Seit etwa zehn Jahren sind wir ein kleiner fester Kreis von 8 Stammspielern, die sich einmal pro Woche zu einer Runde zusammensetzen . Ab und zu erreichen uns Anfragen von Interessenten, die gerne bei uns mitspielen möchten. NatĂŒrlich sind wir offen fĂŒr andere Spieler, doch da die verfĂŒgbaren PlĂ€tze in der Regel besetzt sind, können wir diese Interessenten nur auf eine Warteliste setzen und sie auf zukĂŒnftige Gelegenheiten mit dĂŒnnerer Besetzung vertrösten.
Jetzt ist Hans leider erkrankt, Peter und Loredana gehen in Arbeit unter, Moritz ist zur Boardgamegeek-Con nach Dallas geflogen und Andrea traut sich ohne ihren Mann schon gar nicht in die Spielhölle am Westpark. So wurden unsere treuen Alliierten Birgit und Horst aktiviert, die vor gut einem Jahr das letzte Mal dabei waren. Inzwischen haben sie einen Sohn bekommen (herzlichen GlĂŒckwunsch!), von dem damals noch kein Milligramm zu sehen war. Jetzt ist er zwei Monate alt und schlĂ€ft seit zwei Tagen neun Stunden pro Nacht durch (auch dazu nochmals einen herzlichen GlĂŒckwunsch!). Doch trotz dieses göttlichen Schlafes blieb Birgit sicherheitshalber zu Hause, und Horst durfte sich alleine auf den Weg zum Westpark machen.
1.”Grand Cru”
Die Augen eines Weinliebhabers mĂŒssen strahlen, wenn sie diesen Namen lesen. Zwischen Fixin und Beaune im Burgund verlĂ€uft die âRue de la Grand Cruâ, wo die edelsten Weine der Welt wachsen, und wer einmal einen edlen Romanee getrunken hat, weiĂ, daĂ dieser Ruf nicht nur auf dem Papier steht.
Im Spiel âGrand Cruâ sind wir Weinbauern, kultivieren verschiedene Rebsorten, lagern sie in FĂ€sser ein, lassen sie reifen, verkaufen sie auf dem lokalen Weinfest und finanzieren mit dem Erlös unsere Vergangenheit und Zukunft.
Unsere AnbauflĂ€chen mĂŒssen wir uns nach einem sehr raffinierten Bietmechanismus ersteigern. Wer am Zug ist, kann
Auf den erworbenen AnbauflĂ€chen wachsen von Jahr (Runde) zu Jahr neue Trauben (farbige Holzklötzchen). Wir sollten sie ernten, bevor sie verfaulen und unwiederbringlich verloren sind. Dazu mĂŒssen wir einen Zug investieren, um die Trauben einer FlĂ€che in ein FaĂ in unserem Keller zu bringen. Geld fĂŒr die Erntehelfer kostet das natĂŒrlich auch.
Neue Trauben kommen in das FaĂ des ersten Jahres. Jedes Jahr wird der Wein reifer und wird entsprechend in den FĂ€ssern verschoben, bis er die endgĂŒltige Reife erreicht hat und verkauft werden kann. Jede Rebsorte hat eine andere Reifedauer. Der grĂŒne Gamay ist bereits im ersten Jahr fertig, der gelbe Syrah braucht zwei Jahre, der rote Merlot drei, der lila Cabernet Sauvignon vier und der blaue Pinot Noir fĂŒnf. Erst ein reifer Wein kann verkauft werden. Wer sich z.B. fĂŒr den Pinot Noir entscheidet, muĂ fĂŒnf lange und entbehrungsreiche Inversitionsjahre abwarten, bis er den Wein verkaufen kann.
