{"id":674,"date":"2010-07-15T02:39:25","date_gmt":"2010-07-15T01:39:25","guid":{"rendered":"http:\/\/westpark-gamers.de\/blog\/2010\/07\/15\/14072010-industrie-und-kunstler\/"},"modified":"2010-07-15T02:44:28","modified_gmt":"2010-07-15T01:44:28","slug":"14072010-industrie-und-kunstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2010\/07\/15\/14072010-industrie-und-kunstler\/","title":{"rendered":"14.07.2010: Industrie und K\u00fcnstler"},"content":{"rendered":"<p>Moritz ist umgezogen, von der Ludwigsvorstadt in die Isarvorstadt. Schon vor einem halben Jahr. Jetzt sind die Baukr\u00e4ne und das Dixi-Klo vor seiner Haust\u00fcr verschwunden und f\u00fcr viel Geld hat er seinen Vorgarten anlegen lassen. Und jetzt spielen drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe die Kinder Fu\u00dfball und schie\u00dfen alle zwei Minuten den Ball auf seinen frischen gr\u00fcnen Klee! Dann st\u00fcrmen sie zu zehnt \u00fcber die Hecke und treten alles krumm, was der G\u00e4rtner gerade gerade gemacht hat. Ist das nicht \u00e4rgerlich?<br \/>\nW\u00fcrdet auch Ihr dann und wann den Kindern den Ball wegnehmen und Euch der Horde erboster Kindereltern aussetzen, die den Ball f\u00fcr ihre Frischlinge wieder rausger\u00fcckt haben wollen? Moritz war verzweifelt, doch am Westpark erntete er mit seinem Vorgehen nur bedingt Mitleid. Ausgerechnet unser jugendlicher Draufg\u00e4nger l\u00e4\u00dft sich die Rolle des pedantischen Ballwegnehmers und Kinderschrecks aufdr\u00e4ngen? Da mu\u00df es doch noch eine andere L\u00f6sung geben!?<br \/>\n<strong>1. &#8220;Age of Industry&#8221;<\/strong><br \/>\nOffiziell ein \u201eBrass light\u201c, d h. eine vereinfachte Version des Spiels \u201eBrass\u201c vom gleichen Autor Martin Wallace. Entsprechend tr\u00f6stet das Regelheft die Spielergemeinde: \u201edie Regeln sind etwas k\u00fcrzer\u201c. Doch das scheint ein Trugschlu\u00df zu sein. 14 Seiten umfa\u00dft die deutsche Spielregel, und wenn ich mich vor zwei Jahren nicht get\u00e4uscht habe, waren es damals bei \u201eBrass\u201c blo\u00df 11. Wer irrt hier wen?<br \/>\nWir hatten alle nur noch eine schwache Erinnerung an das alte \u201eBrass\u201c und G\u00fcnther mu\u00dft die Regeldetails in aller Tiefe wiederholen. Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis wir hier durch waren. Ab und zu mu\u00dften wir sogar auf die englische Version zur\u00fcckgreifen, um zu verstehen, was gemeint war. Dazu ist es nat\u00fcrlich ungl\u00fccklich, zwei verschiedene Spielbretter mit unterschiedlichen Spielelementen in einer einzigen sequentiellen Beschreibung abdecken zu wollen. Da werden Effekte beschrieben, die auf dem Spielbrett gar nicht vorkommen und die erst ein erfolgloses Suchen ausl\u00f6sen, bis man endlich merkt, da\u00df man auf dem falschen Ufer ist.<br \/>\nAuch nach der ausgiebigen Regeldarlegung gab es st\u00e4ndig noch Regelunsicherheiten und Irrt\u00fcmer. Selbst dem unfehlbaren Moritz unterlief eine Fehlplanung nach der anderen. Heute durfte er anstandslos alles zur\u00fccknehmen. Allein schon sein Schmuddelkinder-Andrenalinspiegel war mildernde Umst\u00e4nde wert.