{"id":3893,"date":"2006-12-28T12:00:00","date_gmt":"2006-12-28T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2006\/12\/28\/1830-fuer-gourmets\/"},"modified":"2026-07-06T13:51:03","modified_gmt":"2026-07-06T11:51:03","slug":"1830-fuer-gourmets","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2006\/12\/28\/1830-fuer-gourmets\/","title":{"rendered":"&#8220;1830&#8221; f\u00fcr Gourmets"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>&#8220;1830&#8221; f\u00fcr Gourmets<\/h2>\n<p><i>von Walter Sorger<\/i><\/p>\n<h3>Eigenschaften bester Spiele<\/h3>\n<p>Die Geschm\u00e4cker hier hienieden sind verschieden. Was Spiele betrifft gehen die<br \/>\nDifferenzen sogar mitten durch unsere, von Interesse und Spiel-Auffassung doch ziemlich<br \/>\nhomogene WPG-Gruppe. Es gibt eine eingeschworene 18xx-Fraktion, die alles stehen und<br \/>\nliegen l\u00e4\u00dft, wenn ein Spiel dieser Serie angesagt ist. Und es gibt ein paar individuelle<br \/>\nGeister, die immer wieder fassungslos vor den hohen Noten stehen, die wir f\u00fcr diese Art<br \/>\nvon Spielen vergeben.<\/p>\n<p>Warum ist &#8220;1830&#8221; f\u00fcr mich das Non-Plus-Ultra? Zur Antwort will ich nur ein<br \/>\npaar wenige Eigenschaften herausstreichen. Die Kriterien sind abstrakt. Jeder Autor,<br \/>\nKritiker oder Leser, der eine Zielgruppe wie die WPG im Auge hat, kann seine eigenen<br \/>\nIdeale mit diesen Qualit\u00e4tsmerkmalen vergleichen.<\/p>\n<h4>Vielfalt im Handlungsspielraum:<\/h4>\n<p>Handlungsfreiheit ist mein oberstes Qualit\u00e4tskriterium. Ein Spiel, mit dem man gerade<br \/>\nmal eine Karten aus der Hand spielen oder gerade mal 1-2 P\u00f6ppel vorw\u00e4rts ziehen kann,<br \/>\nwird f\u00fcr mich nie \u00fcber unteren Durchschnitt hinauskommen. In &#8220;1830&#8221; kann man<br \/>\nKaufen und verkaufen, kreativ Bauen (welche Auswahl!). Engp\u00e4sse an Ressourcen vermeiden<br \/>\noder bewu\u00dft herbeif\u00fchren, Kooperation oder Gegnerschaft eingehen, Nibelungentreue oder<br \/>\nVerrat praktizieren; alles das sind ganz selbstverst\u00e4ndliche und erfolgreiche<br \/>\nGrundelemente des Spielablaufs, zusammengeschwei\u00dft zu einer nat\u00fcrlichen Einheit an Thema<br \/>\nund Interpretation.<\/p>\n<h4>Komplexit\u00e4t:<\/h4>\n<p>F\u00fcr mich bedeutet WENIGER Komplexit\u00e4t ein mehr Qualit\u00e4t. Ich mag nicht hunderttausend<br \/>\nverschiedene Einzeleigenschaften auswendig lernen zu m\u00fcssen, um ein Spiel zu beherrschen.<br \/>\nIn &#8220;1830&#8221; gibt es Aktien, die man kaufen und verkaufen kann, es gibt<br \/>\nSchienenteile, die man legen oder auswechseln kann und es gibt Z\u00fcge, die man fahren<br \/>\nlassen kann. Das ist alles. Gott-sei-Dank!<\/p>\n<h4>\u00dcberschaubarkeit und Planbarkeit:<\/h4>\n<p>Ich m\u00f6chte einen Spielablauf in seiner Gesamtheit erkennen und aktiv gestalten k\u00f6nnen.