In der Zwischenzeit werden ihm von der Bank regelmĂ€Ăig Zinsen abgeknöpft. Wir haben nĂ€mlich kein Startkapital, mit dem wir unsere Viticulture finanzieren können, sondern wir mĂŒssen uns bereits den ersten Franc von der Bank leihen. Und bevor unsere Weinwirtschaft in Schwung kommt, haben wir bereits eine ganze Handvoll Schuldscheine auf dem Buckel, die einen erheblichen Teil unserer ErtrĂ€ge regelmĂ€Ăig auffressen. Damit ist ein weiteres sehr hĂŒbsches Spielelement verbunden: Wir können versuchen, sparsam zu wirtschaften, möglichst billig zu ersteigern, uns nur wenige AnbauflĂ€chen zuzulegen und möglichst schnell die Kredite wieder loszuwerden. Wir können aber auch klotzen, d.h. auf Teufel komm raus die besten FlĂ€chen (was immer das ist) zum Höchstpreisis einkaufen und mit viel Schulden auch frĂŒher oder spĂ€ter viel Geld machen. Wer zuerst seinen Kredit zurĂŒckgezahlt hat, beendet das Spiel. Auf lange Sicht hat der protzige Weinbauer naturlich Vorteile, doch ein sparsamer Wirtschaftler kann das Spiel beenden, bevor die Geldquellen der Konkurrenz erst angefangen haben richtig zu sprudeln.
Ich will von den vielen weiteren hĂŒbschen Spielelementen jetzt nur ein paar andeuten. Auf dem Weinfest werden SonderprĂ€mien fĂŒr die meisten verkauften Weine jeder Rebsorte vergeben. Mit den PrĂ€mien kann man Sonderaktionen wie SpĂ€tlese, Nachlieferung, Traubensaft und Primeur durchfĂŒhren. Beim Versteigern kann man sich nicht nur AnbauflĂ€chen, sondern auch SonderplĂ€ttchen fĂŒr höhere ErnteertrĂ€ge, Abernten gröĂerer ErnteflĂ€chen, GroĂabnehmer, Veredelung oder Werbung aussuchen.
Gelungen ist in âGrand Cruâ auch die Regel fĂŒr die Anzahl der ZĂŒge, die pro Runde gespielt werden. Jeder Spieler darf pro Runde mindestens vier Aktionen durchfĂŒhren. Eine Runde dauert aber anschlieĂend so lange, bis der erste Spiele alle seine AnbauflĂ€chen abgeerntet hat. Das kann sehr viel mehr ZĂŒge zur Folge haben, vielleicht aber keine einzige mehr! Ein WeingroĂbauer, der sich zu viele FlĂ€chen ersteigert hat, kommt gar nicht dazu, sie alle zu nutzen, weil der kleine Bauer mit seinen wenigen AnbauflĂ€chen eine Runde im Nu beenden kann.
So muĂ man in âGrand Cruâ die Aktionen der Mitspieler stĂ€ndig im Auge behalten. Alle ZĂŒge verlaufen in höchster AbhĂ€ngigkeit zueinander, und AlleingĂ€nge, auf welchem Gebiet auch immer, fĂŒhren auf keinen Fall zum Sieg.
Beim meinem ersten Probespiel in Essen hatte ich alles auf den blauen Pinot Noir gesetzt, zwei oder drei Mitspieler hatten sich dagegen gemeinsam auf den gelben Syrah verlegt und gemeinsam die Preise hochgetrieben. Ich hatte noch keine einzige Flasche Wein verkauft, da war das Spiel schon zu Ende.
Heute hatte ich versucht, mit dem gelben Syrah einen kleinen Ertragszirkel aufzubauen. Wenig Geld fĂŒr eine Monokultur aus drei AnbauflĂ€chen ausgeben, den Wein ein Jahr reifen lassen, mit etwas Werbung die Preise nach oben treiben und dann verkaufen. Doch immer gab es einen Mitspieler, der mit dem Verkauf von Miniquoten Syrah die Preise drĂŒckte und meine Monokultur zum Scheitern brachte.
FĂŒr das nĂ€chsten Mal muĂ ich mir einen neuen Plan ausdenken. Die Tatsache solcher VorsĂ€tze deutet immer auf ein groĂes Spiel hin!
