Ich liebe strategische Spiele. Das muß vorweggeschickt werden. Ich liebe aber auch
generell Spielen als Freizeitzeitkultur und ich genieße unseren Spielkreis
“Westpark-Gamers”. Hier haben sich meine Spielambitionen schon erheblich
gewandelt. Fantacy und Adventure-Games sind für mich heute nicht mehr der saure Apfel, in
den ich halt auch mal beißen muß. Moritz hat für eine behutsame Umstellung der Ernährung
gesorgt. Heute finde ich diese Kost manchmal sogar spannend und unterhaltend. Aber nicht
immer.
Nehmen wir “Caste of Magic”. Nach Moritz “funktioniert diese Mischung aus ‘Cluedo‘ und
‘Talisman‘ sehr gut”. Der Spiele-Kritiker Ray Mulford schreibt,
“it is a really fun game. I’m glad to have it in my collection.” Ich teile
diese Euphorien nicht. Ganz im Gegenteil. Ich fühle mich verarscht.
Ich mag keine Spiele, bei denen es einzig und allein darauf ankommt, durch
hundertfaches Ausprobieren dahinter zu kommen, welche eine Irrgarten-Szenerie sich ein
Autorengehirn ausgedacht hat. Das bezog sich jetzt auf Indianer Jones. Ich mag keine
Spiele, bei denen allein Fortuna’s Liebling gewinnt. Das gilt jetzt für Lotto und
Roulette. Ich mag auch nicht unbedingt Spiele, bei denen sich zwei Intelligenzbestien mit
gefletschten Zähnen gegenübersitzen, bis einer bei der kleinsten Unaufmerksamkeit den
anderen auffrißt. Schachspieler, verzeiht mir! Ich mag Spiele, die eine Spielrunde mit
einer gehörigen Portion Interaction miteinander und gegeneinander spielt, bei denen
Geschick, Psychologie, Kooperation und Konfrontation meine Gewinnchancen heben, und bei
denen ich zu jeder Zeit meiner Maxime nachgehen kann, “to have a plan”.
Zurück zu “Caste of Magic”. Wenn das Spiel aufgebaut ist und ich meine
Spieleridentität zugeteilt bekommen habe, dann fängt erst einmal die große
Ritual-Rechnerei an. Heute bin ich Seballa und würde 10000 Punkte verlieren (tödlich),
wenn Marus verflucht wird, dagegen gewinne ich 2000 Punkte, wenn Sorrell verflucht wird.
Bilanzieren wir also die möglichen Rituale-Ergebnisse:
Ritual-Ergebnis 1 “Fluch generell aufgehoben”, ganz klar, das ist gut, weil
es einen Verlust von 8000 Punkten verhindert. Ritual-Ergebnis 2 “Der Besitzer der
Krone muß eine Stadt seiner Wahl verfluchen”. Was bedeutet das für mich? Wer am Ende
die Krone besitzt, könnte mir durch seine willkürliche Entscheidung, Marus oder eine
andere Stadt zu verfluchen, 10000 Punkte kosten oder 2000 Punkte einbringen. Wie kann ich
seine Entscheidung voraussehen? Zunächst einmal gar nicht! Am besten ist es wohl, ich
bemühe mich selber darum, die Krone in meinen Besitz zu bringen. Es gibt aber insgesamt
nur 3 Objekte, um die sich 6 Mitspieler bewerben. Nur jeder zweite wird am Ende überhaupt
ein Objekt besitzen. Ob für mich dabei die Krone herausspringt? Da muß ich schon kämpfen.
Kämpfen heißt in diesem Spiel aber ausschließlich: Eine ganze Serie von guten
Würfel-Würfen hinzulegen. Hoffentlich hat ein anderer Mitspieler nicht genauso viel
Interessen an der Krone. Und dabei mehr Glück beim Würfeln.