<br \/>\nBei &#8220;1830&#8221; ist allen Beteiligten von vorneherein ganz klar, was geschehen wird:<br \/>\nDie Eisenbahn-Gesellschaften werden sich entwickeln, einige Linien und Zentren werden<br \/>\ndominieren, ich mu\u00df danach streben, an den Brennpunkten beteiligt zu sein und ein paar<br \/>\nwichtige F\u00e4den in die Hand zu bekommen. Die Rolle, die jeder dabei spielt, ob er im<br \/>\nSpielflu\u00df Gas gibt oder bremst, liegt ganz in seiner Hand. Und nat\u00fcrlich in der Hand<br \/>\nseiner Konkurrenten. Aber nirgendwo sonst!<\/p>\n<h4>Stimmigkeit:<\/h4>\n<p>Wir wissen wohl alle, was darunter gemeint ist. Wenn ein Spiel von mir Berechenbarkeit<br \/>\nerwartet, dann darf es mich nicht dem Chaos ausliefern. Wenn Kampf angesagt ist, dann<br \/>\nz\u00e4hlen W\u00f6lfe und nicht die Schafe. Wenn der Zufall eine bedeutende Rolle spielt, dann mu\u00df<br \/>\nes flott gehen und es bedarf eines nat\u00fcrlichen Korrektivs gegen Gl\u00fccks- oder<br \/>\nPechstr\u00e4hnen. &#8220;1830&#8221; ist diesbez\u00fcglich ohne Fehl und Tadel. Zuf\u00e4lle gibt es<br \/>\n\u00fcberhaupt nicht und Ungereimtheiten genauso wenig. Alles baut auf dem Plan auf, den ein<br \/>\njeder f\u00fcr sich verfolgt. Entt\u00e4uschungen, ein Strich durch die Rechnung sind immer selbst<br \/>\nverursacht, entweder durch Denkfehler und durch das \u00dcbersehen von scharf-kalkulierten<br \/>\nAktionen der Gegner. Und das ist auch gut so!<\/p>\n<h4>Offene Entscheidung bis zum Schlu\u00df:<\/h4>\n<p>\u00c4rgerlich ist ein Spiel, das vorzeitig &#8211; warum auch immer &#8211; entschieden ist, und bei<br \/>\ndem es im letzten Drittel nicht mehr um den Sieger, sondern nur noch um die H\u00f6he des<br \/>\nSieges geht. Bei &#8220;1830&#8221; \u00e4ndern die Besitzst\u00e4nde st\u00e4ndig ihre Wertigkeit. Was<br \/>\ngerade noch hoch lukrativ war, kann im n\u00e4chsten Augenblick schon auf den Konkurs<br \/>\nzusteuern. Manchmal \u00fcberraschend, post mortem w\u00e4ren die dunklen Vorzeichen aber immer<br \/>\nerkennbar gewesen.<\/p>\n<p>Pro Runde steigen progressiv die Ums\u00e4tze. Wer am Anfang in R\u00fcckstand ger\u00e4t, hat allein<br \/>\nschon deswegen durch gutes Mittelspiel noch Chancen auf den Sieg. Der F\u00fchrende ist<br \/>\nst\u00e4ndig gefordert, die gegebene Spielsituation mit Umsicht zu meistern, wenn er die<br \/>\nSpitzenposition behaupten will.<\/p>\n<p>Andererseits wird ein guter Spielstand auch nicht durch irgendwelche Ereigniskarten,<br \/>\nSchicksalsschl\u00e4ge oder sonstige unberechenbare Widrigkeiten ins Gegenteil verkehrt. Wer<br \/>\nim gesamten Verlauf des Spieles am besten spielt, darf seine F\u00fchrung auch sicher bis ins<br \/>\nZiel tragen. Das Gleichgewicht zwischen der Erhaltung des Besitzstandes und der<br \/>\nGef\u00e4hrdung desselben durch gutes Gegenspiel: in welchem anderen Spiel ist dieses wichtige<br \/>\nGleichgewicht besser realisiert?