Ein ĂŒberraschendes Spielende bescherte uns heute unser Aaron. Er war mit hohen Startkrediten ins Rennen gegangen, war gleich in der ersten Runde ein paar mal von seinen Mitspielern aus dem VersteigerungsprozeĂ ausgebootet worden und hatte sich sehr hohe Grundkosten eingehandelt, von denen er nur schwer herunterkommen konnte. In dieser recht aussichtslosten Lage wollte er gerne das Spiel beenden. Das geht den Regeln gemĂ€Ă, wenn man die maximale Anzahl Kredite in Anspruch genommen hat und weitere Kosten anfallen. Eine solche Wirtschaftspolitik konnte man innerhalb einer einzigen weiteren Runde praktizieren. Aaron lieĂ sich zwei Runden Zeit, weil er den Druck genoĂ, unter den er alle siegeswilligen Mitspieler gesetzt hatte.
Hinterher kritisierte er dieses Element (âabsolut schlechtâ). Ich fand es hingegen absolut gut! Wie viele Spiele, die einerseits saufad waren oder in denen die Einlaufreihenfolge schon Jahrhunderte vorher feststand, hĂ€tte ich gerne umgehend beenden wollen, aber keinen zulĂ€ssigen Zug gefunden, der das ermöglicht. Mit der hier gebotenen Technik gibt es keine gelangweilten, miesepetrigen Spielverderber mehr, sondern nur noch aktive Spielebeender. Ist das keine tolle Verbesserung?
GĂŒnther war von âGrand Cruâ auch schon seit Essen positiv angetan, er hatte nur Bedenken, daĂ der VerdrĂ€ngungsmechanismus beim Bieten sehr krasse Auswirkungen haben könne und das Spiel so auĂer Balance geraten könnte. Aarons Schicksal war eine BestĂ€tigung dieser Ansicht, doch das ist keinesfalls signifikant gesichert. Es war unbestritten, daĂ Aaron mit allen seinen verdrĂ€ngen Geboten ein Risiko eingegangen war. AuĂerdem kann man durch das Bezahlen des Höchstpreises auf jeden Fall eine AnbauflĂ€che ersteigen und spart sich dabei auch noch einen Zug. Dieser Preis lohnt sich, zumindest in den ersten Runden!
Hallo Freunde, hier muĂ ich noch einen RegelverstoĂ beichten, den wir heute begangen haben: es gibt insgesamt nur soviel freie VersteigerungsplĂ€tze, wie Mitspieler. Dadurch, dass wir zu viert mit allen fĂŒnf PlĂ€tzen gespielt haben, war der Versteigerungsprozess erheblich verfĂ€lscht. Die Analyse der Balance muss von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen!
Eine weitere, auch anderweitig stattfindende offene Diskussion geht um die Frage, ob ein paar wenige SonderplĂ€ttchen (z.B. doppelte Ernte) spielentscheidend sind und somit auch die Balance gefĂ€hrden. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Preise, Gesamtangebot an AuswahlplĂ€ttchen, PlĂ€ne der Mitspieler, Kooperationen und Konkurrenzen spielen hier mit hinein. Die vielen tausend (!) verschiedenen Wege in âGrand Cruâ sind noch lange nicht ausgeleuchtet. Packen wir es an, spielerisch!
WPG-Wertung: Aaron: 7 (problematisch), GĂŒnther: 7 (EinschrĂ€nkung wegen des VerdrĂ€ngungsproblems), Horst: 7 (gut, es sind aber nur bekannte Mechanismen kombiniert), Walter: 9 (ursprĂŒnglich 10, doch die Balance muĂ sich noch bewĂ€hren)
Horst behauptet, Birgit hĂ€tte fĂŒr âGrand Cruâ nur 3 Punkte vergeben. Oh Birgit, mir blutet das Herz!
2. “7 Wonders”
Einfache Regeln, klare Aufgaben. Schon vor drei Wochen bei Moritz gespielt
Im Ărger der eingeschrĂ€nkten Notengebung seiner Mitspieler fĂŒr das Superspiel âGrand Cruâ meckerte Walter am KartenglĂŒck in â7 Wondersâ herum: âMan wird gespieltâ. Ob man MilitĂ€r zur VerfĂŒgung hat, ob die Nachbarn aufrĂŒsten, welche Resourcen oder Bonuskarten man erhĂ€lt, hĂ€ngt trotz des reihum Weitergebens aller Karten vom VerteilungsglĂŒck ab.