Gott-sei-Dank gibt es noch andere Techniken, das Kronenproblem zu lösen. Falls im
Laufe des Spieles erkennbar wird, daß Fortuna die Krone für einen anderen vorgesehen hat,
dann könnte ich versuchen, das Ritual-Ergebnis 2 zu verhindern. Immerhin ist die
A-priori-Chance dafür 87,5 %, sollte also fast von alleine gehen. Zur Sicherheit muß ich
nur noch herausfinden, unter welcher Kombination von Bell-Book-Candle das Ritual-Ergebnis
2 verborgen ist. Doch dazu später.
Ja selbst wenn ich die Position von Ritual-Ergebnis 2 “deduktiv” (d.h. durch
systematisches Gutes-Würfeln und durch zufälliges Aufdecken des richtigen Plättchens)
erfahren habe und dieses Ergebnis als Endstand nicht verhindern kann, so könnte ich durch
konsequentes Einsetzen von Secret-Abfragen noch versuchen herauszufinden, ob der Besitzer
der Krone mein geliebtes Marus überhaupt verfluchen will, oder nicht doch lieber eine
andere Stadt. Mit Glück und Zufall erfahre ich das vielleicht. Vielleicht auch nicht. Am
Endergebnis und dessen Tragweite ändert das natürlich nichts. Ich wüßte lediglich bereits
ein paar Runden vor Schluß, ob ich verlieren werde oder irgendwo im Mittelfeld landen
werde. Auch dafür lohnt es sich zu kämpfen, d.h. gut zu würfeln, gell Moritz?
Ach wir sind ja erst bei Ritual-Ergebnis 2. Bei Ergebnis 3 bzw. 4 stehe ich vor dem
gleichen Dilemma, nur geht es hier um Amulett und Szepter anstelle der Krone. Gleiche
Überlegungen, gleiche Wahrscheinlichkeiten. Ganz schön kybernetisch.
Das Ritual-Ergebnis 5 ist jetzt kontraproduktiv zum Besitzen von Objekten. Hier stirbt
der Besitzer der Krone und sein Land wird verflucht. Es geht für mich also gar nicht
allein darum, die Krone zu erwerben; ich muß auch noch dafür sorgen, daß am Ende nicht
das Ritual-Ergebnis 5 erzielt wird. Sterben kann ich mir nicht leisten, daß ist genauso
tödlich wie der Fluch über Marus. Sollte ich besser den Besitz der Krone erst gar nicht
anstreben?
Für die möglichen Besitzer von Amulett und Szepter tritt die gleiche Katastrophe bei
den Ritual-Ergebnissen 6 und 7 ein. Es heißt also für alle Spieler höllisch aufpassen,
welches Objekt man erwirbt (freiwillig) oder loswird (unfreiwillig), welche Interessen
die Spieler mit Objekten verfolgen oder nicht und welches Ritual-Ergebnis am Ende erzielt
werden kann. Nur bei Ritual-Ergebnis 8 “Fluch generell beibehalten” sehe ich
wieder Land: das kostet mich (Seballa) 8000 Punkte. Muß unbedingt vermieden werden, denn
damit hätte ich die Medaillenränge verpaßt.
Was bedeutet das für meinen aktuellen Spielplan? Ritual-Ergebnis 1 ist besser als
Ritual-Ergebnis 8, die übrigen 6 Resultate sind nicht kalkulierbar. Sie können gut sein
oder schlecht sein, je nachdem welcher Spieler welches Objekt erworben hat und für welche
Verfluchung sich der Ergebnis-Objekt-Träger entscheiden mag. Nichts genaues weiß man
nicht.
Doch bis hierher ist das ganze nur ein Bruchteil meiner Seballa-Bilanz, das war nur
die Spalte mit den beiden Zahlen für die Fluch-Auswirkung. Auf meiner Seballa-Karte
stehen noch weitere 11 Zahlen mit Soll- und Haben-Punkten für verschiedene mögliche
End-Fakten. Es läuft auf eine abzählbare Addition von endlichen Zahlen mit unbekanntem
Vorzeichen und unbekannter Wahrscheinlichkeit hinaus. Ich kann sie alle nicht unter einen
Hut bringen.