<\/p>\n<h4>Schadenfreude:<\/h4>\n<p>Konstruktive Schadenfreude ist ein sehr positives Spielelement. Nicht da\u00df jemand einen<br \/>\nschlechten W\u00fcrfelwurf hinlegt, nicht da\u00df jemand eine Risiko-Entscheidung verliert,<br \/>\nsondern da\u00df ein Spitzenspieler einen entscheidenden Winkelzug seiner Gegner \u00fcbersehen<br \/>\nkann und als Folge davon gravierende Einbr\u00fcche in Kauf nehmen mu\u00df, das h\u00e4lt die Spannung<br \/>\naufrecht (und f\u00f6rdert Spa\u00df und Lust aller Beteiligten). Da\u00df bei &#8220;1830&#8221; solche<br \/>\nVerluste an der Tageordnung sind, macht einen der vielen konstruktiven Charakterz\u00fcge des<br \/>\nSpieles aus.<\/p>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<h3>Zweitbeste Spiele<\/h3>\n<p>Ich m\u00f6chte &#8220;1830&#8221; jetzt ein paar anderen Brettspielen zum Vergleich<br \/>\ngegen\u00fcberstellen. Alles sind weit \u00fcberdurchschnittlich gute Spiele, denen es als Ehre<br \/>\ngereicht, hier erw\u00e4hnt zu werden. Kein Autor sollte sich auf den Schlips getreten f\u00fchlen,<br \/>\nwenn er nur den zweitbesten Platz zugewiesen bekommt. Es sind meine pers\u00f6nlichen<br \/>\nPr\u00e4ferenzen. Die Unterschiede will ich anhand von guten und sehr guten K\u00fcchen in<br \/>\nDeutschland veranschaulichen.<\/p>\n<h4>1830<\/h4>\n<p>Entspricht einem Abendessen beim Winkler in Aschau: Abendf\u00fcllendes Programm, bei dem<br \/>\nalles stimmt, vom Ambiente \u00fcber die Einleitung bis zum Kick auf dem H\u00f6hepunkt. Und bis<br \/>\nzur Abrechung am Schlu\u00df.<\/p>\n<h4>1835, 1844, 1856, 1860, 1895, 18xx<\/h4>\n<p>Sei es nun die Schwarzwaldstube Traube-Tonbach oder das alte Aubergine in M\u00fcnchen. Ich<br \/>\nwill niemanden von den Meisterk\u00f6chen in die Pfanne hauen. Die Spiele der 18xx-Serie sind<br \/>\nalle ein Hochgenu\u00df, meisterhafte Erzeugnisse einer hohen Schule. Mal reichhaltiger in der<br \/>\nZusammenstellung, mal auf eine kleine, feine Genie\u00dferschar eingestellt. Einfach aus<br \/>\nliebgewonnener Tradition steht 1830 f\u00fcr mich an der Spitze.<\/p>\n<h4>Bluff<\/h4>\n<p>Canapee aus dem Hause Dallmayr. Vielfalt auf kleinstem Raum, ausgezeichneter<br \/>\nGeschmack. Man kann sich ein Leben lang davon ern\u00e4hren. Sogar ausschlie\u00dflich. Aber selbst<br \/>\nmit einem guten Burgunder wird daraus kein richtiges Gelage.<\/p>\n<h4>Carcassone (Basis-Version)<\/h4>\n<p>Mittagsmen\u00fc in einem s\u00fcdfranz\u00f6sischen Landgasthaus: in der Regel ist ein<br \/>\nGourmet-Erlebnis angesagt. Doch das tats\u00e4chliche Ergebnis h\u00e4ngt sehr stark von der Laune<br \/>\nder Madam de Cuisine ab; sprich: Fortuna entscheidet f\u00fcr mich, ob es wirklich gelungen<br \/>\nist.<\/p>\n<h4>Puerto Rico, Die Siedler von Catan<\/h4>\n<p>Eine Lasagne aus der Hobbyk\u00fcche meines Sohnes (Student): Mit sehr viel Erfahrung und<br \/>\nLiebe zubereitet und immer wieder mal mit neuen Gew\u00fcrzen passend abgeschmeckt. Vorz\u00fcglich<br \/>\nin seiner Klasse. Noch fehlt ein Funken Genialit\u00e4t f\u00fcr den Stern zur Note 1.