GĂŒnther fand es toll, daĂ das Spiel wegen der geringen Zugauswahl- (Kartenauswahl)-Alternativen schnell wird. FĂŒr Walter hingegen ist geringe Handlungsfreiheit noch niemals ein QualitĂ€tsmerkmal gewesen.
Ein Spiel fĂŒr Lieschen MĂŒller! Oder fĂŒr Birgit? Oh Birgit, melde Dich doch!
WPG-Wertung: Horst blieb mit seinen 8 Punkten (âganz nett, ein Einsteiger- oder Absackerspielâ) im gehobenen WPG-Bereich.
3. “Bluff”
Vorgezogen als Absacker fĂŒr Horst, der vor Mitternacht noch zu Frau und Kind nach Hause wollte.
Drei Sterne lagen offen aus, Walter hatte mit 4 mal Stern angefangen, Horst auf 5 mal Stern erhöht und Aaron mit 6 mal Stern GĂŒnther vor eine hohe HĂŒrde gestellt. GĂŒnther hatte selber noch einen Stern unter dem Becher, beim Auf-7-mal-Stern-Setzen-und-NachwĂŒrfeln hĂ€tten aus 14 WĂŒrfeln 3 Sterne sein mĂŒssen. Da war gegen die Wahrscheinlichkeit. Er zweifelte an.
Doch es langen noch weitere 5 Sterne unter den Bechern. Drei 3 Sterne mehr als geglaubt unter den Bechern ist am Westpark neuer Rekord.
Keine neue WPG-Wertung fĂŒr ein Super-Spiel.
4. “Railroad Barons”
Helmut Ohley leibt und lebt fĂŒr die Spiele der â18xxâ-Familie. Neben âPoseidonâ hat er in Essen auch ein 2-Personen Kartenspiel zu diesem Thema herausgebracht. Es gibt keinen Spielplan, keine Landkarte, keine Schienen und keine Bahnhöfe. Aber es gibt Gesellschaften, Aktien und ZĂŒge, die mit wachsender Technik veraltern und auĂer Betrieb genommen werden. Jeder Spieler hat Privatvermögen und Gesellschaftsvermögen, jeder kann Linienpolitik, Kurspolitik und Lokpolitik treiben. Vielseitig im Finanzgebaren, spannend fĂŒr Wirtschaftshaie, trocken fĂŒr Ingenieure.
Zum Kennenlernen der Mechanismen von â1830â in jedem Fall geeignet.
Zum ersten Mal, daĂ ein Spiel der â18xxâ-Familie um Mitternacht noch angefangen und lange vor Morgengrauen auch noch beendet wurde. So wie dieser Session-Report.
Keine WPG-Wertung fĂŒr ein 2-Personen-Spiel.

Am 18. November 2010 um 11:11 Uhr
Na, Deine Formulierungen bzgl. meiner Spielweise zwingen mich geradezu, einen Kommentar abzugeben.
Zu den âhohen Startkreditenâ: in der ersten Runde hatten GĂŒnther, Horst und ich gleichviele Kredite aufgenommen (4 glaube ich), nur Du bist drunter geblieben. Ich halte 4 Kredite immer noch fĂŒr einen sinnvollen Startwert, insbesondere dann, wenn bereits 2 der 3 anderen Spieler vor einem (ich war Letzter in der Runde) bereits 4 Kredite genommen haben, was ein deutlicher Indikator fĂŒr die zu erwartenden Preise in der Runde ist.
