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Funkenschlag
rezensiert von Walter Sorger
Alle Spiele aus dem 2F-Spiele-Verlag von Friedemann Friese sind von überdurchschnittlicher Qualität, auch wenn einem die vielen Effs in den Titeln zuerst lustig, dann aber eher lästig vorkommen. Jetzt hat Friedemann die überbordenden Wort-Kombinationen auf ein einziges Schlagwort, „Funkenschlag“, reduziert und seine Begabung als Spielautor voll auf Abläufe und Regeln konzentriert, und schon ist nicht nur ein sehr gutes, sondern ein geniales Spiel entstanden.
Pate gestanden hat die große Palette der Eisenbahnspiele: Strecken bauen und Verbindungsgelder kassieren sind die wichtigsten Elemente im Spiel. Doch das Milieu sind nicht Eisenbahngesellschaften und Gleisstrecken, sondern Energiekonzerne und Stromleitungen. Anstatt Renditen für Städteverbindungen zu erzielen, bekommt man sie für die Stromversorgung von Städten.
Die Spielidee ist überzeugend umgesetzt, beim Erwerben und Betreiben von Kraftwerken denkt man überhaupt nicht an die Baltimore & Ohio aus dem guten alten „1830“, sondern eher an E.on und RWE, an den schwarzen Himmel über Rhein und Ruhr, an Biblis und Tschernobyl und an die grünen Davids, die mit ihren optimistischen Windschleudern die Welt in Bewegung halten wollen.
Es gibt verschiedene Arten von Kraftwerken zum Produzieren von Strom: Kohle, Öl, Müllverbrennung, Atom und Windkraft. Naturgemäß werden jeweils unterschiedliche Rohstoffe zum Betreiben benötigt, und den muss man sich auf dem freien Markt besorgen. Wind ist natürlich kostenlos.

Die Kraftwerke werden versteigert, ein Spielelement, das für Interaktion und Variation beim Spielablauf sorgt. Doch im „Funkenschlag“ sind die Versteigerungen kein chaotisches Element wie vielleicht bei „Kuhhandel“, sondern sie sind ganz weich integriert in die vielfältigen taktischen und strategischen Planungen. Erstens sind alle Kraftwerke ziemlich gleichwertig, Preis, Kapazität und Wirkungsgrad halten sich die Waage. Bei den Versteigerungen geht es also keineswegs um Alles oder Nichts, sondern um gezieltes Durchsetzen (oder Erschweren) einer strategischen Stromerzeugungspolitik. Zweitens darf man pro Runde sowieso nur ein einziges neues Kraftwerk erstehen, wer also zu früh den Zuschlag erhält, muss anschließend zusehen, wie die anderen Mitspieler sich ihre Lieblingsobjekte für den billigen Nennpreis aneignen können.
Der bemerkenswerteste Spielmechanismus in „Funkenschlag“ sind die Anti-Privilegien des Startspielers. Die Zugreihenfolge wird pro Runde jeweils neu ermittelt, und zwar nach dem ausgewiesenen Besitzstand: Der Spieler mit den größten Versorgungsnetzes und dem höchsten Wert eines Kraftwerkes wird Startspieler. „Startspieler“ ist hier ein euphemistischer Ausdruck: Bei einer Aktion muss er als erster antreten, hingegen darf er bei zwei Aktionen erst als letzter agieren. In jedem Fall handelt er sich mit seiner Rolle nur Nachteile ein.
- Der Startspieler muss als erster ein Kraftwerk zur Versteigerung aufrufen. Er hat noch keine Kenntnis von der aktuellen Marktlage, d.h. von den Ambitionen der Mitspieler und weiß nicht recht, wie er sich positionieren soll. Wählt er das günstigste Kraftwerk aus, so bieten alle Spieler kräftig mit und das Recht-des-ersten-Gebotes bringt keinen nennenswerten Vorteil. Wählt er hingegen irgendeinen Lockvogel aus, an dem er gar nicht interessiert ist, kann es sein, dass er auf seinem Vorschlag sitzen bleibt, das Kraftwerk selber erwerben muss und demnach aus den nachfolgenden Versteigerungen ausgeschlossen ist. Oft genug möchte man als Startspieler passen und die Aktionen seiner Mitspieler abwarten, aber dann ist man für diese Runde ebenfalls aus dem Geschäft und muss seinen Konkurrenten ohnmächtig das Feld überlassen.
Beim Kaufen von Brennstoffe ist der „Startspieler“ als letztes dran. Die Preise auf dem Markt unterliegen den Schwankungen von Angebot und Nachfrage. Wer zuerst kauft, zahlt den billigsten Preis, wer zuletzt kauft, zahlt mehr, manchmal sogar sehr viel mehr. Im Ernstfall muss man sogar froh sein, dass man überhaupt noch etwas bekommt, sehr schnell kann ein begehrter Markt mal ausgeschöpft sein. Nur wenn ein Spieler in der Betriebsart seiner Kraftwerke ohne Konkurrenz ist, kann er es sich ohne Kopf- und Magenschmerzen leisten, die Startspielerrolle zu übernehmen. Wenn vor ihm aber reichlich andere Mitspieler auf die gleichen Brennstoffe laueren, dann kann diese Rolle der Ruin bedeuten.- Beim Erweitern des Stromversorgungsnetzes ist der „Startspieler“ ebenfalls als letzter an der Reihe. Da die Netze in Konkurrenz zueinander aufgebaut werden, ist der Startspieler hier wieder deutlich benachteiligt. Wenn keine größeren Expansionen anstehen, kann man mit Ungnade-des-letzten-Zuges noch glimpflich davonkommen. Wenn aber nach dem Übergang in Phase 2 und 3 plötzlich ganz neue topologische Verbindungen möglich sind, und explosionsartig die Netze erweitert werden, muss der „Startspieler“ leicht mal 50% mehr Elektrodollar hinblättern, um die gleiche Quantität an Netzerweiterung zu erzielen wie sein billigster Konkurrent.
Die Startspielerrolle fällt zum Glück ja nicht vom Himmel, sondern sie ist eine planerische Größe im Kampf um Einnahmen und Positionsvorteile. Das Schielen auf diese Rolle hat Einfluss auf die freie Spielerentscheidung, welche neuen Kraftwerke man sich zulegt und wie viele neue Städte man in sein Versorgungsnetz aufnimmt. Hier gilt garantiert nicht unser Mantra von „1830“ „keep fully invested“. Gerade die richtige Dosierung von massiven Investitionen und von konsequenter Enthaltsamkeit ist eines der Erfolgsgeheimnisse für den Sieg in „Funkenschlag“. Ein vorzüglich ausbalanciertes, intelligentes und zugleich sensibles Wirtschaftsspiel.











