haben eine Spannweite von 2 bis 13 und<br \/>\ndie Verteilung ist zuf\u00e4llig. Hieran ist leicht zu abzulesen, dass ein vom Zufall<br \/>\nbeg\u00fcnstigter Spieler leicht 3-4 mal so stark ausgestattet werden kann wie sein<br \/>\ngegnerischer Pechvogel. Dieses Ungleichgewicht wird noch dadurch verst\u00e4rkt, dass die<br \/>\nPreu\u00dfen nahezu doppelt so viele Karten bekommen wie ihr st\u00e4rkster Gegner, insgesamt knapp<br \/>\nmehr als die H\u00e4lfte wie alle Gegner zusammen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/Ressourcen2\/friedrich_b1.jpg\" align=\"left\" width=\"310\" height=\"344\" border=\"0\" alt=\"board\"\/><\/p>\n<p>Mit der geballten Kraft seiner Taktikkarten k\u00f6nnte Preu\u00dfen jeden Gegner unmittelbar<br \/>\nvernichten, doch da schieben die Spielregeln einen Riegel vor: Das Spielfeld ist in die<br \/>\nSektoren der Kartenfarben Kreuz, Pik, Herz, und Karo eingeteilt und jede Karte darf nur<br \/>\nverwendet werden, wenn die k\u00e4mpfende Armee in einem Sektor dieser Kartenfarbe steht. Bei<br \/>\nschwachem Material an Taktik-Karten kann sich jeder Spieler noch in einen Sektor<br \/>\nzur\u00fcckziehen, wo er wenigstens relativ gut best\u00fcckt ist und gute Chancen zum Durchhalten<br \/>\nhat. Irgendwann sollte die Beg\u00fcnstigung bei der Kartenverteilung doch kippen. Dann kann<br \/>\nman wieder aus seinem Schneckenhaus herauskriechen und versuchen, irgendwo auf dem Felde<br \/>\nder Ehre seine Meriten zu verdienen.<\/p>\n<p>Dieses Verhalten bei starken und schwachen Kartenh\u00e4nden gilt nat\u00fcrlich nicht nur auf<br \/>\nder Flucht vor den Preu\u00dfen, es gilt auch beim Angriff gegen sie. Irgendwann einmal haben<br \/>\ndie Preu\u00dfen ihr Pulver verschossen und werden von einem gut best\u00fcckten Gegner bedr\u00e4ngt.<br \/>\nDann m\u00fcssen sie selber nach Sektoren Ausschau halten, wo sie f\u00fcr die Zeit ihrer n\u00e4chsten<br \/>\nDurststrecke m\u00f6glichst wenig Federn lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im Angriff und Verteilung besitzt &#8220;Friedrich&#8221; ein sehr sch\u00f6nes<br \/>\nstabilisierendes Element: den &#8220;Tross&#8221;; das sind Kl\u00f6tzchen, die jeder Spieler<br \/>\nunabh\u00e4ngig von den k\u00e4mpfenden Armeen auf dem Spielbrett bewegt. Jede im Ausland k\u00e4mpfende<br \/>\nArmee muss einen Tross immer in greifbarer N\u00e4he haben, damit sie nicht unversorgt ist und<br \/>\nhungern muss. Der Krieg ern\u00e4hrt keineswegs den Krieg. Eine Armee, die zwei Spielrunden<br \/>\nlang unversorgt ist, wird kampflos vom Spielbrett genommen. Dies ist ein starker<br \/>\nHeimvorteil f\u00fcr jede Verteidigung. Wenn ein Gegner sich zu weit von seiner Heimatbasis<br \/>\nentfernt hat, muss man nur versuchen, seinen Tross zu zerst\u00f6ren, und schon ist die<br \/>\nfeindliche Armee innerhalb von zwei Runden spurlos verschwunden.