{"id":3603,"date":"2005-09-28T12:00:00","date_gmt":"2005-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2005\/09\/28\/intrige\/"},"modified":"2005-09-28T12:00:00","modified_gmt":"2005-09-28T10:00:00","slug":"intrige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2005\/09\/28\/intrige\/","title":{"rendered":"Intrige"},"content":{"rendered":"<h2><a href=\"http:\/\/luding.org\/Skripte\/GameData.py\/DEgameid\/1222\" target=\"_blank\">Intrige<\/a><\/h2>\n<p><i>rezensiert von Walter Sorger<\/i><\/p>\n<p>&#8220;Intrige&#8221; ist nach dem deutschen W\u00f6rterbuch eine &#8220;heimliche,<br \/>\nhinterlistige Machenschaft, durch die man sein Ziel zu erreichen sucht&#8221;. Nach diesem<br \/>\nWortsinn hat das Spiel &#8220;Intrige&#8221; geradezu sein Thema verfehlt. Hier ist nichts<br \/>\nheimlich, sondern alles \u00f6ffentlich; hier gibt es keine Hinterlisten sondern nur<br \/>\nvordergr\u00fcndige Versprechungen und Drohungen; es gibt auch keine<br \/>\n&#8220;Machenschaften&#8221; im Sinne von handeln und tun, hier geht es eher um aussitzen<br \/>\nund abkassieren.<\/p>\n<p>&#8220;Postenschacher&#8221; ist eine treffendere Charakterisierung des Spiels. Zu<br \/>\n&#8220;Schacher&#8221; schreibt das DWDS: &#8220;Handel, bei dem sehr gefeilscht wird,<br \/>\nunsauberer Handel, mit dem man gro\u00dfen Gewinn erzielen will.&#8221; Genau das ist<br \/>\n&#8220;Intrige&#8221;.<\/p>\n<p>Jeder Spieler hat jeweils 5 verschiedene \u00c4mter an seine Mitspieler zu vergeben. Die<br \/>\n\u00c4mter sind mit unterschiedlichen Einnahmen dotiert, sie bringen 10-, 20-, 30-, 50- oder<br \/>\ngar 100-Tausend Dukaten pro Runde ein. Man bewirbt sich um einen Posten, indem man einen<br \/>\nP\u00f6ppel in den Vorgarten des Mitspielers legt und ihm dazu eine beliebige Summe<br \/>\nBestechungsgeld r\u00fcberschiebt. Ob der Mitspieler die H\u00f6he des Bestechungsbetrages<br \/>\nhonoriert und den fremden P\u00f6ppel zum Spitzenverdiener macht, oder ob er das Geld<br \/>\neinstreicht und den P\u00f6ppel lediglich in die Hofkolonne steckt, das liegt im freien<br \/>\nErmessen des Mitspielers.<\/p>\n<p>Hat ein P\u00f6ppel einen mehr oder weniger lukrativen Posten bekommen, ist der ihm noch<br \/>\nl\u00e4ngst nicht sicher. Ein anderer Mitspieler kann einen eigenen, gleichartigen P\u00f6ppel in<br \/>\nden Vorgarten legen und damit den Posten streitig machen: einer der beiden P\u00f6ppel muss<br \/>\nweichen und scheidet aus. Die L\u00f6sung des Konfliktes wird ebenfalls \u00fcber Bestechungsgelder<br \/>\neingeleitet: die beteiligten Spieler \u00fcberreichen dem Hofeigent\u00fcmer wieder eine beliebige<br \/>\nGeldsumme und hoffen, damit ihn damit f\u00fcr sich gewogen zu stimmen. Doch wie schon bei der<br \/>\nErstbesetzung der Posten braucht sich diese nicht um die H\u00f6he der Bestechung zu scheren,<br \/>\nsondern er kann willk\u00fcrlich einen Spieler auf den Posten setzen bzw. dort belassen und<br \/>\nden anderen in den Orkus schicken.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sollte man dem Mitspieler die Postenvergabe nicht zu einfach machen.<br \/>\nStillschweigend das Geld zu \u00fcbergeben, auf angemessene Gegenleistung zu warten und<br \/>\nhinterher zu jammern, wenn man schlecht weggekommen ist, mag zwar bieder-brave Gem\u00fctsart<br \/>\nsein, f\u00fcr &#8220;Intrige&#8221; taugt das \u00fcberhaupt nicht. Die Spielregel selbst beschreibt<br \/>\ndas begleitende Szenario &#8211; leider erst auf der letzten Seite &#8211; unter Tips:<br \/>\n<i>&#8220;Bittet, droht, nervt, hetzt, fleht, verlangt, erwartet, argumentiert,<br \/>\nopportuniert, wo Ihr nur k\u00f6nnt &#8211; Hauptsache, es wirkt in Euerem Sinne.