Session Report & Review – 22.10.2003

Maestro – Eine musikalische Kritik

Nachdem wir vor kurzem eine ausführliche Kritik
dieses Rudi Hoffmann – Klassikers veröffentlicht haben, möchte ich mich hiermit, auf
Walters Anregung hin, allein auf eine “musikalische” Kritik beschränken. D.h.
also: “Maestro” mit den Augen eines Musikers betrachtet!

Milhaud

Diese Betrachtungen betreffen natürlich weniger das Spiel selber, als vielmehr das
Spielbrett und die dort auffindbaren, äußerst seltsamen Abbildungen, die für den Laien
zwar wie Musikinstrumente aussehen, in Wirklichkeit aber aus einer äußerst seltsamen
Parallelwelt stammen, in der Musik höchstwahrscheinlich nicht von Menschen, sondern von
seltsam missgebildeten Aliens gespielt wird. Und in der “Laura Branigan” noch
immer ein Begriff ist, den jeder kennt.

Fangen wir links oben an: Milhaud’s “Scaramouche” für Saxophon und
Klavier. Sehen wir einmal davon ab, dass “Scaramouche” in Wirklichkeit für 2
Klaviere ist, so können wir doch die beiden abgebildeten Instrumente erkennen. Das
Saxophon ist ein Saxophon, trotz merkwürdigem Untersatz unter dem Schalltrichter
(vielleicht war hier ein Alphorn Modell?), und das Klavier sieht nun wirklich
hundertprozentig aus wie das Klavier in Walters Wohnung. Nur auf einem Podium würde es
überraschen, denn da stehen ausschließlich Flügel, also die größere Version des
“aufrechten”, hier abgebildeten Klaviers.

Debussy

Kommen wir zu Debussys “Trio” – tatsächlich für die abgebildete Formation
geschrieben, allerdings hat eine echte Bratsche 4 statt 3 Saiten (alle Saiteninstrumente
haben auf dem Spielbrett 3 statt 4 Saiten – aber das ist wahrscheinlich aus ähnlichen
Gründen der Fall wie bei Walt Disney, da haben die Bewohner von Entenhausen auch immer
nur 4 Finger anstatt 5). Skurrilerweise haben die abgebildeten Saiteninstrumente auch
alle nur ZWEI Stimmschrauben – Jede Stimmschraube stimmt also 1.5 Saiten, was schon eine
Leistung ist!

BachUnd eine Flöte hat ein ganz wichtiges Utensil, das man
“Mundstück” nennt. Ohne das kann man die Flöte nämlich gar nicht blasen!
Auch Harfen pflegen für gewöhnlich Pedale zu haben, und zwar deren 7. Sonst kann man
nämlich darauf nie Debussy, sondern nur irische Volksmusik spielen, und die wird ja
dann doch irgendwann fad…

Was kommt jetzt? Triosonate von Bach. Immerhin richtig, dass hier Cembalo anstatt
Klavier gespielt wird, allerdings sieht das Cembalo aus wie der Flügel, der bei
Scaramouche nicht mitspielen durfte.

Gershwin

4 Dreisaiter bilden dann das Quartett “Lullaby” von George Gershwin, das
besonders apart auffällt, denn es gibt gar kein Streichquartett von Gershwin. Dieser
Missstand ist insofern verwunderlich, da es ca. 5 Millionen andere Streichquartette gibt,
die man hier hätte nennen können, von Haydn bis Mozart, und von Beethoven bis Schubert.
Um nur einige von hunderttausend Namen zu nennen…

Mein Lieblingsstück ist das jetzt folgende: “Till Eulenspiegel” von Richard
Strauss, in einer neuen Fassung, die die Musikwissenschaft schockieren würde:
Holzblastrio unter Zusatz von allein ZWEITER Geige (nur so nebenbei: wenn nur eine Geige
spielt, kann es nie aber auch wirklich nie die zweite sein) und dem vollkommen zu dieser
Besetzung unpassenden Instrument…Posaune????

