Der Turmbau zu Babel
rezensiert von Walter Sorger
Nein, Türme bauen wir im “Turmbau zu Babel” keine; die Spieler bekommen auch
keine Bauklötzchen in die Hand, um sich wie bei “Bausack” oder “Villa
Paletti” konstruktiv zu betätigen. Auch die Erfinder von “Manhattan” und
“Torres” können sich wieder beruhigt hinlegen, ihre Spielidee mit der dritten
Dimension ist nicht geklaut worden. Beim “Turmbau” ist das topfebene Spielbrett
in ganz normale acht Gebiete aufgeteilt worden, um die es zu kämpfen gilt. Wer am Ende
die optimalsten Mehrheiten errungen hat ist Sieger.
Für das Marketing mußten natürlich griffige Dinge im Spieldesign untergebracht werden.
Hier eine Frage an die Spielergemeinde: Welche acht Symbole hättet ihr für die acht
Gebiete aus Euerem geistigen Schatzkästlein herausgezogen?. Die 8 Planeten sind zu wenig
fotogen; außerdem ist noch nicht festgelegt, wann das Kuckucksei Pluto seinen Status
verliert.
Nein, der Verlag hat die 7 Weltwunder ins Spiel gebracht. Weil aber selbst der gute
Hans-im-Glück nicht in der Lage ist, 7 Bauwerke unversehrt auf 8 Bauplätze verteilen, hat
er einen alten Mathematiker-Trick angewandt und noch ein weiteres Objekt hinzugenommen.
Sein schmuckes Häuschen in der Birnauerstraße war ihm zu anachronistisch, er hat lieber
stilecht in der Antike nachgegraben und wo ist fündig geworden? Beim Turm von Babylon. So
steht er da und ergänzt das ehrwürdige Ensemble der 7 Weltwunder der Antike zu einem
8-teiligen Set. Und weil der Name dieses Bauwerkes schon seit Moses Zeiten jedermann
geläufig ist, war das Problem um einen gut klingenden Namen für das Spiel auch gleich
gelöst.

Die Spielidee ist es also, in den acht Feldern des Spielbrettes, ich will sie jetzt
mal “Grundstücke” nennen, Mehrheiten zu erringen. Die Mehrheiten werden
dokumentiert, indem man wie bei “Monopoly” Häuschen oder Hotels dort plaziert.
Die Baugenehmigung dazu wird allerdings nicht über Würfel erteilt, sondern durch ganz
solide Kaufgeschäfte (wenn man das Hinblättern einer vorgegebenen Anzahl von
“Baukarten” als solches bezeichnen darf).
Auf jedes Grundstück werden zu Spielbeginn in einer zufälligen Verteilung je drei
einfarbige Scheiben aus insgesamt vier Farb-Möglichkeiten gelegt. Auf jeder Scheiben
steht ihr Preis von 3 bis 6, d.h. die Anzahl von Baukarten dieser Farbe, die ein Spieler
hergeben muß, um die Scheibe zu erwerben. Die Baukarten bekommt jeder Spieler zu
Spielbeginn ausgeteilt; bei jedem Zug zieht er auch welche nach.
Hat ein Spieler eine Scheibe erworben, so kann er sich zunächst mal darüber freuen,
denn die Scheiben liefern am Ende ein paar zusätzliche Siegpunkte. Als wesentlicher
Effekt seines Einkaufes darf der glücklicher Erwerber einer Scheibe auch noch Häuschen
auf dem Grundstück plazieren, und zwar genauso viele, wie er Baukarten hergeben
mußte.
Klar, nach der dritten Scheibe sind die Mehrheitsverhältnisse an einem Grundstück
geklärt und das Grundstück wird abgerechnet: der Spieler mit den meisten Häuschen bekommt
viele Siegpunkte, der Spieler mit den zweitmeisten bekommt halb so viele, und alle anderen
bekommt auch noch was.
Damit ist für die Ermittlung des Siegpunkte schon fast alles gesagt, und bis hierher
tischt uns “Der Turmbau” keine Weltneuheiten auf. Daß die Siegpunkte für die
Gründstücke nach jeder Abrechung leicht ansteigen und daß die Siegpunkte für mehrere
Scheiben in der gleicher Farbe sogar kräftig in die Höhe schießen, mag für die
Kaufentscheidung von Bedeutung sein, als eigenständige geniale Schöpfung des Spieleautors
kann man es aber beileibe nicht ansehen.
Dagegen beschreitet “Der Turmbau” bei den Regeln für das Eintauschen von
Baukarten gegen die Bauscheibe wirklich eigene Wege mit einer bemerkenswerten Lösung: Der
aktive Spieler (Reihenfolge wechselt reihum) muß nämlich öffentlich erklären, welche
Bauscheibe er zu erwerben gedenkt. Jetzt dürfen ihm alle Mitspieler beim Zusammenbringen
der nötigen Baukarten nach bestem Kräften unterstützen: Jeder legt freiwillig eine Anzahl
von Karten hin, die er bereit ist, für den Erwerb beizusteuern. Wird das Angebot
angenommen, darf der gebende Spieler anstatt des aktiven Spielers für jede Karte ein
eigenes Häuschen auf das Grundstück bauen. Die Bauscheibe bekommt aber in jedem Fall der
aktive Spieler.

