Verflixxt!

Verflixxt!

rezensiert von Walter Sorger

“Nur ein simples Würfelspiel” muss ein Profispieler denken, wenn er die
Schachtel geöffnet hat und sich erstmals über die Spielanleitung hermacht. Wenn er sich
dann noch vergegenwärtigt, dass dieses Spiel gerade auf der Auswahlliste zum “Spiel
des Jahres 2005” gelandet ist, wird er mit etwas Wehmut an all die vielen genialen
Spiele denken, die auf Grund ihrer Komplexität sich wohl niemals diesen werbeträchtigen
Orden an die Brust anheften dürfen. “Spiel des Jahres” will die allgemeine
Spielfreude fördern, und hierbei ist an Großmutter, Mutter und Kind wohl eher gedacht als
an Einstein und Hawking.

Jeder Spieler hat 3 Pöppel, die er – ähnlich wie bei
“Mensch-ärgere-Dich-nicht” – von einem Startfeld bis ins Zielfeld würfeln muss.
Alle Spieler starten auf dem gleichen Feld. Auf jedem Feld dürfen beliebig viele Spieler
stehen. Hinauswerfen gibt es nicht und die Frustration beim Ein- und Auswürfeln gibt es
auch nicht: Jede Figur kann jederzeit sofort losziehen und beim Auswürfeln am Ende werden
überzählige Augen ignoriert.

Worin liegt das Besondere?

Die Spielfelder, der Parcours, bestehen aus lauter einzelnen Plättchen. Jedes
Plättchen besitzt einen positiven oder negativen Wert. Wer mit seinem Pöppel ein
Spielfeld verlässt, auf dem er als einzelner gestanden hat, darf / muss das
Spielfeld-Plättchen an sich nehmen. Entsprechend seinem Wert kassiert er Plus- oder
Minuspunkte. Wer am Ende die höchste Punktzahl erreicht hat, ist Sieger.

Jeder ist also bestrebt sein, möglichst hohe Spielfelder mit hohem positiven Wert zu
erwürfeln: Erst das Feld betreten und dann als Einzelfigur wieder davon wegziehen. Das
kommt oft genug vor und macht einen Teil der Spielfreude bei “Verflixxt”
aus.

board

Die Konkurrenten haben natürlich das gleiche Ziel. Deren erfolgreiche Beutezüge sieht
man dann allerdings nicht mehr mit so ungetrübter Freude. Dagegen gibt es aber ein
bewährtes Mittel: Wenn man schon selbst kein lukratives Feld abkassieren kann, dann kann
man sich wenigstens zu einem einzeln stehenden Pöppel eines Gegenspielern gesellen und
ihm damit die fette Beute aus dem Rachen holen. Wenn das gelingt, ist die berechtigte
Schadenfreude – o Gott, erhalte uns diesen ergötzlichen Charakterzug! – doppelt groß.

Schaden und Freude sind in dieser Aufrechung aber kein Nullsummen-Spiel, die
Gesamtbilanz ist deutlich positiv: Eine eigene Freude und Genugtuung über solche guten
Züge ist ein unbestreitbarer Aktiv-Posten; dagegen ist der Gegenspieler nicht direkt
geschädigt: er kann ja hoffen, das größere Sitzfleisch zu besitzen und irgendwann das
fragliche Feld doch noch als Letzter zu verlassen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Zur Art der Plättchen noch eine Ergänzung: Es gibt nicht nur Plättchen mit positiven
oder negativen Werten, es gibt auch so genannte “Glückstafeln”: Wer ein solches
Feld abkassiert hat, darf damit – in der Endabrechung – ein beliebiges Minus-Plättchen in
ein Plus-Plättchen verwandeln. Da kommt natürlich noch mal Freude auf. Dieses
Spielelement bewirkt, dass man die ganz großen Minuswerte nicht mit allen Mitteln
vermeiden muss. Ein paar der hässlichen Entlein darf man sich getrost einverleiben in der
Hoffnung, dass sie sich dereinst einmal als stolze Schwäne entpuppen werden.

“Verflixxt!” besitzt noch ein weiteres Element, dass dieses Spiel
schließlich in der Summe weit über die Gattung “simples Würfelspiel”
hinaushebt: Es gibt neutrale Steine, so genannte “Wächter”, die jeder Spieler
anstelle seiner eigenen Pöppel ziehen kann. Zumindest solange noch irgendeine Spielfigur
auf dem gleichen Spielfeld wie der Wächter steht. Damit steigt der Freiheitsgrad für das
Ziehen gleich um etwa das Doppelte an. Im Grunde kann jeder Spieler bei jedem Wurf aus
etwa 6 möglichen Zügen den jeweils besten für sich heraussuchen. Welches andere simple
Würfelspiel bietet das schon?

