von Walter am 4.09.2008 (1.096 mal gelesen, 1 Kommentar)

Walter servierte einen Vill├ínyi Cuve├ę – Cabernet Sauvignon – Merlot. Loredana schickte ihn noch eigens in den Keller um den Drop-Stopper zu holen, kein Tropfen sollte verloren gehen. Doch das zweite Glas war noch nicht eingeschenkt, da hatte sich das erste bereits ├╝ber die Tischdecke ergossen. Vollst├Ąndig. Der Griff zum Frottee-Handtuch ist schon Routine. Und gl├╝cklicherweise ist das Spielmaterial von “Tinner’s Trail” so hochwertig, da├č kaum welche sichtbaren Spuren zur├╝ckblieben. G├╝nther, Du darfst Deine Leihgabe das n├Ąchste Mal kritisch begutachten. Doch mit der Forderung nach einem neuwertigen Ersatz wirst Du uns vor unl├Âsbare Probleme stellen. Das Spiel ist vergriffen, und eine Neuauflage ist nicht in Sicht!
La├č Dich von Peters Drohung: “Euch leih’ ich keine Spiele” nicht ins Bockshorn jagen. Man kann noch alles gut erkennen. Und die anschlie├čend versch├╝tteten Gl├Ąser mit Mineralwasser lie├čen schon gar keine roten Spuren zur├╝ck. Vor allen Dingen, so konnte Loredana die Fakten auf den Punkt bringen: “Solange das Handtuch noch da ist!”
1. “Tinner’s Trail”
Bei Ausw├╝rfeln der Startreihenfolge nutzen wir den Zinnw├╝rfel. Kein Wunder, da├č der virtuelle Moritz Startspieler wurde und Aaron Zweiter. Erst als wir danach eine Null w├╝rfelten, fiel auf, da├č die statistische Zinnverteilung keine Gleichverteilung ist. Mit einem stinknormalen Hexaw├╝rfel mu├čten wir die Prozedur wiederholen.
W├Ąhrend Aaron die Startaufstellung ausw├╝rfelte, durfte Walter den Neulingen einen globalen ├ťberblick ├╝ber den Spielablauf geben. Schlie├člich hat er schon seine Rezension fertig und sollte das Spiel gut genug kennen. Doch bevor er anschlie├čend in die Details gehen konnte, hatte ihm Peter schon das Wort abgeschnitten und Aaron zum “Erkl├Ąrer strikt nach Regelheft” gek├╝rt. Alles schon mal dagewesen. Jede Woche dasselbe!
Ein Disput entstand um die Formulierung, ob der “Letzte” oder der “Erste” Spieler auf der Zeitachse am Zug ist. Der Sachverhalt ist unbestritten, nur das Wording stand zur Debatte. Zur Entscheidung wurde der Text im Regelheft nachgeschlagen. “The active player is the one who has spent the least amount of Time Points”! Bewegen wir uns hier jetzt nach vorne oder nach hinten?
Walter hatte schon wie beim letzten Mal in der ersten Runde sein ganzes Pulver in Minen verschossen und mu├čte trotz des stolzen Kupferpreises darauf verzichten, sein Erz zu f├Ârdern und zu verkaufen. Nur ├╝ber Pastries konnte er sein Minenimperium ern├Ąhren. Irgendwie lief das Spiel an ihm vorbei. Zwei Runden lang f├Ârderte er kein einziges Milligramm Erz, w├Ąhrend die Mitspieler schon riesige Summen in die Siegpunkte investieren konnten. Er wurde mitleidig bel├Ąchelt, einschlie├člich von sich selbst.
Aaron suchte immer wieder neue Wasser- und Weinspuren in Cornwall. Doch meist waren das nur bekannte und gewollte Farbnuancen auf Spielbrett. Schlie├člich geht es hier doch um Zinn und Kupfer, das ist doch auch nicht steril unifarben.
Drau├čen zog ein Sturm auf. Walter mu├čte vor der letzten Runde schnell noch die Sitzkissen von der Terrasse zusammenraffen, da rechnete Peter schon mal den theoretischen Sieger aus. Wenn der W├╝rfel hohe Rohstoffpreise erbringt, dann wird er selber gewinnen, kommen niedrige Preise heraus, so gewinnt Loredana. Walter machte dazu den Vorschlag, nach dem Ausw├╝rfeln der Preise gleich auf die letzte Runde zu verzichten, doch Peter wollte seinen Sieg gen├╝├člich auskosten.
Was kam schlie├člich dabei heraus? Der Kupferpreis wurde zu 8 Pfund und der Zinnpreis zu 6 Pfund bestimmt, keine H├Âchstpreise, aber gut ├╝ber dem Durchschnitt. Inzwischen hatte Walter mangels Alternativen alles Wasser aus seinen Minen abgepumpt und auch die F├Ârderkapazit├Ąten hochgeschraubt. Kein Mitspieler hatte Ambitionen ihm Mitarbeiter streitig zu machen. So konnte er mit Minimalkosten noch alle seine Minen leerf├Ârdern und sich mit 109 Siegpunkten die Spitze erk├Ąmpfen.
Warum schreibe ich das? Wenn der W├╝rfel in der letzten Runde andere Verkaufspreise ergeben h├Ątte, dann w├Ąre die Einlaufsreihenfolge ganz anders geworden. Ist “Tinner’s Trail” also ein reines Gl├╝cksspiel? Nein! Aber wenn man nolens-volens alles auf eine Karte setzen mu├č und dies mit Umsicht tut, dann hat man bis zuletzt eine Chance auf den Sieg. Das ist doch ein legitimes Spieldesign, oder?
