{"id":496,"date":"2010-02-11T04:19:01","date_gmt":"2010-02-11T03:19:01","guid":{"rendered":"http:\/\/westpark-gamers.de\/blog\/?p=496"},"modified":"2010-02-11T15:12:39","modified_gmt":"2010-02-11T14:12:39","slug":"10022010-die-weltgeschichte-gerat-aus-den-fugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2010\/02\/11\/10022010-die-weltgeschichte-gerat-aus-den-fugen\/","title":{"rendered":"10.02.2010: Die Weltgeschichte ger\u00e4t aus den Fugen"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Das Volkst\u00fcmliche ist von jeher der befruchtende Quell aller Kunst gewesen, solange als es &#8211; frei von aller Reflexion &#8211; in nat\u00fcrlich aufsteigendem Wachstum sich bis zum Kunstwerke erheben konnte. In der Gesellschaft, wie in der Kunst, haben wir nur vom Volke gezehrt, ohne da\u00df wir es wu\u00dften. In weitester Entfernung vom Volke hielten wir die Frucht, von der wir lebten, f\u00fcr Manna, das uns Privilegierten und Auserlesenen Gottes, Reichen und Genies, ganz nach himmlischer Willk\u00fcr aus der Luft herab in das Maul fiel. Als wir das Manna aber verpra\u00dft hatten, sahen wir uns nun hungrig nach den Fruchtb\u00e4umen auf Erden um und raubten diesen nun, als R\u00e4uber von Gottes Gnaden, mit keckem, r\u00e4uberischem Bewu\u00dftsein ihre Fr\u00fcchte, unbek\u00fcmmert darum, ob wir sie gepflanzt oder gepflegt hatten; ja, wir hieben die B\u00e4ume selbst um &#8211; bis auf die Wurzeln, um zu sehen, ob nicht auch diese durch k\u00fcnstliche Zubereitung schmackhaft oder doch wenigstens verschlingbar gemacht werden  k\u00f6nnten. So r\u00e4udeten wir den ganzen sch\u00f6nen Naturwald des Volkes aus, da\u00df wir mit ihm nun als nackte, hungerleidige Bettler dastehen.&#8221;?<br \/>\n\u00dcber diese schwierige und wohl auch schw\u00fclstige Passage aus einem Aufsatz von Richard Wagner hatten Moritz und Walter einige kontroverse Mails gewechselt. K\u00fcnstler und Laie nahmen diametral entgegengesetzte Positionen ein. Die ausgetauschen Attribute reichten von \u201ewundersch\u00f6n\u201c bis \u201ezutiefst widerlich\u201c. Welch ein Gl\u00fcck, da\u00df man sich per Emails noch keine Briefbomben zukommen lassen kann.<br \/>\n<strong>1. &#8220;A Brief History of the World&#8221;<\/strong><br \/>\nAlles schon mal dagewesen. Die \u00e4lteste bei Luding registrierte Version dieses Eroberungsspiel stammt von Gibsons Games aus dem Jahre 1991. Avalon Hill hat sich im Jahre 1993 daran versucht, Hasbro 2001 und jetzt zur Spiel 2009 in Essen die Ragnar Brothers aus England.<br \/>\nWir spielen V\u00f6lker, die sich kriegerisch \u00fcber die Erde ausbreiten, St\u00e4dte bauen, Festungen anlegen und Denkm\u00e4ler errichten. Dann kommen die b\u00f6sen Nachbarn, schlagen unsere P\u00f6ppel tot, zerst\u00f6ren die St\u00e4dte, schleifen die Festungen und m\u00fcnzen unsere Denkm\u00e4ler zu ihren eigenen Siegpunkten um. Der ganz normale Wahnsinn um das Aufkommen und den Untergang von Reichen ist das Thema des Spiels. (Das Wort \u201eZivilisation\u201c mu\u00df einem bei dem ununterbrochenen Totschlagen ja wohl im Halse stecken bleiben.)