<\/p>\n<p>&#8220;Friedrich&#8221; ist ein faszinierendes historischen Kriegsspiel, das selbst<br \/>\nfriedlichen L\u00e4mmern unter den Spielerseelen (mir) gef\u00e4llt. Nat\u00fcrlich spielt die<br \/>\nschillernde Figur Friedrich des Gro\u00dfen von Preu\u00dfen eine gro\u00dfe Rolle. Kaum ein<br \/>\ngeschichtlich interessierter Deutscher kann ihm emotionslos entgegentreten. Wer nicht<br \/>\ngegen ihn ist, muss f\u00fcr ihn sein. Auch wenn seine Spielposition zun\u00e4chst sehr aggressiv<br \/>\nanmutet, ist nicht zu \u00fcbersehen, dass es ihm in der dargestellten Situation eigentlich<br \/>\nnur (noch) ums \u00dcberleben geht. Selbst als Gegner kann man sich einer gewissen Achtung bei<br \/>\ngekonnten taktischen Verteidigungsz\u00fcgen (Angriff ist die beste Verteidigung) nicht<br \/>\nerwehren.<\/p>\n<p>Unwillk\u00fcrlich wird jeder Spieler von den Kampfelementen Abwarten, Sich Entwickeln,<br \/>\nAufmarschieren, Zuschlagen, Fliehen und dabei die Versorgung nicht Verlieren in Spannung<br \/>\ngehalten. Knappe Siege und Niederlagen wechseln mit hohen Verlusten bis zur totalen<br \/>\nVernichtung ab. In jedem Fall wartet aus der Heimatfront schon die n\u00e4chste Armee auf ihre<br \/>\nAushebung und ihren Einsatz.<\/p>\n<p>Auch die Dreierallianz gegen Preu\u00dfen schafft neue, h\u00fcbsche psychische<br \/>\nSpieler-Konstellationen. Man g\u00f6nnt jedem Mitspieler den Sieg in der Schlacht, eigentlich<br \/>\nuneingeschr\u00e4nkt. Jede Taktik-Karte, die der Preu\u00dfenk\u00f6nig verliert, kann nicht gegen mich<br \/>\neingesetzt werden, jede Armee, die der Preu\u00dfe verliert, macht mein eigenes Vordringen und<br \/>\nErreichen meiner Kriegsziele leichter. Allerdings sollte sich ein verb\u00fcndeter Mitspieler<br \/>\nnicht allzu schnell und allzu \u00fcppig seine Vorteile erringen k\u00f6nnen. Dann g\u00f6nnt man ihm<br \/>\nschon mal, dass auch er einen Kampf verliert oder zumindest jede Menge Taktik-Karten<br \/>\nverbuttern muss.<\/p>\n<p>Nach gut 3 Stunden ist das Spiel \u00fcber die B\u00fchne. Wenn wir Gl\u00fcck hatten, haben wir die<br \/>\nGeschichte neu geschrieben und k\u00f6nnen dar\u00fcber ein ganz geiles Selbstwertgef\u00fchl ableiten.<br \/>\nWenn wir Pech hatten, zieht sich Russland per Ereigniskarte aus dem Schlachtenget\u00fcmmel<br \/>\nzur\u00fcck, Frankreich leckt seine nord-amerikanischen Wunden und \u00d6sterreich wendet sich<br \/>\nwieder seinen b\u00f6hmischen Kn\u00f6deln zu. Dann hat Friedrich gewonnen und alle Spieler d\u00fcrfen<br \/>\neine Nacht dar\u00fcber schlafen und tr\u00e4umen, was sie in ihrem n\u00e4chsten Leben besser machen<br \/>\nwerden.<\/p>\n<p>Zum Schluss noch ein paar kritische Bemerkungen zum Spielverlauf:<\/p>\n<ol start=\"1\" type=\"1\">\n<li>Der Preu\u00dfenk\u00f6nig sollte kein Denker sein. Er hat viele Armeen, 8 Gener\u00e4le, lange<br \/>\nGrenzen und viele Gegner. Wenn er sich gem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlt, bei jedem Zug sein absolutes<br \/>\nOptimum auszurechnen, dann ist seine Denk- und Spielzeit l\u00e4nger als die aller seiner<br \/>\nGegner zusammen. Am Anfang macht das Zuschauen vielleicht noch Spa\u00df. Nach 3 Stunden nicht<br \/>\nmehr. (Mir nicht.) Hier w\u00fcrde ich unbedingt den Einsatz einer Schachuhr vorschlagen.