{"id":780,"date":"2010-10-27T17:13:50","date_gmt":"2010-10-27T16:13:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/?p=780"},"modified":"2010-10-28T10:28:17","modified_gmt":"2010-10-28T09:28:17","slug":"27-10-2010-splitter-aus-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.westpark-gamers.de\/blog\/2010\/10\/27\/27-10-2010-splitter-aus-essen\/","title":{"rendered":"27.10.2010: Splitter aus Essen"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Tage auf der Spielermesse in Essen bedeuten: Zwei Stunden lang durch die acht Hallen schlendern und die vielen gro\u00dfen bunten Verlage und ihre Produkte auf Augen und Gem\u00fct wirken lassen. Den Rest der Zeit, immerhin noch fast 90%, punktuell auf einzelne Produkte zusteuern, Regeln lesen, anspielen bzw. mitspielen und ggf. am Stand ein bi\u00dfchen palavern.<br \/>\nEine Orientierunghilfe zu den bemerkenswertesten Produkten liefern die aktuellen Hitlisten von \u201eFaiy Play\u201c und \u201eBoardgame Geek\u201c, auch wenn sie meilenweit auseinanderklaffen und in ihren Top-50 bzw. Top-20-Namen kaum Gemeinsamkeiten haben. Oder versteckt sich hinter den kurzzeitigen Spitzenreitern \u201eVinhos\u201c und \u201eGrand Cru\u201c etwa das gleiche Spiel? Mitnichten!<br \/>\nWas sind diese Listen schon mehr als nur schwache Funzeln, die ein sp\u00e4rliches Licht auf die gro\u00dfe weite Spielelandschaft werfen? Am Ende des zweiten Messetages f\u00fchrte z.B. \u201eHabemus Papam\u201c, ein kleines rundes Biet-&amp;-Stichkartenspiel, mit gerade mal 11 Stimmen bei \u201eFair Play\u201c die Liste an. Wieviele Freunde mu\u00df man animieren, um sich auf diesen Platz w\u00e4hlen zu lassen? Doch auch ohne solche Manipulationsm\u00f6glichkeiten kommen die dicken Verlagen mit ihren zehn oder mehr Spieltischen naturgem\u00e4\u00df schneller zu ein paar Stimmen als die tapferen Einzelk\u00e4mpfer mit einem halben Tisch in einer halben Box.<br \/>\nDie Hitlisten sind auch nichteinmal in sich konsequent. Z.B. war \u201eVinhos\u201c (und so manches andere Spiele) dieses Jahr zwar angek\u00fcndigt, aber nicht k\u00e4uflich erwerbbar. Die deutsche Produktionsfirma war beim Umsiedeln ihrer Mitarbeiter nicht sorgf\u00e4ltig genug vorgegangen und hatte dabei gro\u00dfe Verluste innerhalb ihrer Belegschaft hinnehmen m\u00fcssen, so da\u00df sie schlie\u00dflich nicht mehr rechtzeitig liefern konnte.<br \/>\nEine Wiederauflage von \u201e1830\u201c war bei \u201eMayfair\u201c angek\u00fcndigt und hatte nat\u00fcrlich unser Interesse geweckt. Das Spiel war von den \u201eBoardgame-Geek\u201c-Leuten angeblich bereits gespielt worden und belegte am Freitag Abend in ihrer Favoritenliste den 47ten Platz. Doch das Spiel gab es gar nicht! Kein einziges Atom davon. Der Erscheinungstermin war vom 3. Quartal 2010 auf das zweite Quartal 2011 verlegt worden. Dann hoffentlich mit einer Auslieferungsdependance in Deutschland!<br \/>\nWer aber trotzdem &amp; unbedingt ein \u201e1830\u201c spielen wollte, der mu\u00dfte sich ins Wasser begeben. Unter dem Namen \u201ePoseidon\u201c ist eine Wasservariante mit nahezu identischen Regeln und Mechanismen herausgekommen. Statt Loks gibt es Schiffe, statt Eisenbahngesellschaften gibt es Reiche, und statt Pr\u00e4sidenten gibt es K\u00f6nige. Ein paar zus\u00e4tzlich eingebaute Schmankerl dienen der Verk\u00fcrzung der Spielzeit. Ansonsten alles wie gehabt: \u201eBeim Kauf des ersten 4er Schiffs verfallen die 2er Schiffe!\u201c. Die Szenerie ist nat\u00fcrlich nicht der nordamerikanische Kontinent sondern das \u00e4g\u00e4ische Meer. So wird es wohl niemals in die blaubl\u00fctige \u201e18xx\u201c-Familie aufgenommen werden. Und wohl auch keinen Preis gewinnen.