{"id":656,"date":"2010-06-24T02:51:13","date_gmt":"2010-06-24T01:51:13","guid":{"rendered":"http:\/\/westpark-gamers.de\/blog\/2010\/06\/24\/23062010-spielen-gegen-ghana\/"},"modified":"2010-06-24T02:55:36","modified_gmt":"2010-06-24T01:55:36","slug":"23062010-spielen-gegen-ghana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2010\/06\/24\/23062010-spielen-gegen-ghana\/","title":{"rendered":"23.06.2010: Spielen gegen Ghana"},"content":{"rendered":"<p>\u201eNach dem Spiel bleiben die Verlierer wie begossene Pudel zur\u00fcck und denken \u00fcber ihre Fehler und verpa\u00dften Chancen nach. Die Meute von Zuschauern und Reportern geht mit den Siegern, zupft sie von vorne oder hinten am Trikot, um einen Blick oder Kommentar zu erhaschen. Die Sieger gehen weiter und nehmen den Trubel um sie herum kaum wahr. Sie dr\u00fccken dem einen oder anderen fl\u00fcchtig die Hand, damit er Ruhe gibt und sie sich aus dem Gedr\u00e4nge in die Kabinen retten k\u00f6nnen.\u201c<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/dantemitfussball.jpg\" alt=\"Dante und die WM\" width=\"400\" height=\"313\" class=\"alignright size-full wp-image-660\" srcset=\"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/dantemitfussball.jpg 400w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/dantemitfussball-150x117.jpg 150w, https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/dantemitfussball-300x235.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><br \/>\n(Dante, Purgatorium, Sechster Gesang, ca. 700 Jahre vor der Fu\u00dfballweltmeisterschaft in S\u00fcdafrika;<br \/>\nwahrscheinlich konnte Dante sich gar nicht vorstellen, da\u00df nach einer 1:0-Niederlage selbst der Verlierer gl\u00fcckstrahlend vom Feld gehen kann.)<br \/>\n<strong>1. &#8220;Die Nomaden&#8221;<\/strong><br \/>\nDas Spiel ist noch nicht erschieden. Noch nicht einmal der Verleger steht fest. Maximillian (der von \u201eMacht$piele\u201c) hat es erfunden und bis zur Prototyp-Reife ausgearbeitet; heute kam er bei uns am Westpark vorbei, um es testen zu lassen.<br \/>\nWer den Autor von \u201eMacht$piele\u201c im Internet nachschaut, wird keinen \u201eMaximillian\u201c finden. Dort versteckt er sich unter dem Pseudonym \u201eBauldric &amp; Friends\u201c, wie bei seinen anderen Spiele auch. 12 St\u00fcck hat er augenblicklich in der Mache. F\u00fcr Idee und die Basisversion braucht er nur wenige Tage (!), wenn nicht sogar Stunden (!!). Bisher haben wir immer geglaubt, eine Spieleentwicklung m\u00fcsse Jahre dauern. Offensichtlich geht es auch schneller.<br \/>\nAllerdings dauert es dann doch noch Monate, bis ein Verlag die Idee \u00fcbernommen, das Thema nach der eigenen Verlagsphilosophie adaptiert und das Spiel serienfertig auf den Markt gebracht hat. Manchmal kennt der Autor dann sein eigenes Spiel nicht mehr wieder. So ging es Max auch mit seinem j\u00fcngsten Kind, das demn\u00e4chst bei Hans-im-Gl\u00fcck erscheint. Aus dem Erwerben von liebreizenden Damen (mittels Blumen, Diamanten und flotten Spr\u00fcchen) wurde das Zusammenstellen einer Tierfarm (wahrscheinlich mit M\u00f6hrchen, doch die Details dazu haben wir nicht n\u00e4her erfragt).