<br \/>\n(Werde ich mir unbedingt zulegen.) Wer mehr als 1 Minute f\u00fcr seinen Zug braucht, verliert<br \/>\nalle 30 Sekunden eine Armee!<\/p>\n<\/li>\n<li>Das Spiel ist extrem asymmetrisch und bietet dementsprechend sehr unterschiedlichen<br \/>\nHandlungsspielraum f\u00fcr die einzelnen Spieler. W\u00e4hrend Friedrich der Gro\u00dfe in der Vielfalt<br \/>\nseiner Aktionsm\u00f6glichkeiten nur so schwelgen kann, hat der gro\u00dfe Richelieu gerade mal 3<br \/>\nArmeen, die ohne reichlich Pique-Damen den Hannoveraner nicht einmal unter die Augen<br \/>\ntreten d\u00fcrfen. Er ist gut beraten, sich auf die lieblichen Weinh\u00e4nge am Rhein zu<br \/>\nkonzentrieren und seinen Frust im fruchtigen Riesling zu ertr\u00e4nken. F\u00fcr geborene<br \/>\nAlkoholiker ein befriedigender Ersatz, f\u00fcr ambitionierte Clausewitze aber nicht.<\/p>\n<\/li>\n<li>Jeder Staat notiert die Verteilung seiner Armeen auf seine Gener\u00e4le geheim auf einem<br \/>\nNotizblatt. Das ist absolut \u00fcberfl\u00fcssig. Die Kampfst\u00e4rke eines Generals wird nach dem<br \/>\nersten Kampf ohnehin offenbar und damit jedermann bekannt. Ausserdem ist die Wirkung der<br \/>\nTaktik-Karten um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfer als die Anzahl der zugeteilten Armeen; die geheim<br \/>\ngehaltene Zahl hat nur einen marginalen Einfluss. Dagegen ist das richtige Eintrage der<br \/>\nArmeen auf dem Notizzettel beim Nachr\u00fcsten und Umverteilen einerseits umst\u00e4ndlich und<br \/>\nandererseits eine st\u00e4ndige Quelle von Fehlern und Misstrauen. Ich w\u00fcrde diese Verteilung<br \/>\n\u00f6ffentlich machen und damit alle Probleme beseitigen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Und ganz zum Schluss noch ein paar Bemerkungen zu Preu\u00dfens Militarismus:<\/p>\n<p>Madame de Stael schreibt (1810) in &#8220;De l&#8217;Allemagne&#8221;: &#8220;Kriegerischer<br \/>\nGeist und Vaterlandsliebe existieren gegenw\u00e4rtig kaum noch f\u00fcr die Deutschen als ganzes<br \/>\ngesehen. Vom milit\u00e4rischen Geiste kennen sie kaum noch mehr als eine pedantische Taktik,<br \/>\nin der sie mit Recht und Fug nach allen Regeln geschlagen zu werden.&#8221; (Hierbei kann<br \/>\nich nicht genau beurteilen, ob der Satzteil mit dem &#8220;Recht&#8221; und den<br \/>\n&#8220;Regeln&#8221; richtig \u00fcbersetzt ist.)<\/p>\n<p>Der Alliierte Kontrollrat entscheidet (1947) in einem Gesetz: &#8220;Der Staat Preu\u00dfen<br \/>\nist seit jeher Tr\u00e4ger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist.<br \/>\nGeleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der<br \/>\nV\u00f6lker wird er, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Beh\u00f6rden<br \/>\naufgel\u00f6st.&#8221;<\/p>\n<p>Dank dieser klugen Tat ist die Welt sein mehr als einem halben Jahrhundert ohne Krieg.<br \/>\nFast.<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich rezensiert von Walter Sorger Das Spiel simuliert den historischen \u00dcberlebenskampf der Preu\u00dfen unter Friedrich dem Gro\u00dfen gegen den Rest der Welt. 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