Intrige
rezensiert von Walter Sorger
“Intrige” ist nach dem deutschen Wörterbuch eine “heimliche,
hinterlistige Machenschaft, durch die man sein Ziel zu erreichen sucht”. Nach diesem
Wortsinn hat das Spiel “Intrige” geradezu sein Thema verfehlt. Hier ist nichts
heimlich, sondern alles öffentlich; hier gibt es keine Hinterlisten sondern nur
vordergründige Versprechungen und Drohungen; es gibt auch keine
“Machenschaften” im Sinne von handeln und tun, hier geht es eher um aussitzen
und abkassieren.
“Postenschacher” ist eine treffendere Charakterisierung des Spiels. Zu
“Schacher” schreibt das DWDS: “Handel, bei dem sehr gefeilscht wird,
unsauberer Handel, mit dem man großen Gewinn erzielen will.” Genau das ist
“Intrige”.
Jeder Spieler hat jeweils 5 verschiedene Ämter an seine Mitspieler zu vergeben. Die
Ämter sind mit unterschiedlichen Einnahmen dotiert, sie bringen 10-, 20-, 30-, 50- oder
gar 100-Tausend Dukaten pro Runde ein. Man bewirbt sich um einen Posten, indem man einen
Pöppel in den Vorgarten des Mitspielers legt und ihm dazu eine beliebige Summe
Bestechungsgeld rüberschiebt. Ob der Mitspieler die Höhe des Bestechungsbetrages
honoriert und den fremden Pöppel zum Spitzenverdiener macht, oder ob er das Geld
einstreicht und den Pöppel lediglich in die Hofkolonne steckt, das liegt im freien
Ermessen des Mitspielers.
Hat ein Pöppel einen mehr oder weniger lukrativen Posten bekommen, ist der ihm noch
längst nicht sicher. Ein anderer Mitspieler kann einen eigenen, gleichartigen Pöppel in
den Vorgarten legen und damit den Posten streitig machen: einer der beiden Pöppel muss
weichen und scheidet aus. Die Lösung des Konfliktes wird ebenfalls über Bestechungsgelder
eingeleitet: die beteiligten Spieler überreichen dem Hofeigentümer wieder eine beliebige
Geldsumme und hoffen, damit ihn damit für sich gewogen zu stimmen. Doch wie schon bei der
Erstbesetzung der Posten braucht sich diese nicht um die Höhe der Bestechung zu scheren,
sondern er kann willkürlich einen Spieler auf den Posten setzen bzw. dort belassen und
den anderen in den Orkus schicken.
Natürlich sollte man dem Mitspieler die Postenvergabe nicht zu einfach machen.
Stillschweigend das Geld zu übergeben, auf angemessene Gegenleistung zu warten und
hinterher zu jammern, wenn man schlecht weggekommen ist, mag zwar bieder-brave Gemütsart
sein, für “Intrige” taugt das überhaupt nicht. Die Spielregel selbst beschreibt
das begleitende Szenario – leider erst auf der letzten Seite – unter Tips:
“Bittet, droht, nervt, hetzt, fleht, verlangt, erwartet, argumentiert,
opportuniert, wo Ihr nur könnt – Hauptsache, es wirkt in Euerem Sinne.” Mit
diesem Satz ist der konzipierte Spielablauf von “Intrige” umfassend
beschrieben. Für wen diese Tätigkeiten mentaler Alltag ist, der wird sich hier zu Hause
fühlen. Wer von dieser Krämer-Mentalität abgestoßen wird, – und ich muß gestehen, daß ich
zu dieser Spielerkategorie gehöre – der kann dem Spiel nicht viel abgewinnen.
Für uns WPG-ler möchte ich hierbei nur mal kurz an den Entwurf eines WPG-Kodex
erinnern: “Außer Alle erlauben es ausdrücklich vor einem Spiel, sollten keine
Kommentare zur Platzierung der Mitspieler und der eigenen Platzierung während des Spiels
fallen. Die Kommunikation beim Spiel sollte sich allein auf Regelfragen und neutrale
Spielkommentare beschränken.” Selbstverständlich gehört “Intrige” zu
den Spielen, bei denen hiervon eine Ausnahme gemacht werden muß.
Wenn das Spiel erst mal eingeschwungen ist, wenn die Spieler sich gegenseitig die
guten und schlechten Posten zugeschustert haben und darüber Allianzen eingegangen sind, –
jeder steht ja vor dem gleichen Problem, seine Pöppel gut unterzubringen – , dann sind
die Abläufe berechenbarer geworden. Dann weiß man, bei welchen Mitspielern man noch
landen kann und wo man nur Perlen vor die Säue wirft.
In dieser Phase ist der ganze Spielablauf aber auch schon ziemlich festgefahren. Die
gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse lassen kaum einen Ausbruchsversuch zu. Ein
beneideter Krösus muß zwar immer damit rechnen, schlagartig von allen guten Geistern
verlassen zu werden, doch setzt dies eine überzeugende Absprache unter den Gegnern
voraus, und die kann nur ein fähiger Demagogen in Gang setzen. Schließlich darf er ja
nicht zeigen, daß es ihm im Grunde nur um die eigenen Interessen geht.