Ich empfehle auch, mit “Variante 2” zu spielen: Da darf der Spieler, der
eine Eins gewürfelt hat, entweder vorwärts oder rückwärts oder gar nicht ziehen.
Auch damit steigt die Anzahl der durchschnittlichen Zugmöglichkeiten an. Außerdem wird
damit dem letzten Spieler ein mögliches “Spießrutenlaufen” erspart: Mit lauter
Einsen am Ende würde er alle Minus-Felder zwischen seinem letzten Pöppel und dem Ziel
einkassieren müssen. (Dieser böse Nebeneffekt wird auch mit der in den Regeln
beschriebenen “Variante 5” vermieden.)

Jetzt noch etwas zur Taktik. Trivial sind solche Empfehlungen wie, “auf Plättchen
mit möglichst hohen Positiv-Werten” zu ziehen und möglichst “sofort wieder
davon wegziehen”. Trivial ist es auch, so zu ziehen, dass einem Konkurrenten eine
fette Beute vermasselt wird. Das sind “Matt-in-einem-Zug”-Empfehlungen, die
keiner braucht, der sich schon der Mühe unterzieht, Spielkritiken zu lesen. Viel
entscheidender für erfolgreiches Spiel ist die Frage, in welcher Reihenfolge und mit
welchem inneren Zusammenhang man seine Pöppel vorwärts ziehen sollte: Alle im Pulk oder
jeweils gut verteilt auf dem gesamten Brett? Vorreiter vor allen anderen oder lieber im
zweiten Glied?

group

Ich habe hierzu keine fertige Antwort, möchte aber auf “Backgammon”
verweisen: In diesem Spiel reagiert für Anfänger das reine Würfelglück; für Geübte steckt
dahinter eine hochwissenschaftliche Strategie. Für ein langfristig geplantes gutes Spiel
kommt es darauf an, so zu ziehen, dass man bei der nach dem Zug entstandenen
Spiel-Situation für möglichst viele verschiedene nachfolgende Würfelergebnisse
gute Zugmöglichkeiten hat. Nicht alles auf eine Karte setzen, sich nicht von einem
Superwurf abhängig machen, Erweiterung des Handlungsspielraumes, Optimierung der
Optionen, das sind die Devisen.

Es gibt zig Bücher zu gutem Backgammon. Alle sind berechtigt, so sehr ein Laie auch
über das Thema staunen mag. Vielleicht wird es auch mal zu “Verflixxt!” eine
entsprechende Literatur geben. Nützlich und sinnvoll hielte ich das in jedem Fall. Meine
eigene analytische Kapazität und meine erzählerische Lust sind hier aber auf jeden Fall
überstrapaziert. Wer mag sich hier als Helfer der Menschheit unsterbliche Verdienste
erwerben?

Langer Rede kurzer Sinn: Bei “Verflixxt!” kommt zu der gelungenen Mischung
von Freude und Schadenfreude noch eine gute Kombination von Taktik versus Glück hinzu. In
jedem Fall genügend Substanz für ein “Spiel des Jahres”. Vielleicht haben die
SdJ-Juroren doch das bessere Augenmaß für die große Welt der Spiele!

PS: Nachtrag zu einem WPG-ismus:

In seinem Rick-Heli-Interview (http://spotlightongames.com/interview/heli1.html)
schreibt Moritz über einige WPG-Eigenheiten: “I like it” can
result in hysterical laughter, because there is a whole back story to a certain
Backgammon game.”

Für die Interessenten möchte ich hierzu den Hintergrund liefern:

Tasso, mein griechischer Freund, wollte einen Amerikaner (Nationalität tut nichts zur
Sache) in die Geheimnisse von Backgammon einführen, insbesondere in Strategie und Taktik,
die jedem Würfelglück überlegen sind. Wie der Zufall es wollte, der Ami hatte ein
Sauglück und würfelte meinen guten Tasso in Grund und Boden. Und bei jedem guten Wurf
musste sich der fassungslose Tasso auch noch den Freudenruf anhören “I like
it!

Für uns werden mit diesem Aufruf heute Situationen ausgedrückt, wo ein als planbar
hingestelltes Spiel sich als absolutes chaotisches Glücksspiel herausstellt. Besonders
dann, wenn eine Pechsträhne gerade besonders grausam zugeschlagen hat. Was das ganze mit
“Verflixxt!” zu tun hat, mag jeder Leser sich selber zusammenreimen.