<br \/>\nDer diesj\u00e4hrige International Gamers Award ging an Martin Wallace f\u00fcr sein \u201eAge of Industry\u201c. Eine seltsame Entscheidung, denn dieses Spiel ist keineswegs innovativ, sondern nur eine vereinfachende \u00dcberarbeitung auf identischem Spielbrett mit identischen Elementen wie sein Vorg\u00e4ngers \u201eBrass\u201c. Doch vielleicht gilt diese Auszeichnung diesmal dem gesamten Lebenswerk des sympathischen Martin. Allein bei Luding sind 70 Spiele oder Spiel-Erweiterungen mit ihm als Autor aufgef\u00fchrt. (Hallo G\u00fcnther, nimmst Du Deinen AoI-Kommentar: \u201eDas braucht die Welt nicht \u2026 Dann doch lieber gleich das bessere Spiel \u2019Brass\u2019!\u201c mit Bedauern zur\u00fcck?)<br \/>\nDer Preis wurde im gro\u00dfen Saal \u201eEssen\u201c vergeben. Mindestens drei\u00dfig Acht-Personentische und abz\u00e4hlbar viele Stuhlreihen waren wohlgeordnet aufgestellt. Als wir zehn Minuten vor der Preisverteilung zum Saal eilten, f\u00fcrchteten wir schon, maximal einen Stehplatz in einer Ecke zu erhalten. Doch das Gedr\u00e4nge auf den Treppen davor bestand aus Mittagesslern vom Restaurant in der Etage darunter. Der Saal war proppenleer. Zur Preisverleihung erschienen dann sieben Juroren, sechs Pressefotographen, zwei Preistr\u00e4ger und zw\u00f6lf Zuschauer!<br \/>\nWas mag die Saalmiete gekostet haben? F\u00fcr unsere \u201eInternationale Bayerische Paarmeisterschaft\u201c im Bridge zahlen wir f\u00fcr eine vergleichbare Halle im M\u00fcnchener Vorort Ottobrunn 1500 Euro. Haben die Award-Initiatoren f\u00fcr ihre 15-Minuten-Veranstaltung ebensoviel Geld hinbl\u00e4ttern m\u00fcssen? Zum Gl\u00fcck nicht! Der Saal war kostenlos vom Friedhelm Merz Verlag zur Verf\u00fcgung gestellt worden!<br \/>\nApropos Merz Verlag. Der Verlag hatte einstmals die P\u00f6ppel-Revue herausgebracht und ist heute der Veranstalter der Essener Internationalen Spieltage, der weltweit gr\u00f6\u00dften Publikumsmesse f\u00fcr Gesellschaftsspiele. Das ist seine einzige Aufgabe. Organisation, Vor- und Nachbereitung besch\u00e4ftigen die Mitarbeiter ein ganzes Jahr lang. Ein unsterblicher Verdienst f\u00fcr die Welt der Spieler. Ansonsten wohl eher ein Nischendasein in unserer globalisierten Wirtschaftswelt.<br \/>\nWohl alle Spieleverlage, so gro\u00df und ber\u00fchmt sie auch sein m\u00f6gen, leben unterhalb der Peanuts-Grenze \u2013 verglichen mit den gro\u00dfen Unternehmen wie Siemens, BMW oder Deutsche Bank. Ein bekannter Autor hat uns jetzt verraten, da\u00df dies der Grund ist, warum viele Spiele auf den Markt kommen, die nicht ausbalanciert sind und erhelbliche Designschw\u00e4chen enthalten. Innerhalb eines Jahres mu\u00df das Spiel auf dem Markt und verkauft sein. Fire and forget!<br \/>\n<strong>1. &#8220;Antics&#8221;<\/strong><br \/>\nDer kleine schottische Verlag Fragor Games hatte uns schon vor f\u00fcnf Jahren mit seinen h\u00fcbsch modellierten Sch\u00e4fchen in \u201eShear Panic\u201c imponiert. Diesmal zogen uns immer wieder die gro\u00dfen Ameisen von \u201eAntics\u201c an, die als dicke schwarze Figuren \u00fcber die gr\u00fcne Boxenwand (1 Einheit = 800 Euro Standmiete) liefen. Vielleicht waren es auch die Schottenr\u00f6cke der beiden Autorenbr\u00fcder Gordon und Fraser Lamont.<br \/>\nDa ich mich auch noch irgendwie bei meinem Neffen und den beiden Gro\u00dfneffen f\u00fcr Unterkunft und Verpflegung in Essen bedanken mu\u00dfte, war schnell klar, da\u00df wenigens ein Exemplar der \u201eAntics\u201c bei den Westpark-Gamers (wenn auch nicht direkt am Westpark) landen w\u00fcrde.