{"id":3667,"date":"2006-06-15T12:00:00","date_gmt":"2006-06-15T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2006\/06\/15\/verflixxt\/"},"modified":"2006-06-15T12:00:00","modified_gmt":"2006-06-15T10:00:00","slug":"verflixxt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2006\/06\/15\/verflixxt\/","title":{"rendered":"Verflixxt!"},"content":{"rendered":"<h2><a href=\"http:\/\/luding.org\/Skripte\/GameData.py\/DEgameid\/18872\" target=\"_blank\">Verflixxt!<\/a><\/h2>\n<p><i>rezensiert von Walter Sorger<\/i><\/p>\n<p>&#8220;Nur ein simples W\u00fcrfelspiel&#8221; muss ein Profispieler denken, wenn er die<br \/>\nSchachtel ge\u00f6ffnet hat und sich erstmals \u00fcber die Spielanleitung hermacht. Wenn er sich<br \/>\ndann noch vergegenw\u00e4rtigt, dass dieses Spiel gerade auf der Auswahlliste zum &#8220;Spiel<br \/>\ndes Jahres 2005&#8221; gelandet ist, wird er mit etwas Wehmut an all die vielen genialen<br \/>\nSpiele denken, die auf Grund ihrer Komplexit\u00e4t sich wohl niemals diesen werbetr\u00e4chtigen<br \/>\nOrden an die Brust anheften d\u00fcrfen. &#8220;Spiel des Jahres&#8221; will die allgemeine<br \/>\nSpielfreude f\u00f6rdern, und hierbei ist an Gro\u00dfmutter, Mutter und Kind wohl eher gedacht als<br \/>\nan Einstein und Hawking.<\/p>\n<p>Jeder Spieler hat 3 P\u00f6ppel, die er &#8211; \u00e4hnlich wie bei<br \/>\n&#8220;Mensch-\u00e4rgere-Dich-nicht&#8221; &#8211; von einem Startfeld bis ins Zielfeld w\u00fcrfeln muss.<br \/>\nAlle Spieler starten auf dem gleichen Feld. Auf jedem Feld d\u00fcrfen beliebig viele Spieler<br \/>\nstehen. Hinauswerfen gibt es nicht und die Frustration beim Ein- und Ausw\u00fcrfeln gibt es<br \/>\nauch nicht: Jede Figur kann jederzeit sofort losziehen und beim Ausw\u00fcrfeln am Ende werden<br \/>\n\u00fcberz\u00e4hlige Augen ignoriert.<\/p>\n<p>Worin liegt das Besondere?<\/p>\n<p>Die Spielfelder, der Parcours, bestehen aus lauter einzelnen Pl\u00e4ttchen. Jedes<br \/>\nPl\u00e4ttchen besitzt einen positiven oder negativen Wert. Wer mit seinem P\u00f6ppel ein<br \/>\nSpielfeld <b>verl\u00e4sst<\/b>, auf dem er als einzelner gestanden hat, darf \/ muss das<br \/>\nSpielfeld-Pl\u00e4ttchen an sich nehmen. Entsprechend seinem Wert kassiert er Plus- oder<br \/>\nMinuspunkte. Wer am Ende die h\u00f6chste Punktzahl erreicht hat, ist Sieger.<\/p>\n<p>Jeder ist also bestrebt sein, m\u00f6glichst hohe Spielfelder mit hohem positiven Wert zu<br \/>\nerw\u00fcrfeln: Erst das Feld betreten und dann als Einzelfigur wieder davon wegziehen. Das<br \/>\nkommt oft genug vor und macht einen Teil der Spielfreude bei &#8220;Verflixxt&#8221;<br \/>\naus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/Ressourcen2\/verflixxt_b2.jpg\" align=\"left\" width=\"310\" height=\"214\" border=\"0\" alt=\"board\"\/><\/p>\n<p>Die Konkurrenten haben nat\u00fcrlich das gleiche Ziel. Deren erfolgreiche Beutez\u00fcge sieht<br \/>\nman dann allerdings nicht mehr mit so ungetr\u00fcbter Freude. Dagegen gibt es aber ein<br \/>\nbew\u00e4hrtes Mittel: Wenn man schon selbst kein lukratives Feld abkassieren kann, dann kann<br \/>\nman sich wenigstens zu einem einzeln stehenden P\u00f6ppel eines Gegenspielern gesellen und<br \/>\nihm damit die fette Beute aus dem Rachen holen. Wenn das gelingt, ist die berechtigte<br \/>\nSchadenfreude &#8211; o Gott, erhalte uns diesen erg\u00f6tzlichen Charakterzug! &#8211; doppelt gro\u00df.