<br \/>\nMax legt als kreativer Spieleerfinder (in Berufung aber nicht als Beruf) wenig Wert auf gro\u00dfe Marktakzeptanz und hohe Verkaufszahlen. Sein Ehrgeiz ist es, bei Spielefreaks anzukommen und vielleicht einmal einen Spitzenplatz in den Charts bei Boardgame-Geeks zu bekommen. Seine grundlegende Konstruktionsidee ist Dynamik im Aufbau. Die Spieler sollen ihren Besitzstand entwicklen, aber nichts ist sicher, alles ist in Bewegung; Preise und Kosten h\u00e4ngen ausschlie\u00dflich von den Interaktionen der Spieler ab. Dabei soll das Spiel samt Regeln nicht kompliziert sein, aber komplex. Voll dieser Richtung liegen seine \u201eNormaden\u201c.<br \/>\nJeder Spieler f\u00fchrt ein Nomandenvolk durch die Jahreszeiten. Wir bewegen unsere P\u00f6ppel \u00fcber die Felder jahreszeitlicher Regionen, vermehren uns, k\u00fcren H\u00e4uptlinge, bauen Lagerpl\u00e4tze und D\u00f6rfer, ern\u00e4hren unsere Bev\u00f6lkerung, und ernten unsere \u00c4cker. In den Fr\u00fchjahr- und Sommerregionen bekommt wir die Nahrung umsonst. In den Winter-Regionen k\u00f6nnen wir die ben\u00f6tigte Nahrung nur mit M\u00fche zusammenkratzen. Da ist es manchmal besser, seine P\u00f6ppel in den Winterschlaf fallen zu lassen und sie erst wieder zu aktivieren, wenn der Fr\u00fchling wieder da ist.<br \/>\nUm die fruchtbarsten \u00c4cker zur besten Jahreszeit gibt es nat\u00fcrlich ein Gedr\u00e4nge. Nur maximal zwei Spieler d\u00fcrfen einen Acker besetzen; f\u00fcr weitere Spieler ist das Betreten dann Tabu, es sei denn, ein sie kommen mit gro\u00dfer Mehrheit; dann k\u00f6nnen sie einen einzelnen fremden Spielstein verdr\u00e4ngen. Zwei oder mehr Spielsteine auf einem Acker (vom gleichen oder von verschiedenen Spielern) bringen h\u00f6here Ertr\u00e4ge; d.h. das Betreten eines gemachten Bettes durch einen fremden Spieler ist nicht a priori verp\u00f6nt, auch wenn die Ertr\u00e4ge dann geteilt werden m\u00fcssen.<br \/>\nGemeinsamkeit macht sich auch in der \u201eSchamanenphase\u201c bezahlt. Hier darf jeden Spieler einen Teil seiner Zugpotenz investieren, um die Wirtschaftlichkeit in einer Region zu modifizieren, z.B. h\u00f6here Ertr\u00e4ge f\u00fcr alle oder aber auch gr\u00f6\u00dferer Nahrungsbedarf f\u00fcr alle. In Regionen, in denen viele Spieler anwesend sind, gehen die Modifikationen naturgem\u00e4\u00df h\u00e4ufiger in die positive Richtung. Einer Regionen, in denen ein Spieler sich alleine engagiert hat, werden von der Mehrheit der Mitspieler mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit die negativen Effekte aufgeladen.<br \/>\nSo besitzen \u201eDie Nomaden\u201c ein sehr komplexes Netz von gegenl\u00e4ufigen Abh\u00e4ngigkeiten:<br \/>\n&#8211; Sch\u00fctzt man sich durch paarweises Zusammenlegen seiner P\u00f6ppel vor Verdr\u00e4ngung, so geht das auf Kosten von Ertragsmaximierung.<br \/>\n&#8211; Wartet man mit \u201eTempoz\u00fcgen\u201c die Entwicklung der anderen ab, kann man hinterher darauf besser reagieren; allerdings sind manchmal dann schon die besten Pl\u00e4tze besetzt.<br \/>\n&#8211; Vermehrung schafft mehr Ernte- und Verdr\u00e4ngungspotential, erfordert aber auch mehr Nahrung und mehr Aktionspunkte beim Bewegen.<br \/>\n&#8211; Die Umwandlung von einfachen Nomaden in H\u00e4uptlinge l\u00f6st das Ern\u00e4hrungsproblem, geht aber auf Kosten von Kopfzahlen.<br \/>\n&#8211; Auf welchen \u00c4ckern soll man sich engagieren? Einige Rohstoffe werden im Endspiel f\u00fcr hohe Siegpunkt-Eins\u00e4tze ben\u00f6tigt, Nahrung hilft zum \u00dcberleben in den kalten Jahreszeiten und Aktionen (die ebenfalls auf \u00c4ckern \u201ewachsen\u201c) erlauben mehr Bewegung, mit denen wir den Winter-Regionen davonlaufen k\u00f6nnen.