<br \/>\nDas taktische (bzw. Mitspieler-chaotische) Spiel hat das Gewimmel in und um einen Ameisenhaufen zum Thema. Ohne W\u00fcrfel oder Zufallselemente baut jeder seinen Ameisenhaufen aus und steigert damit seinen Aktionsradius und die M\u00e4chtigkeit der folgenden Z\u00fcge. (Klares und konstruktiv durchgezogenes Konzept von wachsender Spieldynamik.) Wir ziehen verschiedene Arten von Ameisenbabies (Feld- Wald- und Wiesen-Ameisen) gro\u00df und schicken sie in die gro\u00dfe weite Ameisenwelt (Feld-Wald-Wiese), damit sie die dort vorhandene Beute in Form von K\u00e4fern, Schmetterlingen und Larven zur gro\u00dfen Ameisenburg in der Mitte des Spielbretts transportieren. Die Anzahl der verschiedenen Beutetiere sowie gr\u00fcne und braune Bl\u00e4tter f\u00fcr die Ameisen-interne Pilzzucht bringen die ben\u00f6tigten Siegpunkte.<br \/>\nEs gibt verschiedene Strategien (oder \u201eSchienen\u201c) zum Sieg. M\u00f6glichst schnell die n\u00e4chstliegenden Beutest\u00fccke einsacken und nach Hause kleckern oder erst die Kapazit\u00e4ten erweitern um dann hinterher mit gr\u00f6\u00dferem Transport- und Ausbauf\u00e4higkeiten zu klotzen. Es gibt auch eine milit\u00e4rische Variante: Man leistet sich Soldatenameisen, um den Mitspielerameisen die gerade transportierte Beute abzujagen und auf dem eigenen Konto zu verbuchen. Diese letzte M\u00f6glichkeit haben wir Onkels und Neffen in unserem Spiel nicht genutzt. In einem schnellen Spiel ist der Effizienzgrad der Soldatenameisen recht fraglich. In der Kleckerphase haben sie sicherlich gr\u00f6\u00dfere Zuschlagchancen, doch weil wir alle die Ausbau-Schiene verfolgten, f\u00fchrte der Weg-der-leichten-Beute offensichtlich in die Sackgasse und wurde erst gar nicht begangen.<br \/>\nDie Spielanleitung ist &#8211; wie immer vom Fragor-Verlag \u2013 in hervorragendem Deutsch geschrieben. Die eingebauten Kalauer rufen nicht nur beim ersten Lesen ein Schmunzeln hervor. Sie erkl\u00e4ren auch zum ersten Mal \u00fcberzeugend, warum in einem 4-Personen-Spiel nur 3 Spiel-Hilfen vorhanden sind: Die Autoren und Hersteller sind halt Schotten!<br \/>\n<em>WPG-Wertung: Walter: 7 Punkte.<\/em><br \/>\n<strong>2. Danksagung<\/strong><br \/>\nIch freue mich, da\u00df ich unsere Mail-Partner und Spieleautoren Richard Sibel (\u201eMaria\u201c) und Bernd Eisenstein (\u201ePorto Carthago\u201c) zum ersten Mal pers\u00f6nlich kennenlernen durfte und bedanke mich f\u00fcr die Gespr\u00e4che mit ihnen.<br \/>\nStellvertretend f\u00fcr viele freundliche und fachkundige Spiele-Erkl\u00e4rer bei anderen Verlagen bedanke ich mich bei Peter Rot und Roland Velemas am Stand von Eggert-Spiele f\u00fcr die gekonnten Einf\u00fchrungen und das Mitspielend\u00fcrfen beim Superspiel \u201eGrand Cru\u201c.<br \/>\nIch bedanke mich bei dem geduldigen Nachwuchs-Autor Philipp H\u00f6ppner f\u00fcr die detailierte Beschreibung seines Fantasy Game \u201eEmpire of Darkness\u201c (wartend auf einen Verlag, der es herausbringt), sowie seine bemerkenswerten Unterweisungen in h\u00f6hrere W\u00fcrfelmathematik. Sinngem\u00e4\u00df: \u201eWenn man f\u00fcr die verschiedenen Kampfentscheidungen immer mehr W\u00fcrfel heranzieht, kann man den ungerechten und unbalancierten Zufallseinflu\u00df beseitigen!\u201c<br \/>\n<strong>3. PS<\/strong><br \/>\nHeute kein Spielabend am Westpark. Wir treffen uns bei Moritz. Er hat gerade Phil Eklund von Sierra Madre Games zu Besuch ist, der uns sein neues Spiel vorstellen will. Mal sehen, ob und was Moritz dar\u00fcber schreiben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Tage auf der Spielermesse in Essen bedeuten: Zwei Stunden lang durch die acht Hallen schlendern und die vielen gro\u00dfen bunten Verlage und ihre Produkte auf Augen und Gem\u00fct wirken lassen. 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