Friedrich

Friedrich

rezensiert von Walter Sorger

Das Spiel simuliert den historischen Überlebenskampf der Preußen unter Friedrich dem
Großen gegen den Rest der Welt. Das Spielbrett zeigt eine politisch eingefärbte Landkarte
von Zentraleuropa aus dem 18. Jahrhundert; die beiden blauen Flächen in der Mitte sind
die Staatsgebiete von Preußen und Hannover. Die Flächen darum sind die Aufmarschgebiete
der Gegner, im Uhrzeigersinn geht das über Schweden und Russland, Österreich und das
Reichsgebiet bis zu Frankreich. Viel Feind viel Ehr.

Die Landkarte zeigt nur das Kerngebiet des Konfliktes, es erstreckt sind von Warschau
bis Frankfurt am Main. Die Russen stehen schon in Polen, die Österreicher in Böhmen und
Frankreich in den rechtsrheinischen Gebieten des deutschen Reiches. Der Sonnenkönig hat
gerade die Pfalz verwüstet, Friedrich gerade seinen Erbteil Schlesien eingenommen.

Ein Spieler darf den großen Preußen mit seinem Verbündeten spielen, alle anderen
Mitspieler bilden eine lose Allianz gehen ihn. Jeder von ihnen hat sein eigenes Spiel-
bzw. Kriegsziel: er muss eine bestimmte Anzahl von Städten im Grenzgebiet unter Kontrolle
bekommen. Untereinander dürfen sie sich nicht bekämpfen; sie sind auch froh, wenn jeder
einen Teil der Streitkräfte des gemeinsamen Gegners in Scharmützel verwickelt, so dass
jeder einzelne von dem zunächst übermächtigen Preußen nicht in die Pfanne gehauen werden
kann.

Der Preußen-Spieler kann das Spiel nicht direkt gewinnen. Er muss nur verhindern, dass
einer der Gegner sein Kriegsziel erreicht. Wenn ihm das lange genug gelingt, ist er der
Sieger.

Gekämpft wird mit Armeen, die auf der Landkarte herumspazieren, sich an den Gegner
heranmachen und ihm bei passender Gelegenheit eine Schlacht liefern. Die Kämpfe werden
anhand von “Taktik-Karten” entschieden, von denen jeder pro Runde eine
definierte Anzahl zugewiesen bekommt. Die Karten haben eine Spannweite von 2 bis 13 und
die Verteilung ist zufällig. Hieran ist leicht zu abzulesen, dass ein vom Zufall
begünstigter Spieler leicht 3-4 mal so stark ausgestattet werden kann wie sein
gegnerischer Pechvogel. Dieses Ungleichgewicht wird noch dadurch verstärkt, dass die
Preußen nahezu doppelt so viele Karten bekommen wie ihr stärkster Gegner, insgesamt knapp
mehr als die Hälfte wie alle Gegner zusammen.

board

Mit der geballten Kraft seiner Taktikkarten könnte Preußen jeden Gegner unmittelbar
vernichten, doch da schieben die Spielregeln einen Riegel vor: Das Spielfeld ist in die
Sektoren der Kartenfarben Kreuz, Pik, Herz, und Karo eingeteilt und jede Karte darf nur
verwendet werden, wenn die kämpfende Armee in einem Sektor dieser Kartenfarbe steht. Bei
schwachem Material an Taktik-Karten kann sich jeder Spieler noch in einen Sektor
zurückziehen, wo er wenigstens relativ gut bestückt ist und gute Chancen zum Durchhalten
hat. Irgendwann sollte die Begünstigung bei der Kartenverteilung doch kippen. Dann kann
man wieder aus seinem Schneckenhaus herauskriechen und versuchen, irgendwo auf dem Felde
der Ehre seine Meriten zu verdienen.

Dieses Verhalten bei starken und schwachen Kartenhänden gilt natürlich nicht nur auf
der Flucht vor den Preußen, es gilt auch beim Angriff gegen sie. Irgendwann einmal haben
die Preußen ihr Pulver verschossen und werden von einem gut bestückten Gegner bedrängt.
Dann müssen sie selber nach Sektoren Ausschau halten, wo sie für die Zeit ihrer nächsten
Durststrecke möglichst wenig Federn lassen müssen.

Im Angriff und Verteilung besitzt “Friedrich” ein sehr schönes
stabilisierendes Element: den “Tross”; das sind Klötzchen, die jeder Spieler
unabhängig von den kämpfenden Armeen auf dem Spielbrett bewegt. Jede im Ausland kämpfende
Armee muss einen Tross immer in greifbarer Nähe haben, damit sie nicht unversorgt ist und
hungern muss. Der Krieg ernährt keineswegs den Krieg. Eine Armee, die zwei Spielrunden
lang unversorgt ist, wird kampflos vom Spielbrett genommen. Dies ist ein starker
Heimvorteil für jede Verteidigung. Wenn ein Gegner sich zu weit von seiner Heimatbasis
entfernt hat, muss man nur versuchen, seinen Tross zu zerstören, und schon ist die
feindliche Armee innerhalb von zwei Runden spurlos verschwunden.

“Friedrich” ist ein faszinierendes historischen Kriegsspiel, das selbst
friedlichen Lämmern unter den Spielerseelen (mir) gefällt. Natürlich spielt die
schillernde Figur Friedrich des Großen von Preußen eine große Rolle. Kaum ein
geschichtlich interessierter Deutscher kann ihm emotionslos entgegentreten. Wer nicht
gegen ihn ist, muss für ihn sein. Auch wenn seine Spielposition zunächst sehr aggressiv
anmutet, ist nicht zu übersehen, dass es ihm in der dargestellten Situation eigentlich
nur (noch) ums Überleben geht. Selbst als Gegner kann man sich einer gewissen Achtung bei
gekonnten taktischen Verteidigungszügen (Angriff ist die beste Verteidigung) nicht
erwehren.