<br \/>\nWie der Name schon sagt, spielt &#8220;Age of Industry&#8221; im Industriezeitalter und wir m\u00fcssen Industrien (Eisen und Kohle) aufbauen, Eisenbahngleise legen, H\u00e4fen anlegen, Schifffahrtsverbindungen errichten und in diesem Netzwerk Waren erzeugen, zu den Verbraucherm\u00e4rkten transportieren und dort in Geld und Siegpunkte umwandeln.<br \/>\nGleich zu Spielbeginn gab es lange Gesichter: Wir haben kein Geld und m\u00fcssen uns sofort auf dem Kapitalmarkt welches besorgen. Wir schwelgen nicht in Millionen, sondern wir darben bis zum Spielende am oder unter dem pekuni\u00e4ren Existenz-Minimum. Bemerkenswert hierbei, da\u00df im Spielmaterial Kreditscheine bis zu 500 Dollar enthalten sind \u2013 und das bei Kosten f\u00fcr unsere Aktionen im Pfennigbereich!<br \/>\nDie H\u00f6he des jeweils ausgegebenen Geldes bestimmt den Startspieler in der n\u00e4chsten Runde. Das macht das Spiel z\u00e4h. Wir m\u00fcssen nicht nur den Barverkehr abwickeln, wir m\u00fcssen auch noch die aufgewendeten Summen registrieren. Dazu kommt das Handhaben der Kreditscheine und die Zinszahlungen. Lauter unn\u00f6tige Vorg\u00e4nge, die das Spiel verlangsamen.<br \/>\nDoch auch ohne diesen Geldverkehr verlief das Spiel ungeheuer z\u00e4h. Man kann nicht denken, wenn man nicht dran ist, sondern mu\u00df f\u00fcr seine Zugplanung das gesamte Mitspielerchaos abwarten, das uns von Runde zu Runde vor neue unvorhergesehene Spielzust\u00e4nde stellt.<br \/>\nUnd dann zieht sich das Ende ewig hin. Wir haben schon fast keine Zugm\u00f6glichkeiten mehr, weil die Positionen auf dem Spielfeld schon alle vergeben sind, und das Kartendeck ist immer noch nicht aufgebraucht \u2026 Nach der einen Stunde Einf\u00fchrung brauchten wir noch weitere 2 \u00bd Stunden Spielzeit bis zur bitteren Neige. Ohne merkbare Steigerung an Spannung und Entwicklung. Schade. Das Original-Brass hat uns auf Anhieb gleich viel st\u00e4rker angesprochen.<br \/>\n<em>WPG-Wertung: Aaron: 6 (etwas entgeistert, wie sich das Spiel heute pr\u00e4sentiert hat), G\u00fcnther: 6 (Findet das alte \u201eBrass\u201c weiterhin sch\u00f6n; die Neuentwicklung war unn\u00f6tig) Moritz: 4 (\u201eDas Spiel will ich nicht haben und nicht spielen! Ein abstraktes Rumgewixe\u201c), Walter: 7 (Nur dann, wenn man es in einer kontemplativen Grundhaltung spielen kann.)<\/em><br \/>\n<strong>2. &#8220;Fresko&#8221;<\/strong><br \/>\n\u201eIch brauche jetzt ein gescheites Spiel\u201c st\u00f6hnte Aaron. Mit \u201eFresko\u201c, das es dieses Jahr bis in die Nominierungsliste zum \u201eSpiel des Jahres&#8221; gebracht hat, sollte nichts schief gehen.<br \/>\nWir sind Maler und m\u00fcssen Farben kaufen, am gemeinsamen Fresco herummalen, mit privaten Portraits unsere Haushaltskasse aufbessern, die Farben f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag mischen, und uns am Abend noch ein bi\u00dfchen zerstreuen, damit die Freude am Kunstschaffen gesteigert wird.