Ausgebootet werden im Versteigerungsprozess: in der ersten Runde wurde ich 3-mal ĂŒberboten, alle anderen nur einmal. Das erste Mal war GĂŒnthers Revange dafĂŒr, dass ich ihm die âReiche Ernteâ, die er mit 3 eingesetzt hat, mit 7 abnahm und von mir vorhergesehen. Das Ăberbieten durch Dich und Horst betraf die Trauben (gelb, glaube ich), die ich beide Male mit dem gleichen Betrag einsetzte, wie Du und Horst (nĂ€mlich 3). Dass ihr beide dann statt selber 3 auf eine neue Traube zu bieten, mich ĂŒberbietet, verbuche ich unter âbad luck; will sagen: natĂŒrlich kann man immer gleich 7 bieten, aber es ist nicht wirklich kalkulierbar (zumindest in der ersten Runde, wenn man das Bietverhalten der anderen Spieler noch nicht kennt), wie hoch man unterhalb von 7 bieten muss, um nicht ĂŒberboten zu werden (man kennt ja die PlĂ€ne der anderen nicht, insbesondere, wenn es PlĂ€ne gibt, die nicht zum Sieg fĂŒhren können, wie Dein Minimalansatz).
Trotzdem glaube ich inzwischen, dass ich trotz schwacher Startrunde durch die im Verlauf gĂŒnstig gekauften SonderplĂ€ttchen und dem finalen Ausbau mit 3 Reben sogar Chancen auf einen Sieg gehabt hĂ€tte. Und gerade deshalb stört mich diese Endebedingung ĂŒber die Maximalanzahl Kredite: das schnelle Ende hat klar GĂŒnther bevorzugt, zumindest habe ich das so gesehen und genau deshalb auch das Ende herbeigefĂŒhrt. Einfach weil ich mich ĂŒber das Ăberbieten von Dir und Horst in der ersten Runde geĂ€rgert habe. Das ist Kingmakerei, die ein gutes Spiel nicht zulĂ€sst.
Dann noch zum RegelverstoĂ: ich kann mich nicht erinnern, dass wir irgendwann im Spiel mal die Situation hatten, dass ein Spieler sein Gebot nicht abgerĂ€umt sondern ein neues, fĂŒnftes aufgelegt hat. Unter welchen UmstĂ€nden wĂŒrde man sowas machen? Wohl nur dann, wenn man sicher ist, beide durchzubringen. Wann ist das der Fall? Wenn alle aufpassen: nie! Eine VerfĂ€lschung des Bietprozesses sehe ich hier nicht, erst recht keine erhebliche.
Am 18. November 2010 um 12:33 Uhr
Lieber Aaron,
musst Du Dich verteidigen? Meine Formulierung “hoher Startkredit” war keinesfalls eine Kritik, sondern ausschlieĂlich eine wertneutrale Bezeichnung fĂŒr Deine Anfangsstrategie. Egal, ob andere die gleiche Strategie gewĂ€hlt haben oder nicht.
Dass Du ĂŒberboten wurdest, war teils Pech, teils Risiko, teils Revanche. Die Folge davon war aber, dass Du vom Start weg nicht so viele Weinberge bekommen hat, wie Du mit Deinem Startkapital erhofft hast. Damit hattest Du in der ersten Runde natĂŒrlich etwas mehr totes Kapital, aber das war lĂ€ngst noch nicht spielentscheidend.
Dass Du dann das Spielende angestrebt hast, verbuche ich keineswegs unter Kingmakerei. Du hast keinen angeschoben und keinen ausgebremst. Du hast lediglich dafĂŒr gesorgt, dass die bis dahin an der Spitze liegenden Spieler den Sieger unter sich ausmachen konnten. Um zu gewinnen mussten sie bis dahin aber gut gewirtschaftet haben. Das ist fĂŒr mich alles legitim und der hier zugrunde liegende Mechanismus ist gutes Design. Geschmacksache.