<br \/>\n&#8211; Soll man als Schamane seinen Handlungsspielraum opfern, um eine ungl\u00fcckliche Konstellation selber zu beseitign oder hofft man, dass dies ein Mitspieler tun, der noch mehr darunter leidet?<br \/>\n&#8211; und einiges mehr<br \/>\nDiese Abh\u00e4ngigkeiten sind so gut ausbalanciert, da\u00df die verschiedensten Strategien zum Sieg f\u00fchren k\u00f6nnen: Viele Aktionen, viele Nahrung, fr\u00fcher Bau von Lagerst\u00e4tten und D\u00f6rfern. Selbst das oportunistische Mitschwimmen im Meer der m\u00f6glichen Aktionen unter Ausnutzung des jeweils n\u00e4chstbesten Zuges hat gewisse Siegchancen. Max wurde zu Beginn um seine eigene Strategie f\u00fcr heute gefragt. Er hielt sich bedeckt. Schlie\u00dflich wollte er auch in einem Feld von Neulingen noch als Sieger hervorgehen, und dazu geh\u00f6rt unbedingt, da\u00df keiner das strategische Vorgehen kennt und dagegen arbeitet. Doch f\u00fcr den Sieg mu\u00df die richtigen Strategie auch noch von einem ein konsequenten, fehlerfreien Vorgehen begleitet sein. Und das ist selbst bei l\u00e4ngeren Analysieren und Planen nicht immer zu bewerkstelligen. Mit Freude konnten wir auch vom Autor solche Spr\u00fcche h\u00f6ren wie: \u201eWas hab\u2019 ich jetzt wieder f\u00fcr einen Schei\u00df gemacht!\u201c<br \/>\nDreieinhalb Stunden dauerte das Spiel (, ohne die gut einst\u00fcndige m\u00fcndliche Einf\u00fchrung). Bis zum Schlu\u00df blieb es spannend. Dazu tr\u00e4gt auch bei, da\u00df einige langfristig vorbereitete Z\u00fcge riesige Siegpunktmengen einbringen, und es nicht zu \u00fcbersehen war, wer mit seinen Planungen am ehesten das erforderliche Limit \u00fcberschreiten w\u00fcrde. Der Autor war\u2019s! Knapp!<br \/>\nJeder h\u00e4tte noch l\u00e4nger an seinen Z\u00fcgen herumrechnen k\u00f6nnen. Das ist vielleicht einer der Nachteile der \u201eNomaden\u201c. Nicht immer hat man Zeit und Lust f\u00fcr ein dreist\u00fcndiges Aufbauspiel. Doch das ist der einzige Nachteil!<br \/>\n<em>WPG-Wertung: G\u00fcnther: 6 (Einschr\u00e4nkung, weil das Spiel zu lange dauert; die Kompexit\u00e4t, auch wenn sie gut durchkonstruiert ist, ist an manchen Stellen gar nicht notwendig), Hans: 8 (\u201eauf jeden Fall\u201c), Walter: 8 (eine Masse von h\u00fcbschen Spielideen in eine runde Gesamtgestaltung gegossen) .<\/em><br \/>\nDie langen Denkzeiten waren heute kein Problem. Erstens gab es laufend etwas mit dem Autor zu diskutieren. Und zweitens gab es im Untergrund ein lebenswichtiges Fu\u00dfballspiel, das im Life-Ticker und durch die Freudenschreie der besten aller Ehefrauen st\u00e4ndig f\u00fcr Abwechslung sorgte. Das ist vielleicht eine M\u00f6glichkeit, manche Denkerspiele f\u00fcr die Mitwelt \u00fcberhaupt erst genie\u00dfbar zu machen: La\u00dft im Hintergrund ein spannendes Nebenprogramm laufen (wenn keine Fu\u00dfball-WM ist, tut\u2019s vielleicht auch ein saftiger Porno), so da\u00df die Auf-das-Ende-von-Denkprozessen-wartenden Mitspieler Ablenkung haben und zuweilen gar nicht erst zum Spieltisch zur\u00fcckkehren m\u00f6gen. Vielleicht kam man die notwendigen Bildbeitr\u00e4ge sogar gleich zusammen in der Spielschachtel ausliefern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNach dem Spiel bleiben die Verlierer wie begossene Pudel zur\u00fcck und denken \u00fcber ihre Fehler und verpa\u00dften Chancen nach. Die Meute von Zuschauern und Reportern geht mit den Siegern, zupft sie von vorne oder hinten am Trikot, um einen Blick oder Kommentar zu erhaschen. 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