&#8221;<\/i> Mit<br \/>\ndiesem Satz ist der konzipierte Spielablauf von &#8220;Intrige&#8221; umfassend<br \/>\nbeschrieben. F\u00fcr wen diese T\u00e4tigkeiten mentaler Alltag ist, der wird sich hier zu Hause<br \/>\nf\u00fchlen. Wer von dieser Kr\u00e4mer-Mentalit\u00e4t abgesto\u00dfen wird, &#8211; und ich mu\u00df gestehen, da\u00df ich<br \/>\nzu dieser Spielerkategorie geh\u00f6re &#8211; der kann dem Spiel nicht viel abgewinnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns WPG-ler m\u00f6chte ich hierbei nur mal kurz an den Entwurf eines WPG-Kodex<br \/>\nerinnern: &#8220;<i>Au\u00dfer Alle erlauben es ausdr\u00fccklich vor einem Spiel, sollten keine<br \/>\nKommentare zur Platzierung der Mitspieler und der eigenen Platzierung w\u00e4hrend des Spiels<br \/>\nfallen. Die Kommunikation beim Spiel sollte sich allein auf Regelfragen und neutrale<br \/>\nSpielkommentare beschr\u00e4nken.<\/i>&#8221; Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt &#8220;Intrige&#8221; zu<br \/>\nden Spielen, bei denen hiervon eine Ausnahme gemacht werden mu\u00df.<\/p>\n<p>Wenn das Spiel erst mal eingeschwungen ist, wenn die Spieler sich gegenseitig die<br \/>\nguten und schlechten Posten zugeschustert haben und dar\u00fcber Allianzen eingegangen sind, &#8211;<br \/>\njeder steht ja vor dem gleichen Problem, seine P\u00f6ppel gut unterzubringen &#8211; , dann sind<br \/>\ndie Abl\u00e4ufe berechenbarer geworden. Dann wei\u00df man, bei welchen Mitspielern man noch<br \/>\nlanden kann und wo man nur Perlen vor die S\u00e4ue wirft.<\/p>\n<p>In dieser Phase ist der ganze Spielablauf aber auch schon ziemlich festgefahren. Die<br \/>\ngegenseitigen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse lassen kaum einen Ausbruchsversuch zu. Ein<br \/>\nbeneideter Kr\u00f6sus mu\u00df zwar immer damit rechnen, schlagartig von allen guten Geistern<br \/>\nverlassen zu werden, doch setzt dies eine \u00fcberzeugende Absprache unter den Gegnern<br \/>\nvoraus, und die kann nur ein f\u00e4higer Demagogen in Gang setzen. Schlie\u00dflich darf er ja<br \/>\nnicht zeigen, da\u00df es ihm im Grunde nur um die eigenen Interessen geht.<\/p>\n<p>Ein bemerkenswerter Aspekt von &#8220;Intrige&#8221; ist die psychologische Analyse der<br \/>\nMitspieler. Nat\u00fcrlich erst hinterher, wenn das Spiel gelaufen ist und man sich die<br \/>\nErgebnisse noch mal durch den Kopf gehen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>1) In unserer Runde fing ich als Senior an und engagierte mich bei meinen linken<br \/>\nNachbarn Loredana und Peter. (Es war ein kleiner strategischer Fehler, denn auch wenn das<br \/>\nHerz links schl\u00e4gt, sollte man sich rechts orientieren, weil da die Zeitspanne zwischen<br \/>\nInvestition und Rendite am k\u00fcrzesten ist!)<\/p>\n<p>Als Loredana mein Bestechungsgeld kassieren durfte, schob ich ihr 40.000 Dukaten hin.<br \/>\nImmerhin das vierfache der kleinstm\u00f6glichen Summe. Was sagt das \u00fcber mich?<\/p>\n<ul>\n<li>Ich bin vorsichtig, kein Hasardeur und will den Stier nicht gleich bei den H\u00f6rnern<br \/>\npacken.<\/p>\n<\/li>\n<li>Ich lasse gezielt Versuchsballons los, um den Untergrund auszuloten und bin dabei auf<br \/>\nalle m\u00f6glichen Ergebnisse gefa\u00dft.<\/p>\n<\/li>\n<li>Leider bin ich auch kein diplomatisches Talent, denn ich gab die Summe hin, ohne mit<br \/>\ndeutlichen Worten meine Erwartungen zu unterstreichen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>2) Loredana stellte meinen P\u00f6ppel auf den schlechtesten Platz. Was sagt das \u00fcber<br \/>\nsie?<\/p>\n<ul>\n<li>Loredana ist eine sparsame Hauswirtschaftlerin: wenn&#8217;s um das Materielle geht,<br \/>\nwird kein Pfennig unn\u00f6tig zum Fenster heraus geworfen.<\/p>\n<\/li>\n<li>Sie kannte das Spiel noch nicht, sonst h\u00e4tte sie den niedrigsten Platz als Droh-Platz<br \/>\nf\u00fcr die n\u00e4chsten Bestechungsrunden offen gelassen.