StraussVielleicht geht das, denn die abgebildete Posaune kann von
einem Menschen nicht gespielt werden, nur von einem kopflosen Schlossgespenst, das
keine Probleme damit hat, dass dort, wo der Kopf hinmüsste, ein Rohr ist. Da
Gespenster aber nicht blasen können, ist das eben nicht schlimm, nur ein Ton kommt
halt nicht raus. Noch “geiler” ist natürlich das Fagott, das in dieser
Form nur in Australien gespielt werden kann, denn es steht schlicht und einfach auf
dem Kopf! Dort wo man hier rein blasen müsste, ist in Wirklichkeit der Fuß des
Fagotts.

Auf der nächsten Spielplanhälfte begeben wir uns nun in vollkommen seltsame
musikalische Gefilde. Und das nicht wegen des Forellenquintetts von Schubert, denn da
stimmt die Besetzung ausnahmsweise. Auch nicht wegen Tscherepnins
“Sommermusik”, einem quasi nie gespielten Werk eines eher zweitklassigen
russischen Komponisten, das Hoffmann hier verewigt hat. Vielleicht wird es so selten
gespielt, weil die Trompeten hier die Ventile unten anstatt oben haben müssen???

Branagan

Nein, es ist das “Opus Summum” des Spielplans, das beliebte Stück “take
me” der berühmten Sängerin Laura Branigan (!!!!). Wie bitte? Noch nie gehört? Nun,
es ist, sagen wir mal: eher unbekannt. Vielmehr…äh… gar nicht bekannt. Vielmehr…gar
nicht existent???? Wer auch immer Laura Branigan sein mag, ihr wurde hier etwas gutes
getan, noch in 1000 Jahren werden Spieler sich um dieses Brett versammeln, und sagen
“Hey, Laura Branigan, das war doch mal so ne geile Sängerin, legen wir doch mal ihre
Scheibe auf”, und aufgelegt wird sie, die Scheibe, und Spieler werden ihre
Applauskarten im Rhythmus des Welthits “take me” spielen, und dabei sinnend vor
sich hinschunkeln. Vermutlich wird es bis daher aber gar keine Menschen mehr geben. Nicht
wegen Atomkrieg oder so, nein, es reicht die abgebildete E-Gitarre zu spielen, da ist man
auch ohne tolle Branigan-Mucke wie “unter Strom”….

Saga

Das nächste Stück ist wiederum eine Erinnerung an ganz schlimme 80er Jahres-Zeiten,
nämlich an den entsetzlichen Protzrock der grauenhaften Band “Saga”. Dass diese
allerdings in der vollkommen bizarren Besetzung Gesang, zwei (!!!) Bässe, Klarinette und
Vibraphon auftraten, war mir nicht mehr ganz so klar, aber so wie deren Musik klang, kann
das schon stimmen. Nachdenklich macht uns der Künstler mit der Abbildung eines, wie soll
ich sagen, unbekannten Objektes, das uns in quasi “Magrittescher Weise” auf das
Unrecht in der Welt aufmerksam macht, indem es sich der althergebrachten Gestaltung eines
Abbildes als etwas ideell dem Abgebildeten ähnlichen radikal verweigert. Ich kann nur
sagen, daß das abgebildete Objekt alles mögliche ist, aber “ceci n’est pas une
vibraphone”, das ist sicher.

Denn Abschluss bildet irgend so ein doofer Marsch (Militarismuskritik?), aber der
Schlagzeuger wird nicht so einen Lärm machen mit seiner Schiessbude, bei der die Bassdrum
auf der einen, und die Hi-Hat auf der anderen Seite ist. Oder waren hier ursprünglich
zwei Musiker vorgesehen?

Wie auch immer, angesichts der Phantasie von Rudi Hoffmann und seinem Illustrator kann
ich nichts weiter tun, als den Hut zu ziehen, oder vielmehr die letzte Applauskarte aus
dem Sack!

©2003, Moritz Eggert