<br \/>\nFr\u00fcher dauerte ein einziges Spiel Stunden, um nicht zu sagen Tage. F\u00fcr manche Freaks ist das gerade lang genug; f\u00fcr die \u00fcberwiegende Mehrheit der Viel- und Wenigspieler aber viel zu lang. Die Ragnar Br\u00fcder sind auf dem Weg zur Spielzeitverk\u00fcrzung wieder ein paar Schritte vorw\u00e4rts gekommen. Statt sieben gibt es nur noch sechs Epochen zu bestreiten. Wie \u00fcblich setzt sich der St\u00e4rkere mit Hilfe besserer W\u00fcrfelw\u00fcrfe durch. Der Angreifer bekommt dabei zwei W\u00fcrfel in die Hand, der Verteidiger nur einen. Bei Gleichheit gewinnt der Verteidiger. Immerhin hat er damit noch eine \u00dcberlebenschance von 42%. Doch sollte der Angreifer verlieren, darf er seinen Angriff unverz\u00fcglich wiederholen und bekommt dazu noch einen W\u00fcrfelpunkt gutgeschrieben. Jetzt sind die Chancen des Verteidigers gleich auf 25% gesunken. Und so geht es weiter.<br \/>\nGewinnt allerdings der Angreifer, so bekommt er die Differenz der W\u00fcrfelergebnisse als Overkill-Masse angerechnet und kann damit weitere Nachbarregionen ohne W\u00fcrfelrisiko kampflos erobern. So lange der Overkill reicht. Mit einem einzigen guten Wurf hat sich ein neues Volk etabliert und liefert massig Siegpunkte, mit ein paar schlechten Aaronsw\u00fcrfen kommt man \u00fcber sein Waterloo nicht hinaus.<br \/>\nWoraus besteht \u201egutes\u201c Spiel? Erstens, jeweils das richtige Volk ausw\u00e4hlen. Allerdings hat hier nur der Spieler auf dem aktuell letzten Platz die freie Auswahl. Diese Auswahl nimmt sequentiell ab; der bisher F\u00fchrende kriegt am Ende die letzte V\u00f6lkerkarte ohne Einspruchsm\u00f6glichkeit zugeschustert. Da h\u00e4tte er halt in den vorhergehenden Runden nicht so eifrig punkten sollen. Das ist ein ganz wichtiges Kriterium f\u00fcr ein erfolgreiches taktische Vorgehen!<br \/>\nAls Ausgleich darf der F\u00fchrende als erster unter den Sonderprivilegien w\u00e4hlen. Sie alle bringen Vorteile im Vernichtungskampf gegen die Nachbarn. Hier die richtige Auswahl zu treffen, ist die zweite Herausforderung f\u00fcr den Sieg. Allerdings erscheint mir bei der optimalen Auswahl unter sporadischen Hilfsv\u00f6lkern oder archimedischen Festungsminen auch kein gr\u00f6\u00dferer Bedarf an IQ zu bestehen.<br \/>\nDie dritte taktische Gro\u00dftat besteht im Zugriff auf Sonderpunkte. Hier darf wieder der Startspieler als erster zugreifen. Unter zuf\u00e4llig zusammengestellten K\u00e4rtchen f\u00fcr 1 bis 4 Siegpunkte darf er sich das Maximum auf seine Seite ziehen. Wer in der Schule gelernt hat, mit 4 \u00c4pfeln zu hantieren, kann hier keinen Fehlgriff tun. F\u00fcr den Letzten bleibt in der Regel nur noch ein Apfel \u00fcbrig.<br \/>\nBleibt noch die vierte und letzte Herausforderung in der History: Gegen wenn soll man seine Milit\u00e4rpotenz richten? Der Ausgangspunkt eines jeden neuen Volkes ist vorgeschrieben; die Umgebungsfelder mit hohen Siegpunkt-Quoten f\u00fcr erfolgreiche Eroberungen sind leicht abzulesen, die Verteidigungskraft der alteingesessenen Bev\u00f6lkerung auch, nur der W\u00fcrfelkampf ist nicht immer vorhersagbar und erfordert Analyse, Kompetenz und Ausdauer.