Hier konstatiere ich hier die Verarschung Nummer 1:
“Identitäten-Bilanzierung”: In einem hundertprozentig zufallsgesteuerten
Spiel investieren die Spieler gleich zu Beginn eine Menge Zeit und Rechenleistung, um die
Effekte von unbekannten Besitzverhältnissen und nicht bewertbaren Ritual-Ergebnissen zu
bilanzieren. Die Menge der benötigten arithmetischen und stochastischen Fähigkeiten steht
in keinem Verhältnis zu dem simplem Würfel, mit dem man sich anschließend auf dem
Spielbrett bewegt und der als einziges Kriterium den Spielablauf steuert.
Ich kann natürlich versuchen, klüger zu werden. Ich kann durch systematischen Einsatz
des Spielmittels “Secret” versuchen, die Identitäten, Eigenschaften und
Vorlieben meiner Mitspieler aufzudecken. Lieber Gott, gibt mir eine Fünf, damit ich auf
das Spielfeld Secret komme und irgendeines von Peters Geheimnisse abfragen kann.
Gott muß mir keine Fünf schenken. Jedes andere Würfelergebnis hat natürlich auch seine
Bedeutung. In diesem Spiel darf man grundsätzlich nichts erbetteln. Demütig hinnehmen,
was uns geschenkt wird. Wie im richtigen Leben. Irgendein Würfelergebnis wird uns immer
geschenkt und jeder Wurf ist zu irgendetwas gut. Der Mensch denkt.
Ich habe die Fünf bekommen, und darf von Peter ein Geheimnis lüften. Ich mische den
Kartenstoß mit den Geheimnissen und überreiche es Peter. Er gibt mir die erste auf ihn
zutreffende Karten zurück. Ich erfahre, daß Peter kein Interesse hat, Sorrell zu
verfluchen. Was weiß ich jetzt von ihm? Nichts darüber, ob er mein geliebtes Marus
zerstören will und mir damit einen Platz auf dem Siegertreppchen verwehrt. Nichts
darüber, ob er ein Serf ist, dessen Städte-Besitz mir Pluspunkte einbringt. Nicht ob und
auf welche Stadt er ein Auge geworfen hat, nicht ob er sterben oder überleben will. Nur
ob er gut ist oder schlecht, das weiß ich. Aber das wußte ich bereits vor dem Spiel.
Es ist ja noch schlimmer. Falls ich wieder mal einen Super-Wurf habe und nochmals die
Gelegenheit habe, von Peter ein Geheimnis abzuringen. Dann darf ich wieder die
Geheimniskarten mischen und Peter muß mir wieder ein Geheimnis offenbaren. Wenn’s der
Zufall will, dann zieht Peter wieder die gleiche Geheimniskarte und ich erfahre zum
zweiten Male, daß er Sorrell nicht verfluchen will. So geheimnisvoll ist Peter
schließlich doch nicht.
Verarschung Nummer 2: “Secrets” Es kann doch nicht sein, daß ich nach
einer Reihe von mühevollen Zufallswürfen endlich auf einem Secret-Feld lande, wo ich von
einem meiner 5 Mitspieler ein hochbrisantes Geheimnis erfahren darf, und er mir dann
zufallsgesteuert eine Information rüberschiebt, die mich bestenfalls nicht dümmer macht,
als ich ohnehin schon bin. Much ado about nothing.
Eine absolut notwendige Verbesserung wäre hier in meinen Augen, daß ich bei Secrets
eine beliebige Geheimniskarte heraussuchen kann und damit einen Mitspieler fragen darf,
ob die darauf beschriebene Eigenschaft auf ihn zutrifft oder nicht.