Peters Fazit: “Ein typischer Martin Wallace! Brilliante Ideen! Doch m├╝├čten sie hinterher nochmals bei Hans-im-Gl├╝ck geschliffen werden!”
Walters Erfahrung: “Man darf nicht unbedingt gewinnen wollen. [Sonst artet es in eine elende Rechnerei aus.] Doch wenn man die Bergbau-Szenerie spielerisch angeht, dann ist sie eine h├╝bsche Spielwiese zum Ausprobieren vielf├Ąltiger Strategie-Varianten.”
WPG-Wertung der Neulinge: Loredana: 6, Peter: 5 (die Erzpreise gaben ihm den Rest)
Walters Rezension sollte dieser Tage ver├Âffentlicht werden.
2. “Die F├╝rsten von Florenz”
Eigentlich stand jetzt noch ein ‘Brass’ zur Diskussion. Doch zwei Stunden vor Peters vorletzter U-Bahn weigerte sich Aaron, die Neulinge noch in die umfangreichen Regeln einzuweisen. Wir mu├čten auf Altes und Bew├Ąhrtes zur├╝ckgreifen.
“Modern Art” ist eines von Peters Lieblings-Fillern, doch die Kunst stammt schon aus dem letzten Jahrtausend und f├╝r die Versteigerei sind 4 Spieler nicht optimal. Da fiel sein Auge auf “Die F├╝rsten von Florenz”. ├ťberzeugend ri├č er alle mit “In diesem Spiel bin ich Gro├čmeister, auch wenn ich [auf der deutschen Brettspielmeisterschaft – anno dazumal] geschlagen wurde.”
Martin Wallace hat selbst bekannt, da├č er bei den Tinners den “investment mechanism” von den “F├╝rsten” abgeschaut hat. Das sollte doch ein Anreiz sein, sich dieses Prinzip nochmals n├Ąher anzuschauen.
Peter durfte erkl├Ąren. Der grobe ├ťberblick war in einem Satz abgetan. Dann ging es in die Details. Mal von vorn und mal von hinten. Diese Stopselsei war selbst f├╝r die Eingeweihten keine Offenbarung. Ohne Konzept ist es nat├╝rlich schwer, einem Neuling (Loredana) die Privilegien zu erkl├Ąren, bevor man die Bauwerke behandelt hat, oder die Gaukler, bevor die Gelehrten und K├╝nstler vorgestellt sind. Selber wei├č man nat├╝rlich alles in- und auswendig. Aber wie bringe ich es r├╝ber? Ein ansonsten perfekter Erkl├Ąrer mu├čte sich mehrmals selbst korrigieren: “Das war Quatsch, was ich gerade gesagt habe!” Nach einer guten halben Stunde war er durch. Aaron merkte emotionslos an: “30 Minuten f├╝r so ein luschi Spiel? Ich h├Ątte in der Zwischenzeit schon 3 mal ‘Brass’ erkl├Ąrt.” Peter war in der Defensive: “Das ist kein luschi Spiel. Das ist sch├Ânste und komplexeste Spiel das ich kenne.”
Loredane machte gute Miene zum b├Âsen Spiel[erkl├Ąren], Aaron hatte die “F├╝rsten” noch nie gemocht und hielt sich vornehme zur├╝ck, Walter war von Champagner am Nachmittag, Vill├ínyi am Abend und Peters Stegreifbelehrung eh bereits ├╝berfordert. Peter konnte zu den bekannten Pisa-Lesern in unserem Spielkreis schnell noch ein paar Pisa-H├Ârer ausfindig machen. Doch zum Spielen sollte es reichen.
Au├čer Peter hatte keiner einen richtigen Peil. Unangefochten konnte er die Gaukler-Technik verfolgen, w├Ąhrend Walter mangels Ged├Ąchtnis an fr├╝here Erfolge auf die fruchtlose Baumeister-Schiene verfiel. Loredana hielt sich an die guten Tips von ihrem Ehemann und Aaron flocht ab und zu ein “Wann war noch mal das Spiel zu Ende?” und “Das Spiel hat so was Autistisches!”
Sind wir ├Ąlter geworden oder hat sich unsere Spielkultur inzwischen soviel ge├Ąndert? Das Spiel wurde von uns fr├╝her doch wirklich mal gerne gespielt. Unverdrossen vergibt Peter heute immer noch 10 WPG-Punkte. Ganz gewi├č nicht, weil er mit seinen 59 Siegpunkten den Rest der Spielfeldes fast ├╝berrundet hatte. Allerdings mu├čte er bekennen: “Das war die langweiligste Runde, die ich je gespielt habe. Weil ihr es nicht gerafft habt!” Mu├č man die Pisa-Versager mit so harschen Worten abtun?
Vielleicht kann er uns aber nachtr├Ąglich noch erkl├Ąren, von welcher Stelle in den “F├╝rsten” Martin Wallace seine Siegpunkt-Investitionen f├╝r die “Tinners” abgekupfert hat.
WPG-Wertung (o.B.d.a.W.): Aaron: 5, Loredana: 6, Peter: 10, Walter: 8.
3. “Bluff”
Aaron und Loredana bestritten beide Endspiele. Einmal mit 3:3 und einmal mit 4:4 W├╝rfeln. Loredana lie├č sich zweimal abschlachten. Unser sprichw├Ârtlicher W├╝rfelpechpilz konnte problemlos beide Endspiele f├╝r sich entscheiden.