<\/p>\n<p>Schaden und Freude sind in dieser Aufrechung aber kein Nullsummen-Spiel, die<br \/>\nGesamtbilanz ist deutlich positiv: Eine eigene Freude und Genugtuung \u00fcber solche guten<br \/>\nZ\u00fcge ist ein unbestreitbarer Aktiv-Posten; dagegen ist der Gegenspieler nicht direkt<br \/>\ngesch\u00e4digt: er kann ja hoffen, das gr\u00f6\u00dfere Sitzfleisch zu besitzen und irgendwann das<br \/>\nfragliche Feld doch noch als Letzter zu verlassen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.<\/p>\n<p>Zur Art der Pl\u00e4ttchen noch eine Erg\u00e4nzung: Es gibt nicht nur Pl\u00e4ttchen mit positiven<br \/>\noder negativen Werten, es gibt auch so genannte &#8220;Gl\u00fcckstafeln&#8221;: Wer ein solches<br \/>\nFeld abkassiert hat, darf damit &#8211; in der Endabrechung &#8211; ein beliebiges Minus-Pl\u00e4ttchen in<br \/>\nein Plus-Pl\u00e4ttchen verwandeln. Da kommt nat\u00fcrlich noch mal Freude auf. Dieses<br \/>\nSpielelement bewirkt, dass man die ganz gro\u00dfen Minuswerte nicht mit allen Mitteln<br \/>\nvermeiden muss. Ein paar der h\u00e4sslichen Entlein darf man sich getrost einverleiben in der<br \/>\nHoffnung, dass sie sich dereinst einmal als stolze Schw\u00e4ne entpuppen werden.<\/p>\n<p>&#8220;Verflixxt!&#8221; besitzt noch ein weiteres Element, dass dieses Spiel<br \/>\nschlie\u00dflich in der Summe weit \u00fcber die Gattung &#8220;simples W\u00fcrfelspiel&#8221;<br \/>\nhinaushebt: Es gibt neutrale Steine, so genannte &#8220;W\u00e4chter&#8221;, die jeder Spieler<br \/>\nanstelle seiner eigenen P\u00f6ppel ziehen kann. Zumindest solange noch irgendeine Spielfigur<br \/>\nauf dem gleichen Spielfeld wie der W\u00e4chter steht. Damit steigt der Freiheitsgrad f\u00fcr das<br \/>\nZiehen gleich um etwa das Doppelte an. Im Grunde kann jeder Spieler bei jedem Wurf aus<br \/>\netwa 6 m\u00f6glichen Z\u00fcgen den jeweils besten f\u00fcr sich heraussuchen. Welches andere simple<br \/>\nW\u00fcrfelspiel bietet das schon?<\/p>\n<p>Ich empfehle auch, mit &#8220;Variante 2&#8221; zu spielen: Da darf der Spieler, der<br \/>\neine Eins gew\u00fcrfelt hat, entweder vorw\u00e4rts <b>oder r\u00fcckw\u00e4rts oder gar nicht ziehen<\/b>.<br \/>\nAuch damit steigt die Anzahl der durchschnittlichen Zugm\u00f6glichkeiten an. Au\u00dferdem wird<br \/>\ndamit dem letzten Spieler ein m\u00f6gliches &#8220;Spie\u00dfrutenlaufen&#8221; erspart: Mit lauter<br \/>\nEinsen am Ende w\u00fcrde er alle Minus-Felder zwischen seinem letzten P\u00f6ppel und dem Ziel<br \/>\neinkassieren m\u00fcssen. (Dieser b\u00f6se Nebeneffekt wird auch mit der in den Regeln<br \/>\nbeschriebenen &#8220;Variante 5&#8221; vermieden.)<\/p>\n<p>Jetzt noch etwas zur Taktik. Trivial sind solche Empfehlungen wie, &#8220;auf Pl\u00e4ttchen<br \/>\nmit m\u00f6glichst hohen Positiv-Werten&#8221; zu ziehen und m\u00f6glichst &#8220;sofort wieder<br \/>\ndavon wegziehen&#8221;. Trivial ist es auch, so zu ziehen, dass einem Konkurrenten eine<br \/>\nfette Beute vermasselt wird. Das sind &#8220;Matt-in-einem-Zug&#8221;-Empfehlungen, die<br \/>\nkeiner braucht, der sich schon der M\u00fche unterzieht, Spielkritiken zu lesen. Viel<br \/>\nentscheidender f\u00fcr erfolgreiches Spiel ist die Frage, in welcher Reihenfolge und mit<br \/>\nwelchem inneren Zusammenhang man seine P\u00f6ppel vorw\u00e4rts ziehen sollte: Alle im Pulk oder<br \/>\njeweils gut verteilt auf dem gesamten Brett? Vorreiter vor allen anderen oder lieber im<br \/>\nzweiten Glied?