Das Spiel hat auch ein paar logisch konstruierte und durchschaubare Mechanismen. Wenn
ich per Zufallswurf auf einem Feld lande, wo schon jemand ist, dann kann ich versuchen,
von ihm einen beliebigen Objektpunkt abzuknöpfen. Ich muß nur im anschließenden
Kampf-Würfeln besser würfeln als er. Die A-priori-Wahrscheinlichkeit dafür ist 42 %.
Immerhin bekomme ich nichts abgezogen, wenn ich schlechter würfele als mein Gegenüber.
Meine Sieg-Chancen kann ich sogar noch erhöhen, wenn ich im Laufe des Spieles gezielt
beim Objekt der Begierde meinen Spell-Level angehoben habe. An diesem Konstrukt kann ich
nichts aussetzen.
Leider hat hier Hans zu meiner Verarschung (außer Konkurrenz) beigetragen. Er war
– wie der Zufall es wollte – das erste Opfer meines ersten Raubzuges. Er
jammerte ganz furchtbar und lamentierte, wie unüberlegt es doch von mir wäre, gerade ihm,
meinen durch die Spielblutsverwandtschaft (human – Lord) doch potentiell engsten
Verbündeten, einen Krone-Punkt abzuknöpfen. Mir brach es schon fast das Herz. Am Ende
stellt es sich heraus, daß er von seiner Spieleridentität her doch gar kein Interesse an
irgendwelchen Objekten besaß, und daß nicht einmal die menschliche Verwandtschaft uns
verbunden hatte: Er hätte davon profitiert, daß wir alle sterben. “But Hans is an
honourable man.” Dafür gebe ich meinem Kopf. Ich habe mich nach dem Spiel noch
einmal explizit von seiner Redlichkeit überzeugt.
Ganz so redlich ist Peter nicht. Das Spiel erlaubt jedem Spieler, einmal zu einem
beliebigen Zeitpunkt, einen anderen Mitspieler ins Chambre Séparé zu bitten, um mit ihm
beliebige bis dahin gesammelte Informationen auszutauschen. Über Ritual-Positionen, über
Identitäten und Geheimnisse, über Gewinnpunkte und gemeinsame Zielstrategien. Jeder darf
es nur genau einmal.
Das ist im ganzen Spiel ein Abwägen und Lavieren um die Informationen, die man sich
selber erwirbt und die man gegebenenfalls von einem anderen Spieler zu erfahren gedenkt.
Es gilt den Spieler herauszufinden, dessen Wissen die (bekannte) geringste Redundanz mit
meinem Wissen aufweist, und der in seinen Spielzielen die (vermutlich) größte Kongruenz
mit meinen aufweist, so daß wir Absprachen über Zugprioritäten treffen können. Je früher
ich diesen Informationsaustausch nutze, desto weniger Informationen sind es, die
ausgetauscht werden können; desto effizienter sind aber mögliche Strategie-Absprachen.
Und umgekehrt. Richtig ausgewogen.
Erst arbeitet jeder konsequent und konzentriert auf den Punkt hin, wo er seine
einmaligen Gelegenheit des Gedankenaustausches mit einen Spieler seiner Wahl in die
Wirklichkeit umsetzen will, dann kann nach der Spielregel folgendes passieren:
- Der auserwählte Mitspieler will nicht und schlägt die Verabredung einfach aus.
Spielzug weg – Information nicht da. Da hätte ich mir wohl einen anderen Mitspieler
aussuchen müssen! - Der auserwählte Mitspieler verrät mir nur die Hälfte dessen, was mich so brennend
interessiert. Vielleicht sogar erst, nachdem ich meinerseits mein gesamtes eigenes Wissen
offenbart habe. Das war dann zwar undiplomatisch von mir, mindert aber nicht den
Verlust. - Der auserwählte Mitspieler belügt mich nach Strich und Faden. Niemand kann vom
anderen verlangen, daß er den Wahrheitsbeweis für seine Information mitliefert. Es ist
alles Vertrauenssache. Bei unserem Spiel hat hier Peter den Moritz betrogen. Dumm
gelaufen. Über Peter’s Redlichkeit läßt sich halt nicht streiten. - Der auserwählte Mitspieler hält sich im späteren Verlauf nicht an die ausgemachte
gemeinsame Strategie. Aber das ist ja schon normal.