<br \/>\nDas ganze l\u00e4uft in engster Konkurrenz zu unseren Mitk\u00fcnstlern ab. Schon allein die Uhrzeit, wann wir aufstehen um unser Tagewerk zu beginnen, unterliegt vielf\u00e4ltigen \u00dcberlegungen. Wer zuerst aufsteht, geht zuerst auf den Farbenmarkt und hat dort freie Auswahl. Allerdings sind dann auch die Preise noch sehr hoch. Wer erst am hellerlichten Tag dort auftaucht, kann die Farbreste zu Spottpreisen erwerben. Allerdings dr\u00fcckt das fr\u00fche Aufstehen auf die Schaffenskraft. Die Fr\u00fchaufsteher sind mehr oder weniger davon abh\u00e4ngig, am Abend im Theater noch etwas zur eigenen Erbauung zu tun.<br \/>\nDas gemeinsame Fresko, an dem wir alle arbeiten, besteht aus einem Mosaik von Einzelteilen, f\u00fcr deren Fertigstellung wir jeweils Grundfarben und Farbmischungen in einer vorgegebenen Zusammensetzung bereit haben m\u00fcssen. Damit erwerben wir das Mosaik und erhalten Siegpunkte sowie weitere individuelle Vorteile. Ist ein Mitspieler schneller beim Erwerb der notwendigen Farben, so schnappt er uns das Mosaik vor der Nase weg, und wir m\u00fcssen uns ein anderes aussuchen. Das ist nicht ganz so peinlich, wie es sich auf den ersten Blick liest, denn die erworbenen Farben sind auch f\u00fcr andere Mosaikteile zu gebrauchen. Vielleicht aber hecheln wir mit unserem Farbbesitz auf der Bildfl\u00e4che hin und her und jedesmal, wenn wir ein Mosaikteilchen ins Auge gefa\u00dft haben, schreit unsere Vorg\u00e4ngerspieler: \u201eich bin schon da.\u201c Das gilt mit Sicherheit f\u00fcr die letzte Runde, wo nur noch ganz wenige Teilchen fertigzustellen sind.<br \/>\nDeshalb ist es enorm wichtig, vor der letzten Runde als erstes ziehen zu d\u00fcrfen. Und dazu mu\u00df man in der vorletzten Runde die wenigsten Siegpunkte erworben haben. Genau dies ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung in \u201eFresko\u201c: In jeder Runde immer genau soviele Siegpunkte zu machen, damit man in der daraus resultierenden Zugreihenfolge eine Position bekommt, in der man seine Ziele erfolgreich verfolgen kann. Ohne dabei nat\u00fcrlich total abgeh\u00e4ngt zu sein!<br \/>\nWir haben etwas frisch drauflos gespielt und so war es unvermeidlich, da\u00df mehrere Spieler mehrmals zwischen der ersten und der letzten Spielerposition rochierten. Walter hielt dies f\u00fcr eine fehlende Balance im Spieldesign: Der Startspielervorteil ist zu extrem. Von G\u00fcnther wurde dem eifrigst wiedersprochen: Die verschiedenen Mosaikteilchen seien in sich alle ausgewogen. Je h\u00f6her die damit verbundenen Siegpunktzahl, desto schwieriger die ben\u00f6tigte Farbkombination. Und dies alles in einem mehr oder weniger linearen Zusammenhang.<br \/>\nDiese kontroverse Einsch\u00e4tzung bedarf zu ihrer Entscheidung unbedingt nochmals einer Spielwiederholung. Demn\u00e4chst in diesem Theater.<br \/>\n<em>WPG-Wertung: Aaron: 5 (der Spiel-Mechanismus hat Probleme), G\u00fcnther: 8 (das Spiel ist stimmig), Moritz: 8, Walter: 6 (Der extreme Startspielervorteil pa\u00dft nicht zur planerischen Spiel-Ausrichtung)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moritz ist umgezogen, von der Ludwigsvorstadt in die Isarvorstadt. Schon vor einem halben Jahr. Jetzt sind die Baukr\u00e4ne und das Dixi-Klo vor seiner Haust\u00fcr verschwunden und f\u00fcr viel Geld hat er seinen Vorgarten anlegen lassen. 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