Du magst Recht haben, dass bei uns der fĂŒnfte Verkaufsplatz nicht genutzt wurde. Du hast aber absolut Unrecht, wenn Du meinst, das hĂ€tte keinen Einfluss auf die Versteigerungsbalance. Sind genau so viele Slots vorhanden wie Spieler, dann ist ein VerdrĂ€ngen quasi zwangslĂ€ufig, und jeder muss bereits sein Erstgebot so hoch setzen, dass er dabei auĂerhalb der Schusslinie ist. Die Relation zwischen Billigem-Preis fĂŒr die Mitspieler und Billigem-Preis fĂŒr sich selbst (bzw. das Gegenteil davon) ist deutlich stĂ€rker korreliert. Lass mich das bitte nicht mathematisch beweisen, ich kann es nicht. Aber vielleicht kannst Du diesbezĂŒglich Deine Sicht der “Unerheblichkeit” beweisen. Logisch-mathematisch!
Am 18. November 2010 um 14:30 Uhr
> Sind genau so viele Slots vorhanden wie Spieler, dann ist ein VerdrĂ€ngen quasi zwangslĂ€ufig, und jeder muss bereits sein Erstgebot so hoch setzen, dass er dabei auĂerhalb der Schusslinie ist.
Hmm, verstehe ich nicht. Wenn genauso viele Slots wie Spieler (hier: vier) da sind und erst einmal jeder nicht verdrÀngt, sind vier Slots voll, jeder von einem anderen Spieler. Wenn jetzt der erste wieder dran ist, hat er die Wahl entweder sein Gebot zu zahlen und das PlÀttchen zu nehmen oder jemanden zu verdrÀngen und damit in zwei Reihen vertreten und gefÀhrdet zu sein. Die ZwangslÀufigkeit der zweiten Alternative erschliesst sich mir nicht, ganz im Gegenteil.
Am 18. November 2010 um 14:49 Uhr
Liebe Aaron, ich hĂ€tte von lieber eine mathematisch-logische BegrĂŒndung erwartet als nur die Wiederholung Deiner Meinung.
Ich kann Dir zur Unterstreichung meiner Hypothese nur eine Binsenweisheit aus der Warteschlangentheorie anfĂŒhren: Solange reichlich viel Ăberschuss einer Ressource da ist, lĂ€uft alles reibungslos. Wenn genauso viele PlĂ€tze frei sind wie Bewerber, dann gibt es unkalkulierbare lange Warteschlangen.
Am 18. November 2010 um 17:02 Uhr
4 PlĂ€tze, vier Bewerber, also fĂŒr jeden ist ein exklusiver Platz auf ein PlĂ€ttchen da. Es kommt kein fĂŒnfter, der warten muss, sondern man kann seinen sicheren Platz nur aufgeben (besser: zu einem unsicheren Platz machen) und einen anderen von dessen Platz verdrĂ€ngen. Man hĂ€tte ja statt zu verdrĂ€ngen kaufen können, und wird nun stattdessen möglicherweise selber verdrĂ€ngt. Dann, und nur dann gibt es die Möglichkeit einer VerdrĂ€ngungskaskade an deren Ende ĂŒberhöhte Preise bei den Beteiligten stehen. Kann man machen, erscheint mir aber als suboptimales Spiel. Ist es aber nicht besser, den sicheren billigen Platz zu kaufen und erst in der nĂ€chsten Runde wieder zu bieten? Freuen sich nicht die anderen Spieler, wenn zwei sich hier völlig unnötig beharken und Aktionen verschenken, statt sichere PlĂ€ttchen zu kaufen? Die ZwangslĂ€ufigkeit des VerdrĂ€ngens erschliesst sich mir einfach nicht.
Statt Binsenweisheiten, die nur bedingt anwendbar sind, zu lesen wĂ€re ich froh ĂŒber eine ErklĂ€rung, wo hier mein Denkfehler ist.