Unwillkürlich wird jeder Spieler von den Kampfelementen Abwarten, Sich Entwickeln,
Aufmarschieren, Zuschlagen, Fliehen und dabei die Versorgung nicht Verlieren in Spannung
gehalten. Knappe Siege und Niederlagen wechseln mit hohen Verlusten bis zur totalen
Vernichtung ab. In jedem Fall wartet aus der Heimatfront schon die nächste Armee auf ihre
Aushebung und ihren Einsatz.

Auch die Dreierallianz gegen Preußen schafft neue, hübsche psychische
Spieler-Konstellationen. Man gönnt jedem Mitspieler den Sieg in der Schlacht, eigentlich
uneingeschränkt. Jede Taktik-Karte, die der Preußenkönig verliert, kann nicht gegen mich
eingesetzt werden, jede Armee, die der Preuße verliert, macht mein eigenes Vordringen und
Erreichen meiner Kriegsziele leichter. Allerdings sollte sich ein verbündeter Mitspieler
nicht allzu schnell und allzu üppig seine Vorteile erringen können. Dann gönnt man ihm
schon mal, dass auch er einen Kampf verliert oder zumindest jede Menge Taktik-Karten
verbuttern muss.

Nach gut 3 Stunden ist das Spiel über die Bühne. Wenn wir Glück hatten, haben wir die
Geschichte neu geschrieben und können darüber ein ganz geiles Selbstwertgefühl ableiten.
Wenn wir Pech hatten, zieht sich Russland per Ereigniskarte aus dem Schlachtengetümmel
zurück, Frankreich leckt seine nord-amerikanischen Wunden und Österreich wendet sich
wieder seinen böhmischen Knödeln zu. Dann hat Friedrich gewonnen und alle Spieler dürfen
eine Nacht darüber schlafen und träumen, was sie in ihrem nächsten Leben besser machen
werden.

Zum Schluss noch ein paar kritische Bemerkungen zum Spielverlauf:

  1. Der Preußenkönig sollte kein Denker sein. Er hat viele Armeen, 8 Generäle, lange
    Grenzen und viele Gegner. Wenn er sich gemüßigt fühlt, bei jedem Zug sein absolutes
    Optimum auszurechnen, dann ist seine Denk- und Spielzeit länger als die aller seiner
    Gegner zusammen. Am Anfang macht das Zuschauen vielleicht noch Spaß. Nach 3 Stunden nicht
    mehr. (Mir nicht.) Hier würde ich unbedingt den Einsatz einer Schachuhr vorschlagen.
    (Werde ich mir unbedingt zulegen.) Wer mehr als 1 Minute für seinen Zug braucht, verliert
    alle 30 Sekunden eine Armee!

  2. Das Spiel ist extrem asymmetrisch und bietet dementsprechend sehr unterschiedlichen
    Handlungsspielraum für die einzelnen Spieler. Während Friedrich der Große in der Vielfalt
    seiner Aktionsmöglichkeiten nur so schwelgen kann, hat der große Richelieu gerade mal 3
    Armeen, die ohne reichlich Pique-Damen den Hannoveraner nicht einmal unter die Augen
    treten dürfen. Er ist gut beraten, sich auf die lieblichen Weinhänge am Rhein zu
    konzentrieren und seinen Frust im fruchtigen Riesling zu ertränken. Für geborene
    Alkoholiker ein befriedigender Ersatz, für ambitionierte Clausewitze aber nicht.

  3. Jeder Staat notiert die Verteilung seiner Armeen auf seine Generäle geheim auf einem
    Notizblatt. Das ist absolut überflüssig. Die Kampfstärke eines Generals wird nach dem
    ersten Kampf ohnehin offenbar und damit jedermann bekannt. Ausserdem ist die Wirkung der
    Taktik-Karten um ein Vielfaches größer als die Anzahl der zugeteilten Armeen; die geheim
    gehaltene Zahl hat nur einen marginalen Einfluss. Dagegen ist das richtige Eintrage der
    Armeen auf dem Notizzettel beim Nachrüsten und Umverteilen einerseits umständlich und
    andererseits eine ständige Quelle von Fehlern und Misstrauen. Ich würde diese Verteilung
    öffentlich machen und damit alle Probleme beseitigen.

Und ganz zum Schluss noch ein paar Bemerkungen zu Preußens Militarismus:

Madame de Stael schreibt (1810) in “De l’Allemagne”: “Kriegerischer
Geist und Vaterlandsliebe existieren gegenwärtig kaum noch für die Deutschen als ganzes
gesehen. Vom militärischen Geiste kennen sie kaum noch mehr als eine pedantische Taktik,
in der sie mit Recht und Fug nach allen Regeln geschlagen zu werden.” (Hierbei kann
ich nicht genau beurteilen, ob der Satzteil mit dem “Recht” und den
“Regeln” richtig übersetzt ist.)

Der Alliierte Kontrollrat entscheidet (1947) in einem Gesetz: “Der Staat Preußen
ist seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist.
Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der
Völker wird er, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden
aufgelöst.”

Dank dieser klugen Tat ist die Welt sein mehr als einem halben Jahrhundert ohne Krieg.
Fast.