Ideology

Ideology

rezensiert von Walter Sorger

Eigentlich wollte ja Moritz die Rezension zu diesem Spiel schreiben. Dann mußte er für
einige Wochen nach Kuala Lumpur um den Publikumspreis im “Malaysian Philharmonic
Orchestra International Composers”-Wettbewerb entgegen zu nehmen. Inzwischen ist
seine künstlerisch-kreative Kapazität für das nächste Jahrzehnt ziemlich ausgebucht, so
daß ich ihn entlasten und diese Spielkritik mit seinen Gedanken und Worten formulieren
möchte. Hier sind sie.

Die Szene dürstet ja nicht gerade nach neuen Spielen dieser Thematik. Bis jetzt gibt
es sicherlich knapp hunderttausend Spiele, die Themen aus dem 3. Weltkrieg behandeln (und
natürlich ebenso zahllose Computerspiele). Am Anfang des Wargame Booms war noch das
legendäre “Vom Winde verweht” Vorbild für die epischen aber auch legendär
unausgegorenen Kampfwürfelspiele. Mit “Ideology” trat Z-Man-Games als eine der
einflußreichsten unabhängigen amerikanischen Spielefirmen (“Camelot Legends”)
aufs Parkett.

Es ist bekannt, daß dies eines meiner (Moritz) Lieblingsspiele ist. Doch nur mit Mühe
gelingt es mir ab und zu, unsere geschmäcklerische Gruppe zu einem kultigen “free
for all” Chaosspielchen zu überreden. Hier waren alle gespannt auf dieses neue und
ambitionierte Spiel von Andrew Parks, das weniger auf Macht und Militär als vielmehr auf
Interessenkonflikte und tragische Charaktere setzt. Ein tolles, riesiges Spielbrett
leitet den neuen Trend in den USA ein. Jeder Spieler symbolisiert eine der
beherrschendsten Ideologien des 20. Jahrhunderts: Kapitalismus, Kommunismus, Faschismus,
Imperialismus und Islamischer Fundamentalismus. Jede Ideologie ist bestrebt, beginnend
von einer Startregion, ihren Einfluß (kulturell, ökonomisch, und militärisch) in die noch
unabhängigen Regionen auszudehnen. Sobald ein Spieler das globale Einfluß-Niveau von 12
erreicht hat, ist das Spiel beendet und der Sieger wird ermittelt.

Der Spielablauf besteht hauptsächlich aus dem Spielen verschiedener Einfluß-Karten, um
Regionen unter die eigene Kontrolle zu bringen, um ihren Ausbau zur Stabilisierung der
Machtbasis zu betreiben oder um Konflikte in fremden oder unabhängigen Regionen
anzuzetteln und erfolgreich auszutragen.

Wie spielt sich das Ganze nun? Zuallererst muß man sagen, daß es sich hier um ein
Wargame im Stile von “Diplomacy” und “Risiko” handelt. Auch wenn man
die Welt nicht kennt, wird doch sehr viel Atmosphäre vermittelt. Kingmakertum, Bündnisse
und plötzlicher Bündnisbruch sind gang und gäbe. Es ist nicht allzu kompliziert und
allenfalls ein bißchen glücksabhängig. Doch die Würfel (in Form von Aktionskarten
[ah]
) bringen mit ihrem eleganten Kampfsystem weniger ein Zufallselement als vielmehr
nur die gewünschte Unschärfe ins Spiel. Es ist kein Spiel für gewiefte Taktiker, dafür
aber ein sehr unterhaltsames und kommunikatives Gruppen-Erlebnis, das manche begeistern
wird. Kein absoluter Klassiker, aber einen Versuch wert.

Ideology board

Auch soll die historische Bedeutung von “Ideology” nicht unterschätzt werden
– immerhin ist es das erste Kriegspiel, das Ideologien als variable Motivationselemente
einsetzt.

Zum Schluß noch ein paar eigene Walter-Worte zum Eindruck unserer Session:

Das Spiel ist ein rechtes Kriegsspiel. Jeder schlägt auf jeden drauf, vor allem
natürlich auf die Schwächeren. Von Herstellung und Design her ist es selbstverständlich,
daß der ordnungsstiftende Einfluß der USA an allen Orten der Welt stärker ist als
gewachsene Bindungen innerhalb der dritten Welt. Ich war Führer der islamischen Ideologie
mit Kernland Iran, und mir war nicht zu vermitteln, warum ich z.B. meinen allernächsten
Nachbarn Afghanistan nicht vom ersten Augenblick an unter meine ideologische Kontrolle
bekommen sollte.

Die USA unter Präsident Maurice setzten sich sofort hier fest und verhinderten mit
ihrer ökonomischen Präsenz jeglichen Erfolg meiner Mullahs. Aber sie unterschätzten
meinen Opfermut und Fanatismus. Als Ajatollah Walter galt mein ganzes Streben, mein
Nachbarland aus den Klauen des Bösen zu befreien, koste es was es wolle. Völlig gelang es
mir nicht. Aber ich konnte die oberchristliche Militärmacht ganz schön unter Druck
setzen. Sie mußte immer wieder neue Truppen in das Unruhegebiet schicken, während der
englische Imperialismus und der deutsche Faschismus ungestört ihre Positionen ausbauten
und am Ende den Sieger allein unter sich ausmachen konnten.

Das nächste Mal – falls es wieder eines geben sollte – werden es sich die USA wohl
überlegen, ob sie sich ein so abwegiges Land wie Afghanistan einfach so unter den Nagel
reißen wollen. Fanatismus und Terrorismus wird nicht beseitigt, indem man ihn mit
gleichen Mitteln zu auszumerzen versucht. Märtyrer sind der Same der Kirche. Jeder
Kirche.