<\/p>\n<\/li>\n<li>Sie kennt mich noch nicht, denn nach so einer ungerechten Behandlung kann sie an<br \/>\ndiesem Abend keinen Blumentopf mehr bei mir gewinnen.<\/p>\n<\/li>\n<li>Loredana ist wagemutig und hat keine \u00c4ngste, sich Feinde zu machen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>3) Als Peter am Zug war, bot er mir sofort einen guten Deal an: Er w\u00fcrde mich f\u00fcr die<br \/>\ngeringste Geldsumme auf seinen h\u00f6chst-dotierten Posten stellen, wenn ich umgekehrt seinen<br \/>\nP\u00f6ppel genauso auch bei mir positionieren w\u00fcrde. Ein sehr gutes bilaterales Angebot, das<br \/>\nich sofort annahm. Was sagt das \u00fcber Peter:<\/p>\n<ul>\n<li>Peter wei\u00df, wovon dieses Spiel (und alle \u00e4hnlichen Diplomacy-Spiele) lebt: nicht vom<br \/>\nvorsichtigen Herumlavieren, sondern von klaren Zielvorstellungen und entschiedenem<br \/>\nHandeln.<\/p>\n<\/li>\n<li>Er ist ein psychologisches Genie und kennt seine Pappenheimer: er wu\u00dfte, da\u00df ich<br \/>\ndurch Loredanas Entt\u00e4uschung angeschlagen war und dann um so fester zu meinen<br \/>\nanderweitigen Verpflichtungen stehe.<\/p>\n<\/li>\n<li>Peter ist ein guter Rechner: Selbst wenn ich ihm seinen Deal vermasseln w\u00fcrde, h\u00e4tte<br \/>\ner nur den geringst m\u00f6glichen Betrag verloren.<\/p>\n<\/li>\n<li>Er ist ein gewiefter Diplomat: Bei obigen Deal war es ja noch einfach, aber auch<br \/>\nsonst waren alle seine Angebote von solch \u00fcberzeugenden Pl\u00e4doyers begleitet, da\u00df sich<br \/>\nkeiner seiner Argumentation entziehen konnte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>4) Aaron schaffte umgehend einen entsprechenden Deal mit Loredana herbei. Sp\u00e4ter<br \/>\nverbandelte er sich auf dem zweitbesten Posten auch noch mit Peter und mit mir. Nur von<br \/>\nRoland sackte er gru\u00df- und gnadenlos die Bestechungsgelder ein. Was sagt das \u00fcber<br \/>\nihn:<\/p>\n<ul>\n<li>Aaron ist ein gro\u00dfer, ausgleichender Absahner.\n<\/li>\n<li>Er setzt gerne aus dem Windschatten heraus zum gro\u00dfen Wurf an.\n<\/li>\n<li>Selbst wenn er einen \u00fcber das Ohr gehauen hat, wirkt seine seri\u00f6se Art immer noch<br \/>\nvertrauensbildend.<\/li>\n<\/ul>\n<p>5) Roland war das f\u00fcnfte Rad am Wagen: Die Partnerschaften waren gelaufen. Er<br \/>\ninvestierte unverdrossen hohe und h\u00f6chste Summen in alle Richtungen, fand aber kein<br \/>\nliebendes Haus, das sich ihm \u00f6ffnete. Auch eine leibhaftige Aphrodite h\u00e4tte jetzt nur<br \/>\nschwer \u00dcberl\u00e4ufer animieren k\u00f6nnen. Was sagt das \u00fcber Roland:<\/p>\n<ul>\n<li>Roland ist ein geduldiger, verzeihender Optimist: trotz aller Abfuhren und<br \/>\nGenickschl\u00e4ge versuchte er immer wieder mit neuem Mute bei Aaron zu landen.<\/p>\n<\/li>\n<li>Er ist gen\u00fcgsam und ein finanzielles Genie: auch ohne Einnahmen konnte er bis zu<br \/>\nletzten Runde seine Bestechungsgelder zahlen.<\/p>\n<\/li>\n<li>Er kennt unsere Runde noch nicht so gut: sonst h\u00e4tte er sein ganzes Geld bei mir<br \/>\nuntergebracht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hallo Peter, ich w\u00fcrde ja allzu gerne noch mal sehen, wie du in dieser undankbaren<br \/>\nf\u00fcnften Position das Ruder zu deinen Gunsten herumgerissen h\u00e4ttest. Ich wei\u00df selber<br \/>\nnicht, wie es gehen sollte, aber dir traue ich zu, da\u00df zu es gekonnt h\u00e4ttest. In meiner<br \/>\nheutigen Stimmung das einzige Motiv, noch mal &#8220;Intrige&#8221; auf den Tisch zu<br \/>\nbringen.<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Intrige rezensiert von Walter Sorger &#8220;Intrige&#8221; ist nach dem deutschen W\u00f6rterbuch eine &#8220;heimliche, hinterlistige Machenschaft, durch die man sein Ziel zu erreichen sucht&#8221;. Nach diesem Wortsinn hat das Spiel &#8220;Intrige&#8221; geradezu sein Thema verfehlt. 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