Diese Effekte werte ich von der Spielregeln her als eine ganze Reihe von Schwächen,
die ich insgesamt zusammenfassen möchte zur Verarschung Nummer 3 :
“Informationsaustausch” : Es kann doch nicht sein, daß ich mich hier im
Schweiße meines Angesichtes um etwas Transparenz bemühe und dann – abhängig von den
gegenläufigen Ambitionen meines Mitspielers – als begossener Pudel nach Hause
geschickt werde.
Als Mindest-Ergebnis dieses Spielzuges erwarte ich, daß mir der auserwählte Mitspieler
seine Identitätskarte aushändigen muß. Selbst die Herausgabe des Wissens um die
Ritual-Positionen sollte noch Pflicht werden. Damit könnte man die Endphase des Spiels
beschleunigen und die Zufallsergebnisse beim Spielausgang etwas mildern.
Ja der Spielausgang. Am Ritual hänget, zum Ritual dränget doch alles, ach wir Armen!
Haben wir hier genügend Positionen aufgedeckt und alles in Erfahrung gebracht, was uns
zuträglich ist? Hoffentlich. Wir brauchen auf jeden Fall Gewißheit über die
Ritual-Positionen, deren Ergebnis für uns tödlich ist. Wieviel Zufall braucht der Mensch
dazu? Angenommen, ich habe meinen Ritual-Level auf 3 hochwürfelt. Dann wäre jedes zweite
Würfeln, ein Ritual aufzudecken, erfolgreich. Bei 8 Ritualen wäre die Wahrscheinlichkeit,
mit 8 Würfen alles erledigt zu haben, etwa 4 Promille. Bei 9 Würfen ist sie schon über 1
Prozent. Und so geht das weiter. In einer endlichen Zeit sollte doch irgendwann jeder
alles wissen. Denkste! Rein rechnerisch kann es sein, daß einer unendlich lange würfelt,
ohne alle Rituale gelüftet zu haben.
Dabei laufen die realen Erfolgsquoten für die einzelnen Spieler immer weiter
auseinander. Das “Gesetz der großen Zahl” besagt nämlich nicht, daß bei einer
Kette von Zufallsereignissen die Ergebnisse aller Mitspieler immer enger beieinander
liegen werden. Im Gegenteil, es gesagt, daß die absoluten Differenzen immer größer
werden. Konkret bedeutet das für unser Spiel, daß zufallsbedingt die Menge des
Ritual-Wissen der einzelne Spieler immer stärker auseinanderklafft. Während die einen
schon alles erwürfelt haben und sich auf die Endposition einschießen, krebsen die anderen
noch mit einem Bruchteil des benötigten Wissens herum und werden von jedem weiteren Wurf
frustriert. Nein, das ist keine Verarschung, das ist nur purer Zufall. Aber vielleicht
versteht jetzt einer von Euch, warum ich für dieses Spielprinzip nur 3 Wertungspunkte
vergebe.
Als ich mit meinem letzten Zug willentlich aber den Regeln gerecht das Spielende
herbeigeführt hatte, kannte ich 6 Rituale und hatte mich auch schon vergeblich um
vollständige Aufklärung beim 7 (und logisch letzten) Ritual bemüht. Alle kritischen
Rituale waren bereits in meinem Repertoire und die Ritual-Position stand auf einem
akzeptablen Feld. Hinterher hat sich Andrea über mich beklagt, weil ich auch ohne
Vollwissen das Spiel beendet hatte. Das, liebe Andrea, grenzt schon an Verarschung (außer
Konkurrenz).