Nein, stopp. Das interessiert mich eigentlich gar nicht mehr. Die Tatsache, dass bei unserem Spiel der Fall, dass eine fĂŒnfte Reihe aufgemacht wurde nicht auftrat, ist fĂŒr mich Beweis genug, dass wir hier eine völlig unnötige Diskussion fĂŒhren. Da kann ich auch mit dem Aussage, dass ich absolut Unrecht habe, leben…
Am 19. November 2010 um 19:23 Uhr
Hab’ mir nochmal die Regeln angeschaut und eine kleine Feinheit beim Direktkauf entdeckt, die mir nicht bewusst war und in dem Kontext der Diskussion hier nicht unwichtig ist:
Der Direktkauf belegt nicht notwendigerweise eine der Bietreihen. Man darf, auch wenn (bei 4 Spielern) alle vier Bietreihen bereits belegt sind, einen Direktkauf eines PlĂ€ttchens aus dem Vorrat machen. DirektkĂ€ufe benötigen KEINE Bietstein. FĂŒr mich ist das gleichbedeutend damit, dass fĂŒr die Dauer eines solchen Kaufs eine weitere (ggf. fĂŒnfte) Bietreihe aufgemacht wird. Alternativ darf man natĂŒrlich auch eines der zur Versteigerung stehenden PlĂ€ttchen direkt kaufen ohne eine neue Reihe kurzzeitig zu öffnen (dann geht der bereits dort liegende Bietstein an seinen Besitzer zurĂŒck).
Damit ist der einzige Fall, der mir eingefallen ist, bei dem die BeschrĂ€nkung auf Anzahl Spieler Bietreihen eine echte BeschrĂ€nkung (im Sinne von Verbieten einer fĂŒr mich SINNVOLLEN Aktion) darstellt, gar nicht existent.
Am 20. November 2010 um 16:29 Uhr
Lieber Walter,
Ohne jetzt hier eine groĂe Abhandlung schreiben zu wollen stimme ich aber dem Aaron im wesentlichen zu.
Nebenbei … Um Billiganbieter zu stoppen, koennten 2 Spieler die beiden anderen jeweils ĂŒberbieten. Wenn die beiden anderen dann nicht bereit sind 6 oder 7 zu zahlen, bekommen sie gar nichts …
Das funktioniert natĂŒrlich nur am Spielanfang … Spaeter hat man noch viele andere Optionen.
Am 20. November 2010 um 17:56 Uhr
Lieber GĂŒnther,
wie bereits gestern ausfĂŒhrlich am Telefon diskutiert kann eine extreme Strategie â zwei reiche gegen zwei arme Spieler â die gesamte Versteigerungsbalance aushebeln. Dann wĂ€re es sogar wurscht, ob vier, fĂŒnf oder gar zwanzig Slots verfĂŒgbar wĂ€ren.
Doch hier das gestern ebenfalls diskutierte Beispiel, wie 4 oder 5 Slots ein unterschiedliches Versteigerungsverhalten hervorrufen können.
Wenn jeder Spieler ganz friedlich einen Slot belegt hat und ich als Startspieler wieder am Zug bin, dann habe ich bei vier Slots auf dem Versteierungsungstableau nur die Möglichkeiten:
a) meinen Slot zu kaufen
b) einen Mitspieler zu ĂŒberbieten
c) einen Direktkauf vorzunehmen.
Bei fĂŒnf Slots habe ich ZUSĂTZLICH die (VERNĂNFTIGE !) Möglichkeit, ein neues â gutes oder schlechtes â PlĂ€ttchen zu einem beliebigen â niedrigen oder hohen â Preis auf den fĂŒnften Slot zu legen. Mit dieser zusĂ€tzlichen Möglichkeit gerĂ€t das gesamte folgende Bietverhalten auf neue Wege.
Du darft gemeinsam mit Aaron die Meinung vertreten, dies sei “unerheblich”. In meinen Augen ist es das nicht.
Im ĂŒbrigen gilt nach wie vor der mathematische Grundsatz: Tausend Beispiele können eine Behauptung nicht beweisen, aber ein einziger Gegenbeweis fĂŒhrt eine Behauptung ad absurdum. (Weiterhin: MatthĂ€us 11, 15)
Am 24. November 2010 um 10:55 Uhr
Heute will ich mich auch mal trauen, einen Kommentar abzugeben. Nach jahrelangem Lesen. Eure Spielebesprechungen sind manchmal zwar lang, aber stets lesenswert, flĂŒssig geschrieben und informativ. Solltet Ihr lieben MĂŒnchner also zufĂ€llig zu wenig Lob bekommen: Ich lese Euch sehr sehr sehr gern!