<br \/>\nDie Siegpunktvergabe steigert sich quadratisch. Mindestens. Die V\u00f6lker der ersten Epoche bestehen nur aus 2 \u2013 3 Kriegern. Blitzschnell haben sie sich auf die 2 &#8211; 3 m\u00f6glichen Regionen verteilt und die paar lumpigen Siegpunkte eingeheimst. In den letzten Epochen kann ein Volk schon mal 15 Krieger auf die Beine stellen. Da auch die Siegpunktquoten f\u00fcr eroberten Regionen erheblich ansteigen, kann ein begabtes Kriegervolk beim Kampfw\u00fcrfeln allein in der letzten Runde die H\u00e4lfte der m\u00f6glichen Siegpunkte erringen.<br \/>\nHierbei ist die Spielbalance durchaus problematisch. In den letzten Epochen gibt es V\u00f6lker, deren Anfangspotential ein Mehrfaches der anderen V\u00f6lker einer Epoche betr\u00e4gt. Wer hier das Recht der ersten Wahl hat, kann seinen Mitspieler auf und davon ziehen. Nat\u00fcrlich hatte bei uns Moritz hier das gl\u00fcckliche H\u00e4ndchen. Bis zur vorletzten Runde hatte er sich taktisch ganz geschickt im Hintergrund gehalten, dann bekam er die Mongolen in die H\u00e4nde und als deren Horden ausgest\u00fcrmt hatten, hatte er die ganze Welt vom Reich der Mitte bis zum Mittelmehr unter seine Kontrolle gebracht. Schon vor seinem letzten Zug hatte er gewonnen.<br \/>\nAaron konnte sich dagegen mit seinen Mayas und Inkas gerade noch ein zur\u00fcckgezogenes Pl\u00e4tzchen an der Sonne in den Anden sichern. Seinen Vorwurf des \u201eGespielt-Werdens\u201c konterte Moritz mit der Behauptung, ein gewisser Bruce Monnin habe in den letzten History-of-the-World-Weltmeisterschaften jedesmal gewonnen; ein eindeutiger Beweis f\u00fcr die Intelligenz-Anforderungen des Spiels. Walter konnte darauf nur antworten: \u201eDas glaube ich nicht!\u201c Es kann nicht sein, und das ist statistisch belegbar, da\u00df ein Spiel, das derart wenige Entscheidungsfreiheiten l\u00e4\u00dft, das aber solch enormen Zufallseinfl\u00fcssen bei der unterschiedlichen Ausstattung der V\u00f6lker und vor allem beim W\u00fcrfelkampf unterliegt, durch strategische \u00dcberlegenheit systematisch gewonnen werden kann. Eine Entscheidung \u00fcber Wahr-oder-Falsch der Bruce-Monnin-Behauptung durch Nachforschen \u00fcber Google haben wir uns erspart.<br \/>\n<em>WPG-Wertung: Aaron: 5 (obwohl man gespielt wird), Moritz: 10 (liebt dieses Genre), Walter: 3 (erste Phase kontemplativ, zweite Phase promiskuitiv, dritte Phase mongoloid).<\/em><br \/>\n<strong>2. &#8220;Opera&#8221;<\/strong><br \/>\nEin Spiel um die klassische Musikszene in den Opernh\u00e4usern der alten Welt. Wir jonglieren mit Beethoven, H\u00e4ndel, Monteverdi, Mozart, Verdi und Wagner. (Nach Moritz hat hier zumindest Rossini gefehlt, und Beethoven h\u00e4tte besser in ein Spiel namens \u201eSymphonia\u201c ausgelagert werden sollen. Doch wir wollen den Streit um das Deutschtum in der Musik nicht nochmals aufgreifen.)