<\/p>\n<h4>Euphrat &amp; Tigris<\/h4>\n<p>Wiener Schnitzel: hochwertiges Kalbfleisch mit feinster Pannade und einer frischen<br \/>\nZitronenscheibe. F\u00fcr manche Mitb\u00fcrger (z.B. f\u00fcr meine Ungarin) ein Nationalgericht. F\u00fcr<br \/>\nmich in der Summe etwas zu trocken.<\/p>\n<h4>Junta<\/h4>\n<p>Japanischer Kugelfisch (so stell ich ihn mir wenigstens vor), ein Kitzel f\u00fcr den<br \/>\nGaumen. Allzuleicht kann daraus ein t\u00f6dlicher Genu\u00df werden.<\/p>\n<h4>6 nimmt<\/h4>\n<p>Unser Grieche um die Ecke, immer einladende Atmosph\u00e4re, immer appetitliches,<br \/>\nschmackhaftes Angebot. Aber irgendwie str\u00e4ubt sich die Feder, f\u00fcr Lamm-Koteletts mit<br \/>\nTzatziki und Bauernsalat den Ausdruck &#8220;Hohe K\u00fcche&#8221; zu gebrauchen.<\/p>\n<h4>Hase und Igel<\/h4>\n<p>Siemens Werkskantine: Bekannterma\u00dfen eine Einrichtung gehobener Qualit\u00e4t: solide<br \/>\nhandwerkliche Arbeit, sauber und ordentlich serviert. Naturgem\u00e4\u00df liegt ein gewichtiger<br \/>\nSchwerpunkt auf Durchsatz und Geschwindigkeit.<\/p>\n<h4>Titan &#8211; The Arena, Colossal Arena<\/h4>\n<p>Mariniertes Schweinefilet auf Rhabarber nach Art von Jamie Oliver. Bunt und<br \/>\nbemerkenswert. Wenige Zutaten gekonnt zusammengestellt und m\u00fchelos auf den Tisch<br \/>\ngebracht. F\u00fcr meine Vorlieben leider eine ganze Generation zu jung.<\/p>\n<h4>Castle of Magic<\/h4>\n<p>Schuhbeck&#8217;s am Platzl: vom zerhackten W\u00fcrstchen in Sahnesud als Amuse Geule bis<br \/>\nzur Bayrisch Creme eine bemerkenswerte Kombination von gewollt bodenst\u00e4ndiger Tradition<br \/>\nmit gekonnt internationaler Moderne. Ich habe meine Geschmacksnerven noch nicht gen\u00fcgend<br \/>\numerzogen, um die angebotene Richtung in meinem Weltbild einordnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Sankt Petersburg<\/h4>\n<p>Abschlu\u00dfgericht vom Kochkurs f\u00fcr Fortgeschrittene in der Volkshochschule. Das Ergebnis<br \/>\nkann sich sehen lassen. Wir haben alle daran mitgewirkt und die Geheimnisse von Rezept<br \/>\nund Zutaten entschl\u00fcsselt. Das geht unweigerlich auf Kosten von \u00dcberraschung und<br \/>\nSpontaneit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Es mu\u00df nicht immer Kaviar sein. Aber wenn ich mir ein abendf\u00fcllendes Menu w\u00fcnsche, auf<br \/>\ndessen Gestaltung ich Einflu\u00df nehmen kann, das meine Geschmacks- und Magen-Nerven kitzelt<br \/>\nohne mich zu \u00fcberf\u00fcttern, dann gehe ich &#8211; zu &#8220;1830&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &#8220;1830&#8221; f\u00fcr Gourmets von Walter Sorger Eigenschaften bester Spiele Die Geschm\u00e4cker hier hienieden sind verschieden. Was Spiele betrifft gehen die Differenzen sogar mitten durch unsere, von Interesse und Spiel-Auffassung doch ziemlich homogene WPG-Gruppe. Es gibt eine eingeschworene 18xx-Fraktion, die alles stehen und liegen l\u00e4\u00dft, wenn ein Spiel dieser Serie angesagt ist. 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