Lohnt es sich für die Mitspieler, solche Angebote zu machen? Nein, zunächst mal ganz
klar nein! Mit den gleichen Karten können sie ja als aktive Spieler ebenso viele Häuschen
auf die Grundstücke plazieren und zudem noch die Bauscheibe kassieren. Nur wenn ein
Spieler über eine unbegrenzte Fülle von Baukarten verfügen würde (ist sicher nicht der
Fall), oder wenn er durch wenige zusätzliche Häuschen die Mehrheitsverhältnisse auf einem
Grundstück kippen könnte (kann schon mal vorkommen), lohnt es sich, hier beteiligt zu
sein.
Trotzdem ist dieses Unterstützungsprinzip eine sehr schöne und ausgereifte Idee: Man
kann sein Angebot nämlich “vergiften”! Man kann zu seiner normalen Baukarten
noch eine sogenannte “Tauschkarte” hinzufügen, die bewirkt, daß der aktive
Spieler zwar das Baurecht für jede hingelegte Baukarte behält, dafür aber die Bauscheibe
abgeben muß; die erhält dann der edle Spender. Es kann z.B. vorkommen, daß ein Mitspieler
für ein einzige windige Baukarte die ganze Bauscheibe erhält. Als Alternative bleibt dem
aktiven Spieler, wenn er nicht genügend eigene Karten besitzt, nämlich sonst nur übrig,
auf den Erwerb der Scheibe ganz zu verzichten und gar nichts zu tun.
Es gibt noch eine weitere Regel zu dieser Unterstützungsaktion, die das ganze Prinzip
pfiffig abrundet: Wer als Helfer abgelehnt wird, bekommt dafür als Trostpreis für jede
abgebotene Baukarte einen Siegpunkt! Das führt jeden Spieler in den Rechenkonflikt,
wieviel er maximal bieten darf, um doch noch abgelehnt zu werden.
Hier eine Zusammenfassung der komplexen Tüftelei bei diesen Angebotsaktionen:
- Der aktive Spieler möchte möglichst alle Angebote ablehnen und nur eigene Karten
einsetzen; dann behält er Baurecht und Bauscheibe für sich zu allein. Beim Ablehnen muß
er für alles, was die Mitspieler geboten haben, quasi kostenlose Siegpunkte verteilen. - Der aktive Spieler ist durchaus auch daran interessiert, bestimmte Angebote
anzunehmen, insbesondere dann, wenn er bei den Häuser-Mehrheiten ohnehin nicht mehr in
Betracht kommt. Am liebsten würde er dann keine einzige eigene Baukarte opfern und sich
mit der Bauscheibe begnügen, die er quasi geschenkt erhält. Hier kann er mit besonders
reichen Opfergaben seiner Mitspieler rechnen, wenn die aktuellen Mehrheitsverhältnisse
gerade am Kippen sind. - Die Mitspieler möchten bei ihren hohen Angeboten möglichst abgelehnt werden, weil sie
dann entsprechend hohe Trostpreise kassieren, ohne dafür eine einzige Baukarte geopfert
zu haben. - Die Mitspieler werden beim Kampf um Grundstücks-Mehrheiten und besonders beim Erwerb
von Bauscheiben mit hohem individuellen Wert auch mal ganz gezielt hinklotzen und echt
lukrative Angebote machen.
In diesem Spannungsverhältnis aus nützlichen und nutzlosen, aus angenommenen und
abgelehnten, aus passenden und unpassenden Angeboten bewegt sich der Spielreiz beim
“Turmbau”. Dem aktiven Spieler wird so manches Seufzen entlockt, wenn er die
schönen Angebote vor sich liegen sieht und entweder keines annehmen kann oder keines
annehmen will. Und alle Mitspieler vernehmen dieses Seufzen mit befriedigender
Schadenfreude. Gut gelungen.
Als Ausklang will ich nach diesem Lob aber auch noch einen Kritikpunkt anführen: Die
Aktionskarten, die der Wertungsauslöser nach der Wertung eines Grundstückes erhält,
entsprechen keineswegs unserem WPG-Prinzip nach Gleichwertigkeit. Es ist zwar eine
richtige Idee, die Wertung von Grundstücken zu fördern und dafür Prämien zu vergeben. Es
ist auch gut, daß manche Prämien wertvoller sind, je länger das Spiel noch dauert. Da die
Aktionskarten aber vom Zufall verteilt werden, sollten sie in ihrer Wertigkeit doch enger
zusammenliegen: Die “Bauscheibe” kann leicht 10 Punkte wert sein, die
“Siegpunkte” sind genau 5 Punkte wert und der “Kartentausch” ggf. gar
nichts. Das halte ich ein bißchen für geschludert. Es sei denn, es war eine gewollte
Opfergabe für die Chaos-Freunde unter den Spielern. Ich selber würde auf diese Beigabe am
liebsten verzichten.