Natürlich war es enttäuschend für Dich, von dem einzigen möglichen Ereignis, das für
Dich tödlich war, getroffen zu werden. Glaubst Du, das war ein unverdientes Pech? Die
Summe des Pechs ist konstant. Irgendeinen hätte es immer treffen müssen. Ohne daß er
dafür kann. Allein deshalb, weil die Mehrheit der anderen zufällig dieses End-Ergebnis
eingestellt haben. Diesmal warst es halt du. Mehr liegt in diesem Spiel nicht drin.
Du bestreitest hier den Zufall? Wenn Du niemals genau weißt, in welche Richtung die
anderen ziehen wollen, wenn jeder nur äußerst begrenzte Möglichkeiten hat, die
Erfolgswahrscheinlichkeiten für seine Aktionen zu erhöhen, wenn die günstigen und
ungünstigen Felder nicht wie in einer lieblichen Landschaft weich ineinander übergehen,
sondern wie bei schroffen Felsen und Schluchten unmittelbar nebeneinander liegen, wenn es
vom Würfel abhängt, ob einer überhaupt ein ritual-relevantes Objektfeld betritt und wenn
dann weiterhin der Würfel entscheidet, ob einer den Objektlevel auch tatsächlich
verschieben darf oder nicht, dann ist das End-Ergebnis genausowenig beeinflußbar wie eine
Kugel im Gauss’schen Nagelbrett. Wenn mir hier seine Illusionen als Strategie
verkaufen will, der möchte mich doch wohl auf den Arm nehmen. Ich verzichte auf die
Formulierung des Verarschungsaxioms Nummer 4.
Wie wird überhaupt die Ritual-Position bestimmt? Ich brauche es den Lesern, die bis
hierher gefolgt sind, nicht zu erklären. Es ist ein spannender Kampf aller gegen alle und
– in meinen Augen – das bemerkenswerteste Element des Spieles. Moritz hat
vollkommen recht, wenn er es hier als “spannend, unterhaltsam und aufregend”
empfindet. Aber das gilt nur für diese Phase. Und ob eine solche Phase überhaupt
stattfindet (und nicht zwei Spieler den Reibach bereits unter sich verteilen, während die
anderen vier noch im Halbdunkel herumwürfeln), ist zufallsabhängig und keineswegs
garantiert. Für diesen komplexen und langwierigen Spielaufbau viel zu unsicher.
Zum Vergleich möchte ich hier Barrikade / Malefiz entgegenhalten. Dort ist der
Endkampf um das Ziel zwischen den zufällig oder gewollt entstandenen Seilschaften und
deren internes Machtgerangel vergleichbar spannend, aber spielimmanent, logisch
entwickelt und langdauernd. Mit vielen zusätzlichen Einflußmöglichkeiten und
Überraschungseffekten. Und nicht mit so viel überflüssigem Hokuspokus. Doch ich will
nicht abschweifen.
Bei “Castle of Magic” tritt das Spielende ein, wenn insgesamt 5 mal ein
bestimmtes Spielfeld betreten wird. Vom gleichen oder von verschiedenen Spielern. Vor mir
waren Aaron und Hans bereits 4 mal auf dem bewußten Feld. Ich war der fünfte und habe
somit den Sudden Death ausgelöst. Nicht gerade emotionsgeladen und euphorisch, aber die
Ritual-Position schien erfolgversprechend zu sein. Mindestens drei Augenpaare richten
sich schweigend und vorwurfsvoll auf mich. Wie bei Roald Dahls “Küsschen, Küsschen”
das Auge der präparierten Gehirnmasse auf die
rauchende Ex-Ehefrau. “Hat er uns jetzt bösartig den Spaß verdorben?” Diese
Situation, liebe Freunde, ist auch eine Art Verarschung. I rest my case.