<br \/>\nGeld regiert die Musikwelt. Wir legen das Budget f\u00fcr unsere Operationen fest und bezahlen damit die Angestellten unseres Musikbetriebes. Der Impressario l\u00e4\u00dft neue Werke der bekannten K\u00fcnstler entstehen, der Architekt baut neue Opernh\u00e4user in den Metropolen oder er erweitert bereits bestehende, die Signora verschafft unserem Ensemble Zugang in die Palazzi der Gro\u00dfkopferten, wodurch uns unverz\u00fcglich liquide Mittel zuflie\u00dfen, der Maestro zieht durch die Lande und erlaubt doppelte Eintrittspreise, der Critico verschiebt die Wertigkeit unserer Komponisten und der Esperto verschafft uns Extra-Siegpunkte f\u00fcr eine besonders gelungene Intendanz.<br \/>\nBei der Startaufstellung stand Wagner ganz oben in der Rangliste. Seine Werke waren die teuersten der Welt. Wie im richtigen Leben? Keiner konnte sich den Eintritt leisten. Die Werke landeten unaufgef\u00fchrt auf dem M\u00fcll. Schlie\u00dflich war Bayreuth ja auch noch nicht erfunden.<br \/>\nMoritz wu\u00dfte sogleich aus Erfahrung, da\u00df in den privaten Herrenh\u00e4usern die Musik abgeht. Mit einer Traviata vor der F\u00fcrstin Gloria konnte er auf Anhieb seinen Etat nahezu verdoppeln. Aaron und Walter hatten sich mehr oder weniger zuf\u00e4llig zu einer symmetrischen Allianz in Wien zusammengefunden. Mit ihren Aktionen f\u00f6rderten sie unisono ihre gemeinsamen wirtschaftlichen Interesssen im Wiener Kunstleben, w\u00e4hrend sich Moritz ganz alleine in Venedig um eine Ankurbelung des Gesch\u00e4fts abm\u00fchen mu\u00dfte. Seine Solostellung drohte schon in Verbitterung auszuarten. Doch dann baute er mit einem Schlag die Mail\u00e4nder Scala zu einem riesigen Musikpalast aus und fand auch den Maestro, der die Massen anzog und gewaltige Einnahmestr\u00f6me in seine konkurrenzlosen S\u00e4\u00e4le lenkte.<br \/>\nJetzt schwelgte er in liquiden Mitteln und in Optimierungsrechnungen f\u00fcr die richtigen Angestellten zu den richtigen K\u00fcnstlern in den richtigen Openh\u00e4usern in den richtigen Weltst\u00e4dten. Eine Schachuhr w\u00e4re \u00fcber seinen paralysierenden Denkvorg\u00e4ngen nahezu geplatzt. So auch Walter. Unter Druck entschied er sich in seiner letzten Aktion f\u00fcr einen suboptimalen Zug \u2026 und wurde um Millimeterunterschiede nur Zweiter. Doch das lie\u00df sein K\u00fcnstlergewissen nicht ruhen. Richtig: wir hatten eine Randbedingung zu seinen Ungunsten \u00fcbersehen. Am Ende konnten Venedig und Mailand den Tie-Break doch noch f\u00fcr sich entscheiden.<br \/>\n<em>WPG-Wertung: Aaron: 7 (bekannte Spielelemente gut kombiniert), Moritz: 7 (es gibt kritische Effekte, deren Balance problematisch ist), Walter: 7(viele Herausforderungen).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Das Volkst\u00fcmliche ist von jeher der befruchtende Quell aller Kunst gewesen, solange als es &#8211; frei von aller Reflexion &#8211; in nat\u00fcrlich aufsteigendem Wachstum sich bis zum Kunstwerke erheben konnte. 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