Eine Reaktion zu “03.09.2008: Die Zinnsch├╝rfer und ihr Vorbild”

  1. Peter

    [quote] Und die anschlie├čend versch├╝tteten Gl├Ąser mit Mineralwasser lie├čen schon gar keine roten Spuren zur├╝ck. [/quote]

    Wohl aber eine gewellte Anleitung (Bibliophile nennen so etwas “Wasserschaden”). *)

    [quote]
    Vielleicht kann er uns aber nachtr├Ąglich noch erkl├Ąren, von welcher Stelle in den “F├╝rsten” Martin Wallace seine Siegpunkt-Investitionen f├╝r die “Tinners” abgekupfert hat.[/quote]

    Es gibt zwar Ähnlichkeiten, aber dennoch gewaltige Unterschiede, sodass das Feeling ein ganz anderes ist.

    Bei FvF erziele ich durch eine gewisse Aktion so-und-so viele Florin. Die kann zum Zeitpunkt der Entstehung entweder in Cash auszahlen lassen oder zum Preis 1 SP = 200 Florin in Siegpunkte umwandeln oder eine beliebige Kombination aus beidem.

    Beispiel: Meine Aktion erzeugt 1000 Florin. Ich kann mir 1000 Florin nehmen, oder 5 Siegpunkte, oder (3 Siegpunkte plus 400 Florin) usw. usf. Ich kann aber nicht die 5000 Florin, die vor mir liegen, dazu nutzen, Siegpunkte zu kaufen.

    Folge: Ein FvF-Meisterspieler wei├č (oder ahnt) den Zeitpunkt, ab dem ihm der Cash bis zum Ende von Runde 7 reicht. Bis dahin l├Ąsst er alles in Cash auszahlen, danach nur noch in SP. Es geht also um den “Knackpunkt”.

    Nun zu TT. Hier kauft man Siegpunkte am Ende jeder der vier Runden in einer speziellen Phase. Das Tertium Comparationis ist also, dass Siegpunkte f├╝r Geld zu einem festgelegten Zeitpunkt erworben werden. Hier enden allerdings die Gemeinsamkeiten.

    Denn: Bei TT verschlechtert sich die Ratio mit jeder Runde. Hier kauft man also pro Runde so viele SP, wie es irgend geht, und beh├Ąlt nur so viel Kapital, wie man n├Ąchste Runde f├╝rs Investieren braucht. Unterschied 1

    Au├čerdem kann man auch mit bereits vorhandenem Kapital, das also nicht in derselben Runde erzeugt wurde, SP kaufen (Ist aber doof, weil ja die Ratio sinkt. Da h├Ątte man besser mal vorher gekauft.) Unterschied 2

    D.h., das “Feeling” bei den beiden Spielen ist ein ganz anderes. Bei FvF steigt der Reichtum des Spielers parabelhaft, bis er auf SP umsteigt und sein Geldvorrat im Idealfall bis zur Runde 7 auf 0 f├Ąllt.

    Bei TT nagt man st├Ąndig am Hungertuch, da man in SP investieren muss, wenn man nur irgend kann.