Ein bemerkenswerter Aspekt von “Intrige” ist die psychologische Analyse der
Mitspieler. Natürlich erst hinterher, wenn das Spiel gelaufen ist und man sich die
Ergebnisse noch mal durch den Kopf gehen läßt.
1) In unserer Runde fing ich als Senior an und engagierte mich bei meinen linken
Nachbarn Loredana und Peter. (Es war ein kleiner strategischer Fehler, denn auch wenn das
Herz links schlägt, sollte man sich rechts orientieren, weil da die Zeitspanne zwischen
Investition und Rendite am kürzesten ist!)
Als Loredana mein Bestechungsgeld kassieren durfte, schob ich ihr 40.000 Dukaten hin.
Immerhin das vierfache der kleinstmöglichen Summe. Was sagt das über mich?
- Ich bin vorsichtig, kein Hasardeur und will den Stier nicht gleich bei den Hörnern
packen. - Ich lasse gezielt Versuchsballons los, um den Untergrund auszuloten und bin dabei auf
alle möglichen Ergebnisse gefaßt. - Leider bin ich auch kein diplomatisches Talent, denn ich gab die Summe hin, ohne mit
deutlichen Worten meine Erwartungen zu unterstreichen.
2) Loredana stellte meinen Pöppel auf den schlechtesten Platz. Was sagt das über
sie?
- Loredana ist eine sparsame Hauswirtschaftlerin: wenn’s um das Materielle geht,
wird kein Pfennig unnötig zum Fenster heraus geworfen. - Sie kannte das Spiel noch nicht, sonst hätte sie den niedrigsten Platz als Droh-Platz
für die nächsten Bestechungsrunden offen gelassen. - Sie kennt mich noch nicht, denn nach so einer ungerechten Behandlung kann sie an
diesem Abend keinen Blumentopf mehr bei mir gewinnen. - Loredana ist wagemutig und hat keine Ängste, sich Feinde zu machen.
3) Als Peter am Zug war, bot er mir sofort einen guten Deal an: Er würde mich für die
geringste Geldsumme auf seinen höchst-dotierten Posten stellen, wenn ich umgekehrt seinen
Pöppel genauso auch bei mir positionieren würde. Ein sehr gutes bilaterales Angebot, das
ich sofort annahm. Was sagt das über Peter:
- Peter weiß, wovon dieses Spiel (und alle ähnlichen Diplomacy-Spiele) lebt: nicht vom
vorsichtigen Herumlavieren, sondern von klaren Zielvorstellungen und entschiedenem
Handeln. - Er ist ein psychologisches Genie und kennt seine Pappenheimer: er wußte, daß ich
durch Loredanas Enttäuschung angeschlagen war und dann um so fester zu meinen
anderweitigen Verpflichtungen stehe. - Peter ist ein guter Rechner: Selbst wenn ich ihm seinen Deal vermasseln würde, hätte
er nur den geringst möglichen Betrag verloren. - Er ist ein gewiefter Diplomat: Bei obigen Deal war es ja noch einfach, aber auch
sonst waren alle seine Angebote von solch überzeugenden Plädoyers begleitet, daß sich
keiner seiner Argumentation entziehen konnte.
4) Aaron schaffte umgehend einen entsprechenden Deal mit Loredana herbei. Später
verbandelte er sich auf dem zweitbesten Posten auch noch mit Peter und mit mir. Nur von
Roland sackte er gruß- und gnadenlos die Bestechungsgelder ein. Was sagt das über
ihn:
- Aaron ist ein großer, ausgleichender Absahner.
- Er setzt gerne aus dem Windschatten heraus zum großen Wurf an.
- Selbst wenn er einen über das Ohr gehauen hat, wirkt seine seriöse Art immer noch
vertrauensbildend.
5) Roland war das fünfte Rad am Wagen: Die Partnerschaften waren gelaufen. Er
investierte unverdrossen hohe und höchste Summen in alle Richtungen, fand aber kein
liebendes Haus, das sich ihm öffnete. Auch eine leibhaftige Aphrodite hätte jetzt nur
schwer Überläufer animieren können. Was sagt das über Roland:
- Roland ist ein geduldiger, verzeihender Optimist: trotz aller Abfuhren und
Genickschläge versuchte er immer wieder mit neuem Mute bei Aaron zu landen. - Er ist genügsam und ein finanzielles Genie: auch ohne Einnahmen konnte er bis zu
letzten Runde seine Bestechungsgelder zahlen. - Er kennt unsere Runde noch nicht so gut: sonst hätte er sein ganzes Geld bei mir
untergebracht.
Hallo Peter, ich würde ja allzu gerne noch mal sehen, wie du in dieser undankbaren
fünften Position das Ruder zu deinen Gunsten herumgerissen hättest. Ich weiß selber
nicht, wie es gehen sollte, aber dir traue ich zu, daß zu es gekonnt hättest. In meiner
heutigen Stimmung das einzige Motiv, noch mal “Intrige” auf den Tisch zu
bringen.