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/Ressourcen2\/verflixxt_b1.jpg\" align=\"right\" width=\"360\" height=\"324\" border=\"0\" alt=\"group\"\/><\/p>\n<p>Ich habe hierzu keine fertige Antwort, m\u00f6chte aber auf &#8220;Backgammon&#8221;<br \/>\nverweisen: In diesem Spiel reagiert f\u00fcr Anf\u00e4nger das reine W\u00fcrfelgl\u00fcck; f\u00fcr Ge\u00fcbte steckt<br \/>\ndahinter eine hochwissenschaftliche Strategie. F\u00fcr ein langfristig geplantes gutes Spiel<br \/>\nkommt es darauf an, so zu ziehen, dass man bei der <b>nach<\/b> dem Zug entstandenen<br \/>\nSpiel-Situation f\u00fcr m\u00f6glichst <b>viele<\/b> verschiedene nachfolgende W\u00fcrfelergebnisse<br \/>\ngute Zugm\u00f6glichkeiten hat. Nicht alles auf eine Karte setzen, sich nicht von einem<br \/>\nSuperwurf abh\u00e4ngig machen, Erweiterung des Handlungsspielraumes, Optimierung der<br \/>\nOptionen, das sind die Devisen.<\/p>\n<p>Es gibt zig B\u00fccher zu gutem Backgammon. Alle sind berechtigt, so sehr ein Laie auch<br \/>\n\u00fcber das Thema staunen mag. Vielleicht wird es auch mal zu &#8220;Verflixxt!&#8221; eine<br \/>\nentsprechende Literatur geben. N\u00fctzlich und sinnvoll hielte ich das in jedem Fall. Meine<br \/>\neigene analytische Kapazit\u00e4t und meine erz\u00e4hlerische Lust sind hier aber auf jeden Fall<br \/>\n\u00fcberstrapaziert. Wer mag sich hier als Helfer der Menschheit unsterbliche Verdienste<br \/>\nerwerben?<\/p>\n<p>Langer Rede kurzer Sinn: Bei &#8220;Verflixxt!&#8221; kommt zu der gelungenen Mischung<br \/>\nvon Freude und Schadenfreude noch eine gute Kombination von Taktik versus Gl\u00fcck hinzu. In<br \/>\njedem Fall gen\u00fcgend Substanz f\u00fcr ein &#8220;Spiel des Jahres&#8221;. Vielleicht haben die<br \/>\nSdJ-Juroren doch das bessere Augenma\u00df f\u00fcr die gro\u00dfe Welt der Spiele!<\/p>\n<p>PS: Nachtrag zu einem WPG-ismus:<\/p>\n<p>In seinem Rick-Heli-Interview (<a href=\"http:\/\/spotlightongames.com\/interview\/heli1.html\">http:\/\/spotlightongames.com\/interview\/heli1.html<\/a>)<br \/>\nschreibt Moritz \u00fcber einige WPG-Eigenheiten: &#8220;<b><i>I like it<\/i><\/b>&#8221; can<br \/>\nresult in hysterical laughter, because there is a whole back story to a certain<br \/>\nBackgammon game.&#8221;<\/p>\n<p>F\u00fcr die Interessenten m\u00f6chte ich hierzu den Hintergrund liefern:<\/p>\n<p>Tasso, mein griechischer Freund, wollte einen Amerikaner (Nationalit\u00e4t tut nichts zur<br \/>\nSache) in die Geheimnisse von Backgammon einf\u00fchren, insbesondere in Strategie und Taktik,<br \/>\ndie jedem W\u00fcrfelgl\u00fcck \u00fcberlegen sind. Wie der Zufall es wollte, der Ami hatte ein<br \/>\nSaugl\u00fcck und w\u00fcrfelte meinen guten Tasso in Grund und Boden. Und bei jedem guten Wurf<br \/>\nmusste sich der fassungslose Tasso auch noch den Freudenruf anh\u00f6ren &#8220;<b><i>I like<br \/>\nit!<\/i><\/b>&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr uns werden mit diesem Aufruf heute Situationen ausgedr\u00fcckt, wo ein als planbar<br \/>\nhingestelltes Spiel sich als absolutes chaotisches Gl\u00fccksspiel herausstellt. Besonders<br \/>\ndann, wenn eine Pechstr\u00e4hne gerade besonders grausam zugeschlagen hat. Was das ganze mit<br \/>\n&#8220;Verflixxt!&#8221; zu tun hat, mag jeder Leser sich selber zusammenreimen.<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verflixxt! rezensiert von Walter Sorger &#8220;Nur ein simples W\u00fcrfelspiel&#8221; muss ein Profispieler denken, wenn er die Schachtel ge\u00f6ffnet hat und sich erstmals \u00fcber die Spielanleitung hermacht. 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